Die Meinung

Die «Blase» der Sorglosigkeit

Die meisten Investoren vertrauen darauf, dass grundlegende Probleme wie der Handelskrieg, die Rückkehr des Populismus, massive Schulden und die Abkühlung der Weltwirtschaft schmerzlos gelöst werden können. Diese Sorglosigkeit könnte sich in der nächsten Krise rächen.

Simon Mikhailovich

English Version

«Dass Menschen nicht aus der Geschichte lernen, ist die wichtigste Lektion, die uns die Geschichte lehrt.»

Aldous Huxley

Kaum einer hat die Gefahr der Selbstgefälligkeit besser umschrieben, als der deutsche Theologe Martin Niemöller. Sein bekanntestes Zitat, das sich auf die schleichende Radikalisierung der Gesellschaft während des Dritten Reichs bezieht, lässt sich erschreckend leicht auf die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten übertragen:

Simon Mikhailovich

Simon Mikhailovich ist ein Contrarian-Investor und Unternehmer. Er wuchs in Leningrad auf und flüchtete mit 19 Jahren und 100 $ in der Tasche als Heimatloser in die USA. Dort absolvierte er 1983 ein Studium an der Johns Hopkins University und arbeitete für die Investmentsparte des Versicherers USF&G. 1998 gründete er eine eigene Investmentgesellschaft, die sich auf Ausnahmesituationen im Bereich Unternehmenskredite, CDOs und Kreditderivate konzentrierte. 2014 gründete er die Treuhandgesellschaft The Bullion Reserve, die auf Anlagen in physischem Gold spezialisiert ist. Mikhailovich ist seit über 30 Jahren verheiratet, lebt in New York und hat zwei erwachsene Töchter.
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Zuerst manipulierten sie die Zinsen, doch Investoren unternahmen nichts dagegen, weil sie es mochten, wie die Preise von Vermögenswerten mit stetig sinkenden Renditen stiegen. Als nächstes kamen Eingriffe in die freien Märkte, doch Investoren taten nichts dagegen, weil es ihnen gefiel, dass Vermögenswerte im Zug von Massnahmen wie Quantitative Easing weiter stiegen. Dann kam der Krieg gegen Bargeld, doch Investoren setzten sich nicht zur Wehr, weil die digitale Verrechnung von Transaktionen so einfach und bequem war.

Freilich, die Gräueltaten der Nazis sind historisch beispiellos. Dennoch erscheint es lohnenswert, sich diese finstere Lektion beim nächsten Wirtschaftsabschwung zu vergegenwärtigen. Denn immer, wenn die Situation schlimm genug wird, kommt es zur Konfiskation von Kapital. Es ist ein allmählicher Prozess. Doch ist es einmal so weit, ist es zu spät, etwas dagegen zu unternehmen.

Zahl und Frequenz der Warnsignale nehmen zu. Obwohl sich Meldungen über Handelskriege, einen zweiten Kalten Krieg, Brexit, die Fragilität des Euro, Populismus, unterfinanzierte Sozialwerke, gesellschaftliche Spannungen und die Abkühlung der Wirtschaft häufen, vertraut die überwiegende Mehrheit der Investoren darauf, dass diese Probleme schmerzlos gelöst werden können.

Wäre die Mentalität anders, würde der S&P 500 nicht innerhalb von 2% seines Rekordhochs notieren und die Renditen auf US-Ramschanleihen sich nicht lediglich 1% über dem Allzeittief bewegen.

Ein bedenklicher Rekord

Warum auch sollten sich Investoren sorgen? Ist es nicht offensichtlich, dass die Entscheidungsträger «alles unternehmen werden», um die Zinsen tief und die Vermögenspreise hoch zu halten?

Die Zinsen sinken bereits seit Anfang der Achtzigerjahre, während Vermögenswerte stetig steigen. Mit anderen Worten: In der westlichen Welt hat kein Investor unter dem Alter von 65 Jahren ein Portfolio durch eine Systemkrise hindurch wie in den Dreissiger- oder Siebzigerjahren bewirtschaften müssen.

Ich meine damit eine Krise, die in sämtlichen Finanzanlagen – Aktien, Anleihen, Hypotheken und sogar Bargeld – bleibende Verwüstungen anrichtet. Weil die wichtigste Lektion der Geschichte aber besagt, dass die Menschen nicht aus der Geschichte lernen, herrscht trotz all dieser Tatsachen weitum Sorglosigkeit.

Was also sind die Fakten? Erstens bewegen sich die Schulden der Unternehmen wie auch die weltweite Verschuldung gemessen an der Wirtschaftsleistung nahe oder auf einem Rekordhoch. Exzessive Schulden haben bereits die Krise von 2008/09 ausgelöst. Wie soll demnach ein weiterer Anstieg der weltweiten Verschuldung um 50% das Problem lösen?

Aus Erklärungsnot hat die Investmentbranche in dieser Hinsicht eine nuancierte Argumentation entwickelt. David Lafferty, der Chefstratege von Natixis, hat sie kürzlich folgendermassen zusammengefasst: «Auf lange Sicht bereiten mir die Schulden sorgen. Kurzfristig sehe ich aber kaum Grund zur Besorgnis.»

Anders gesagt: Die Verschuldung von epischer Dimension wird eines Tages zwar ein Desaster auslösen; aber nicht heute. Doch wie viele Investoren haben gegen Ende 2007 rechtzeitig erkannt, dass das massive Volumen an Krediten und der hohe Verschuldungsgrad auf kurze Sicht zum Problem werden? Nur wenige, wie wir heute wissen.

Historischer Ausnahmezustand

Ein anderes Beispiel: Über 12 Bio. $ an Anleihen handeln gegenwärtig zu einer negativen Rendite – Tendenz steigend. Wer aber denkt wirklich, es sei ein gutes Geschäft, jemandem 100 $ auszuleihen, um später weniger zurückzuerhalten? Wir wären die ersten Menschen seit 4000 Jahren, die eine solche Transaktion als ökonomisch sinnvoll erachten.

Das Standardwerk «A History of Interest Rates» von Sidney Homer und Richard Sylla deckt die Finanzgeschichte über vier Jahrtausende ab. Negative Zinsen kommen darin nicht vor. Doch obschon es historisch keine Anhaltspunkte gibt, hält das den IWF nicht davon ab, extrem negative Zinsen als Instrument vorzuschlagen, um die nächste Rezession zu bekämpfen. (Solche Aussagen finden sich hier, hier und hier.)

Die Renditen erreichten 1982 den Zenit. Seither werden Rezessionen in der Regel durch Zinssenkungen im Umfang von 4 bis 6 Prozentpunkten abgedämpft. Mit Blick auf die minimen Sätze von heute, wird es sich jedoch niemand leisten können, jährlich auf eine solche Rendite zu verzichten. Die meisten Leute würden ihr Konto wohl einfach leerräumen und Bargeld horten.

Doch keine Angst, der IWF schlägt vor, extrem tiefe Zinsen durchzusetzen, indem physisches Geld entweder nicht zur Verfügung steht oder nicht verwendbar ist. Auf diese Weise wäre es einfach, auf den im digitalen Finanzsystem eingeschlossenen Vermögenswerten negative Sätze zu verrechnen, was de facto einem Kapitalschnitt gleichkommt.

Die Absicht dahinter ist, dass Investoren ohne Zugriff auf physisches Geld keine Möglichkeit hätten, die negativen Zinsen zu umgehen. Sie würden sich deshalb für Kapitalausgaben entscheiden, anstatt sich enteignen zu lassen. Ihre Ausgaben würden dann das Wachstum stimulieren, wodurch sich die Wirtschaft erholt. Zumindest hoffen das die «Experten» des IWF.

Hinzu kommt schliesslich die Tatsache, dass die Baby-Boomer – die grösste und am längsten lebende Generation in der Geschichte Amerikas – bis 2029 alle über 65 Jahre alt sein werden. Ihr Anrecht ist es dann, die ihnen versprochenen, aber grösstenteils unterfinanzierten Leistungen zur Alters- und Gesundheitsversicherung zu beanspruchen.

Gold zur Absicherung

Dieses Problem ist kein Risiko, sondern Gewissheit. Es wird dafür nur zwei Lösungen geben: Entweder werden die Sozialleistungen signifikant gekürzt, oder die jüngeren Generationen müssen erheblich mehr Steuern zahlen, um die Baby-Boomer zu unterstützen. In beiden Fällen sind neue Gesetze erforderlich, und es wird zu problematischen Konsequenzen im finanziellen, sozialen und politischen Bereich kommen.

Wer weiss, vielleicht spielt das bis dahin alles keine Rolle. Wie der griechische Staatsmann und General Perikles aber schon vor 2700 festgehalten hat, geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern sich darauf vorzubereiten.

Wie aber können sich Investoren gegen eine Finanzkrise wappnen, wenn sie sich auf Anlageinstrumente beschränken, die von Gegenparteien wie Banken und den Finanzmärkten abhängen?

Genau aus diesem Grund ist die weit verbreitete Selbstgefälligkeit so verheerend. Investoren sind schutzlos, wenn sie blind darauf vertrauen, dass sie sich gegen systemische Risiken mit Instrumenten absichern können, die ausgerechnet den Gefahren ausgesetzt sind, vor denen sie Schutz geben sollen.

Es ist wie mit einem Notgenerator, der ans Stromnetz angeschlossen werden muss: Er funktioniert perfekt, bis die Elektrizität ausfällt – ausgerechnet in dem Moment, in dem man ihn wirklich braucht.

Das bringt mich zu physischem Gold. Es ist der einzige universelle und liquide Vermögenswert, der gegen Cyber-Attacken immun ist und verwahrt werden kann, ohne dass man sich auf Finanzinstitute oder die Märkte verlassen muss.

Es ist daher kein Zufall, dass viele Zentralbanken, allen voran die Notenbanken Russlands und Chinas, aggressiv Goldreserven akkumuliert haben. Wer, wenn nicht ein Brandstifter, riecht den Rauch zuerst?

Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich für alle Investoren, physische Goldreserven ausserhalb des Finanzsystems halten. Obschon der Werterhalt des Edelmetalls historisch unbestritten ist, werden Käufer jedoch auch heute noch oft als paranoide «Goldkäfer» verspottet.

Vielleicht mag das sogar berechtigt sein. Andrew Grove, der charismatische CEO von Intel, hat es aber einmal treffend ausgedrückt: «Erfolg führt zu Selbstzufriedenheit. Selbstzufriedenheit führt zum Scheitern. Nur Paranoide überleben.»