Die Meinung

Die Börse nimmt das Ende der Konjunkturabkühlung vorweg

Die Attraktivität des Industriesektors nimmt weiter zu. Dass dies ausgerechnet während einer wirtschaftlichen Schwächephase geschieht, ist ein gutes Zeichen und deutet nicht auf den baldigen Beginn eines Bärenmarktes hin.

Alfons Cortés

Börsenkurse laufen der Konjunktur voraus. Nicht immer zu Recht, wohl aber meistens. So lässt die Entwicklung aufhorchen, die seit einigen Wochen unter der Oberfläche abläuft. Sie kann wie folgt zusammengefasst werden: Viele Aktien, die seit Januar 2018 erhebliche Kursverluste erlitten haben – zumeist zwischen 20% und 55% – und die dadurch eine ausgesprochene relative Schwäche zum MSCI Welt sowie zu den nach Ländern aufgebauten Indizes aufwiesen, haben eine Bodenbildung begonnen, bauen teilweise relative Stärke auf, und einige haben ihre Kurstrends von fallend auf steigend gedreht.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt.
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Von besonderem Interesse ist natürlich der Industriesektor, mit dem ich mich ausführlich im Beitrag vom 19. September befasst habe. Die Frage war damals, ob die während rund zwei Wochen vor Veröffentlichung der damaligen Analyse aufgetretene Stärke einiger Industrieaktien bloss ein Strohfeuer darstellte oder ob sie eine Trendwende im Industriesektor ankündigte. Die Schlussfolgerung gab Anlass zur Mustervorhersage, dass die mit positiven Attraktivitätsratings versehenen Industrien im sehr heterogenen Sektor sich weiterhin besser entwickeln werden als der MSCI Welt und dass die besten Aktien auch künftig in diesen Industrien zu finden sein werden.

Auslegeordnung des Industriesektors

Daran möchte ich anschliessen mit einer kurzen Übersicht, wie sich der Sektor relativ zum MSCI Welt verändert hat, wo die signifikanteste Veränderung stattgefunden hat, wie sie einzuordnen ist, ob die ausgewählten Industrien nach wie vor führend sind und ob weitere dazugekommen sind.

Quote der attraktiven Aktien im Industriesektor

in %
Region Aktuell 19. September 2019 25. Juli 2019
Global 64 57 59
Nordamerika 67 65 66
Europa 68 67 64
Aisen-Pazifik 55 39 47

Die Quote der attraktiven Aktien im Industriesektor hat vor allem dank der Region Asien-Pazifik zugenommen. Zur dortigen Verbesserung hat insbesondere Japan beigetragen.

In den meisten Sektoren hat die Attraktivität japanischer Aktien, die über lange Zeit gegenüber nordamerikanischen und europäischen zurückfielen, zugelegt. Die stärkste Zunahme ist in zyklischen Industrien zu finden, und hier ganz besonders bei den Konstituenten des MSCI Industrials Index.

Eine leichte Zunahme war auch in Nordamerika und in Europa zu beobachten – in Europa weniger im Monatsvergleich, sondern viel mehr gegenüber dem 25. Juli 2019.

Relative Attraktivität des Industriesektors zum MSCI World

Region Aktuell 19. September 2019 25. Juli 2019
Global 1,01 1 0,99
Nordamerika 1,02 1,02 1,02
Europa 1,02 1,02 0,99
Aisen-Pazifik 1 0,96 0,96

Während Nordamerika und Europa gegenüber dem Vormonat stabil geblieben sind, hat sich Asien-Pazifik dank Japan deutlich verbessert.

Hier stellt sich natürlich die Frage, ob die Verbesserung eingetreten ist, weil der MSCI Welt an Attraktivität eingebüsst hat, oder ob sich der Sektor verbessert hat, weil das Momentum im Sektor gestiegen ist.

Die Antwort lautet: ein wenig von beidem. Das Rating des MSCI Welt ist seit dem 19. September um 0,3% gefallen, das Rating des Industriesektors ist um 0,988% gestiegen. Das ist für einen Sektor, der 277 Aktien umfasst, ein durchaus aufschlussreiches positives Signal. Das Rating von Industrials hat seit dem 25. Juli allerdings um 0,6% abgenommen, jenes des MSCI Welt um 1,23%.

Die Verschiebung der relativen Attraktivität des handelsgewichteten MSCI Welt zum gleich gewichteten MSCI Welt seit dem 25. Juli ist in diesem Zusammenhang signifikant: Lag sie am 25. Juli bei 0,89, hat sie sich mittlerweile auf 0,93 verbessert. Auch darin liegt ein Hinweis, dass sich die Lage im Industriesektor verbessert, denn unter den dreissig höchstkapitalisierten Aktien des MSCI Welt, die zusammen 20% der Kapitalisierung ausmachen, befindet sich keine einzige Aktie aus dem Industriesektor.

Zwei neue attraktive Industrien im Sektor

Bislang hatte ich vier Industrien als relativ attraktiv zum Sektor identifiziert. Ihre aktuelle Position im Vergleich zum 19. September und zum 25. Juli stellt sich wie folgt dar:

Industrien, die relativ attraktiv geblieben sind

Industrie Aktuell 19. September 2019 25. Juli 2019
Aerospace & Defense 1 1,07 1,04
Building Products 1,07 1,04 1,04
Professional Services 1,01 1,05 1,08
Road & Rail 1,05 1,06 1,06

Diese vier Industrien haben ihre hohe relative Attraktivität beibehalten.

Dazugekommen sind folgende:

Industrien, die relativ attraktiv geworden sind

Industrie Aktuell 19. September 2019 25. Juli 2019
Commercial Services & Supplies 1,01 0,98 1,02
Electrical Equipment 1,01 0,99 0,99
Marine 1,04 0,98 0,9
Trading Companies & Distributors 1 0,95 0,95

Bezüglich der vom Markt manifestierten Konjunkturerwartungen sind diese Industrien mit die wichtigsten. Insbesondere Marine, die Namen wie Kühne + Nagel oder A.P. Møller-Maersk enthält, weist seit Juli eine zunehmende relative Attraktivität auf. Das passt zum Baltic Dry Index, der dieses Jahr 42% zugelegt hat. Vom Jahrestiefst aus gerechnet sind es sogar 203%.

Negative Ratings zum Sektor weisen weiterhin auf:

Industrien mit negativen Ratings

Industrie Aktuell 19. September 2019 25. Juli 2019
Air Freight & Logistics 0,96 0,98 0,92
Airlines 0,97 0,92 0,87
Construction & Engineering 0,99 0,97 0,95
Industrial Conglomerates 0,92 0,94 0,99
Machinery 0,99 0,98 0,99
Transportation Infrastructure 0,99 1,02 1,05

Auffallend ist die Verbesserung von Air Freight & Logistics – dazu zählen Namen wie Deutsche Post, Fedex oder UPS – gegenüber Juli und von Airlines gegenüber dem Vormonat und Juli.

Konjunkturängste waren übertrieben

Wie sind die Entwicklungen zu interpretieren, die einen Auszug aus den riesigen Datenmengen darstellen, die von den Computern der Unifinanz Trust reg. verarbeitet werden?

Zunächst einmal denke ich, dass die alte Interpretation zutreffend war: Die Marktteilnehmer hatten ab Oktober 2018 richtigerweise erkannt, dass die Konjunktur sich abkühlen werde. Ferner bin ich der Meinung, dass die Kurse zyklischer Aktien – auch ausserhalb des Industriesektors, wie zum Beispiel von Papieraktien im Sektor Materials – eine stärkere Konjunkturabkühlung vorweggenommen haben, als sie nunmehr erwartet wird.

Ein gutes Zeichen

Die Börsen haben wieder einmal übertrieben, worin sie sich ähnlich verhalten wie Kunstschaffende. Das braucht es vielleicht, um die Behäbigeren unter uns aufzurütteln. Nachhaltige Trends kündigen sich durch sanfte Verschiebungen der relativen Preise an, so wie sie sich in den oben gezeigten Ratings einstellen. Das ist genau das, was derzeit in Industrials und in einigen Industrien in anderen Sektoren geschieht, die wegen der Konjunkturängste heftige Kursrückschläge erlitten hatten.

Dass diese Verschiebungen ausgerechnet jetzt auftreten, wo sich sowohl Konjunkturdaten als auch Prognosen weiter eintrüben, ist bemerkenswert. Wer die Geschichte der Börsen kennt, weiss, dass genau das ein positives und nicht ein negatives Zeichen ist. Angesichts dieser Entwicklung fühle ich mich sehr wohl mit meiner wiederholt geäusserten Meinung, dass kein Bärenmarkt bevorsteht.

Schliessen möchte ich mit einem Satz, mit dem Alan Shaw, einer meiner Lehrer und legendärer Markttechniker beim Brokerhaus Smith Barney und Citigroup, solche Situationen zu kommentieren pflegte: «To be out is more dangerous than to be in».