Meinung

Die Fieberkurve steigt

Der Bargeldzuschuss für US-Bürger im Rahmen des neuen Wirtschaftspakets wird die Spekulationslust an den Börsen weiter anheizen. Das Risiko ist damit gross, dass die Blase nächstes Jahr platzt. Gefahr droht speziell im April, wenn die Steuern auf Kapitalgewinne anfallen.

Charles Biderman
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Die Chancen stehen gut, dass sich die Spekulationsblase an der Börse vorerst weiter aufbläht. Ein zentraler Grund dafür ist die Flut an neuem Geld, das zu Jahresbeginn typischerweise in die Aktienmärkte strömt.

Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Das geplante Konjunkturpaket, gemäss dem jede Amerikanerin und jeder Amerikaner vom Staat einen Check im Wert von 600 $ erhalten soll, dürfte den Aktienkursen zusätzlichen Schub geben.

Wie viel von diesem staatlichen Zuschuss in den Aktienmarkt fliessen wird, ist schwierig zu sagen. Einen Anhaltspunkt gibt das erste Stimulusprogramm vom vergangenen Frühling, als die US-Regierung ebenfalls Bargeld direkt an die Bevölkerung verteilte.

Aufgrund dessen schätze ich, dass 15 bis 20% des Geldes auch dieses Mal zum Kauf von Aktien und Optionen ausgegeben werden. Bei einem Direktzuschuss von 600 $ pro Person ergibt sich daraus eine Summe von rund 25 bis 33 Mrd. $.

Wer weiss also schon, wie hoch die Aktienkurse im Januar steigen werden, wenn diese beiden Faktoren zusammen ins Spiel kommen? Historisch sind Januar und Februar ohnehin die beiden Monate, in denen am meisten Liquidität in den Markt fliesst. In der Vergangenheit waren es im Schnitt netto etwa jeweils 20 bis 30 Mrd. $ pro Monat.

Anfang 2021 könnten die Kurse demnach in ungeahnte Dimensionen vorstossen. Das, zumal zu dieser Zeit auch die Boni für 2020 ausgezahlt und jährliche Investmentprogramme gestartet werden. Ebenso wird zu Jahresbeginn oft neues Geld an der Börse platziert, das aus steuerlich bedingten Verkäufen im Dezember resultiert.

Unerschrockener Optimismus

Wie ich in meinem letzten Beitrag festgehalten habe, glauben viele Privatanleger derzeit fest daran, dass sie mit Aktien kein Geld verlieren können.

Das Spekulationsfieber wird dadurch begünstigt, dass Transaktionen an der Börse heute vielerorts kostenlos sind. Zudem ermutigen Handy-Apps von Trading-Plattformen wie Robinhood viele Leute zum Zocken mit Aktien, die keine Ahnung haben, wie die Erfolgsrechnung oder Bilanz eines Unternehmens aussieht.

Immer mehr Retail-Investoren glauben, dass jeder Kursrückschlag ein günstiger Anlass zum Kaufen ist. Warnungen vor der Gefahr eines grösseren Börsencrashs werden von ihnen nicht wirklich ernst genommen. Oft hört man, dass kein Grund zur Sorge bestehe, da der Aktienmarkt auf «lange Sicht» immer steige.

Diese Kleinanleger, die gegenwärtig wie besessen Aktien und Optionen kaufen, kann man nicht mehr als echte Investoren bezeichnen. Für mich sind das Glücksspieler. Die meisten von ihnen wissen so gut wie nichts über die fundamentale Entwicklung der Unternehmen, in denen sie sich an der Börse engagieren.

Das gilt besonders für die 235 Special Acquisition Companies oder kurz SPAC genannten Anlagevehikel, die dieses Jahr Hunderte von Billionen Dollar an Kapital aufgenommen haben. Vergessen wir nicht: Das Management einer solchen Firma erhält praktisch einen Blankoscheck, mit diesem Geld zu machen, was ihm gerade beliebt.

Das Fed flutet die Märkte

Abgesehen von den zusätzlichen Geldflüssen zu Jahresbeginn mahnen alle kurzfristigen Indikatoren zur Vorsicht. Besonders skeptisch stimmt mich, dass Unternehmen erstmals seit der Finanzkrise von 2008/09 mehr Aktien emittieren, als sie aufkaufen.

Von 2011 bis 2019 gaben US-Unternehmen durch Aktienrückkäufe und durch mit Bargeld finanzierte Übernahmen netto 6 Bio. $ mehr aus, als sie neue Aktien auf den Markt warfen; sei das durch Publikumsöffnungen, Zweitemissionen oder Insiderverkäufe. Diese Verknappung des Angebots an Aktien trug massgeblich dazu bei, dass die Gesamtkapitalisierung des US-Aktienmarktes innerhalb eines Jahrzehnts um annähernd 30 Bio. $ wuchs.

Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken. Sie ist für mich denn auch das einzig valide Argument, das auf mittlere Sicht trotz allem weiterhin für freundliche Märkte sprechen könnte.

Das Federal Reserve «kreiert» Monat für Monat grosse Mengen an neuem Geld. Ein Teil dieser Liquidität findet ihren Weg letztlich in den Aktienmarkt. Ausser den massiven Geldspritzen der US-Notenbank deutet aus meiner Sicht aber alles daraufhin, dass sich die Kurse auf dem Zenit bewegen.

Vernachlässigte Risiken

Seit dem Tief vom März 2020 hat der Wert aller Aktien an den US-Börsen dank der kräftigen Kurserholung um 17 Bio. $ zugenommen. Die Kapitalisierung des amerikanischen Aktienmarkts erreicht damit annähernd 45 Bio. $.

Die Regierung des angehenden US-Präsidenten Joe Biden hat bereits öffentlich erklärt, dass sie die Kapitalgewinnsteuer im kommenden Jahr erhöhen will.

Ob sie tatsächlich ein neues Steuergesetz durch den Kongress bringen wird, kann freilich niemand sagen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Parlament in einen republikanisch dominierten Senat und in ein demokratisch kontrolliertes Repräsentantenhaus geteilt sein wird.

Ich gehe jedoch davon aus, dass umsichtige Investoren seit dem Allzeithoch vom 17. Dezember bereits einen Teil ihrer Gewinne an der Börse realisiert haben, um einer möglichen Steuererhöhung zuvorzukommen.

Dazu zwei Punkte: Erstens nehmen in den USA steuerlich motivierte Aktienverkäufe nach Weihnachten ab, weshalb sich die Rally zum Jahreswechsel hin fortsetzen dürfte. Zweitens fällt der Stichtag zur Zahlung der Kapitalgewinnsteuer auf sämtliche Börsentransaktionen im vergangenen Jahr am 15. April 2021 an.

Gemäss Mark Booth, der früher als leitender Steuerprognostiker für das politisch unabhängige Congressional Budget Office tätig war und seit seiner Pension die Website taxtracking.com betreibt, wurden im April 2020 rund 199 Mrd. $ an Kapitalgewinnsteuern bezahlt – eine Summe, die auf etwa 1 Bio. $ an Kursgewinnen basierte, nachdem die US-Börsen 2019 einen Anstieg von 18% verzeichnet hatten.

Eine Schlüsselfrage ist damit, wie hoch die Kapitalgewinnsteuern diesen April anfallen werden. Wenn es 2019 fast 200 Mrd. $ waren, ist die Summe dieses Mal wohl wesentlich höher.

Warnung aus der Vergangenheit

Erinnern Sie sich noch ans Jahr 2000? Ende 1999 warnte ich wie heute vor einem Kurseinbruch, weil die Marktkonstellation aus neu emittierten Aktien, aus der Nachfrage von Investoren und aus dem Zufluss von neuem Geld unvorteilhaft war.

Ich schätzte damals, dass US-Unternehmen von 1998 bis 1999 neue Aktien im Umfang von durchschnittlich gut 70 Mrd. $ pro Monat im Markt platziert hatten. Demgegenüber waren im Januar und Februar 2000 monatlich nur ungefähr 30 Mrd. $ an neuem Geld verfügbar, um Aktien zu kaufen. Das Emissionsvolumen von 70 Mrd. $ übertraf diese Summe damit deutlich. Deshalb nahm meine Befürchtung eines Crashs zu, der voraussichtlich gegen Ende Januar beginnen würde.

Wie sich herausstellte, lag ich mit meiner Prognose falsch. Ich hatte übersehen, dass Privatanleger im ersten Quartal des Jahres 2000 rund 100 Mrd. $ an Lombardkrediten aufnahmen, um noch mehr Aktien zu kaufen.

Dennoch kam es kurze Zeit später zu gröberen Problemen. Im April mussten gemäss Daten von taxtracking.com nämlich 120 Mrd. $ an Kapitalgewinnsteuern bezahlt werden. Viele Investoren warteten damit vermutlich bis zum letzten Moment, weil die Börse wegen der Unsicherheit um den Y2K-Datumswechsel gegen Ende 1999 zunächst etwas geschwächelt hatte und danach umso kräftiger gestiegen war.

Die Konsequenz davon war, dass der Nasdaq Composite Index schliesslich vollends kollabierte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Aktienkurs von Amazon brach im Jahr 2000 um 85% ein. Es stimmt, die Titel des Online-Händlers haben sich längst erholt. Wer damals aber auf Pump an der Börse investiert hatte, wurde ausgelöscht.

Wird es diesen April abermals zu einem Crash kommen, weil Investoren Aktien verkaufen müssen, um mit dem Erlös voraussichtlich mehrere hundert Milliarden Dollar an Kapitalgewinnsteuern zu bezahlen? Das ist meine Befürchtung. Ob ich damit recht habe, werden wir bald sehen.

Charles Biderman

Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet.
Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet.