Meinung

Die Frage nach der Zukunft Hongkongs

Viele Einwohner von Hongkong haben die Wahl, ob sie bleiben oder auswandern wollen. Ihr Entscheid wird zum Fingerzeig für ausländische Unternehmen mit Niederlassungen in der Stadt.

Daniel Woker
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Die Frage nach der Zukunft Hongkongs stellt sich schneller als erwartet. Natürlich bestand seit Ausbruch der Demokratiedemonstrationen unter ausländischen Niederlassungen eine gewisse Besorgnis, die sie zum Überdenken ihrer Möglichkeiten veranlasste, von dort in China, aber auch anderenorts in Asien tätig zu sein. Das von Peking im Rekordtempo erlassene und Hongkong aufoktroyierte Sicherheitsgesetz beschleunigt nun diesen Reflektionsprozess.

Mit dem Gesetz und der damit direkt im Stadtstaat niedergelassenen (festland)chinesischen Sicherheitsbehörde ist, so stellen internationale Kommentatoren praktisch einmütig fest, aus «einem Staat, zwei Systeme» «ein Staat, ein System» geworden. Hongkong ist nun chinesisch, der eben von Peking eingesetzte Chef dieser Behörde ist neben Hongkong und seinen Bürgern ausdrücklich auch für ausländische Unternehmen und ihr Personal zuständig.

Was bedeutet das nun für die Hongkong-Chinesen? Einige der demokratischen Parteien, die im vergangenen Herbst einen gesamthaften Wähleranteil von 90% erreicht hatten, haben sich bereits aufgelöst. Einzelne Exponenten wollen ihren Kampf für Eigenständigkeit nun in «anderer Form» fortführen. Beides sind klare Anzeichen dafür, dass sie kein Vertrauen mehr in eine unabhängige Justiz haben. Eine Justiz, die bislang auf den angelsächsischen «habeas corpus»-Prinzipien basierte, welche die grundrechtliche Behandlung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen. Das wird sich nun ändern.

Alternativen für reiche Hongkong-Chinesen

Den reicheren und/oder gut ausgebildeten Hongkong-Chinesen bieten sich Alternativen an. In erster Linie ist an Taiwan zu denken, kulturell und sprachlich – mit der Einschränkung, dass auf der Insel Mandarin und in Hongkong Kantonesisch gesprochen wird – sozusagen «a home away from home». Ob und wie Taipeh auf einen massiveren Zustrom reagiert, ist noch wenig bekannt oder jedenfalls nicht publik. Wird es wohl auch nicht werden, da man in Taiwan weiss, wie empfindlich Regierung und Verwaltung in Peking auf die Problematik Hongkong reagieren.

Ganz anders die ehemalige Kolonialmacht Grossbritannien. Premier Boris Johnson hat grundsätzlich allen rund drei Millionen Hongkong-Chinesen, die vor der britischen Rückgabe von Hongkong geboren worden sind, Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung in Aussicht gestellt, ebenso den erleichterten Zugang zur britischen Staatsangehörigkeit. Genau dies wurde von London anlässlich der Übergabe 1997 wegen der Gefahr der Überfremdung noch ausdrücklich abgelehnt.

Das ist eine herrliche Ironie für Europa, nicht nur für die 30'000 polnischen Spengler und slowakischen Schreiner, die wegen des Brexit im Vereinigten Königreich nicht mehr willkommen sind. Ob Hongkong-Chinesen allerdings problemlos nach Europa auswandern können, ist unsicher, wie Peking bereits deutlich gemacht hat. Die hohe Zahl von drei Millionen könnte damit auch eine weitere Ansage ohne Folge von «Grossmaul Boris» bleiben.

Australien als Magnet

Interessanter und asiatischer als das regnerische England ist für Auswanderungswillige Australien. Premier Scott Morrison hat bereits ein ähnliches Vorgehen wie Johnson in Aussicht gestellt. Die heftige Reaktion von Peking auf eine Kritik Canberras am neuen Sicherheitsgesetz für Hongkong – Einfuhrsperren für Produkte, Ausreiseverbot für chinesische Studenten in Australien – scheint die australische Regierung immer stärker in eine anti-chinesische Position zu drängen, ungeachtet wichtiger Wirtschaftsinteressen im Reich der Mitte. Wer wie Ihr Berichterstatter die Tausenden von Chinesen – vom Festland und aus Hongkong – beim Immobilienkauf in Sydney, Melbourne, Brisbane und Perth erlebt hat, zweifelt nicht an der Attraktivität des fünften Kontinents mit seiner «laid back»-Mentalität für geschäftstüchtige, gleichzeitig aber auch genussliebende Chinesen.

Für diese Klientel und speziell ihre Unternehmen sind auch die diskreten Avancen gedacht der Regierungen in Tokio, die Steuererleichterungen in Aussicht stellt, und Singapur, die ihren Finanz- und Börsenplatz ausbauen will. Weder das eher fremdenfeindliche Japan noch das flächenmässig winzige Singapur sind an Masseneinwanderung interessiert – wohl aber an Kapital und Firmenhauptquartieren, welche Hongkong verlassen wollen.

Und dies gilt nicht nur für inländische Unternehmen. Wenn tatsächlich die bisherige Rechtsordnung in Hongkong ins Wanken gerät und die gut ausgebildeten einheimischen Eliten auswandern, könnte das Spezielle an Hongkong unwiederbringlich vorbei sein – das, was die ehemals britische Kolonie zum globalen Markt- und Finanzplatz gemacht hat in Äquidistanz zwischen westlichem Kapitalismus und Gesellschaftsverständnis einerseits und dem Sozialismus mit chinesischen Vorzeichen andererseits. Hongkong würde so zu einer weitern unter mehreren südchinesischen Grossstädten.

Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.