Meinung

Die Fragilität der Monokultur

Die Coronakrise stürzt die Weltwirtschaft in eine Rezession. Doch Sars-CoV-2 ist bloss der Aus­löser des Bebens, nicht aber die Ursache der Fragilitäten im Wirtschaftssystem.

Mark Dittli
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Das mächtigste Wesen auf der Erde im Frühjahr 2020 ist ein Nukleinsäurestrang von rund einem Zehntausendstel Millimeter Grösse. Das auf den Namen Sars-CoV-2 getaufte Coronavirus hat per Ende März mehr als 30‘000 Menschenleben gefordert, weite Teile der Weltwirtschaft lahmgelegt und an den Aktienmärkten den schnellsten Einbruch aller Zeiten provoziert.

Zahlreiche Volkswirtschaften, vor allem die USA und die Staaten Westeuropas, werden einen Rückgang ihrer Wirtschaftsleistung erleben, der prozentual betrachtet wahrscheinlich die Dimensionen der Grossen Depression übertrifft. Regierungen sprechen Billionen für Hilfsmassnahmen, die Zentralbanken pumpen Liquidität wie nie zuvor.

Es ist evident: Es wird eine Welt vor und eine Welt nach der Pandemie geben.

In diesem Umfeld liegt es nahe, die Turbulenzen in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten einzig auf das Coronavirus zurückzuführen. Doch das wäre falsch. Das Virus bringt Fragilitäten an die Oberfläche, die seit Jahren im System schlummerten. Nun brechen sie auf. Sars-CoV-2 ist bloss der Auslöser für das Beben, nicht aber die Ursache der Fragilitäten.

Die Rache des «Irish Lumper»

Der Mensch liebt Monokulturen; auf maximale Effizienz und Ertrag optimierte Systeme. Doch die Natur verabscheut sie. Das ist eine Erfahrung, die eine Million Menschen in Irland 1847 mit dem Leben bezahlte, als die Knollenfäule das Hauptnahrungsmittel auf der Insel, die Kartoffelsorte «Irish Lumper», in ungeniessbaren Schleim zersetzte.

Die Weltgeschichte birgt unzählige Beispiele von menschlich geschaffenen, optimierten Monokulturen, die sich in fataler Weise als höchst fragil herausgestellt haben.

Das im Verlauf der vergangenen gut dreissig Jahre aufgebaute Weltwirtschaftssystem ist ebenfalls eine Art Monokultur. Und auch sie erweist sich als zu fragil, um den Stresstest der aktuellen Pandemie zu bestehen.

Konkret sind es drei Monokulturen, deren Schwächen nun an die Oberfläche treten: erstens das System der weltweit verzweigten, filigranen Lieferketten. Zweitens die unter Managern und Investoren weit verbreitete Idee, Unternehmensbilanzen liessen sich mithilfe von Schulden optimieren. Und drittens die in Zentralbanken herrschende Gedanken-Monokultur, der Konjunktur- und der Kreditzyklus lasse sich feinsteuern.

Es lohnt sich, diese drei miteinander verflochtenen Felder genauer zu betrachten.

Bis zum Anschlag optimiert

Bis in die Achtzigerjahre was es weitgehend normal, dass ein Unternehmen das Design, die Prototypisierung, die Herstellung und den Verkauf seiner Produkte selbst er­ledigte. Die Öffnung und der Aufstieg Chinas ermöglichten es westlichen Unternehmen, einen immer grösseren Teil des an Wertschöpfung armen Mittelteils dieser Kette, die Produktion, auszulagern. Gleichzeitig gewann die Just-in-Time-Philosophie an Bedeutung, was es Unternehmen ermöglichte, ihren Lagerbestand abzubauen.

Die grenzüberschreitenden Lieferketten, die in den vergangenen dreissig Jahren auf diese Weise in der Weltwirtschaft aufgebaut wurden, sind an Effizienz kaum zu überbieten. Jedes Rad greift perfekt ins nächste, alles fliesst.

Ohne Zweifel: ein Wunder der Optimierung. Und, wie alle Organismen, die bis zum Anschlag optimiert sind, höchst fragil.

Schon die Überschwemmungen in Thailand und die Katastrophe von Fukushima 2011 sowie der letztjährige Handelskonflikt zwischen China und den USA haben die Fragilitäten der globalen Lieferketten offenbart. Die Coronakrise hat das Netz vollends reissen lassen. Wenn Komponenten aus dem Wirtschaftsraum Wuhan oder der Lombardei fehlen, sich Container im Hafen von Schanghai stapeln, weil Einfuhren in China zwei Wochen unter Quarantäne gestellt werden, dann stehen weltweit Betriebe still.

Die Bevölkerung in Westeuropa realisiert erst jetzt, in der Krise, dass der Grossteil aller Grundstoffe für Pharmazeutika sowie fast alle Antibiotika und Schutzmasken in China hergestellt werden. Die Volksrepublik ist der «Irish Lumper» des Westens.

Fragwürdiges Mantra

Als nicht weniger fragil hat sich die zweite Monokultur, das Management-Mantra der optimierten Bilanzen, erwiesen. Die Just-in-Time-Produktion hat es erlaubt, Kapital aus Lagerbeständen zu befreien. Doch das war bloss der Anfang. Zu Tausenden haben Unternehmen über Jahre Schulden auf- und «überschüssiges» Eigenkapital abgebaut. Schliesslich, so besagt es die moderne Finanztheorie, ist Fremdkapital günstiger als Eigenkapital.

Die Finanzkrise von 2008 unterbrach diese Entwicklung nur kurz; schon 2009 fand vor allem in den USA der Prozess der Bilanzoptimierung beschleunigt seine Fortsetzung. Krönung dieses «Financial Engineering» war, wenn Unternehmen Schulden aufnahmen und damit den Rückkauf eigener Aktien finanzierten. Allein die fünfhundert grössten US-Konzerne kauften zwischen 2009 und 2019 eigene Aktien im Wert von gegen 5000 Mrd. $ zurück, während ihre Verschuldung auf einen historischen Höchstwert stieg.

Optimierung führt zu Fragilität. Die kurzfristig motivierten Manager haben vergessen, dass umsichtiges Wirtschaften auch bedeutet, mit Sicherheitsmargen zu arbeiten und Polster für schwierige Zeiten anzulegen. Das fehlt vielen Unternehmen heute.

Greenspans Irrweg

Die dritte Monokultur schliesslich betrifft das Denken in den Führungsetagen der mächtigen Zentralbanken. In den Jahren nach 1987, als Alan Greenspan die Nachfolge von Paul Volcker an der Spitze der US-Notenbank antrat, festigte sich unter den Währungshütern ein Selbstverständnis, wonach clevere Geldpolitik den Konjunkturzyklus bändigen und feinsteuern kann.

Diese «Greenspan-Doktrin», später im Fed fortgesetzt von Ben Bernanke, Janet Yellen und Jerome Powell sowie kopiert in Tokio, London und Frankfurt, hat vereinfacht gesagt das Ziel, Rezessionen möglichst zu verhindern und die Finanzmärkte vor Unfällen zu schützen. Auch das Selbstverständnis, die Inflation punktgenau auf knapp unter 2% steuern zu können, gehört dazu.

Doch auch diese optimierte Geldpolitik birgt Fragilitäten. Erstens konditioniert sie die Teilnehmer an den Finanzmärkten zur Gewissheit, dass das Fed immer zu Hilfe eilen wird, falls die Kurse zu stark einbrechen. Zweitens nährt das wiederum die Gewissheit der Manager, dass sie die Unternehmensbilanzen bis zum Anschlag optimieren können. Drittens verhindert sie den reinigenden Prozess der Rezession, der die Exzesse des Booms beseitigt. Und viertens liegt in dieser optimierten Geldpolitik eine groteske Selbstüberschätzung einer Handvoll Menschen, die glauben, sie könnten ein komplexes, adaptives System wie die Wirtschaft und die Finanzmärkte feinsteuern.

Kein Weg zurück

Diese drei Monokulturen – die Optimierung der Lieferketten, der Unternehmensbilanzen und der Geldpolitik – haben sich im Verlauf der vergangenen Jahre zu einem vordergründig stabilen System vereint, dessen Fragilitäten sich laufend aufbauten, aber lange Zeit unter der Oberfläche verborgen blieben.

Um es in den Worten des grossen Ökonomen Hyman Minsky zu sagen: Die Stabilität trug den Keim der Instabilität in sich.

Das Coronavirus war bloss das letzte Sandkorn, das die Düne ins Rutschen brachte. Jetzt stürzt alles ein. Lieferketten sind gebrochen, überschuldete Unternehmen wanken (und flehen den Staat um Hilfe), während die Zentralbanken im Verlauf des Monats März gefährlich nahe daran kamen, das Vertrauen der Finanzmärkte zu verlieren.

Selbstverständlich wird sich auch dieser Sturm legen; der Menschheit wird es gelingen, Sars-CoV-2 zu bändigen. Doch es wird für das Wirtschaftssystem keine Option sein, zur alten, vordergründig optimierten Welt der verborgenen Fragilitäten zurückzukehren.

Doch wie wird die neue Welt aussehen?

Kein umsichtig geführtes Unternehmen wird es sich künftig leisten können, von singulären Lieferketten aus einem Land abhängig zu sein. Das muss keine Deglobalisierung bedeuten, aber Unternehmen werden redundante, geografisch voneinander unabhängige Lieferketten aufbauen müssen. Das wird steigende Kosten verursachen, Gewinnmargen schmälern und zu höheren Preisen führen. Nicht mehr die reine Optimierung der Lieferketten wird im Zentrum stehen, sondern ihre Robustheit.

Robust ist besser als optimiert

Das gleiche Prinzip muss in der Unternehmensfinanzierung zur Anwendung kommen. Robuste Bilanzen sind wetterfester als optimierte. Das wird höhere Eigenkapitalquoten, tiefere Eigenkapitalrenditen und weniger Aktienrückkäufe bedeuten. Der Begriff «Financial Engineering» gehört auf die Müllhalde der Wirtschaftsgeschichte.

Am schwierigsten wird es sein, die Monokultur der Notenbankpolitik zu verändern. Die Demut, den bisherigen Weg zu hinterfragen, wird von den heutigen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern kaum jemand aufbringen.

Es ist aber anzunehmen, dass die Zentralbanken ohnehin am Ende ihrer 1987 begonnenen Reise angelangt sind. Sie haben jetzt alles in die Schlacht geworfen, um den Absturz des Systems zu verhindern. Es ist gut möglich, dass das nächste Kapitel – nicht heute, nicht nächsten Monat, nicht nächstes Jahr – Inflation heissen wird. Spätestens dann wird der Markt das Selbstverständnis der Notenbanker disziplinieren.

Jede Krise birgt Chancen. Die Chance von 2020 ist, dass ein Nukleinsäurestrang von rund einem Zehntausendstel Millimeter Grösse mit dem Namen Sars-CoV-2 den Weg zu einem robusteren Wirtschafts- und Finanzsystem ebnen wird.

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