Meinung

Die geopolitischen Folgen des Rückzugs aus Afghanistan entfalten sich erst

Der Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan hat im Land eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Er wird aber auch die geopolitische Ordnung der Region verändern.

Philippe Welti
Drucken
Teilen

Afghanistan, ein armes, gebirgiges Land in kontinentaler Binnenlage, wird mit den neuen Herrschaftsstrukturen der Taliban wegen seiner geostrategischen Lage für viele internationale Akteuren Probleme schaffen. Sie übersteigen Afghanistans politische und wirtschaftliche Bedeutung bei Weitem. Über die Region hinaus wird das globale Kräfteverhältnis zwischen den Grossmächten berührt werden.

Auswirkungen auf die USA

Die augenscheinlichste Folge der chaotischen Bilder vom Abzug der amerikanischen Truppen aus Kabul ist der Reputationsschaden für die USA. Die Supermacht macht sich unverändert anheischig, geopolitische Vorgänge global zu beherrschen oder zumindest entscheidend mitzusteuern. Doch der Ruf ihrer Verlässlichkeit hat Schaden genommen.

Ebenfalls Schaden genommen hat das internationale Vertrauen in die Fähigkeit der amerikanischen Führung, bei unliebsamen Überraschungen wirkungsvoll militärisch Gegensteuer zu geben. Innenpolitisch wird die Biden-Regierung von den Republikanern für den Rückzug verantwortlich gemacht, ungeachtet der historischen Wahrheit, dass das Debakel des Rückzugs ursächlich von Bidens Vorgänger Donald Trump zu verantworten ist.

Auswirkungen auf China

Auch die anderen Grossmächte sind betroffen vom neuen Taliban-Regime, das stabilitätspolitisch noch immer einem Vakuum gleichkommt. Besonders zu beobachten ist hierbei China: Beijing kündet seine Bereitschaft an, mit Infrastrukturprogrammen im Rahmen der chinesischen Belt-and-Road-Initiative, kurz: BRI, Afghanistan eine neue Entwicklungsperspektive zu geben. In der chinesischen Rhetorik bleibt aber ausgeblendet, dass innere Stabilität und Sicherheit eine Vorbedingung für Investitionen sind.

Immerhin bleiben Absichtserklärungen in Richtung eines verstärkten Engagements bedeutungsvoll, denn sie offenbaren eine für China durchaus sinnvolle strategische Stossrichtung. Mit dem Abzug der US- und anderer NATO-Truppen entsteht ein Machtvakuum, das die Chinesen einlädt, es aufzufüllen.

Durch Afghanistan könnte China seine BRI um eine weitere Achse ergänzen, die sich über Iran in Richtung Europa verlängern lässt. Der Weg durch Afghanistan erlaubt es der chinesischen Expansionsstrategie, dem russischen Einfluss in den zentralasiatischen Republiken und der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion (Eurasian Economic Union, EAEU) auszuweichen.

Konfliktlos wird diese Strategie jedoch nicht umzusetzen sein, da Afghanistan mit seinen innenpolitischen Strukturen und der an die Macht zurückgekehrten islamistischen Ideologie auch für chinesische Ambitionen problematisch sein wird, ganz zu schweigen von einer drohenden Rückwirkung des islamistischen Sendungsbewusstseins auf die muslimische Problemprovinz Xinjiang in China. China wird also in Afghanistan nicht rasch und geostrategisch wirkungsvoll Fuss fassen können.

Die chinesische Führung wird sich auch an historische Erfahrungen früherer imperialistischer Mächte erinnern: Weder die Expansion des zaristischen Russlands und des britischen Kolonialreichs im 19. Jahrhundert noch die sowjetische und dann amerikanische Erfahrung in diesem an Bodenschätzen reichen, aber unerschlossenen Bergland empfehlen ein Engagement.

Auswirkungen auf Iran und Pakistan

Unmittelbar zum Handeln gezwungen sind die grossen Nachbarn Afghanistans: Iran und Pakistan, die beide formell als Islamische Republiken firmieren.

Iran zählt auf historische Beziehungen. Wesentliche Teile der afghanischen Bevölkerung sprechen das mit Persisch eng verwandte Dari, hängen der Islam-Richtung der Shia an und werden deshalb von den dominanten sunnitischen Stämmen der Paschtunen als Feinde, gar als Ketzer betrachtet.

Die amerikanischen Luftangriffe von 2001, mit denen die Taliban-Herrschaft weggefegt worden war, bedeuteten seinerzeit auch für den Iran einen Befreiungsschlag, der seine Grenzen zu Afghanistan wieder öffnete. Iran bleibt mit seiner ausgebauten Infrastruktur, einer vollständigen Volkswirtschaft und einer zehnmal grösseren Wirtschaftsleistung Afghanistans wichtigster Nachbar. Beide können sich auf die Länge keine nachbarlichen Konflikte leisten.

Pakistan, der Nachbar im Süden und Osten, wähnt sich im Moment auf der Siegerseite, hat das Land doch über Jahrzehnte die Taliban-Bewegung gefördert sowie geschützt und nutzt Afghanistan heute als strategische Tiefe für seinen seit jeher andauernden Konflikt mit Indien.

Die zwei Islamischen Republiken Afghanistan und Pakistan, deren Führungen sich auch in sunnitischer Waffenbruderschaft gegenseitig stärken, laufen allerdings Gefahr, bald einmal global als Nährboden und Hort des internationalen Terrorismus angesehen und vielleicht auch geächtet zu werden.

Da die Strukturen terroristischer Organisationen und Gruppen anarchisch und unüberblickbar sind, werden künftige terroristische Schläge aus diesem Raum häufig weder von der einen noch der anderen Regierung gesteuert oder kontrolliert werden können. Gegenschläge oder Strafaktionen betroffener Mächte, so ist zu erwarten, werden zu einem Krieg gegen den Terror aus Distanz führen, womit Afghanistan auf lange Sicht eine Krisen- und Konfliktzone bleiben wird, dessen Bevölkerung weiterhin jeder zivilisatorischen Entwicklung beraubt ist.

Auswirkungen auf Indien

Ein grosser Verlierer der epochalen Umwälzung in Afghanistan ist aus heutiger Sicht Indien. Die südasiatische Grossmacht hat nicht nur alle ihre Investitionen in Afghanistan (z. B. den von Indien gebauten Flughafen von Kabul) verloren, sondern steht nun einem mit neu gewonnener strategischer Tiefe gestärkten Erzfeind Pakistan gegenüber, der sich politisch seit seiner Gründung durch die Feindschaft gegenüber Indien definiert.

Die Umwälzung in Afghanistan ist für Inder, die sich an ihre Geschichte erinnern, besonders schmerzhaft, da der Gründer des stolzen und langwährenden nordindischen Grossmogulreiches, Babur, vor fünfhundert Jahren aus Kabul kam. Die jüngste Entwicklung, im Moment nachteilig für Indien, wird im Nachhinein möglicherweise als weiterer Anstoss erkannt und genutzt werden, sich zunehmend in die anti-chinesische indo-pazifische Allianz um die USA, Japan und Australien einzureihen.

Fest steht, dass sich die geopolitischen Konsequenzen aus dem Rückzug der USA aus Afghanistan und der Rückkehr der Taliban an die Macht erst zu entfalten beginnen.

Meere und Märkte: Geopolitik 2.0 als Schlüssel zur weltpolitischen Aktualität

Die beiden früheren Schweizer Botschafter Daniel Woker und Philippe Welti – beide auch freie Autoren im Team von The Market – haben in Zusammenarbeit mit The Market ein neues Smartbook verfasst: Geopolitik, die Beschäftigung mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, steht am Beginn jedes Auslandsgeschäfts. Die beiden Autoren, die in ihrer diplomatischen Arbeit unter anderem in Iran, Indien, Singapur und Australien stationiert waren, geben einen kenntnisreichen Überblick über die politischen, strategischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen Weltregionen. Das Smartbook «Meere und Märkte: Geopolitik 2.0 als Schlüssel zur weltpolitischen Aktualität» kann im NZZ-Shop zu einem Preis von 33 Franken (inkl. Versandkosten) bestellt werden.
Die beiden früheren Schweizer Botschafter Daniel Woker und Philippe Welti – beide auch freie Autoren im Team von The Market – haben in Zusammenarbeit mit The Market ein neues Smartbook verfasst: Geopolitik, die Beschäftigung mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, steht am Beginn jedes Auslandsgeschäfts. Die beiden Autoren, die in ihrer diplomatischen Arbeit unter anderem in Iran, Indien, Singapur und Australien stationiert waren, geben einen kenntnisreichen Überblick über die politischen, strategischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen Weltregionen. Das Smartbook «Meere und Märkte: Geopolitik 2.0 als Schlüssel zur weltpolitischen Aktualität» kann im NZZ-Shop zu einem Preis von 33 Franken (inkl. Versandkosten) bestellt werden.

Philippe Welti

Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.