Meinung

Die geostrategische Bedeutung Taiwans

Die Insel wird zu einer «tektonischen Bruchlinie» im strategischen Konflikt zwischen China und den USA.

Philippe Welti
Drucken
Teilen

Taiwan, die dem chinesischen Festland vorgelagerte Insel, war bei der Gründung der Volksrepublik China 1949 der letzte Rückzugsort der von Mao Zedongs Kommunisten vertriebenen Nationalpartei (Kuomintang) Chiang Kai-sheks.

Heute rächt sich, dass dieser gegen jeden geografischen Sachverstand den Alleinvertretungsanspruch für China in der Welt vertrat und Träume einer Wiedervereinigung mit Festland-China verfolgte. Da Taiwan so während Jahrzehnten nie eine separate Unabhängigkeit behauptet hatte, fehlt es der heutigen Unabhängigkeitspolitik Taiwans an historischer Legitimität.

Eine strategische Wende stellte sich ein, als 1971 die UNO-Generalversammlung den Vertretungsanspruch von der auf Taiwan eingerichteten Republik China an die Volksrepublik China übertrug. Nixons Besuch 1972 in Beijing führte schliesslich, 1976, zur Anerkennung der Realitäten auch durch die USA, und zur definitiven Anerkennung Festlandchinas als alleinige Vertretung Chinas in der Welt.

Die Republik China auf Taiwan ist seither nicht mehr UNO-Mitglied; es fehlt ihr also ein wesentliches Merkmal eines souveränen Staates. Sie hat sich aber zu einem erfolgreichen modernen Staat entwickelt und aus eigener Kraft ihren Platz in den internationalen Beziehungen und vor allem im regionalen Machtgefüge erarbeitet.

Dies gilt einmal sicherheitspolitisch. Taiwan verfügt über beachtliche Streitkräfte, welche naturgemäss jenen Chinas unterlegen sind, eine allfällige Invasion der Insel durch Beijing aber zu einem riskanten Abenteuer machen würden. Das umso mehr, als die USA einer solchen nackten Aggression kaum tatenlos zusehen könnten. Zwar besteht im Unterschied zu den amerikanischen Verteidigungsbündnissen mit Japan und Korea keine vertragliche Beistandspflicht Washingtons, wohl aber mündliche Zusicherungen und klare diplomatische Signale, dass die USA nicht beiseite stehen würden.

Was das genau bedeutet, bleibt absichtlich vage. Sicher ist, dass mit einer Invasion eine verhängnisvolle Dynamik in Gang gesetzt würde, welche - auch und gerade für China - globalwirtschaftlich äusserst negative Auswirkungen zur Folge hätte.

Mit Blick auf die blühende Wirtschaft von Taiwan interessiert globalstrategisch insbesondere seine Halbleiterindustrie. Der Grosskonzern TSMC (Taiwan Semiconductor Manufacturing Company) ist der international führende Anbieter speziell im Bereich der Spitzentechnologie für Computerchips. TSMC hält einen Anteil von 90% am Weltmarkt der im Moment dünnsten Halbleiter (10nm - 5nm, deren Transistoren haben die «Grösse» eines 20’000stels eines menschlichen Haares). Je dünner ein Halbleiter, desto einfacher dessen Einbau in Tech-Geräte jeder Art und desto kleiner der Elektrizitätsverbrauch zur Weiterleitung. Internationale Experten sprechen darum über Halbleiter als dem «Erdöl des 21. Jahrhunderts».

Auch darum ist das strategische enjeu um Taiwan enorm. Für China, weil das Land über nichts spitzentechnologisch Vergleichbares verfügt. Für die USA, weil sich das hier führende amerikanische Unternehmen Intel erst an die Entwicklung entsprechender Technologie macht und weil Washington eine solche Kapazität sicher nicht in festlandchinesischen Händen sehen will.

Philippe Welti

Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.