Die Meinung

Die globale «Fake News»-Ökonomie

Weitum herrscht Entrüstung, dass Donald Trump ambivalent mit der Wahrheit umgeht. Das sollte aber kaum erstaunen, basiert doch auch die Entwicklung in der Wirtschaft und an den Börsen auf einem fingierten Fundament.

Charles Biderman

English version

Die Vereinigten Staaten haben einen Präsidenten, der lügt und betrügt. Dennoch kümmert das seine eingefleischten Anhänger keinen Deut – und das wird sich nicht ändern, solange es an den Börsen weiter aufwärts geht.

Charles Biderman

Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Symbol TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft und wird weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien interviewt. Er begann seine Karriere beim Anlegermagazin «Barron's Financial Weekly». Heute lebt er in Hawaii, wo er kürzlich das Ferienressort Hawi Plantation House Retreat lanciert hat.
Alles anzeigen

Was Trump täglich twittert, ist nicht selten frei erfunden. Wenn Journalisten seine Äusserungen faktisch widerlegen, brüllt der Mann im Weissen Haus «Fake News» und attackiert alle, die seine Lügen entlarven.

Man könnte deshalb auch sagen, dass in Amerika eine «Fake News»-Präsidentschaft herrscht.

Um klar zu sein: Ich bin der Meinung, dass der US-Präsident hinter Gitter gehört. Ich gehöre aber nicht zum neuen sozialistischen Lager in den USA, das höhere Steuern und unlimitiertes Gelddrucken fordert, um den «Armen zu helfen».

Das einzig Gute an diesen Ideen der neuen Linken: Die monetäre Illusion, die von der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken geschaffen worden ist, wird sich dadurch letztlich umso schneller auflösen.

Die Kernfrage ist aber, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Aus meiner Sicht ist die Entwicklung von Wirtschaft und Börse in den USA bereits seit 2011 fabriziert. Warum sollten fingierte Fakten also nicht auch die Politik dominieren?

Die grosse Japan-Blase

Die Geschichte wird dereinst gnadenlos über die Zentralbanken urteilen. Das, weil sie weitgehend für unsere heutige Misere verantwortlich sind, die 1990 in Japan ihren Anfang nahm.

Ich begann damals meine Tätigkeit als unabhängiger Investmentberater, indem ich Anlage-Ideen an Hedge Funds verkaufte, die gegen die japanische Börse und speziell gegen Aktien von japanischen sowie amerikanischen Banken wetten wollten.

Auf dem Zenit des Booms in den späten Achtzigerjahren vergaben Banken in Japan Hypotheken ohne die Hinterlegung von Eigenkapital. Ein Häuserblock im Stadtkern von Tokio war auf dem Papier mehr wert als ganz New York City. Die Mieten für Büroräume in Tokio waren so stark gestiegen, dass sich 1990 gemessen an der Fläche mehr als doppelt so viele Büroräumlichkeiten im Bau befanden, wie zu dieser Zeit existierten.

Sämtliche japanischen Grossbanken – und das ist keine Übertreibung – hielten Immobilienkredite im Umfang von mindestens 100% und teilweise bis zu 300% ihres Kapitals auf der Bilanz.

Das «Wunder» von Nippon

Für mich war daher klar, dass es in Nippon einen gewaltigen Bankencrash geben würde. Doch ich täuschte mich schwer: In Japans Bankensektor kam es zwar zu zahlreichen Konsolidierungswellen. Grössere Konkurse, Abschreiber auf Darlehen oder andere Finanzkatastrophen blieben jedoch wider Erwarten aus.

Stattdessen wurden die tiefen Risse im Bankensystem einfach mit Liquidität überflutet. Die Bank of Japan kreierte in grossem Stil Geld, mit dem Darlehen ohne jeglichen Wert beglichen wurden.

Praktisch kein bedeutender Kreditgeber ging in Konkurs. Die verantwortlichen Manager der Banken kamen ungeschoren davon. Die japanische Wirtschaft brach nicht zusammen. Eine gesunde Bereinigung, in der inkompetente Kreditgeber ihr Geschäft verloren hätten und überschuldete Akteure bankrottgegangen wären, wurde damit verunmöglicht.

Statt auf einer sauberen Grundlage neu zu starten, wurde Japans Wirtschaft mit Zentralbankgeld neu tapeziert. Das Resultat? Japan hat seit 1990 so gut wie kein Wachstum verzeichnet.

Auf Basis einer fingierten Wirtschaft haben sich dafür inzwischen auch fingierte Kurse an der Börse von Tokio gebildet: Die Bank of Japan hält nicht nur japanische Staatsanleihen in grossem Umfang auf ihrer Bilanz, sondern ebenso japanischen Aktien über den Kauf von Exchange Traded Funds (ETF).

Europas Japanisierung

Das waren wohl mehr Fakten zu Japan, als es derzeit viele Investoren interessiert. Entscheidend ist aber, dass der Rest der Welt bei der Bewältigung von Wirtschaftskrisen dem Beispiel Japans gefolgt ist und das System mit Geld überflutet hat.

2011 zum Beispiel sah alles danach aus, als ob Europa vor dem Kollaps stehen würde: In Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien hatten sich die Banken mit schlechten Krediten überladen.

Zahlreiche Finanzinstitute wären damals kollabiert, hätten sie ihre Anlagen zu Marktpreisen bewerteten müssen. Auch waren die Zentralbanken der «PIIGS»-Länder nicht in der Lage, die zu «Junk» bewerteten Anleihen der Banken zu refinanzieren.

Doch dann entschied sich Europa, wie Japan eine fingierte Wirtschaft zu schaffen. Den Grundstein dazu legte Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank, indem er im Sommer 2012 versprach, alles zu unternehmen – «whatever it takes», um den Euro zu retten.

Um die Krise zu entschärfen, kaufte die EZB alle schlechten Kredite der kriselnden Staaten und Banken auf. Das macht sie seither so konsequent, dass sich die Zinsen fast aller Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion um null Prozent bewegen.

Wenn das keine Fiktion ist, was dann?

Amerikas Abhängigkeit von QE

Kaum viel anders sieht es gegenwärtig in Amerika aus: Im Zug seiner Politik des Quantitative Easing (QE) hat das Federal Reserve seit der Finanzkrise Billionen fingierter Dollar geschaffen, um all die Banken zu retten, deren Eigenkapital in der Finanzkrise von 2008 durch den Wertzerfall verbriefter Kredite verdampft war.

Zur Erinnerung: Das erste QE-Programm von Ende 2008 sollte der US-Wirtschaft als temporäre Brücke dienen, um das Tal der Rezession zu überqueren. Aus «temporär» wurden Jahre.

Wie in Japan und Europa erwirtschaftet die Konjunktur in den USA heute aber nicht annähernd genug Cashflow, um das fingierte Geld abzubauen, dass die Notenbank auf ihrer Bilanz angehäuft hat.

Immobilienexzesse in China

Kommen wir noch kurz auf China zu sprechen. Dort nutzten die regionalen Behörden Enteignungsgesetze, um Ackerland an Immobilienentwickler zu übertragen. Diesen Gesellschaften sprachen sie über die regionalen Banken dann grosszügig Kredite zu, sodass es zu einem wilden Bauboom kam.

Heute sitzt China auf Billionen von faulen Immobilienkrediten. Doch auch diese Darlehen müssen nicht abgeschrieben werden, weil immer mehr Geld ins chinesische Finanzsystem gepumpt wird, um sie zu bedienen.

Anders gesagt: In einer Welt, in der Vermögenswerte zu realen Preisen bilanziert werden, wäre Chinas Bankensystem längst bankrott.

Das Fazit: Rund um den Globus basiert die Wirtschaft auf monetären Illusionen. Ohne all die fingierten Kredite würde die Weltwirtschaft heute in einer tiefen Rezession stecken. Wir leben also in der wohl grössten Blase aller Zeiten.

Chance für einen Neustart

Was bedeutet das demnach für Investoren?

Die Liquiditätstheorie besagt, dass das Geschehen an der Börse auf zwei Grundelementen beruht: Aktien und Geld, mit dem Aktien gekauft werden. Trifft folglich immer mehr Geld – gleichgültig, ob real oder fingiert – auf eine immer geringere Anzahl von Aktien, kann es mit den Kursen nur aufwärts gehen.

Seit 2011 haben die Zentralbanken weltweit rund 9 Bio. $ an Geld gedruckt, während die Kapitalisierung der Weltbörsen parallel dazu um rund 30 Bio. $ gestiegen ist. Ohne all das künstliche Geld der Zentralbanken würden sich die Aktienkurse damit auf viel tieferem Niveau bewegen.

Historisch betrachtet besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Aktienkurs und dem Cashflow eines Unternehmens. In dieser Hinsicht galten Aktien früher als günstig, wenn sich der Kurs unter dem inneren Unternehmenswert bewegte, der sich aus dem künftigen Cashflow in die Gegenwart abdiskontieren lässt.

Nachdem die Zentralbanken jedoch dermassen viel Geld gedruckt haben, ist heute kaum noch ein Unternehmen den Preis wert, den der Aktienkurs suggeriert.

Wie das alles enden wird, ist aus meiner Sicht klar: in einer billionenschweren Finanzkatastrophe. Die Frage ist lediglich, wann es soweit sein wird.

Ebenso offensichtlich ist aber, dass Notenbanker und Staatschefs versuchen, das fingierte Wirtschaftswachstum mindestens so lange aufrechtzuhalten, bis sie von ihrem Amt zurückgetreten sind.

Die gute Nachricht: Wenn der finanzielle Müll entsorgt ist, der aus Billionen von fingiertem Geld entstanden ist, können wir endlich einen gesunden Neuanfang starten.