Meinung

Die Globalisierung wird politischer

Bei der Volksinitiative «Für verantwortungsvolle Unternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt» gehen die Wogen insbesondere bei der Wirtschaft hoch. Was immer man von der Initiative hält und egal wie die Abstimmung am Ende ausfällt: business as usual dürfte kaum angesagt sein.

Nicolas Zahn
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Es schien lange Zeit klar zu sein: Um der globalisierten Wirtschaft viel Raum einzuräumen, sollte sich die Politik bei wirtschaftlichen Fragen möglichst zurückhalten und sich darauf beschränken, ideale Rahmenbedingungen für den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen zu schaffen. Abbau von Handelshemmnissen und die Verbesserung der governance waren angesagt.

Unter diesen Prämissen hat sich die Globalisierung mit all ihren Vor- und Nachteilen in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Doch seit längerem wackelt der Konsens und die Politik fordert in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlicher Motivation und unterschiedlichen Mitteln eine grössere Mitsprache.

Stand in Europa und den USA lange der freie Verkehr von Menschen auf der schwarzen Liste von Globalisierungskritikern aller Couleur – Stichwort: Personenfreizügigkeit –, so haben die letzten Jahre insbesondere mit Blick nach China und die USA gezeigt, dass auch die Lieferketten mehr und mehr politische Aufmerksamkeit geniessen.

Spezifische Produkte unliebsamer Staaten und damit assoziierter Unternehmen werden durch mehr oder weniger geeignete politische Mittel vom End- bis zum Startpunkt durchleuchtet. Von Mikrochips bis Codezeilen werden komplizierte Produkte und Dienstleistungen untersucht, um die Frage zu beantworten: gehörst Du zu den Guten oder den Bösen?

Das mag einfach zu bewerkstelligen sein, wenn man die Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens im Visier hat, wie es bei den USA mit Huawei der Fall war. Doch ein solches Vorgehen kreiert auch Probleme für Unternehmen, die in ihren Lieferketten auf gewisse Komponenten kritischer Unternehmen angewiesen sind. Man gerät nämlich als prinzipiell unbeteiligte Partei ins Fadenkreuz, ein Risiko, das insbesondere Volkswirtschaften wie die schweizerische betrifft.

Der Überblick über die gesamte Lieferkette wird wichtig

Lieferprozesse werden zwar bereits seit einiger Zeit regionaler und nicht zuletzt die Pandemie hat zu einem Umdenken hin zu mehr Resilienz in den Lieferketten geführt. Doch gerade Chinas Wirtschaft bleibt ein zentraler Baustein diverser Lieferketten und hat diesen Status auch mit dem kürzlich abgeschlossenen Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) weiter gefestigt.

Für Unternehmen bedeutet dies, dass der Überblick über die gesamte Lieferkette wichtig wird, um politische Risiken frühzeitig erkennen zu und entsprechend reagieren zu können, beispielsweise frühzeitig Verhandlungen mit anderen Lieferanten aufnehmen zu können. Wo lauern die potenziell problematischen Teile meiner Lieferkette, nicht nur in Bezug auf Verlässlichkeit des Lieferanten oder Qualität der Ware, sondern auch bezüglich der Position eines Lieferanten im globalen politischen Wettbewerb?

Unter diesem Gesichtspunkt erstaunt die schweizerische Debatte über die Anfangs genannte Initiative. Denn egal, wie das Abstimmungsresultat lautet: Die Initiative ist nicht die Quelle, sondern ein Zeichen eines breiteren Trends. Man mag nun Eingriffe politischer oder rechtlicher Art in wirtschaftliche Abläufe als «Gutmenschentum» abtun. Doch diese Sichtweise verkennt die grösseren, weltweiten Bewegungen.

Erstens wird auch in anderen Ländern über ähnliche Anpassungen diskutiert. Zweitens geht es nicht um «Gutmenschentum», sondern auch um Machtpolitik. Bereits die Debatte um 5G hat gezeigt, dass beispielsweise die USA durchaus nicht davor zurückschrecken, auch befreundete Staaten und deren Unternehmen unter Druck zu setzen, was natürlich bei China nicht anders ist.

Diese politisierte Globalisierung, an der die Staaten gerade erst ihre Freude finden, dürfte die Wirtschaft auch in der Schweiz noch länger begleiten, weshalb Bewusstsein über die eigenen Abhängigkeiten und eine frühzeitige Risikoerkennung wohl zielführender sein dürften als eine kollektive Verdrängung grenzüberschreitender Trends.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.