Meinung

Die Interventionsspirale dreht sich immer schneller

Regierungen und Notenbanken haben mit riesigen monetären und fiskalischen Stimuli auf die Pandemie reagiert. Doch eine wachstumsfördernde Politik sucht man vergebens. Die staatlichen Eingriffe werden dadurch immer zahlreicher und ausgefallener.

Pascal Hügli
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Als die Welt Anfang 2020 durch Covid-19 in den globalen Lockdown gedrängt wurde, war alles urplötzlich auf Eis gelegt: Networking-Anlässe, Konzerte, Sportaktivitäten, Restaurantbesuche, ja sogar die Zeit schien plötzlich stillzustehen. Gleichwohl entpuppte sich das Coronavirus in vielerlei Hinsicht als Beschleuniger. So wurde allen voran der Digitalisierung mächtig Vorschub geleistet. Home-Office, Zoom-Calls und digitale Firmen-Apéros haben sich in nur wenigen Monaten etabliert. Auch der Hinterletzte dürfte den Satz «Du bist noch auf stumm» mittlerweile intus haben.

Für viele weniger offensichtlich, wohl aber nicht unbedeutender, ist die Intensivierung der Geldpolitik durch Corona. Obschon die Geldpolitik der Zentralbanken schon vor der Coronakrise ultralocker erschien, wurde sie als Antwort auf die Pandemie nochmals in ganz neue Sphären gehievt. Im Nachgang zur Rezession von 2008 schuf die US-Notenbank über sechs Jahre ungefähr 3,5 Bio. $ an neuer Liquidität. Dieses Mal dauerte es für 3 Bio. $ gerade mal zehn Monate – mit der Aussicht auf mindestens weitere 1,8 Bio. $ im nächsten Jahr:

Punkto Brisanz in Sachen Geldmengenausweitung jagt heute ein Chart den anderen. So ist die Geldmenge M1 allein nach März 2020 um 37% gestiegen. Bei M1 handelt es sich um ein sogenannt eng gefasstes Geldmengenaggregat, das die gesamte Bargeldmenge und alle Bankeinlagen in einer Wirtschaft umfasst.

Dass neues Geld vor allem mittels Bankeinlagen durch die Geschäftsbanken geschaffen wurde, ist zum einen auf die Ausweitung der Basisgeldmenge der Zentralbanken zurückzuführen, zum anderen – und das ist entscheidend – auf den Umstand, dass Banken mit der Besicherung von Staaten im Rücken weltweit ein grosses Mass an Neukrediten an die Wirtschaft gesprochen haben. Führt man sich vor Augen, dass Geldmengenaggregate wie M0, M1 oder M2 heute geldnahe Finanzassets wie Staatsanleihen nicht berücksichtigen, lässt sich das eigentliche, noch viel grössere Ausmass des Geldmengenwachstums bloss erahnen.

Weg des geringsten Widerstandes

Die riesigen Geldfluten werden notabene durch fiskalische Massnahmen der Staaten ergänzt. Auch hier ist die US-Regierung führend, welche Rettungspakete in Billionenhöhe lanciert hat, während sich andere Staaten ebenfalls eifrig verschulden, um der Rezession irgendwie entgegenzuwirken.

Schon vor der Corona-Pandemie war die Verschuldung der Industrieländer so hoch wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg (vgl. Grafik). Corona löste einen weiteren sprunghaften Anstieg aus, und das Tempo hat sich verschärft. Bis Ende Jahr soll der globale Schuldenberg auf einen Rekordwert von 277 Bio. $ steigen, so eine Schätzung des Institute of International Finance. Die Schuldenquote läge dann bei 365% des weltweiten Bruttoinlandprodukts (BIP).

Mit eigentlicher Fiskalpolitik haben die staatlichen Stimuli allerdings nicht mehr viel zu tun. Denn Staatsschulden sind inzwischen zum beliebtesten und meist nachgefragten Vermögenswert der Geldpolitik verkommen. Die vielfach geforderte Fiskalpolitik ist somit zur verkappten Geldpolitik mutiert, müssen neu gemachte Schulden doch vermehrt durch die jeweiligen Zentralbanken gestemmt werden. Dass sich die Qualität ihrer Bilanzen und damit die Qualität unseres Geldes stetig verschlechtert, ist letztlich die unausweichliche Konsequenz.

Wirtschaftspolitik ist heute bloss noch Geldpolitik. Echte Wirtschaftspolitik, bei der politische Akteure Wirtschaftswachstum zu fördern versuchen, indem Hindernisse aus dem Weg geräumt und Innovationen belohnt werden, sucht man vergebens. Gewiss macht eine Pandemie, bei der das Wirtschaften zugunsten der Virus-Eindämmung eher beschränkt werden muss, wirtschaftspolitisches Engagement schwierig – nicht aber unmöglich. So könnten beispielsweise private Wirtschaftsakteure incentiviert werden, Daten für ein effizientes Contact-Tracing aufzubereiten. Gerade die Digitalisierung böte hier Möglichkeiten und würde eine effektive Pandemiebekämpfung ermöglichen, die wiederum weniger zulasten der Wirtschaft ginge.

Doch ist Wirtschaftspolitik eben immer unangenehm, da sie Kompromisse mit sich bringt. Lässt sich stattdessen die Geldmenge erhöhen, kann praktisch jede Interessengruppe finanziell ruhig gestellt werden. Nicht zuletzt deshalb scheint sich rundum die Denkweise etabliert zu haben, wonach sich die Probleme in einer immer massiveren Geldflut ertränken lassen. Dass man die Probleme mit einer immer grösseren Dosis derselben Droge lösen kann, daran dürfte mittlerweile kein ernstzunehmender Mensch mehr glauben. Längst dürfte auch Zentralbankern und Politikern klar sein, dass ihre Aufgabe nicht in der Schadensbekämpfung, sondern in der Schadensverschleppung besteht.

Die Sache ist so tragisch, dass sie schon fast wieder Sinn ergibt: Wird unser Geld doch immer wertloser, spielt es auch keine Rolle mehr, schlechtem Geld noch schlechteres nachzuwerfen. Natürlich kommt eine solche Denke letztlich einer Kapitulation gleich.

Die Interventionsspirale dreht weiter

Ein Ende mit Schrecken wird nicht mehr zugelassen, lieber scheint man sich heute auf einen Schrecken ohne Ende einzulassen. Folgenschwer sind nämlich die unbeabsichtigten Konsequenzen dieser intensivierten Geldpolitik. Fiatgeld, wie unser Geld heute despektierlich genannt wird, verliert seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel. Dadurch werden immer mehr Menschen vom wertlosen Geld in geldlose Werte drängen, um der Entwertung auf dem Bankkonto zu entfliehen.

Dabei nehmen gemeinhin geldlose Werte wie Aktien je länger je mehr eine gewisse Geldigkeit an. Papiere von Apple, Google oder Amazon sowie Immobilien sind heute schon von einer spürbaren monetären Nachfrage getrieben. Nicht wenige Anleger haben die Geldigkeit dieser Anlagen entdeckt. Da sich die Fiatgeldmenge schneller ausweitet als die Anzahl Aktien oder der Immobilienbestand, lohnt es sich für Anleger, Kapital in diesen Vermögenswerten zu parkieren. Das treibt die Preise dieser Anlagegüter in die Höhe und verzerrt konventionelle Bewertungsmodelle für Aktienkurse.

In absehbarer Zukunft wird die Vermögenspreisinflation anhalten, und die viel gescholtene und daher vehement bekämpfte Vermögensungleichheit wird weiter zunehmen. Gerade die in den USA als Helikoptergeld verschrienen Stimulus-Checks an die Bevölkerung verdeutlichen dies.

So handeln US-Bürger, die zwischen 35’000 und 75’000 $ verdienen, heute doppelt so häufig mit Aktien als vor Erhalt der Geldtransfers. Wer seine 1200 $ an staatlichen Zuschüsse noch Mitte April in Bitcoin steckte, verfügt heute über satte 5700 $. Die Empfänger, die diese Handlungen rechtzeitig antizipierten und sich dementsprechend positionierten, haben überproportional profitiert. Es ist das permanente Geldmengenwachstum, das die Ungleichheit über Zweit- oder Drittrundeneffekte vergrössert.

Steine in den Weg legen

Als Folge wird die Interventionsspirale munter weiterdrehen. Auf geldpolitisches Reagieren folgen Reaktionen, die wiederum durch politische Gegenreaktionen erwidert werden. Eine absehbare Konsequenz der sich beschleunigenden Flucht in Realwerte dürfte die vermehrte Wiedereinführung von Kapitalverkehrskontrollen sein, um der durch die Technologie begünstigten «Shiftability» zwischen Assets entgegenzuwirken.

In einer Zeit, in der alte merkantilistische Rezepte überwunden und internationaler freier Waren- und Kapitalverkehr politisch errungen scheinen, sind solche Massnahmen für manchen Beobachter kaum mehr vorstellbar. Dass direkte Kapitalverkehrskontrollen zwischen Währungsräumen wieder Realität werden, ist allerdings nicht ausgeschlossen. Immerhin macht man sich beim Internationalen Währungsfonds darüber Gedanken.

Indirekte Kapitalverkehrskontrollen – oder vielleicht besser als Transaktionshemmnisse bezeichnet – sind insbesondere für Anlagewerte zu erwarten, die mit einem Bein ausserhalb der etablierten Finanzstrukturen stehen. Für solche soll der private Kauf zunehmend erschwert werden. So wurde in Deutschland innert weniger Jahre die zweite Herabsetzung der Obergrenze für den Erwerb von Gold gegen Barzahlung verordnet. Noch 2019 galt eine Obergrenze von 10’000 €. Neu liegt diese bei unter 2000 €.

Ähnliches ist in der Schweiz seit dem 1. Januar dieses Jahres für Bitcoin in Kraft getreten. Mittels Verschärfungen der Geldwäschereiverordnung wird der anonyme Kauf und Verkauf von Kryptowährungen von 5000 Fr. auf einen neuen Schwellenwert von 1000 Fr. herabgesetzt.

Wie bei anderen finanzpolitisch heissen Eisen – Beispiele sind die Meldepflicht bei Edelmetallen oder allen voran die Diskussion um Bargeldbeschränkungen – geht es dabei weniger um Verschwörungen gegen den einfachen Bürger. Genauso wenig geht es jedoch um Investorenschutz, der ja den Investor bekanntlich nicht nur vor dem Risiko schützt, sondern auch vor der Rendite. Nein, letztlich sind Vorschriften, Kontrollen und Regulierungen dieser Art zu einem Grossteil ein Reflex auf die nicht beabsichtigten Konsequenzen der geldpolitischen Ausschweifungen unserer Zeit.

Schon der grosse Ökonom John Maynard Keynes wusste: «Es gibt kein feineres und kein sichereres Mittel, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Vernichtung der Währung. Dieser Vorgang stellt alle geheimen Kräfte der Wirtschaftsgesetze in den Dienst der Zerstörung, und zwar in einer Weise, die nicht einer unter Millionen richtig zu erkennen imstande ist.»

Pascal Hügli

Pascal Hügli ist Leiter Research für den Vermögensverwalter Schlossberg&Co. Nebenbei engagiert er sich als Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ, wo er zu den Themen Bitcoin, Kryptoassets und Fintech unterrichtet. In seinem Wirken ist er stets bestrebt darin, die reale Welt möglichst vorbehaltlos zu verstehen und zu deuten.
Pascal Hügli ist Leiter Research für den Vermögensverwalter Schlossberg&Co. Nebenbei engagiert er sich als Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ, wo er zu den Themen Bitcoin, Kryptoassets und Fintech unterrichtet. In seinem Wirken ist er stets bestrebt darin, die reale Welt möglichst vorbehaltlos zu verstehen und zu deuten.