Meinung

Die kostspielige Herausforderung von Jack Ma

Vor zwei Wochen wurde in China die Publikumsöffnung von Ant Group, der grösste Börsengang aller Zeiten, abrupt abgesagt. Es festigen sich die Signale, dass in den Aufsichtsbehörden die konservative Fraktion die Oberhand gewonnen hat.

Jörg Wuttke
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Der lang erwartete Börsengang von Ant Group wurde nach einer rücksichtslosen Rede von Jack Ma, dem starken Mann hinter dem chinesischen Fintech-Konzern, ausgesetzt. Es gibt keinen Hinweis auf einen Zeitplan für die Wiederaufnahme des Börsengangs.

Die Suspendierung war nicht nur ein Schlag für die Investoren von Ant, sondern auch für die wachstums- und reformfreudige Fraktion innerhalb der Aufsichtsbehörden, die Ant seit Jahren eine reduzierte behördliche Aufsicht gewährt und den Börsengang zügig vorangetrieben hat. Nun wird das Konsumkreditgeschäft von Ant in naher Zukunft stärker unter die Lupe genommen und wird gegenüber den anderen Finanzinstituten auf ein ebeneres Spielfeld gestellt.

Scharfe Worte von Jack Ma

Jack Ma griff am 24. Oktober auf einer hochrangigen Konferenz in Schanghai die chinesischen Finanzaufsichtsbehörden öffentlich an. Seine Sprache war schockierend unverblümt und ungezwungen: «Im chinesischen Finanzsystem gibt es kein systemisches Risiko. Das Risiko besteht darin, dass chinesische Finanzhäuser kein System haben», und: «Die Regulierungsbehörden sind dermassen auf die Risiken fixiert, dass sie riskieren, die Entwicklung der Wirtschaft abzuwürgen.» Ma griff auch das Basler Komitee als «Klub alter Männer» an und kritisierte die chinesischen Banken wegen ihrer «Pfandhausmentalität».

Eine Reaktion der Aufsichtsbehörden war sicherlich zu erwarten, da Ma dem Gouverneur der People's Bank of China, Yi Gang, dem Chef der obersten Bankenaufsichtsbehörde, Guo Shuqing, und anderen Top-Bankern im Saal praktisch ins Gesicht spuckte. Sein Verhalten war nicht nur in China ungewöhnlich, sondern wäre in der ganzen Welt ungewöhnlich gewesen. Ich bezweifle, dass irgendein Eigentümer einer Fintech-Firma in den USA oder Europa es wagen würde, solche Bemerkungen vor Jay Powell oder Christine Lagarde zu machen.

Trotz einer heftigen Online-Diskussion gab es zunächst aber keine unmittelbare Reaktion der Regierung. Chinas oberste Regulierungsbehörden mussten in der folgenden Woche am Fünften Plenum der Partei teilnehmen, und sie trafen sich erst am 31. Oktober wieder, als Vizepremier Liu He den Vorsitz bei einem Treffen des Ausschusses für Finanzstabilität und Entwicklung führte, dem alle wichtigen Finanzaufsichtsbehörden angehören.

An der Sitzung erörterten die Ausschussmitglieder, «alle Arten von Finanzaktivitäten zu regulieren und gleiche Unternehmen gleich zu behandeln». Das richtete sich eindeutig an Ant Group, und es bedeutete effektiv, dass ein Grossteil des Kreditgeschäfts von Ant, das zuvor laschere Regulierungen genossen hatte, auf die gleiche Weise reguliert werden sollte wie das Bankkreditgeschäft.

Das Treffen war wahrscheinlich auch der Ort, an dem die Regulierungsbehörden über den Entwurf einer Verordnung über Online-Mikrokredite entschieden, der zwei Tage später veröffentlicht wurde, und beschlossen, Ma und andere Spitzenkräfte von Ant vorzuladen.

Diese beiden Entwicklungen waren wichtig genug für die Börse in Schanghai, um die Publikumsöffnung von Ant Group am 3. November zu stoppen. Was genau bei dem Treffen von Ma mit den Regulierungsbehörden besprochen wurde, ist immer noch nicht veröffentlicht worden.

Konkurrierende Kräfte in den Regulierungsbehörden

In einigen Kommentaren wurde das Vorgehen der Behörden gegen Ant als Unterdrückung privater Firmen oder von Innovationen bezeichnet. Das ist falsch. Es hat immer zwei konkurrierende Lager innerhalb der chinesischen Finanzaufsichtsbehörden gegeben, wobei die eine Gruppe eher für die Unterstützung von innovativen neuen Anbietern und die andere Gruppe mehr um das Risikomanagement besorgt war.

Aus der Perspektive der wachstumsfreundlichen Fraktion führt China viele andere Länder im Bereich Fintech an, und sie wollen diesen Vorteil nicht verlieren. Tatsächlich sollte man Jack Ma und seinen Mitarbeitern bei Alibaba und Ant viel Anerkennung zollen, da sie mit Alipay eines der weltweit grössten E-Bezahlsysteme aufgebaut haben. Sie trugen auch dazu bei, einige der wichtigsten Finanzreformen Chinas, etwa die Zinsliberalisierung, zu beschleunigen, indem sie den Einlegern höhere Renditen boten und die Guthaben von Millionen von Sparern in Geldmarktfonds investierten.

Für die konservative Fraktion ist die Vermeidung finanzieller Systemrisiken jedoch eine Schlüsselverantwortung – und das Konsumkreditgeschäft von Ant ist in einem alarmierenden Tempo gewachsen. Laut ihrem IPO-Prospekt hat Ant ausstehende Verbraucherkredite in Höhe von 1,75 Bio. Renminbi (umgerechnet rund 265 Mrd. $), was die Bilanz vieler mittelgrosser Banken bei weitem übersteigt. Ant verlangt sehr viel höhere Zinssätze von 14 bis 18% auf Jahresbasis und sieht sich im Gegensatz weitaus weniger Einschränkungen, wie zum Beispiel Kapitalanforderungen, ausgesetzt. Es wäre ein Versäumnis, wenn die Aufsichtsbehörden und die PBoC da nicht genau aufpassten.

Da Alibaba und Ant weithin als Objekte des Nationalstolzes Chinas angesehen werden, haben Jack Ma und sein Team sehr erfolgreich Lobbyarbeit für eine günstigere regulatorische Behandlung im Namen von Innovation und Entwicklung betrieben, so dass die konservative Regulierungsgruppe jahrelang den Kürzeren gezogen hat. Es gab zahlreiche Fälle, in denen die Behörden Vorschriften zur Stärkung der Aufsicht über die Internet-Finanzierung entwickelt hatten, die jedoch entweder auf Eis gelegt oder verwässert wurden.

Der geplante Börsengang ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass Ant eine Sonderbehandlung erfuhr. Es dauerte weniger als zwei Monate, bis Ant die Genehmigung für das IPO der A-Aktie von den Wertpapieraufsichtsbehörden erhielt, während die Wartezeit normalerweise sechs Monate oder länger beträgt.

Die Tatsache, dass keiner der grössten chinesischen Technologieriesen auf dem Markt für A-Aktien notiert ist, wurde als peinlich empfunden, und die Behörde liess Ant in der Warteschlange vorrücken.

Fehlkalkulation oder schlampiger Schachzug?

Nun hat sich das Kräfteverhältnis seit der Rede von Ma deutlich zugunsten der konservativen Fraktion verschoben. Insider sind verwundert, warum er so dreist war, aber unter den Hypothesen, die in Umlauf gebracht wurden, scheinen zwei glaubwürdig zu sein.

  • Version A: Es war ein kalkulierter Schritt, aber Jack Ma verrechnete sich mit dem Risiko. Er wusste, dass die Bankenaufsichtsbehörden die Vorschriften für Konsumkredite von Fintech-Firmen verschärfen wollten, deshalb wollte er die Rede in seinem gewohnt scharfen Stil als Gelegenheit nutzen, um gegen sie zu argumentieren.
  • Version B: Er war einfach schlampig. Ma fühlte sich nach der Genehmigung für den Börsengang von Ant im Hoch, und er fühlte sich aufgrund seines Status als Ikone und Pionier übermässig sicher, offen zu sprechen. Wie es heisst, hatte er den Inhalt seiner Rede nicht mit seinen Kollegen abgesprochen.

Ungeachtet dieser Versionen ist es für viele Menschen, vielleicht auch für die angegriffenen Top-Regulierer, so rätselhaft, dass Ma's Rede nicht nur im Ton beleidigend, sondern auch inhaltlich mangelhaft war. Er lieferte kaum durch Fakten gestützte Beweise, und seine Rede klang, als argumentiere er nicht um der Innovation willen, sondern zum Nutzen seines eigenen Unternehmens.

Während Ma die Bedeutung von Innovation im Allgemeinen betonte, ignorierte er die Tatsache, dass Innovation im Finanzsektor ein zweischneidiges Schwert ist. Viele Finanzkrisen in der Vergangenheit, das wissen wir in Europa und den USA aus eigener Erfahrung, wurden durch Ehrgeiz unter dem Deckmantel der «Innovation» ausgelöst.

Auch in China liefert die Historie dafür Beispiele. Der sogenannte Schattenbankensektor erlebte im Namen der «Innovation» und der «inklusiven Finanzierung» ein rasantes Wachstum, bis die Regulierungsbehörden das inhärente Risiko erkannten und Massnahmen ergriffen, um es nach 2017 zu verringern.

Wie die konservative Regulierungsfraktion hervorhebt, wäre es inkonsequent, gegen die Schattenfinanz vorzugehen, ohne die Verbraucherkredite von Ant einer gleichen Prüfung zu unterziehen.

Der Anfang, nicht das Ende

Nach Angaben des Wochenmagazins «Caixin» haben die Bankenaufsichtsbehörden seit Jahren eine Regelung für Online-Kleinkredite entwickelt, die jedoch aufgrund der erfolgreichen Lobbyarbeit von Ant und anderen Anbietern immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde.

Die Rede von Ma gab dem Entwurf ein glühendes grünes Licht. Der Verordnungsentwurf enthält einige Schlüsselanforderungen, die darauf abzielen, den Verschuldungsgrad von Kleinkreditgebern zu reduzieren: Sie sollten über mindestens 5 Mrd. Renminbi Eigenkapital verfügen; sie müssen mehr als 30% der Mittel beisteuern, wenn sie einem Kunden zusammen mit einer Bank Kredite gewähren; und ihre maximale Bilanzsumme sollte nicht mehr als das Sechsfache des Wertes ihres Nettovermögens betragen.

Gegenwärtig verfügen die beiden Kleinkreditunternehmen von Ant Group zwar über mehr als 5 Mrd. Renminbi Kapital, aber ihre Bilanzen sind 60 mal grösser als ihr Nettovermögen, und sie stellen nur sehr wenige Mittel in Form von Kooperationskrediten zur Verfügung. Ant wird mehr Kapital in diese beiden Firmen investieren und die Expansion verlangsamen müssen, sonst verstösst der Konzern gegen die Vorschriften.

Die Verordnung betrifft nicht nur Ant, sondern die gesamte Branche; einige Konkurrenten von Ant wie JD Digits stehen vor noch grösseren Herausforderungen, weil sie über weniger Kapital verfügen.

Wichtiger noch: Selbst wenn dieser Entwurf verabschiedet wird, wird Ant immer noch mit einer viel lockereren Regulierung konfrontiert sein als Banken. Beispielsweise müssen Banken die Mindestanforderung an die Kapitaladäquanzquoten erfüllen und sich den makroprudenziellen Bewertungen der PBoC stellen, was Kleinkreditgeber nicht tun.

Alles in allem kann mal also sagen, dass es in der Entwicklung der vergangenen Wochen nicht darum ging, Jack Ma zu bestrafen. Viel eher kann man sagen, dass die konservative Fraktion in den Regulierungsbehörden wieder die Oberhand gewonnen hat und Peking sehr genau darauf achtet, die Risiken im Finanzsystem unter Kontrolle zu halten.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.