Meinung

Die Lehren aus der Covid-19-Krise für die Digitalisierung in der Schweiz

Die Pandemie zeigt die guten wie auch die schlechten Seiten der digitalisierten Welt. Vor allem aber offenbart die Krise, wie stark die Schweiz immer noch analog tickt.

Nicolas Zahn
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Die Covid-19-Pandemie führt im Zusammenhang mit der digitalen Transformation zu verschiedenen Beobachtungen. Einerseits bringt die Krise das Beste aus innovativen Technologien und kreativen Menschen hervor, andererseits zeigen sich auch die Schattenseiten der digitalisierten Welt besonders ausgeprägt.

Vor allem aber zeigt die Krise, wie stark unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung in der Schweiz weiterhin analog tickt.

Technologie hilft in Bewältigung der Krise

Zuerst zu den guten Nachrichten: Technologie kann uns helfen, die Krise zu meistern! Abgesehen von der offensichtlichen Anwendung von medizinischen Geräten in Labors und Spitälern können digitale Technologien einen Beitrag zur Linderung von Lieferengpässen für dringend benötigte Geräte leisten. So wurde zum Beispiel in Italien 3D-Druck eingesetzt, um Ersatzteile für Beatmungsgeräte herzustellen, ohne auf eine lange Lieferkette angewiesen zu sein. Ebenfalls können etwa Supercomputer die Forschung bei der Analyse des Virus und möglicher Impfstoffe unterstützen.

Digitale Plattformen vernetzen auch in der Schweiz Hilfsbedürftige Personen effizient mit möglichen Helferinnen und Helfern, wie das rasch aus dem Boden gestampfte Projekt hilf-jetzt zeigt. Regierungen können zudem Know-how aus der Bevölkerung mobilisieren, sei es via Hackathons oder durch die Bereitstellung offener und qualitativ hochwertiger Daten, welche dann weiter aufbereitet werden können und somit einen Beitrag zum Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen leisten.

Obwohl gerade die Medienbranche stark vom digitalen Wandel betroffen ist und die klassischen Medien ihre Gatekeeper-Funktion seit längerer Zeit verloren haben, scheint sich der Informationskonsum der Bevölkerung in der Krise auf als glaubwürdig eingeschätzte Medien wie zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Sender und staatliche Pressekonferenzen zu konzentrieren.

Desinformation und Cyber-Kriminalität

Dennoch zeigt sich gerade beim Thema Information auch die dunkle Seite des digitalen Zeitalters besonders stark. So sehen wir nicht nur staatliche Desinformationskampagnen, sondern auch die geschickte Nutzung sozialer Medien wie beispielsweise WhatsApp zur Verbreitung irreführender Informationen. Die digitalen Tools stellen die Behörden deshalb auch vor viele Herausforderungen.

Auch Cyber-Kriminelle wittern ihre Chance und nutzen die allgemeine Verunsicherung nicht nur für grossangelegte Attacken in der berechtigten Hoffnung, die Krise mache uns besonders anfällig für Phishing. Die Umstände der Krise sorgen auch für mehr potenzielle Opfer von Cyber-Attacken: Spitäler, welche zuvor schon beliebte Ziele waren, scheinen jetzt noch attraktiver zu sein.

Viele Arbeitnehmende sind nun zudem zum ersten Mal im Home-Office und somit interessante Ziele für die Ausnutzung von Schwachstellen. Die Wirtschaft verlässt sich noch mehr als vor der Krise auf eine verlässliche IT-Infrastruktur, was diese zu einem sehr attraktiven Ziel für Cyber-Kriminelle werden lässt. Probleme und Schwachstellen, welche zuvor nicht behandelt wurden, drohen nun schamlos ausgenutzt zu werden.

Doch auch Freunde von Überwachung durch Technologie sehen ihre Stunde gekommen, und Vorschläge zu deren Ausweitung werden mit Verweis auf andere Staaten wie China präsentiert.

Reality Check für die Schweiz

Die Covid-19-Krise liefert somit Anschauungsmaterial sowohl für die positiven als auch für die negativen Seiten der digitalen Transformation. Vor allem aber bietet sie aber einen überfälligen reality check, wo wir in der Schweiz in Bezug auf die Digitalisierung stehen.

Und dieser zeigt: Wir leben noch in einer analogen Welt.

Der rechtliche Rahmen erschwert teilweise Innovationen, die technisch bereits möglich wären, so zum Beispiel bei der Diskussion um Patente und Urheberrechte im Kontext des 3D-Drucks. Der verordnete Wechsel hin zu mehr Home Office deckt zudem auf, dass sich Firmen hier nicht nur kulturell schwer tun, sondern teilweise auch nicht über die nötigen technischen Bedingungen verfügen – von fehlenden Laptops für Mitarbeitende bis zu überlasteten VPN-Systemen.

Die Krise könnte hier mittelfristig als Katalysator für einen tiefgreifenden Wandel dienen. Dies wiederum stellt auch die Netzbetreiber wie Swisscom und Sunrise vor Herausforderungen, die nun Investitionen in Kapazitäten nachholen müssen, um Ausfälle zu minimieren.

Zu guter Letzt werden auch auf staatlicher Ebene Versäumnisse in der digitalen Transformation aufgedeckt, so beispielsweise in den noch wenig digitalisierten Prozessen zur Datenerhebung und Auswertung im Bundesamt für Gesundheit.

Die Quintessenz dieses kriseninduzierten reality checks für den Hype-Trend «Digitalisierung» darf nun aber nicht einfach «es braucht mehr und schnellere Digitalisierung» sein. Viel eher ist die Lehre, dass es Nachholbedarf bei den basics gibt und fancy stuff von Blockchain bis künstlicher Intelligenz nachgeordnet eine Rolle spielt.

Diese Lektion überdauert hoffentlich auch die Krise, damit sich die Schweiz danach auf eine solide digitale Basis stellen kann.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
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