Die Meinung

Der Dax wird weiter leiden

Das deutsche Leitbarometer dürfte auch in den kommenden Monaten schwach abschneiden, weil zu wenige seiner Konstituenten im weltweiten Kontext attraktiv sind. Einige Werte stechen dennoch positiv hervor. 

Alfons Cortés

Seit April 2017 hinkt der Dax dem MSCI Welt stetig hinterher. In der Originalwährung hat das deutsche Leitbarometer bis Ende Juli 5,7% verloren, während der MSCI Welt 18% zugelegt hat. In Euro umgerechnet hat der MSCI einen Zuwachs von 13,8% verzeichnet.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt.
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Kleider machen Leute. Aktien machen Indizes – nicht umgekehrt. Indizes erhalten im Markt jedoch viel mehr Beachtung als einzelne Aktien. Dadurch gewinnen sie eine besondere Bedeutung, denn die Börse ist Kommunikation, und zwar eine Kommunikation, die immer auf Sendung ist. Durch ihre Prominenz erlangen die Indizes die Bedeutung der Stimmungsmacher.

Der Stimmungsmacher für deutsche Aktien ist allerdings nicht bloss der Dax. Abgesehen davon, dass der Konzertmeister für alle Indizes der S&P 500 ist und dass dessen Tonlage jene aller anderen Märkte beeinflusst, wirken sich die Sektoren-Indizes – und zwar die US-amerikanischen mehr als jene, die im MSCI Welt zur Verfügung gestellt werden – mitunter ganz mächtig auf die dem jeweiligen Sektor zugerechneten Aktien in allen Ländern aus.

Relativ starke Aktien bleiben stark

Um den Dax zu verstehen, muss man sich eine Meinung zum S&P 500 bilden, dann eine der Konstituenten des Dax im Gefüge des jeweiligen Sektors, dem jede Aktie zugerechnet ist. Dabei darf nie vergessen werden, was Dutzende wissenschaftlicher Untersuchungen mittlerweile festgestellt haben: Aktien, die während zwölf Monaten – einige sprechen von sechs Monaten – relativ stark zu einem Index waren, haben die Neigung, während weiterer zwölf Monate relativ stark zu bleiben.

Ich selbst wende die Zwölf-Monate-Regel nicht an. In der Praxis zeigt sich nämlich, dass eine Anpassung der Veränderungsrate der relativen Preise an den jeweiligen Zyklus eines Sektors beträchtlichen zusätzlichen Nutzen stiftet.

Nachstehend befasse ich mich mit allen Dax-Konstituenten und schätze ihren erwarteten Einfluss auf die Entwicklung des Dax ein. Jede Aktie wird bewertet aufgrund eines Netzwerks sich verändernder relativer Preise

  • zum Dax;
  • des Dax zum MSCI Welt;
  • jeder Aktie zur MSCI Industrie;
  • jeder Industrie zu ihrem Sektor;
  • des Sektors zum MSCI Welt.

Wie die 30 Dax-Werte abschneiden

Das Netzwerk basiert auf der quantitativen, vollcomputerisierten Bewertung der Veränderungsraten der marktgenerierten Preise, die in Form von sogenannten Ratings zum Ausdruck gebracht werden. Damit wird jedes gehandelte Objekt mit jedem anderen vergleichbar.

Um das Ergebnis übersichtlich zu halten, führe ich nachstehend auf:

  • Den Block jener Aktien, die zu einer positiven Performance des Dax zum MSCI Welt beitragen werden
  • Den Block jener Aktien, die zu einer neutralen Performance des Dax zum MSCI Welt beitragen werden
  • Den Block jener Aktien, die zu einer negativen Performance des Dax zum MSCI Welt beitragen werden

Block mit Beitrag zu positiver relativer Performance zum MSCI Welt auf drei bis sechs Monate

Name Gewichtung im Dax in %
Allianz 9,1707
Adidas 5,5169
Munich Re 3,2629
Deutsche Börse 2,4858
Vonovia 2,3492
RWE 1,3807
Total 24,1662

Block mit Beitrag zu neutraler relativer Performance zum MSCI Welt auf drei bis sechs Monate

Name Gewichtung im Dax in %
Linde 9,7767
SAP 9,5188
Deutsche Telekom 5,046
Volkswagen 2,8902
Eon 2,0558
Wirecard 1,8058
Henkel 1,673
Merck 1,2616
Beiersdorf 1,0752
Total 35,1031

Block mit Beitrag zu negativer relativer Performance zum MSCI Welt auf drei bis sechs Monate

Name Gewichtung im Dax in %
Siemens 7,8486
Bayer 5,8243
BASF 5,8071
Daimler 4,3935
Deutsche Post 3,0152
Infineon 2,2392
BMW 2,2625
Fresenius 1,9465
Deutsche Bank 1,5338
Continental 1,4109
Fresenius Medical Care 1,3761
HeidelbergCement 0,9942
Covestro 0,7259
Deutsche Lufthansa 0,7194
ThyssenKrupp 0,6058
Total 40,703

Damit 24% der Kapitalisierung des Dax mit potenziell positivem Beitrag zur relativen Entwicklung des Dax zum MSCI Welt den negativen erwarteten Beitrag von 40% der Kapitalisierung überbieten oder mindestens ausgleichen, müsste die relative Position der positiven Aktien zu einer jeweils positiven Industrie vorliegen, deren relativer Trend zu einem zum MSCI Welt relativ sehr starken Sektor auch positiv ist.

Eine Suche nach solchen Titeln ergibt null Treffer.

Dax wird dem MSCI Welt weiter hinterherhinken

Somit gehe ich davon aus, dass der Dax noch für mindestens drei bis sechs Monate seine relative Schwäche zum MSCI Welt beibehalten wird.

Noch ein Wort zur Bedeutung der relativen Stärke. Dieses Instrument dient nicht dazu, kurzfristig – das heisst monatlich bis quartalsweise – eine Überrendite zu einer Messlatte zu erlangen. Wer das versucht, muss scheitern, weil dieses Bestreben dazu führt, dass man stets hinter dem her eilt, was bereits geschehen ist.

Relative Trends müssen erst hinlänglich etabliert sein, um erkannt zu werden, und das wiederum ist wichtig, um einen viralen Ausbreitungseffekt eines einmal etablierten Themas zu entfalten. Das Ansteckungsvirus ist schliesslich der Erfolg der anderen, die im komplexen System Börse immer beobachtet werden.

Nicht zu früh auf Trendwende setzen

Wie Kurstrends durchlaufen auch relative Trends wiederkehrende Konsolidierungen. Diese führen zu einer vorübergehender Underperformance zu einer Messlatte. Das muss man aushalten. Einmal etablierte relative Trends sorgen nämlich dafür, dass man die wirklich grossen Themen versteht und dabei bleibt, bis sie verworfen werden.

Man steigt also nicht zu früh aus, weil die Bewertungen als zu hoch angesehen werden. Zudem erhält man eine praktische Handhabe zur Umsetzung der Empfehlung aus der Behavioral Finance Forschung, Gewinneraktien zu halten und Verliereraktien zu verkaufen. Über einen ganzen Zyklus betrachtet werden die vorübergehenden Schwächen des Ansatzes mehr als nur Wett gemacht.