Meinung

Die nächste Rohstoff-Falle droht bei strategischen Metallen und Seltenen Erden

Hightech-Metalle wie Palladium, Nickel, Lithium oder Neodym sind für Zukunftstechnologien unerlässlich. Ihre Verfügbarkeit hängt stark von China und Russland ab. In Europa droht deshalb zusätzlich zur Gaskrise ein neuer brisanter Engpass.

Heinz-Werner Rapp
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Die Welt befindet sich aktuell in einem Zustand akuter Unordnung und stark erhöhter Fragilität. Bisherige ökonomische und geopolitische Strukturen verändern sich sehr dynamisch – angefangen von den massiven Folgen der Corona-Pandemie bis hin zu den Konsequenzen des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Diese «geoökonomische Zeitenwende» erzeugt ein neues Szenario, in dem sich Grossmachtkonflikte weiter zuspitzen und damit auf absehbare Zeit die Weltwirtschaft prägen.

Eine zentrale Rolle spielen politisch oder ökonomisch bedingte Verwerfungen und Entkopplungen globaler Transaktionsnetze. Dabei wird im Ergebnis die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe (z.B. Erdgas), Vorprodukte (z.B. Stahl), technischer Komponenten (z.B. Computerchips) oder Fertigwaren (z.B. Dünger) abrupt unterbrochen. Auch die Belastbarkeit und Verlässlichkeit bestimmter Transportwege und Lieferketten wird ernsthaft gefährdet oder zumindest strategisch in Frage gestellt.

Keine Energiewende ohne strategische Metalle

Die Gruppe «strategischer Metalle» – im Fokus stehen dabei Kupfer, Palladium, Lithium, Kobalt, Neodym und andere Seltene Erden – bietet ein eindrucksvolles Beispiel für strukturelle Abhängigkeiten und mögliche geoökonomische Verwerfungen.

Einerseits sind diese Metalle von grosser Wichtigkeit für Zukunftstechnologien in den Bereichen Digitalisierung, Raumfahrt, Telekommunikation und Elektromobilität, aber auch für alle modernen Militär- und Rüstungsprojekte. Hinzu kommt das gesamte Feld der klimabedingten Dekarbonisierung, mit dem Ziel einer schnellen Energiewende auf Grundlage erneuerbarer Energiequellen.

Andererseits unterliegen viele strategische Metalle schon heute ernsthaften Knappheiten und geopolitischen Risiken. Speziell der Komplex der Seltenen Erden zeigt eine starke Konzentration – sowohl der Lagerstätten als auch der Produktion – auf Länder wie China oder Russland, die sich nicht mehr zwingend als Teil eines freien und offenen Weltmarkts sehen.

Versorgungssicherheit wurde sträflich vernachlässigt

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die Weltwirtschaft den Aspekt einer reibungslosen und sicheren Versorgung mit Hightech-Metallen und Seltenen Erden bislang sträflich vernachlässigt hat. Jede neue geopolitische Verspannung – ausgelöst etwa durch einen Konflikt zwischen den USA und China um Taiwan – könnte umgehend zu einer drastischen Verschärfung der weltweiten Versorgungslage bei diesen Metallen führen.

Ein solcher Risikofall würde nahtlos an das heutige Bild akuter Energieknappheit sowie umfassender Lieferbeschränkungen und Sanktions-Regimes zwischen dem Westen und Russland anschliessen. Im Ergebnis würden wichtige Projekte und Zukunftstechnologien in den Industrieländern existenziell abgehängt, wenn die erforderlichen Mengen strategischer Metalle nicht mehr oder nur zu deutlich höheren Preisen verfügbar wären.

Ähnlich wie Russland heute wäre dann künftig China in der Lage, bestehende Abhängigkeiten und Knappheiten geopolitisch zu seinem Vorteil zu nutzen. Und ähnlich wie heute hätte Europa erneut einen abrupten Versorgungsengpass, der zu massiven Einschränkungen, Verzögerungen oder gar Streichungen strategischer Projekte führen würde. Es droht eine neue Rohstoff-Falle.

Welche Bedeutung strategische Metalle haben, wird am Beispiel von Lithium deutlich, das als Batterie-Rohstoff für Elektrofahrzeuge eine unverzichtbare Schlüsselkomponente der Energiewende ist.

Nachfrage nach Lithium wird sich verzwanzigfachen

Die Nachfrage nach Lithium wird sich bis zum Jahr 2050 mindestens verzwanzigfachen. Dies führt bereits heute zu spürbaren Verknappungen. Auch bei Lithium gehört China zu den wichtigsten Förderländern und dominiert zudem die globale Verarbeitung.

Verwendung von Lithium auf dem Weltmarkt

Verwendung von Lithium auf dem Weltmarkt

Das neue Dilemma: Je mehr Europa versucht, sich durch alternative Energien von russischem Erdgas zu lösen, desto grössere Abhängigkeiten entstehen bei strategischen Metallen. Erst allmählich entsteht ein Bewusstsein für die potenziell sehr kritische Versorgungslage. Neue politische Initiativen zielen auf eine stärkere Bündelung von Einkaufsmacht, eine bessere globale Diversifizierung möglicher Bezugsquellen sowie generell um eine stärkere Förderung von Prozessen einer Kreislaufwirtschaft.

Der aktuelle Vorstoss der EU-Kommission mit dem Ziel einer speziellen Gesetzgebung zur Sicherung der strategischen Versorgungssicherheit («Raw Materials Act») geht bereits sehr klar in diese Richtung. Der Aufbau eines Netzes alternativer Bezugsquellen, die global nur in sehr begrenztem Umfang verfügbar sind, ist jedoch nicht trivial. Dies erfordert in jedem Fall sehr schnelles und entschlossenes Handeln sowie ein neues Verständnis für die Struktur und die Bedeutung globaler Transaktionsnetze. Ebenfalls erforderlich ist eine gezielte und deutlich aktivere geostrategische Ausrichtung der Wirtschaftspolitik sowie eine stärkere Koordination zwischen elementaren Zielen von Politik und Wirtschaft.

Chancen in Recycling und Urban Mining

Unternehmer und Investoren sollten sich in ihren Überlegungen und Aktivitäten auf das Szenario einer neuen Rohstoff-Falle einstellen. Entsprechend sollten Investments in Industrien mit hohem Bedarf an strategischen Metallen eng überwacht werden; gleichzeitig sollte verstärkt nach möglichen Chancen in den Sektoren Recycling und Urban Mining Ausschau gehalten werden.

Da Investments im Bereich der strategischen Metalle oft nicht problemlos möglich sind, können professionelle Investoren auch Aktien entsprechender Minen und Produzenten in Betracht ziehen.

Strategische Metalle – das zentrale Problem

Strategische Metalle – das zentrale Problem

Die ausführliche Analyse «Hightech-Metalle und Seltene Erden – Akute Rohstoff-Risiken für Europas Zukunft» wurde beim Feri Cognitive Finance Institute als «Cognitive Comment»» veröffentlicht. Die Analyse kann hier heruntergeladen werden.

Heinz-Werner Rapp

Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.
Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.