Meinung

Die nächsten Züge auf dem Schachbrett der Weltpolitik

Die Zeichen stehen auf Konfrontation: Befürchtungen um einen Angriff Russlands auf die Ukraine nehmen zu. Derweil wird China immer aggressiver gegenüber Taiwan. Was bedeuten diese alarmierenden Entwicklungen für die westlichen Demokratien?

Marc Chandler
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China spielt Schach, heisst es oft. Amerika hingegen spiele bloss Dame, ein wesentlich leichteres Spiel. Noch banaler oder abgedroschener können Vergleiche zur Aussenpolitik der beiden Weltmächte wohl kaum werden.

Demokratie ist immer chaotisch. Im antiken Griechenland und in der klassischen Politikwissenschaft glaubte man nicht daran, dass die Herrschaft des Volkes von Dauer sein kann. Doch Amerikas historischer Beitrag zum Staatswesen lehrt uns eines Besseren: James Madison, der vierte Präsident der Vereinigten Staaten und einer der Gründerväter, legte es in den Federalist Papers seinerzeit folgendermassen dar: Damit eine repräsentative Demokratie in einem grossen Staatsgebiet überlebt, muss sie die Rahmenbedingung so auslegen, dass sich keine dauerhafte Mehrheit bilden kann.

Demokratie ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Als die USA 1787/89 gründet wurden, waren nur weisse Männer mit Landbesitz wahlberechtigt. Das Parlament in den Gliedstaaten wählte die Senatoren für den amerikanischen Kongress. Im Lauf der Zeit wurde das Wahlrecht sukzessive ausgeweitet, und jeder Schritt auf diesem Weg war ein Kampf.

In meinem Buch, «Political Economy of Tomorrow», schlage ich vor, in den USA das Wahlrecht ab 16 einzuführen, wie es in einigen europäischen Ländern und bei den Primärwahlen in einigen US-Gliedstaaten bereits praktiziert wird. Die Stadt New York hat vor kurzem sogar rund 800’000 Einwohnern ohne US-Staatsbürgerschaft das Wahlrecht für die Kommunalwahlen gewährt.

Es stimmt: In vielen US-Bundesstaaten gibt es demgegenüber Bestrebungen, das Wahlrecht einzuschränken. Aus meiner Sicht sind das Rückzugsgefechte, die darauf abzielen, verlorenes Terrain zurückzuerobern. In den USA steht damit der Schutz des Voting Rights Act von 1965 auf dem Prüfstand. Das gleiche gilt für das Recht zum Schwangerschaftsabbruch, das im Gerichtsentscheid Roe vs. Wade und in nachfolgenden Rechtsfällen anerkannt wurde.

Man könnte sich daher fragen, ob hier nicht Parallelen zu den US-Präsidentschaftswahlen von 1876 und der damit verbundenen Aufhebung der Reconstruction bestehen; der vom Sezessionskrieg bis 1877 währenden Phase, in der die Südstaaten wieder in die Union eingegliedert wurden. Die bürgerlichen und politischen Rechte für freigelassene Sklaven wurden mit der Einführung der Jim-Crow-Gesetze wieder aufgehoben. Demokratie erfordert daher immer Wachsamkeit. Doch das ist nicht neu.

Weil immer mehr schockierende Einzelheiten zu den Machenschaften des letztjährigen Sturms von Trump-Anhängern auf das Kapitol bekannt werden, nimmt die Angst vor einem «verfassungsmässigen» Staatsstreich in den USA zu - statt zu sinken.

Die Tatsache aber, dass die Demokraten unabhängige Wähler und den Support der Arbeiterklasse in den letzten Jahren verloren haben, wird unterschätzt. Die Republikaner gehen den altmodischen Weg, um in einer repräsentativen Demokratie die Macht zu erlangen: nämlich, sich die Mehrheit der Wähler zu sichern. Umfragen (und die Quoten auf politischen Börsen wie PredictIt) legen nahe, dass die republikanische Partei bei den Zwischenwahlen vom November wahrscheinlich die Kontrolle über beide Kammern im Kongresses gewinnen wird.

Amerika als selbsternannter Richter über Demokratie

Meiner Meinung nach ist ein solches Szenario viel wahrscheinlicher, als ein Staatsstreich in den USA. Dennoch wird Ray Dalio, Gründer des Hedge Funds Bridgewater Associates, in den Finanzmedien zitiert, dass er die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkriegs in den Vereinigten Staaten im nächsten Jahrzehnt auf 30% schätze.

Der populistische Schub, der auf die grosse Finanzkrise von 2008/09 folgte, ist jedoch vorbei. Populistische Kräfte haben zwar die Mitte-Rechts-Parteien in den USA und im Vereinigten Königreich erobert. Auf dem europäischen Kontinent hingegen sind sie inzwischen auf den Status einer Randpartei zurückgestuft worden.

Die Demokratie ist lebendig und gesund - zum Glück! Die grösste Bedrohung für den demokratischen Prozess könnte aber von der Konzentration von Vermögen und Einkommen ausgehen. Wie in der Vergangenheit könnte dieser Trend unter anderem dazu führen, dass die Macht des Staates dafür eingesetzt wird, festgefahrene Interessen zu wahren.

Demokratien sind dazu fähig, sich selbst zu hinterfragen und Reformen durchzuführen. «Making the World Safe for Democracy - die Welt sicher für Demokratie machen» war ein grossartiger Slogan von US-Präsident Woodrow Wilson, mit dem Amerika im April 1917 in den Ersten Weltkrieg eintrat. Heute wird versucht, seinen Ausspruch als populäres Narrativ neu aufleben zu lassen.

Die Vereinigten Staaten haben unlängst einen Gipfel für demokratische Staaten einberufen. Indem Ungarn vom virtuell abgehaltenen Treffen ausgeladen wurde (nicht aber Polen, das mit der EU ebenfalls in einem Disput um Rechtsstaatlichkeit steht), hat sich Washington zum Richter und zur Jury über die Definition von Demokratie gemacht.

Übrigens: In Ungarn finden diesen Frühling Parlamentswahlen statt. Man hätte in diesem Zusammenhang eigentlich erwarten können, dass die Biden-Administration ein möglichst weites Netz auswerfen würde, um ein Bündnis mit dem osteuropäischen Land aufzubauen. Und wenn Ungarn die Kriterien der Biden-Regierung für Demokratie nicht erfüllt, was ist dann mit Texas und seinem Effort, das Wahlrecht und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch einzuschränken?

Autoritäre und totalitäre Regime

Die aktuellen Vorgänge in der Weltpolitik als Kampf zwischen demokratischen Regierungen und autoritären Regimen darzustellen, verschleiert gegensätzliche nationale Interessen. Stellen Sie sich vor, Russland würde wirklich von einer repräsentativen Regierung geführt und der Dissident Alexei Navalny würde als Präsident gewählt. Könnte er dann einen NATO-Beitritt der Ukraine oder Georgiens akzeptieren?

In China hat Parteigeneralsekretär Xi Jinping einen Grossteil der politischen und wirtschaftlichen Reformen Deng Xiaopings rückgängig gemacht. Doch könnte ein anderer chinesischer Staatschef je amerikanische Truppen in Taiwan akzeptieren? Selbst wenn diese nur eine beratende Funktion hätten, was immer das auch heiss mag? (Wir erinnern uns daran, wie der Vietnamkriegs angefangen hat.)

Das bedeutet, die USA müssen zwischen geografischen Eigeninteressen und dem jeweiligen Regime eines Landes unterscheiden, mit dem sie in Konkurrenz oder Feindschaft stehen. Entscheidend ist in dieser Hinsicht nicht nur, dass Demokratie immer ein Prozess ist und ein Land geografische Interessen haben kann, die über innenpolitische Vorstellungen zur staatlichen Organisation von Macht hinausgehen. Ebenso wichtig ist, dass nicht alle Länder, die dem amerikanischen Standard für Demokratie nicht gerecht werden, einen homogenen Block bilden. Die USA sollten deshalb nicht versuchen, sie zu einem zu formen.

Die US-Politologin Jeanne Kirkpatrick war eine Demokratin, als sie im «Commentary Magazine» vom November 1979 unter dem Titel «Diktaturen und Doppelmoral» einen vielbeachteten Essay veröffentlichte. 1982 publizierte sie ein gleichnamiges Buch. Ihre Kritik an der Aussenpolitik von Präsident Jimmy Carter war so überzeugend, dass Ronald Reagan sie 1980 zur aussenpolitischen Beraterin in seinem Wahlkampf machte und sie 1981 als erste Frau zur amerikanischen Botschafterin in der UNO ernannte. 1985 wurde sie zu einer Republikanerin.

Kirkpatrick unterschied zwischen autoritären und totalitären Regimen. Erstere, so argumentierte sie, verfügen nicht über eine alles umfassende Kommandowirtschaft. Oft handle es sich stattdessen um eine Mischung aus privaten und traditionellen Eigentumsverhältnissen, wobei sich letztere primär auf die Agrarwirtschaft und die gesellschaftliche Elite der Landbesitzer beziehen. Totalitäre Regime betreiben gemäss dem Konzept von Kirkpatrick hingegen eine vollkommen staatlich gelenkte Planwirtschaft. Ihrer Argumentation zufolge sind autoritäre Staaten demnach zu Veränderungen fähig, totalitäre Regime hingegen kaum.

Der unter den Schlagworten «Glasnost» und «Perestroika» von Michail Gorbatschow 1985 in Gang gebrachten Reformprozess zur Umgestaltung der Sowjetunion demonstriert jedoch, dass sich auch totalitäre Regime ändern können. Das beweisen ebenso die politischen und wirtschaftlichen Reformen in China unter Staatschef Deng Xiaoping in der Zeit nach Mao.

Russland und die Ukraine

Anders als in der Physik lässt sich die Zeit in der Politik aber auch zurückdrehen. Bereits erwähnt habe ich in diesem Kontext die Rückzugsgefechte in den USA, um Fortschritte bei der Ausweitung des Wahlrechts und bei individuellen Freiheitsrechten wie dem Schwangerschaftsabbruch rückgängig zu machen.

Im Fall von Russlands Präsident Vladimir Putin wird es immer wahrscheinlicher, dass er ein weiteres Teilgebiet der Ukraine besetzt, um einen früheren Einflussbereich der Sowjetunion zurückzuerlangen. In China hat Staatschef Xi viele der Reformen von Deng Xiaoping rückgängig gemacht und die Kontrolle des Staates und der Kommunistischen Partei ausgeweitet.

In den USA werden die Zwischenwahlen vom Herbst der politische Höhepunkt dieses Jahres sein. Das Pendant in China dazu ist der 20. Parteitag im Oktober, der die Abkehr von den unter Deng eingeleiteten politischen Reformen weiter beschleunigen wird. Beschränkungen von Amtszeiten werden abgeschafft: Xi wird sich eine dritte Amtszeit sichern. Die Tatsache, dass er sein Mandat auf Lebenszeit ausüben kann, scheint die politische Elite der USA allerdings mehr zu befremden als das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989.

Der 20. Parteitag in der Sowjetunion, der im Februar 1956 stattfand, nimmt ebenfalls einen besonderen Platz in der Geschichte ein. In einem geschlossenen Plenum prangerte Nikita Chruschtschow damals die Verbrechen Stalins an. Es war das erste Mal, dass sich ein Politiker in der Sowjetunion das getraute. Chruschtschow konzentrierte sich in seiner Rede auf den Machtmissbrauch Stalins gegenüber der Kommunistischen Partei. Doch Stalins Terrorherrschaft, die brutale Zwangskollektivierung von Landeigentum und die Ermordung der Revolutionsführer Trotzki, Bucharin und Sinowjew kritisierte er mit keinem Wort.

Hierzu gibt es eine bezeichnende Anekdote: Nachdem Chruschtschow die Aufzählung von Stalins Verbrechen beendet hat, ist - wie kolportiert wird - aus dem grossen Tagungssaal der Partei ein Zwischenruf zu hören: «Und wo warst du, Genosse Nikita, als all das passierte?» Chruschtschow wird vor Wut knallrot. Er schaut sich im Publikum um, aber weil ihn das gleissende Licht der Scheinwerfer blendet, kann er nichts erkennen. Voller Zorn schreit er ins Publikum: «Wer hat das gesagt?» Totenstille. Schliesslich, nach etwa einer halben Minute ohne den geringsten Laut, hält Chruschtschow seine geballte Faust in die Luft und sagt: «Hier ist, wo ich war.»

China und Taiwan

Angesichts der Grösse und Macht der Vereinigten Staaten geht die gefährlichste Aussenbedrohung für das Land nicht von einem einzelnen Staat aus, sondern von einer Allianz seiner Feinde. Es besteht keine Notwendigkeit, Russland und China zu einem Bündnis zu zwingen. Praktisch das Einzige, was diese beiden Staaten gemeinsam haben, ist ihre Abneigung gegen eine Welt, die immer noch weitgehend von den USA dominiert wird.

Chinas Belt-Road-Initiative dringt bis in den Bauch der ehemaligen Sowjetunion vor. Während sich die NATO nach Westen ausbreitet, dringt China von Osten her nach Zentralasien vor. Unterdessen verkauft Russland weiterhin Waffen an Indien; sehr zum Missfallen Amerikas, das versucht, Indien in seine Bemühungen zur Eindämmung Chinas einzubinden. Indien wird die russischen Waffen bei den Streitigkeiten an den Grenzen zu China und Pakistan einsetzen.

Die Strategen im Pentagon spielen wohl die Eventualität durch, dass China einen Angriff auf Taiwan startet, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert. Ein solches Szenario mag zwar für Sonntagskrieger plausibel klingen, strategisch erscheint es aber wenig sinnvoll. Warum sollte es Peking Moskau erlauben, ihm den Zeitplan einer militärischen Operation zu diktieren? Moskaus Vorgehen mit Blick auf die Ukraine hängt teilweise von den Wetterbedingungen ab, welche die chinesische Volksbefreiungsarmee nicht betreffen.

Hinzu kommt, dass die US-Streitkräfte in einem solchen Fall nicht zweigeteilt würden. Eine direkte militärische Antwort auf einen russischen Einmarsch in der Ukraine haben die USA praktisch ausgeschlossen. Stattdessen drohen sie mit diversen Sanktionen. Einige davon könnten tiefgreifend sein, wie zum Beispiel das Verbot des Handelns und Haltens von russischen Staatsanleihen, die Sanktionierung staatlicher Grossbanken und die Beschränkung von Devisentransaktionen zur Umwandlung von Rubel in Dollar.

Demgegenüber scheint es, dass die USA ihre Rhetorik mit Blick auf die Situation in Taiwan allmählich verschärfen. Im vergangenen Monat erklärte der stellvertretende Verteidigungsminister für Sicherheitsangelegenheiten im pazifisch-asiatischen Raum vor einem Senatsausschuss, dass Taiwan für die Sicherheit der Region und die Verteidigung amerikanischer Interessen in diesem Teil der Welt von strategischer Bedeutung sei.

Seit Präsident Biden sein Amt im Januar antrat, musste er verschiedene Äusserungen zurücknehmen oder klarstellen. Seine verbalen Ausrutscher gingen praktisch immer in dieselbe Richtung: Taiwan. Mit der Präsenz von US-Truppen in beratender Funktion auf der Insel und der eskalierenden Rhetorik aus Washington drohen die USA den Status quo in der Situation um Taiwan ebenso zu verändern wie Peking mit seinen aggressiven Flugmanövern in der Region.

Nukleare Abschreckung

China gibt seine nukleare Strategie der minimalen Abschreckung auf. Es scheint zu diesem folgenschweren Entscheid so fest entschlossen, dass dafür mehrere Faktoren ausschlaggebend sein müssen.

Da China immer wohlhabender wird, überrascht es erstens nicht, dass es auch seine militärische Macht ausbauen will. Im Gegensatz zu den USA, die selbst im Zeitalter von Überschallraketen durch zwei Ozeane geschützt sind, befindet sich China zweitens in einer gefährlichen Nachbarschaft: Nordkorea und Indien (und Russland) verfügen über Atomwaffen.

Wegen der aggressiven Haltung der USA in Bezug auf Taiwan und wegen ihres Versuchs, eine Koalition zur «Eindämmung Chinas» aufzubauen, minimiert eine stärkere nukleare Schlagkraft aus Sicht von Peking drittens das Risiko, bei einer militärischen Eskalation in der Region zu unterliegen. Hinzu kommt viertens, dass der Ausbau des amerikanischen Raketenabwehrsystems nun ein grösseres Raketenarsenal Chinas zur wirksamen nuklearen Abschreckung erfordert.

Gemäss Experten könnte die Volksrepublik in fünf Jahren über 700 Atomsprengköpfe verfügen. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnten es über 1000 sein. Berichten zufolge wurde das US-Verteidigungsministerium von der raschen atomaren Aufrüstung Chinas überrumpelt. Das könnte darauf hindeuten, dass Pekings Reaktion mit dem raschen Ausbau des nuklearen Arsenals übertrieben ist

Wie die finstere Filmsatire «Dr. Strangelove» von Stanley Kubrick thematisiert, basierte die Logik der USA im nuklearen Wettrüsten bisher generell darauf, dass ein Feind wie China dank einer überwältigenden Schlagkraft Amerikas, einer maximaler Abschreckung und des Risikos eines amerikanischen Erstschlags sich auf eine Strategie der minimalen Abschreckung beschränken würde. Doch selbst wenn China sein Atomarsenal tatsächlich derart massiv ausbauen würde und die USA ihren Bestand an Nuklearsprengköpfen nicht erhöhen würden, wäre ihre Schlagkraft noch immer viermal so gross wie die Chinas.

Der ehemalige US-Aussenminister Mike Pompeo sprach von der Notwendigkeit eines Regimewechsels in China. Solche Anspielungen stärken jedoch bloss die Position der Hardliner in Peking. Man stelle sich dazu einmal die Reaktion in den USA vor, wenn China ähnliche Äusserungen machen würde.

Durch die Belt-Road-Initiative sowie Kredite und Handelsbeziehungen sichert sich China einen Brückenkopf in Südamerika und in der Karibik (Kuba, Jamaika, Barbados). Das von Peking forcierte Freihandelsabkommen Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) ist zu Beginn dieses Jahres offiziell in Kraft getreten. Als grösste Freihandelszone der Welt schliesst sie sogar Japan und Südkorea ein, was nicht einmal bei der seinerzeit von Präsident Obama vorgeschlagenen Transpazifische Partnerschaft (TPP) der Fall war.

Die Biden-Regierung hat zwar eine neue Initiative für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum in Asien ins Spiel gebracht. Bisher handelt es sich jedoch um ein konturloses Sammelsurium verschiedener Kooperationsbereiche, darunter Lieferketten, Ausfuhrkontrollen und Normen (z. B. für künstliche Intelligenz und Biotechnologie).

Das wirft mindestens zwei Fragen auf. Erstens: Handelt es sich bloss um einen Aufholversuch nach dem Rückzug der USA aus dem TPP-Abkommen? Und ist es überhaupt möglich, die abnehmende Bedeutung der USA im Welthandel auszugleichen, während der Handel in der Region Asien zunimmt?

Zweitens: Das politische System der USA lässt nur zwei Möglichkeiten zu, wie ein internationales Abkommen zustande kommen kann: durch die Zustimmung des Senats, was beschwerlich ist, oder durch einen Regierungserlass. Letzterer lässt sich zwar leichter umsetzen, ist aber auch einfacher annullierbar und daher weniger glaubwürdig.

Verantwortung der Eliten

Die Legitimität der politischen und wirtschaftlichen Eliten beruht auf einer anderen Art von politischem Wettbewerb – und dieser wird derzeit ausgetragen. Es geht um die Herzen und Köpfe der Menschen, und hier wird wohl der Entscheid über den weiteren Verlauf der Weltpolitik fallen. Der Weg zu den Herzen und Köpfen der Menschen wird nicht über die Ideologie des Kollektivismus oder des Individualismus führen. Letztlich geht er wohl durch den Magen.

In diesem Sinn lautet die Schlüsselfrage: Wird das Leben der Menschen und das ihrer Kinder besser? In den USA mit einem BIP pro Kopf von etwa 63’500 $ lautete die Antwort traditionell «Ja». Aufgrund der wachsenden ökonomischen Ungleichheit und abnehmender sozialer Aufstiegsmöglichkeiten ist diese Frage heute jedoch schwieriger zu beantworten, von den Umweltproblemen ganz zu schweigen.

1980 lag das BIP pro Kopf in China bei weniger als 200 $. Heute beträgt es etwa 10’500 $ und übertrifft den Vergleichswert in Russland, Mexiko und Brasilien damit bei weitem. Die Kommunistische Partei Chinas hat geliefert. Die Frage ist, ob Xi mit seinem Versuch, die seiner Meinung nach zu weitgehenden Reformen von Deng Xiaoping rückgängig zu machen, den Trend zu wachsendem Wohlstand in der Volksrepublik abtötet.

Manchmal ist in diesem Zusammenhang die Rede von einer Art Gesellschaftsvertrag: Ein besseres Leben (materieller Wohlstand, ein fortschrittliches Gesundheitssystem, steigende Lebenserwartung usw.) werden bezahlt mit der Konzentration der politischen und sozialen Macht in der Kommunistischen Partei. Diese gleicht nach westlichen Massstäben einer Massenorganisation, bei der auch Kapitalisten Mitglied werden durften.

Die Grenzen zwischen Staat und Privatsphäre werden durch neue Technologien und soziale Medien verwischt. Datensicherheit und Datenschutz sind für immer mehr Menschen und Unternehmen von grosser Bedeutung. In den USA werden die Chancen im Leben eines Menschen stark vom sozioökonomischen Status beeinflusst. Im Totalitarismus gibt es keine Grenze zwischen dem privaten und öffentlichen Leben. In kurzer Zeit hat China die Ein-Kind-Politik beendet und ist dazu übergegangen, Frauen durch den Staats- und Parteiapparat dazu zu drängen, drei Kinder zu bekommen.

Dieser Druck äussert sich in verschiedenen Formen, einschliesslich Einschränkungen beim Zugang zu Geburtenkontrolle, Abtreibung und Arbeitsmöglichkeiten. Lange oder kurze Haare bei Kulturschaffenden, die Wahl von Karaoke-Songs und Tätowierungen von Sportlern sind Beispiele für Entscheidungen, die in den USA als privat gelten, während sich die Kommunistischen Partei Chinas in solche Belange einmischt. Chinesische Beamte sehen das wohl letztlich als soziale Verantwortung an. In den USA werden solche privaten Entscheide vom Markt getrieben, in dem sich die wirtschaftliche Macht zunehmend konzentriert.

Regierungen in repräsentativen Demokratien und moderne totalitäre Regime stehen damit vor mehreren Herausforderungen, die sich im Kern ähnlich sind. Die nationale Sicherheit steht an erster Stelle. Erinnert sei hier etwa daran, dass die USA unter Trump im Namen der «nationalen Sicherheit» Zölle auf die Einfuhr von Stahl und Aluminium aus verbündeten demokratischen Staaten wie Kanada, den EU-Ländern, Grossbritannien, Japan und Mexiko verhängt haben. Biden hat diese Massnahmen noch nicht vollständig rückgängig gemacht, beispielsweise im Handel mit Japan und Grossbritannien.

Im Westen wie auch in China bringt die Konzentration von Einkommen und Vermögen diverse soziale und politische Herausforderungen mit sich. Die Covid-Pandemie zeigt, wie Armut (d.h. begrenzter Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildungsmöglichkeiten und Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen) ein wesentlicher Faktor für einen tödlichen Krankheitsverlauf sein kann. Auch der Schutz privater Daten wirft unabhängig von der politischen Struktur eines Landes wichtige Fragen auf.

Um solchen Herausforderungen zu begegnen, scheint ein breites Spektrum an Lösungsansätzen vorhanden zu sein. Es ist die Aufgabe der Eliten - ob demokratisch gewählt oder nicht - dafür zu sorgen, dass alle Menschen in einem Land die Chance auf ein besseres Leben haben, denn sonst werden sie von der breiten Bevölkerung zurückgewiesen.

Marc Chandler

Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.
Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.