Meinung

Die Schuldenkrise, über die wir nicht sprechen

Ob steigende Privatschulden oder Staatsausgaben: Das Gespenst einer Schuldenkrise kehrt regelmässig wieder. Doch eine Schuldenkrise von grosser Bedeutung geht beim rein volkswirtschaftlichen Blick oft vergessen: «Technological Debt». Es wäre ein Fehler, sie zu verharmlosen.

Nicolas Zahn
Drucken

Ende der Neunzigerjahre ging der millennium bug – auch bekannt als Y2K – um; die Angst, dass viele IT-Systeme mit dem Jahr 2000 nicht klarkommen würden. Grund war die bisherige Handhabung von Jahreszahlen in IT-Systemen als zweistellige Information. Das Jahr 2000 wäre dabei als «00» dargestellt worden, was zu diversen Problemen etwa bei der Sortierung von Daten geführt hätte.

Grund für die zweistellige Speicherung waren die hohen Kosten für Speicher zum Zeitpunkt der Entwicklung von IT-Systemen in den Sechziger- und Siebzigerjahren, was Ende des Jahrtausends jedoch kein Problem mehr war.

Im Nachhinein waren die Schadenfreude und der Hohn gross: Mit dem Jahrtausendwechsel hat ja alles wunderbar geklappt, was sollte die ganze Aufregung? Klar, es war nicht zu riesigen Problemen gekommen – aber nur, weil entsprechende Gegenmassnahmen frühzeitig ergriffen worden waren (welche erhebliche Kosten verursachten).

Ein ähnlicher Fall ereignete sich auf der beliebten Videoplattform YouTube, als der Hit-Song «Gangnam Style» so populär war, dass YouTube die Speichergrösse der Zählervariable anpassen musste.

Instabiles Fundament der digitalen Welt

Was zeigen diese beiden Beispiele? Die IT-Systeme, die unseren Alltag bestimmen, enthalten zum Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme gewisse Annahmen und entsprechen den Ressourcenrestriktionen sowie dem Wissensstand ihrer Zeit. Oft werden sie zwar weiterentwickelt, aber vor Anpassungen am grundlegenden Fundament wird meist zurückgeschreckt, aus Angst vor Kosten und der historisch gewachsenen Komplexität.

Somit erklären sich defätistische Weisheiten wie «never touch a running system» und die Tatsache, dass Legacy-Systeme, welche nur noch von ganz wenigen Spezialisten auf der Welt gewartet werden können, trotzdem weiterhin im Einsatz sind. Ein Beispiel dafür sind Mainframes bei Grossbanken, die auf COBOL laufen.

Die besorgniserregende Wahrheit ist: Unsere digitale Welt ist auf einem instabilen Fundament aufgebaut. Packages und libraries, welche teilweise nur von einzelnen Freiwilligen gewartet werden, bilden die Grundlage für Anwendungen, welche für zentrale Prozesse in führenden Unternehmungen eingesetzt werden.

Der IT-Sicherheitsexperte Bruce Schneier verwendet für diese Problematik den Begriff «technological debt». Systeme werden aufgesetzt, aber später nicht den aktuellen Umständen und den steigenden Ansprüchen an Sicherheit angepasst. IT-Entwicklung wird getrieben vom schnellen deployment und der Lancierung von unfertigen Produkten. Diese Dynamik wird durch die Netzwerkeffekte noch weiter verstärkt, denn hier gewinnt nicht jener Anbieter mit der sichersten Plattform, sondern jener, welcher am schnellsten etwas anbieten kann.

Die Anreizstruktur der digitalen Wirtschaft lädt folglich dazu ein, mehr technological debt einzugehen. Ein instabiles Fundament wird unter neuen Modulen und Funktionen vergraben, die geschaffene Komplexität läuft für den Kunden – welcher es allzu oft ohnehin gar nicht so genau wissen möchte – schlicht auf hohe Kosten hinaus.

Aus der individuellen IT-Unternehmensperspektive ist dieser Zustand kurzfristig gedacht deshalb lukrativ, für die digitale Wirtschaft als Ganzes jedoch höchst problematisch.

Technologische Schulden sind nicht harmlos

Die Konsequenzen von technological debt mögen belustigend wirken – wie beim eingangs genannten Beispiel mit YouTube – doch sind sie alles andere als harmlos.

Kritische Infrastrukturen laufen teilweise auf Betriebssystemen, welche vom Hersteller nicht mehr aktualisiert werden und somit Sicherheitslücken nicht mehr geschlossen werden. Spitäler, welche während der Covid-Pandemie ohnehin schon im Fadenkreuz von Cyber-Attacken standen, verwenden ebenfalls oft veraltete Technik, die zwar ihren Zweck auch weiterhin erfüllt, aber neue Cyberrisiken einführt: aktuellstes Beispiel ist die gehackte Rohrpost.

Genauso, wie wir uns zu Recht Sorgen machen über private und öffentliche Schulden, so sollten wir uns vermehrt um die «Schulden» in den digitalen Technologien sorgen. Wir sollten die Fundamente der digitalen Welt kritisch überprüfen und uns fragen, wie wir technological debt möglichst schnell und nachhaltig abbauen oder zumindest neue «Schulden» reduzieren können um die digitale Welt auf solider Basis zu betreiben.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Senior Project Managerbei der Swiss Digital Initiative. Zuvor war er für die IT-Beratung Elca und die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Senior Project Manager
bei der Swiss Digital Initiative. Zuvor war er für die IT-Beratung Elca und die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.