Die Meinung

Schweiz kann mit Trusts «Steuerappeal» zurückgewinnen

2009 verlor die Schweiz ihre dominante Stellung im Offshore-Privatbankgeschäft an konkurrierende Jurisdiktionen wie die USA, Grossbritannien und China. Mit einem 100%-igen Schweizer Trust könnte ein Teil des verlorenen Bodens gutgemacht werden.

Myret Zaki
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Die Schweiz musste 2009 ihr Offshore-Privatbankparadigma und das internationale Bankgeheimnis aufgeben. Der Schock, der ursprünglich durch die Untersuchung der Rolle der UBS bei der Unterstützung amerikanischer Bürger zur Steuerumgehung ausgelöst wurde, erstreckte sich auf Europa, das die Schweizer Geheimhaltungspraktiken angriff. Den Schweizer Banken standen schwierige Zeiten bevor, da sie für die Regularisierung nicht deklarierter Vermögenswerte sorgen mussten.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.

Mehr als 80% der EU-Vermögen in der Schweiz waren zu dieser Zeit nicht deklariert. Privatbanken zahlten Anwaltskanzleien, die sich auf US- oder EU-Steuervorschriften spezialisiert hatten, Millionen, um ihnen aus der Offshore-Misere herauszuhelfen. Die Banken mussten Privatkunden bitten, versteckte Vermögenswerte zu deklarieren oder die Bank zu verlassen. Sie mussten alte Konten auflösen. In einigen Fällen halfen sie den Kunden, versteckte Gelder in der Schweiz auszugeben, um das grenzüberschreitende Problem loszuwerden.

Die proaktivsten Privatbankiers hatten es seit 2004 kommen sehen (mit der EU-Quellensteuer) und die Konten der Kunden von natürlichen Personen in Strukturen juristischer Personen mit Sitz im Ausland umgewandelt. Vor allem diskretionäre Trusts waren ein sicherer wenn auch teurer Weg, um die Vertraulichkeit wieder zu erlangen.

USA halten sich nicht an internationale Standards

Die Schweiz musste den FATCA (Foreign Account Tax Compliance Act) unterzeichnen, ein von den USA einseitig durchgesetztes Gesetz, das alle Nicht-US-Finanzinstitute dazu verpflichtet, dem US-Finanzministerium Vermögenswerte zu melden, die sie von US-Personen halten. Das Problem ist, dass die Definition von US-Personen bekanntermassen sehr weit gefasst ist. Die Schweiz kapitulierte auch vor dem automatischen Informationsaustausch, der 2017 Realität wurde, und brachte alle ihre Praktiken mit den EU- und OECD-Standards in Einklang, auch im Bereich der Unternehmensbesteuerung.

Das einzige Problem besteht darin, dass die grossen Finanzplätze wie die USA inzwischen weniger bereit waren, die von ihnen auferlegten internationalen Standards selbst einzuhalten. Bis heute haben die USA weder FATCA noch CRS – den OECD-Standard für den automatischen Informationsaustausch – unterzeichnet. Wenn ein Brasilianer ein Konto bei einer US-Bank eröffnet, wird diese das Konto nicht an Brasilien melden, es sei denn, es wird ein Antrag gestellt (oder die USA und dieses Land haben ein gegenseitiges Abkommen unterzeichnet – aber es gibt nur sehr wenige).

Um selbst die Anfrage zu vermeiden, kann der brasilianische Bürger das Konto bei einer panamaischen Firma eröffnen, und die US-Bank kann behaupten, dass der Kontoinhaber Panamaer ist. Die USA haben die Schweiz überholt und sind zu einem der führenden Länder geworden, die Einzelpersonen dabei helfen, ihre Finanzen vor der Rechtsstaatlichkeit zu verbergen, wie aus dem jüngsten «Financial Secrecy Index 2020» hervorgeht, der vom Tax Justice Network veröffentlicht wurde. Die Rangliste betont, dass die USA, Grossbritannien und die Kaimaninseln gegen den Strom schwimmen und undurchsichtiger werden, während andere Jurisdiktionen danach streben, transparent zu werden.

Trusts sind ein raffiniertes Instrument

So ist es keine Überraschung, dass die USA heute zu einem der grössten Offshore-Zentren für grenzüberschreitende Vermögenswerte geworden sind. Eines der wichtigsten Instrumente der Vertraulichkeit in der angelsächsischen Welt sind die Trusts. Dieses Instrument war schon immer noch mächtiger als das reine Bankgeheimnis. Dies ist auf die grosse Raffinesse zurückzuführen, die Trusts bieten: Sie sind vollkommene Rechtsinstrumente, solange keine Behörde beweist, dass sie eine Täuschung sind.

Schweizer Vermögensverwalter wissen seit langem über Offshore-Trusts Bescheid und haben sie für ihre Privatkunden zur Steuerminimierung und zur Nachlassplanung ausgiebig genutzt. Es gibt eine Vielzahl von Trust-Jurisdiktionen, meist mit einer Tradition des Gewohnheitsrechts (anglo-amerikanisches Recht), während sich die Zivilrechtsprechung (römisch-germanisches Recht) auf Stiftungen spezialisiert hat.

Die grossen Trust-Jurisdiktionen sind insgesamt konform, ihre Gerichte sind kooperativ, wenn es um internationale Anfragen geht. Aber viele andere Jurisdiktionen sind zweifelhaft, undurchsichtig, korrupt und unzuverlässig, mit unkooperativen Gerichten. Einen Trust auf den Marshall-Inseln oder den Cook-Inseln anzusiedeln bedeutet, dass man mit lokalen Banken zu tun hat, die nicht für ihre Sicherheit bekannt sind, da sie korrupt sein können.

Kleine Jurisdiktionen, grosse Risiken

Informationen können gegen Geld weitergegeben werden – ganz zu schweigen von den Risiken, die mit dem Treuhänder verbunden sind. Das Prinzip eines Trusts besteht darin, dass der Eigentümer seine Vermögenswerte in eine rechtliche Struktur einbringt, die von einem Treuhänder verwaltet wird. Letzterer, der mit treuhänderischen Befugnissen ausgestattet ist, um im Interesse der Begünstigten zu handeln, muss natürlich vollkommen zuverlässig sein. Doch die Risiken eines Diebstahls oder einer falschen Buchführung dürfen nicht vernachlässigt werden.

Bislang hatte die Schweiz nie einen eigenen Trust mit Sitz in der Schweiz. Aber die Dinge ändern sich. Ein kluger Schachzug von Schweizer Rechtsexperten aus Zürich und Genf zielt darauf ab, den rechtlichen Rahmen für einen 100%-igen Schweizer Trust zu entwickeln. Unter den Machern des Konzepts ist David Wallace Wilson, Partner und Steuerexperte bei Schellenberg Wittmer, der an der Anpassung des Schweizerischen Obligationenrechts mitwirkt.

Er glaubt, dass ein Schweizer Trust, der der Schweiz ein geregeltes und legitimes Instrument an die Hand gibt, mit den besten Trust-Jurisdiktionen gleichziehen würde. Ein solches Instrument zum Schutz von Vermögenswerten kann die Schweiz wieder in die Spitzenliga von Ländern wie Jersey, Guernsey und den Bahamas bringen, die bereits auf die bevorstehende Schweizer Konkurrenz aufmerksam geworden sind.

Swissness ist ein grosser Trumpf

Auch Liechtenstein ist durch die Nachricht verunsichert. Der benachbarte Finanzplatz hat sich auf Anstalten und Stiftungen spezialisiert. Doch seit dem Kieber-Skandal 2008, der Millionen nicht deklarierter deutscher Vermögenswerte aufdeckte, die über liechtensteinische Strukturen im Fürstentum versteckt waren, verliert er an Boden. Die Schweiz hat nun die Chance, ihr Markenzeichen im Treuhandgeschäft auszuspielen – nämlich die Qualitäten, die man der Swissness zuschreibt, sagt der Experte David Wilson: Ernsthaftigkeit und Professionalität, Vertrauenswürdigkeit, Integrität des Treuhänders.

Schweizer Treuhänder werden wie Finanzintermediäre lizenziert, beaufsichtigt und geprüft und müssen die höchsten Standards einhalten. Londoner Treuhänder sind dagegen nicht lizenziert. Family Offices in Asien, Lateinamerika oder Russland bevorzugen regulierte Strukturen, sagt David Wilson. Auch wohlhabende Schweizer Familien, die derzeit auf ausländische Trusts zurückgreifen, könnten Schweizer Trusts bevorzugen.

Eine weitere Stärke der Schweiz sind Schiedsgerichtsverfahren, ein diskreter, auf Vermittlung ausgerichteter Ansatz bei Rechtsstreitigkeiten, bei denen die Familien ihre Experten auswählen und die Anhörungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Sich an die Regeln der Konkurrenz zu halten und gleichzeitig einen Schweizer Touch zu geben, könnte die richtige Strategie sein, um mit der harten Geopolitik der Finanzplätze umzugehen.