Meinung

Die Weltwirtschaft in der Zeitenwende

Die Jahrzehnte seit 1989 waren geprägt von Globalisierung, Überfluss und strukturell sinkenden Zinsen. Nun kehren geopolitische Spannungen, Knappheiten und Inflation zurück.

Mark Dittli
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«Wie bist du bankrottgegangen?», fragt Bill.
«Auf zweierlei Weise», antwortet Mike. «Erst schleichend, dann plötzlich.»
Ernest Hemingway, in «Fiesta», 1926

Wandel, sei er technologischer, gesellschaftlicher oder geopolitischer Natur, baut sich oft schleichend auf, im Verborgenen, unbemerkt. Aber wenn er an die Oberfläche tritt, dann geschieht das nicht selten mit Wucht und führt zu einem Schock.

Die Zwanzigerjahre sind noch jung, doch mit einer Jahrhundertpandemie und dem grössten Krieg auf europäischem Boden seit 1945 haben sie schon zwei schwere Kapitel Weltgeschichte geschrieben. Zeitenwende ist ein grosser Begriff, er sollte nicht leichtfertig verwendet werden. Doch heute ist er angebracht. Die Welt, und mit ihr die Weltwirtschaft, befindet sich in einer Zeiten­wende. Entwicklungen, die die vergangenen gut dreissig Jahre geprägt und an den Finanzmärkten für ein gutmütiges Umfeld gesorgt haben, sind an ihr Ende gekommen.

Nun übernehmen neue, zum Teil gegensätzliche Entwicklungen – mit erheblichen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, auf Unternehmen, auf die Finanzmärkte, auf Anleger. Selbstredend handelt es sich dabei nicht um geordnete, lineare Prozesse; die Veränderungen sind vielschichtig. Doch drei grosse Themen, die alles andere überstrahlen, lassen sich identifizieren: die Rückkehr der Geopolitik, die Rückkehr der Knappheit und die Rückkehr der Inflation.

Die Rückkehr der Geopolitik

Die drei Jahrzehnte nach 1989 waren historisch einmalig. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und der fortschreitenden Öffnung Chinas gelangten mehrere hundert Millionen Arbeitskräfte ins marktwirtschaftlich geprägte Weltwirtschafts­system: Das waren die goldenen Jahre der Globalisierung.

Unternehmen erhielten weltweit nie zuvor gekannte Möglichkeiten, ihre Produktion und die Lieferketten zu ­optimieren. China etablierte sich als Werkbank der Welt, seine Eingliederung ins westlich geprägte, regelbasierte, liberale Wirtschaftssystem erhielt die Krönung mit der Auf­nahme in die Welthandelsorganisation WTO im Dezember 2001.

Verbunden mit der Öffnung und dem Aufstieg Chinas sowie der ehemaligen Sowjetrepubliken war die in Washington und den Hauptstädten Westeuropas fest verankerte Hoffnung, steigender Wohlstand werde mit der Zeit zu einer Liberalisierung und Demokratisierung der dortigen Gesellschaften führen – ein Weg, den zuvor Japan, Südkorea und Taiwan gewiesen hatten. «Konstruk­tives Engagement», lautete die Maxime in Washington bis und mit Barack Obama, «Wandel durch Handel», predigte Berlin.

Es sollte eine Illusion bleiben. Die von den USA ausgehende Finanzkrise von 2008 und die kurz darauf folgende Eurokrise fügten dem westlichen Modell tiefe Kratzer zu. Überdies legten die damit verbundenen, milliardenschweren Rettungspakete für die Banken in den Gesellschaften des Westens die Saat für die Wut, die sich in den Folgejahren immer intensiver gegen die eigenen Eliten richten sollte.

In Peking wie auch in Moskau wuchs die Überzeugung, dass sich der Westen unwiderruflich im Niedergang befindet – eine Ansicht, die 2016 mit dem Brexit-Entscheid und der Wahl Donald Trumps vollends zementiert wurde.

Der US-chinesische Handelszwist von 2018, die Covid-Pandemie sowie Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine waren bloss die letzten Kapitel dieser Entwicklung, doch die Destination ist längst klar: Das goldene Zeitalter der Globalisierung ist vorbei, neue geopolitische Rivalitäten und Blockbildungen sind entstanden.

Die Welt zerfällt in Einflusssphären. Die Weltwirtschaft wird in den kommenden Jahren nicht zusammenwachsen, sondern gespalten werden. Kriege, kalte und heisse, reissen Gräben auf.

Damit verbunden, dies sei am Rande erwähnt, wird auch ein neuer Blick auf den Dollar als Weltwährung sein. Jede Regierung weltweit hat gesehen, wie Washington mit einem Federstrich einen Grossteil der Devisenreserven der Zentralbank Russlands kapern konnte.

Es war zwar längst bekannt, dass die USA den Dollar als Waffe benutzen, es wurde an den Beispielen Iran und Venezuela vorexerziert. Trotzdem sind die Sanktionen gegen die Bank of Russia ein Fanal. Jeder Staat, der mit den USA nicht vorbehaltlos freundschaftlich verbunden ist – von China bis Saudi-Arabien, von Kasachstan bis Brasilien –, wird sich nun überlegen, wie er seine Reserven diversifizieren kann.

Unternehmen werden es sich in dieser Welt nicht mehr leisten können, sich auf ihre bis zum Anschlag optimierten Lieferketten zu verlassen. Optimierung ist passé, künftig wird Robustheit gefragt sein: Das bedeutet redundante Lieferketten und ein Near- oder Homeshoring, die Rückverlagerung der Produktion, näher an die Endmärkte.

Die Rückkehr der Knappheit

Die drei Jahrzehnte seit 1989 waren eine Zeit des Überflusses. Alles war stets verfügbar, egal, ob Arbeitskräfte, Energie oder Güter aller Art. Wohl kam es vereinzelt zu Knappheiten, sie wurden jedoch nie zu einem systemischen Problem, und in der global integrierten Weltwirtschaft mussten sich Unternehmen nie Sorgen machen, sie könnten für ihre Produktionsprozesse benötigte Waren plötzlich nicht mehr erhalten. Diese Sorglosigkeit ermöglichte es, Lagerbestände zu minimieren und «just in time» zu agieren.

Das «dreckige» Geschäft der Rohstoffförderung wurde in den Augen der Öffentlichkeit und der Finanzmärkte derweil marginalisiert. Auf Nachhaltigkeit bedachte Investoren ächteten die Branche und setzten ihr Geld lieber auf Technologieunternehmen, die die Kunst perfektionierten, digitale Werbebotschaften auszuliefern.

Eine Folge dieser Ächtung war, dass Rohstoffförderer – egal, ob im Bereich Energie, Metalle, Nahrungs- oder Düngemittel – in der vergangenen Dekade ihre Investitionen in neue Förderkapazitäten gekürzt haben. Dem unverrückbaren Glauben an jederzeitige Verfügbarkeit tat dies keinen Abbruch – genau so, wie diverse Politiker Westeuropas sich nicht vorstellen konnten, dass das Erdgas aus Russland dereinst nicht mehr fliessen könnte.

Die Zeit des Überflusses ist vorbei, nun beginnt die Ära der Knappheiten. Der akute Mangel an Halbleitern während der Pan­demie war ein Vorgeschmack. Arbeitskräfte werden künftig knapper, China hat seine demografische Dividende aufgezehrt. Westliche Politiker haben in den vergangenen Jahren vollmundig die Energiewende verkündet, ohne zu berücksichtigen, dass eine Dekarbonisierung und Elektrifizierung der Wirtschaft Unmengen an Kupfer, Alumi­nium, Nickel, Lithium, Silber, Kobalt und andere Rohstoffe benötigen wird – Rohstoffe, deren Angebot wegen beschränkter Förderkapazitäten unelastisch ist.

Knappheiten sind nicht bloss eine temporäre Folge der Pandemie. Sie werden daher nicht verschwinden, sondern werden die kommenden Jahre prägen. Und Knappheiten im Angebot führen zu steigenden Preisen.

Die Rückkehr der Inflation

In den Volkswirtschaften Westeuropas und Nordamerikas war Inflation in den vergangenen gut dreissig Jahren nie ein Thema. Starke Preisanstiege waren ein Problem von Schwellenländern wie Brasilien oder Me­xiko, nicht aber der «entwickelten» Welt.

Mit dem Tod der Inflation einher gingen seit 1982 strukturell sinkende Zinsen und eine vermeintliche Zähmung der Konjunktur­zyklen. Der frühere Fed-Vorsitzende Ben Bernanke sprach von der «Great Moderation».

Für die Zentralbanken war es eine angenehme Zeit. Sie konnten sich der Konjunkturpflege widmen und sich in Krisenzeiten als Retter in der Not inszenieren. Nie aber mussten sie sich dem harten Entscheid stellen, ob sie nun die Inflation bekämpfen oder aber Wirtschaft und Wallstreet stützen sollten – ein Dilemma, in dem sich die US-Notenbank gegenwärtig zum ersten Mal seit mehr als vierzig Jahren befindet.

Wenn davon ausgegangen wird, dass De­globalisierung und Knappheiten aller Art die kommenden Jahre prägen werden, dann werden höhere Preise die logische Folge sein. Damit ist nicht Hyperinflation gemeint, ein Zustand des vollkommenen Vertrauensverlusts, aber die Inflation wird strukturell höher sein als in den vergangenen gut dreissig Jahren.

Und das bedeutet, dass die Zentralbanken öfter vor der Wahl zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunktur­unterstützung stehen werden. Ebenso bedeutet es ein strukturell höheres Zinsniveau.

Der Beginn einer neuen Ordnung

Die vergangenen gut dreissig Jahre waren eine abnormale Zeit. Die Welt wuchs zusammen, begleitet von der – aus heutiger Sicht naiven – Hoffnung, wachsender Wohlstand werde in allen Gesellschaften den Wunsch nach Freiheit und Frieden stärken. Es war eine Zeit des Überflusses und der dauerhaften Absenz von Infla­tion.

So ziemlich alle Investoren, die heute aktiv an den Finanzmärkten tätig sind, haben nie ein anderes Umfeld erlebt. Es war rückblickend ein gutmütiges Umfeld: zwar geprägt von heftigen Finanzkrisen – Asien 1997, Russland 1998, Tech-Blase 2000, Finanz­krise 2008, Eurokrise 2012 –, aber diese waren jeweils rasch verdaut, und die Hausse an den Märkten fand ihre Fortsetzung.

Nun steht die Welt am Beginn einer neuen Ordnung, die von geopolitischen Bruchlinien, kalten und heissen Kriegen, Knappheiten sowie strukturell höherer Inflation geprägt sein wird. Es wird für Unternehmen wie auch für Investoren ein signifikant schwierigeres, anspruchsvolleres Umfeld. Die Zeitenwende ist nicht mit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine am 24. Februar 2022 aufgetreten, auch nicht mit dem Erscheinen einer mysteriösen Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan gegen Ende 2019.

Sie hat sich über Jahre schleichend aufgebaut, im Verborgenen, lange Zeit unbemerkt. Nun ist sie da.