Meinung

Die Zeit für Rebalancing ist gekommen

Die Voraussetzungen für einen Bärenmarkt sind weiterhin nicht gegeben. Die Börsen befinden sich in einer Bifurkationsphase, in der es sich lohnt, auf relativ starke Industrien und Sektoren zu setzen: zum Beispiel Biotech.

Alfons Cortés
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Wenn es aussieht wie eine Ente, läuft wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente. An der Börse ist es oft sehr schwierig, die Ente zu erkennen. Das dürfte daran liegen, dass man sich partout mit der Zukunft beschäftigen will und ausgerechnet diese stets in Nebel gehüllt ist.

Mein Bemühen beschränkt sich darauf, die Gegenwart einigermassen zu verstehen. Die Gegenwart ist eine spontane Ordnung, die sich ein komplexes System wie der Aktienmarkt aus Versuch und Irrtum ergibt. Sie verändert sich nur langsam, meistens über Monate. Die eiserne Regel lautet: Von Signal zu Signal.

Das bedeutet, dass die einmal festgestellte Ordnung gilt, bis deren Ende durch vom Markt generierte Daten signalisiert wird – wobei, um genau zu sein, immer eine Signalkette vorliegen muss, um ein verdichtetes Signal zu emittieren, dass die alte Ordnung tatsächlich durch eine neue abgelöst wird.

Konturen einer Bodenbildung

Auf dem steigenden 40-Monate-Durchschnitt angekommen, was in den meisten Indizes der Fall ist, tut sich derzeit das, was Techniker als Bodenbildung bezeichnen. Ganz überraschend ist das nicht, wenn man sich die historische Evidenz über die Bedeutung von 40-Monate-Durchschnitten als Unterstützungszonen vergegenwärtigt.

Weil das nicht wegen, sondern trotz der Nachrichtenflut geschieht, halte ich die Signale für relevant, die daraus hervorgehen. Die wichtigsten Signale der vergangenen drei Monate fasse ich kurz zusammen:

  • Beschleunigtes Abwärtsmomentum ab dem 8. Juni;
  • Abruptes Ende der Abgabewelle auf dem steigenden 40-Monate-Durchschnitt am 17. Juni;
  • Starke Rally bis zum 15. August;
  • Scheitern des Rallys am fallenden 200-Tage-Durchschnitt (was kaum zu überraschen vermag, ist doch gerade dieser Durchschnitt mit starker «Self-Fulfilling Prophecy» belastet);
  • Rückschlag mit hohem Momentum bis zum 30. August, dann mit von Tag zu Tag abnehmendem Momentum bis zum 6. September bis auf den steigenden 40-Monate-Durchschnitt;
  • Erholung bei steigender Marktbreite.

Kriterien für ein Rebalancing

Das ist eine vom Markt generierte Signalkette, die keinesfalls konsistent ist mit der weit verbreiteten Annahme, dass wir mit einem Bärenmarkt konfrontiert sind, der noch weitere hohe Abschläge in Aussicht stelle.

Die These eines Bärenmarktes ist aus meiner Sicht nicht glaubwürdig. Die Signalkette interpretiere ich als robuste Bodenbildung, welche die eingangs erwähnte Ente darstellt, die weit herum übersehen wird.

Damit ist aus meiner Perspektive eine Situation eingetreten, in welcher wiederum ein Rebalancing ins Auge gefasst werden sollte, aber mit umgekehrten Vorzeichen als in meinem Beitrag vom 23. Dezember 2021 dargelegt. Damals ging es um die Rückführung der durch die starke Hausse herbeigeführten Aktienquote.

Jetzt geht es darum, eine allenfalls durch die Korrekturphase eingetretene Reduktion der Aktienquote zum Gesamtvermögen durch selektive Käufe schrittweise aufzufüllen. Dazu bieten sich Industrien an, die neuerdings relative Stärke aufbauen, nachdem sie lange Zeit relative Schwäche aufwiesen und diese in der allgemeinen Rückschlagphase der breiten Indizes zunächst noch beschleunigt hatten.

Eine unter mehreren geeigneten Industrien

Ein Bereich, der in diese Kategorie passt, ist Biotechnologie.

Biotechnologie und Pharma waren während mehrerer Jahre zwei relativ schwache Industrien im Sektor MSCI Health Care. Biotechnologie figurierte während zwei Jahren sogar oft unter den zehn schwächsten von 69 Industrien aus allen elf MSCI-Sektoren.

Hingegen überzeugten während langer Zeit und mit hoher relativer Stärke die Industrien Health Care Equipment & Supplies, Health Care Providers und Life Sciences Tools & Services. Sie waren mit bemerkenswerter Stetigkeit über viele Monate auf der Liste der zehn besten Industrien aus allen Sektoren.

Das begann sich im Januar dieses Jahres zu ändern, als in der Industrie Pharma relative Stärke einsetzte und die drei obgenannten Industrien immer weiter in der Parade der relativen Attraktivität zurückglitten. Life Sciences Tools & Services und Health Care Equipment & Supplies sind mittlerweile auf der unrühmlichen Liste der zehn relativ schwächsten Industrien aus allen Sektoren gelandet.

Die Rolle von Biotechnologie im Konzert der Gesundheitsindustrien

Der MSCI Health Care ist letzte Woche von Platz acht unter elf Sektoren auf Platz sieben vorgerückt. Dazu verholfen hat in erster Linie Biotechnologie. Wäre der ganze Sektor so stark wie Biotechnologie, stünde er punkto relativer Stärke auf dem dritten Platz. Wäre der ganze Sektor gleich stark wie seine grösste Industrie, Pharma, müsste er sich mit Platz vier begnügen.

Das vermittelt einen Eindruck über die wiedergewonnene Attraktivität einer Industrie, die seit 2015 lediglich von März 2020 bis Januar 2021 stärker war als der MSCI Welt. Davor ging eine Phase relativer Stärke für Biotechnologie voraus, die von Dezember 2009 bis Juli 2015 dauerte. Seither war Biotechnologie mit Ausnahme der obgenannten zehn Monate konsistent relativ schwach zum MSCI Welt. Zur spontanen Ordnung gehört auch die relative Attraktivität, und dieses Beispiel zeigt, wie lange eine solche Ordnung gültig sein kann.

Derartige Präferenzverschiebungen hat es in neuerer Zeit in den meisten Sektoren gegeben. Das ist typisch für Bifurkationsphasen, aber völlig untypisch für einen umfassenden Bärenmarkt, wie wir ihn letztmals 2008 erlebt haben.

Biotechnologie hat den Sprung auf die Liste der zehn besten Industrien noch nicht geschafft. Immerhin weisen aber die amerikanischen Biotechnologie-Indizes, nämlich der DJ US Biotechnology und der Nasdaq Biotechnology, positive relative Daten zu MSCI Health Care und MSCI Welt auf. Die Marktbreite dieser Industrie liegt bei 50% gegenüber lediglich 30% für den Sektor insgesamt. Zum Vergleich liegt sie in Nordamerika auf 36,9%, in Europa auf 22,6% und in Japan auf 52,1%.

Wegen ihrer niedrigen Gewichtung von lediglich 1,8% im MSCI Welt ist es schwierig, mit einzelnen Biotechnologie-Aktien eine diversifizierte Exponierung aufzubauen. Diese kann aber für private Investoren, die das Geschehen nicht engmaschig verfolgen können, in einer Industrie, deren Konstituenten zuweilen sehr volatil sein können, wichtig sein. Das, kombiniert mit einer Marktbreite von 50%, lässt ETF (Exchange Traded Funds) als valable Instrumente zu, um in Biotechnologie-Aktien zu investieren.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.
Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.