Meinung

Disruption der Finanzmärkte durch Blockchain, Tokenisierung und DeFi

Blockchain-Technologie und Tokenisierung gelten als Wegbereiter eines dezentralen Finanzsystems, das ohne traditionelle Intermediäre funktioniert. Tatsächlich bietet die Digitalisierung realer Vermögenswerte zahlreiche Anwendungsbereiche und eröffnet ein disruptives Potenzial, das Finanzsysteme und Kapitalmärkte grundlegend verändern könnte.

Heinz-Werner Rapp
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Die digitale Transformation der Finanzwelt schreitet unaufhaltsam voran. Nachdem Fintechs bereits das klassische Retail Banking revolutioniert haben, steht mit der Einführung sogenannter Krypto-Assets der nächste technologische Umbruch bevor. Eine der spannendsten Entwicklungen ist aktuell die Tokenisierung. Dabei werden reale Vermögenswerte in kleinere virtuelle Einheiten umgewandelt und die daran gekoppelten Eigentumsrechte über die Blockchain gehandelt.

Ein Token selbst hat keinen inneren Wert, sondern ist an den Preis des zugrunde liegenden Vermögensobjektes gebunden. Theoretisch lassen sich alle möglichen Sachwerte, vom Ölgemälde bis zum Wolkenkratzer, aber auch immaterielle Güter wie etwa Lizenzgebühren oder Veröffentlichungsrechte, als Krypto-Assets abbilden. Im Gegensatz zum traditionellen Finanzsystem werden für die Tokenisierung keine intermediären Finanzinstitutionen benötigt, da die Transaktionen ausschliesslich über die Blockchain und damit über offene Softwareprotokolle und dezentralisierte Anwendungen ablaufen.

Die neuen Ansätze eines dezentralen Finanzsystems (DeFi) könnten die Strukturen heutiger Finanzsysteme und Kapitalmärkte radikal verändern. Klassische Finanzintermediäre wie Banken, Börsen, Clearing-Häuser oder Handelsagenten könnten obsolet werden, da deren bisherige Kernfunktionen in einer Blockchain-Struktur redundant wären.

Denn: Intermediäre bieten meist ein Vertrauenselement, durch das Handelsfriktionen – etwa bei Transaktionen zwischen unbekannten Parteien – überwunden werden. In einer DeFi-Struktur wird diese Funktion nicht mehr benötigt, da die Blockchain bereits Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit aller darin durchgeführten Transaktionen gewährleistet.

Zudem bietet die Digitalisierung von Assets in einer Blockchain-Infrastruktur gegenüber dem traditionellen Wertpapierhandel enorme Zeit- und Effizienzgewinne. Aufwendige Prüf- und Abstimmungsprozesse können schneller und kostengünstiger abgewickelt werden. Wenn sich der Markt mit dem verteilten Hauptbuch einer Blockchain erst einmal sicher fühlt, wird die Abstimmung sogar überflüssig, da die Parteien diese Aufzeichnung als «goldene Datenkopie» akzeptieren und sich darauf verlassen.

Weitreichende Folgen für Finanzindustrie und Investoren

Speziell die Tokenisierung könnte Grundprinzipien klassischer Finanzsysteme massiv umwälzen: Tokenisierung ermöglicht in nie da gewesener Form, Bruchteile an einem beliebigen Vermögenswert zu erwerben. Da es viel einfacher ist, digitale Token in einer Blockchain zu handeln, als Immobilien, Schiffe oder Diamanten in ihrer physischen Form, bietet dies neuen Anlegergruppen erstmals die Gelegenheit, ihre Portfolios in Assetklassen zu diversifizieren, die zuvor ausserhalb ihrer Reichweite lagen.

Dies könnte eine «digitale Demokratisierung» von Anlageformen und Anlageklassen auslösen, die bislang nur eingeschränkte Liquidität aufweisen oder hohe Mindestanlagebeträge erfordern. Bisherige Geschäftsmodelle klassischer Vermögensverwalter und spezialisierter Investmenthäuser könnten dadurch stark unter Druck kommen oder müssten sich signifikant verändern.

Die Tokenisierung erleichtert Investoren aber auch das Management des Asset-Liability-Risikos, denn die Steuerung von Aktiv- und Passivseite der Bilanz kann innerhalb der Blockchain automatisch erfolgen. Versicherungstechnische Fälligkeiten werden dabei laufend erfasst und in Echtzeit mit dem jeweiligen Laufzeit- und Risikoprofil der Aktivseite abgeglichen.

Auch Options- und Derivatemärkte könnten durch DeFi-Konzepte völlig neu strukturiert werden: Eine Option verbrieft das Recht, bei Eintreten einer bestimmten Bedingung einen vorher definierten Zahlungsstrom zu vereinnahmen. Diese Funktionalität kann innerhalb einer DeFi-Struktur durch automatisierte Regeln (smart contracts) hinterlegt und in Echtzeit exekutiert und verbucht werden.

Tokenisierung ermöglicht neue Formen der Geldanlage

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Krypto-Assets mehr sind als nur ein vorübergehender Hype. So hat etwa das Immobilienunternehmen Vonovia erstmals eine volldigitale Namensschuldverschreibung über 20 Mio. € mit einer Laufzeit von drei Jahren begeben. Die Übertragung der Eigentumsrechte erfolgt auf der etablierten «Stellar-Blockchain», die für Transaktionen rund um den Globus eingesetzt wird. Dabei werden «Security Token» nach strengsten Sicherheitsstandards verwendet.

Spektakuläre Beispiele dafür, wie durch Tokenisierung neue Dynamik im Handel mit Vermögenswerten entsteht, finden sich derzeit auf dem Kunst- und Musikmarkt: Ein sogenannter Non-Fungible Token (NFT), also eine nicht-austauschbare virtuelle Wertmarke des Grafikers Mike «Beeple» Winkelmann, wurde im März 2021 bei Christie’s für fast 70 Mio. $ verkauft. Weitere digitale Kunstwerke wechselten für sechsstellige Beträge den Besitzer. Der Kunstmarkt spekuliert hier auf die Besonderheit von NFT, die im Gegensatz zu Kryptowährungen einzigartig sind.

Auch populäre Musiker, Produzenten und DJs nutzen NFT-Auktionen, um die Eigentumsrechte an einer Originalkopie eines Songs, eines Albums oder einer Konzertkarte zu vermarkten. Das beeindruckendste Ergebnis erzielte der US-amerikanische DJ und Produzent 3Lau, der bei einer NFT-Auktion zur Veröffentlichung seines neuesten Albums über 11 Mio. $ einsammeln konnte.

Noch sind derartige Transaktionen begrenzt auf ein überschaubares Segment wohlhabender Sammler und Krypto-Enthusiasten. Dennoch scheint auch hier eine Weiterentwicklung denkbar, die Investoren über das Konzept der Tokenisierung künftig Zugang zu neuen Märkten wie Kunst, Musik oder intellektuellen Eigentumsrechten ermöglicht.

Finanz-Establishment wird herausgefordert

Noch stecken der Handel und die Vermögensanlage mit Krypto-Assets in den Kinderschuhen. Doch die innovativen Anwendungsmöglichkeiten sind über den Finanzmarkt hinaus für viele Branchen relevant. Mit dem Instrument der Tokenisierung lässt sich die Sicherheit, Liquidität und Unveränderlichkeit von Kryptowährungen auf reale Vermögenswerte übertragen.

Hinzu kommt das Entwicklungspotenzial selbstausführender intelligenter Verträge. Solche Smart Contracts gelten als eine der attraktivsten Funktionen der Blockchain-Technologie, da sie Kryptowährungen und Token automatisch freigeben und damit komplexe Abläufe, etwa im globalen Warenhandel oder dem Versicherungsgeschäft, deutlich beschleunigen können.

Die wachsende Bedeutung des Marktes für digitale Assets fordert inzwischen auch das Finanz-Establishment heraus. In Deutschland wurde mit dem Gesetz für elektronische Wertpapiere jüngst ein erster Schritt in diese Richtung unternommen. Künftig können Schuldverschreibungen und elektronische Fondsanteile also rein digital begeben werden. Krypto-Fondsanteile sollen bis Ende des Jahres folgen.

Die Verbriefung von Aktien oder GmbH-Anteilen auf Blockchain-Basis lässt das Gesetz jedoch (noch) nicht zu. Die Schweiz ist hier mit der Einführung der Registerwertrechte, die eine Tokenisierung von Schweizer Aktien und vielen anderen Assets einschliesslich Immobilien ermöglicht, wesentlich weiter gegangen. Solche Initiativen sind entscheidend, um die Akzeptanz für Krypto-Assets zu erhöhen. Denn obwohl es noch einige Jahre dauern könnte, bis hier ein internationaler Rechtsrahmen entsteht, dürfte die Tokenisierung von Assets in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Verwaltung und dem Handel mit Vermögenswerten spielen.

Bis die Zukunftsvision einer «Token-Ökonomie» Realität wird, ist es jedoch noch ein weiter Weg. Wie bei jedem technologischen Strukturbruch liegen auch hier die Chancen und Risiken eng beieinander. Befürworter weisen auf den Wegfall von Gebühren, Bürokratie und Zugangshindernissen zum klassischen Finanzsystem hin. Regulatoren wiederum befürchten ein paralleles Schattenfinanzsystem, auf das Aufseher keinen direkten Zugriff haben.

Beide Argumente sind valide, was auch künftig noch lebhafte Diskussionen und disruptive Entwicklungen garantiert.

Dieser Artikel basiert in Teilen auf einer aktuellen Studie des Feri Cognitive Finance Institute mit dem Titel «Blockchain und Tokenisierung – Disruption des Finanzsystems durch Krypto-Assets und Decentralized Finance (DeFi)». Sie ist hier abrufbar.

Heinz-Werner Rapp

Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.
Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.