Meinung

Dogecoin oder die zweifelhafte Rolle von Twitter im Fall von Marktmanipulation

Die Rolle von Twitter bei Donald Trumps Desinformation wurde breit diskutiert. Aber was ist von Twitters Rolle bei Elon Musks Dogecoin-Manöver zu halten, das eine obskure Kryptowährung quasi über Nacht um 1600 % steigen liess?

Myret Zaki
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Wir leben in einer Zeit, in der gewisse Vermögenspreise in vier Tagen so stark steigen wie sonst in vier Jahrzehnten.

Dank billigem Geld, wilder Spekulation und Reddit-getriebener GameStop-Kapriolen ist mit Dogecoin unlängst eine Kryptowährung in wenigen Tagen um 1600% in die Höhe geschossen, die ursprünglich explizit als Parodie gedacht war. Und das wegen ein paar Tweets.

Dogecoin-Kurs über 1 Jahr

Noch vor einem Monat war der Dogecoin zwanzig Mal weniger wert. Er war ausserhalb der Krypto- oder Reddit-Community völlig unbekannt, sein Preis stagnierte seit 2013. Ursprünglich als Scherz unter Freunden geboren, geschaffen, um sich über die Verbreitung dubioser Kryptomünzen lustig zu machen, hatte der Dogecoin nie das Ziel, zur zehntgrössten Kryptowährung zu werden.

Seinen Aufstieg verdankt er vor allem Twitter respektive einem der einflussreichsten Nutzer des Kurznachrichtendiensts. Ein Krypto-Guru? Nein, ein Konstrukteur von Elektro- und Raumfahrzeugen: Elon Musk. Der milliardenschwere Tesla-Gründer verliebte sich plötzlich in diesen Altcoin, und das einzig und allein, weil er Spass haben wollte. Den Anfang machte er am 4. Februar mit dem Bild einer Rakete und einem einzigen Wort: «Doge».

Das liess den Kurs bereits abheben.

Vor Twitter undenkbar

Vor Twitter war es undenkbar, dass ein 200 Milliarden Dollar schweres Individuum einen Anlagetipp an 46 Millionen Menschen schicken und den Kurs innerhalb von Sekunden bewegen kann. Nach der ersten Nachricht feuerte Musk mehrere augenzwinkernde Tweets über Dogecoin ab, dessen Preis dadurch 50% zulegte. In den folgenden Tagen retweetete sich Musk selbst, trollte seinen eigenen Feed, euphorisch, besessen vom Dogecoin (oder von seiner eigenen Macht, den Preis nach Belieben zu bewegen).

Angenommen, er hatte im Januar in Dogecoin investiert und hätte bis nach der Antrittsrede von Präsident Biden gewartet, bevor er den Dogecoin mit seinen Tweets zu hypen begann: er hätte seit Jahresbeginn 1600% verdient, und das allein wegen ein paar Tweets.

Die so ausgelöste Geräuschkulisse, die Diskussionen, die Spekulationen darüber, ob er es ernst meinte – all das hat dem Dogecoin-Preis geholfen. Es ist das gleiche Muster, das wir bei Anhängern sehen, die über ihre Instagram-Influencer tratschen, oder bei den britischen Royals, die in einem Boulevard-Foto ein mysteriöses Detail preisgeben, das alle Arten von Debatten oder Nachahmung auslöst.

Aber Twitter bringt uns in eine andere Dimension. Vor vier Jahren hatte die Finanzwelt die Wirkung von Trumps Tweets entdeckt, die auf Fluggesellschaften, Pharmakonzerne oder andere börsenkotierte Branchen abzielten. Jetzt sehen wir die noch grössere Wirkung, die ein einflussreicher Geschäftsmann auf die Börsen haben kann.

Eine Sprache, die der Krypto-Kultur nachempfunden ist

Musks Dogecoin-Tweets nahmen ein ernstes Thema auf die leichte Schulter, weil es um das Geld vieler geht. Seine Tweets waren so witzig wie der Altcoin selbst. Einige Sprüche wie «Keine Höhen, keine Tiefen, nur Doge» hatten eine parodistische, selbstironische Note. Es ging nie um Fundamentales oder irgendetwas Substanzielles, Musk twitterte nur Wortspiele wie «Who let the doge out» und bekam dafür 700'000 Likes. Die gesamte Dogecoin-Gemeinschaft war zuvor nur halb so gross.

Je kürzer der Tweet, desto besser. Je seichter, desto cooler. Die Sprache war die eines typischen jungen, nerdigen Krypto-Fans. Keine altbackene Warren-Buffett-Sprache, sondern eine, die ganz im Einklang mit der jungen Krypto-Online-Kultur steht.

Diese wenigen Sticheleien des Möchtegern-Krypto-Unternehmers reichten aus, um den Dogecoin-Preis abheben zu lassen. Eigentlich begann der Höhenflug schon vor Musks Einmischung. Am 29. Januar war der Dogecoin über 800% gestiegen, nachdem eine Krypto-Reddit-Gruppe namens SatoshiStreetBets einen ähnlichen Angriff plante wie bei GameStop. Aber diese spekulative Attacke fiel schnell in sich zusammen, und es waren Musks Tweets ab dem 4. Februar, die den Kurs in die Höhe katapultiert haben.

Dogecoins Kurskapriolen im Januar und der Kurssprung vom Februar

Musk betrachtet Dogecoin als Hobby. Er nutzte die ganze Palette der Krypto-Memes, Wortspiele, Emojis und Eigenheiten perfekt, und er gewann das Spiel. Nur sind auf Twitter nicht alle Menschen gleich. Würde Musk nun Dogecoin abstossen, würden viele seiner Anhänger schmerzhafte Verluste einfahren. Theoretisch könnte er das, denn Marktmanipulation durch Twitter ist ein neues Phänomen, und Kryptomärkte sind kaum reguliert. Das ist ein echtes Problem.

Eine Form von Marktpopulismus

Wir können Musks Aktionen als eine Form von «Marktpopulismus» bezeichnen, mit Slogans wie «Dogecoin ist die Kryptowährung des Volkes», getwittert von jemandem, der viel mehr Risiko tragen kann als die meisten seiner Anhänger.

Genau so, wie man Trump vorgeworfen hat, die Leute mit Twitter zu desinformieren, kann man davon ausgehen, dass Elon Musk die Hebelwirkung von Twitter missbraucht, um die Massen dazu zu verleiten, an den Wert einer Münze zu glauben, an die er selbst nicht unbedingt glaubt. Er kann es sich leisten, ein wenig Geld zu verlieren, aber über viele seiner Follower kann man das wohl nicht sagen.

Es stellt sich die Frage, ob Twitter oder Musk zur Rechenschaft gezogen werden können, und ob eine Regulierung notwendig ist, um das Potenzial für Kursmanipulation über Twitter einzudämmen.

Derzeit können wir nur darüber rätseln, ob es eine geplante Marktmanipulation war. Wenn Musk für sich oder für Tesla Dogecoins oder Terminkontrakte gekauft hätte, bevor er anfing, den Coin zu hypen, wäre das ein Fall von Preismanipulation, bei dem er seine 46 Millionen Twitter-Anhänger benutzt hat, um sich einen Gewinn zu verschaffen.

Tatsächlich hatte er seinen Effekt auf den Dogecoin-Kurs bereits am 20. Dezember getestet, als er den Tweet «One Word: Doge» absetzte, was den Kurs prompt um 20% steigen liess.

Das zeigte ihm, dass er die Preise auch im Krypto-Bereich beeinflussen kann. Die Marktreaktion im Februar muss ihn unglaublich angestachelt haben. Am Ende wurde aus einem Scherz eine tatsächliche Investition.

Musk verführt seine Anhänger zu riskanten Anlagen

Zugegeben, Musk mag die Pointe lieben, dass der Dogecoin eigentlich als Scherz geschaffen wurde, um sich über Kryptowährungen lustig zu machen, dieser nun aber zur wichtigsten Währung des Planeten aufsteigen könnte, und Musk wäre ein Teil dieser Geschichte gewesen. Aber während er sich über die Verbreitung dieser Fantasie amüsiert, investieren seine Anhänger in eine höchst riskante Anlage und helfen ihm so, den Preis in die Höhe zu treiben. Von Verantwortung keine Spur.

Diese Episode zeigt die enorme Macht von trendigen Milliardären, die die für sie kleinen Risiken ausblenden, während das digitale Herdenverhalten Menschen Risiken aussetzt, die sie sich nicht leisten können.

Und während sich die ganze Welt von diesem unsinnigen Dogecoin-Manöver ablenken liess, kaufte Musks Unternehmen, Tesla, im Januar Bitcoin für über 1,5 Mrd. $ und machte diese Käufe erst am 8. Februar publik. Die Ankündigung brachte Tesla einen schnellen Gewinn von 13% ein.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.