Meinung

Dunkle Wolken über Chinas starkem Wachstum für europäische Unternehmen

Das Umfeld für ausländische Unternehmen in China ist schwieriger geworden. Eine starke Zunahme des politischen Einflusses und der feste Glaube, dass China es alleine schaffen kann, sind Faktoren, die jedes ausländische Unternehmen betreffen.

Jörg Wuttke
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Oberflächlich betrachtet gibt es gute Nachrichten aus dem Reich der Mitte zu vermelden. Chinas Wirtschaft hat sich in beeindruckender Weise von der Covid-19-Pandemie erholt. Im Jahr 2020 verzeichneten viele Mitglieder der EU-Handelskammer in China Rekordumsätze und Gewinne, was dazu beitrug, Verluste in anderen Märkten auszugleichen. Nach den Prognosen des IWF wird China in den nächsten fünf Jahren mehr als 20% zum weltweiten BIP-Wachstum beitragen.

Es gibt jedoch beunruhigende Anzeichen, dass sich das Land zunehmend nach innen wendet und einige der seit 1980 verfolgten politischen Strategien, die zur Entstehung seines Wirtschaftswunders beigetragen haben, wieder rückgängig macht.

Talente wandern aus China ab

Chinas Wirtschaftspolitik wird zunehmend von der Sorge um die nationale Sicherheit beeinflusst. Das Land will sich stärker selbst versorgen und die Rolle ausländischer Unternehmen in seiner Wirtschaft, besonders in den Hochtechnologiesektoren, reduzieren. Das starke Wirtschaftswachstum im Vergleich zum Rest der Welt scheint China die Zuversicht gegeben zu haben, dass es weitgehend allein zurechtkommt.

Die EU-Handelskammer ist jedoch der Ansicht, dass die potenziellen Kosten dieser Strategie sehr hoch sein werden und sich langfristig für China negativ auswirken. Die breite und vage Formulierung dessen, was als «nationales Sicherheitsinteresse» bezeichnet wird, macht es für Unternehmen äusserst schwierig, fundierte Entscheidungen zu treffen und ihre Investitionsstrategien entsprechend anzupassen.

Von den Befragten der jährlichen Umfrage der Handelskammer im Jahr 2021 gaben 90% an, dass sich die Geschäftsbedingungen in China im Jahr 2020 nicht verbessert haben oder schwieriger geworden sind. Chinas Ansatz zur Verwaltung ausländischer Investitionen bietet nicht genügend Transparenz und Rechtssicherheit und macht China daher für ausländische Unternehmen weniger attraktiv.

Ein Mass für den Wandel ist der Rückgang der in Peking und Schanghai ansässigen Ausländer von 316'000 im Jahr 2010 auf 226'000 im Jahr 2021. Dabei handelt es sich um Menschen, die einen wichtigen Beitrag zur Innovation, Effizienz und Produktivität im Land leisten. Der Exodus dürfte sich fortsetzen: Aufgrund der steigenden Anforderungen an die nationale Sicherheit, besonders im digitalen Bereich, ist in nicht allzu ferner Zukunft mit einer Abwanderung kleiner und mittlerer europäischer Banken zu rechnen.

Ebenfalls gefährdet sind europäische Unternehmen, die Netzwerkausrüstung oder Telekommunikationsdienste anbieten. Sie sind aus Gründen der nationalen und wirtschaftlichen Sicherheit und zur Wahrung der Marktanteile der einheimischen Anbieter in China zunehmend unerwünscht.

Starke Zunahme des politischen Einflusses

Eine weitere wichtige Veränderung ist die starke Zunahme des politischen Einflusses auf den privaten Sektor. Mehr als 92% der 500 grössten Privatunternehmen Chinas verfügen heute über Zellen der Kommunistischen Partei, deren Aufgabe es ist, ihre Rolle in den Bereichen Personal und Management zu stärken.

Einem Bericht des World Economic Forum zufolge trägt der Privatsektor 60% zum BIP in China, 70% zur Innovation, 80% zur Beschäftigung in den Städten und 90% zu den neu geschaffenen Arbeitsplätzen bei. Private Unternehmen übertreffen staatliche Unternehmen in Bezug auf Effizienz, Kapitalrendite, Innovation und Dekarbonisierung. Aus politischen Gründen bevorzugt die Regierung jedoch staatliche Unternehmen in strategischen Bereichen der Wirtschaft.

Ein gutes Beispiel ist die Commercial Aircraft Corporation of China (COMAC), die seit ihrer Gründung im Jahr 2008 umgerechnet 49 Mrd. bis 72 Mrd. $ an staatlichen Subventionen erhalten hat. All dieses Geld hat sich nicht gelohnt. COMAC baut die C919, mit der China dem Airbus-A320 Konkurrenz machen will. Aber nur chinesische Käufer haben Bestellungen aufgegeben, und keine ausländische Aufsichtsbehörde hat die Maschine zugelassen, so dass sie ausserhalb Chinas nicht fliegen kann. Ausserdem kann die C919 kaum als chinesisches Flugzeug betrachtet werden – die grosse Mehrheit der Zulieferer sind amerikanische und europäische Unternehmen.

Grobe Fehlallokation von Ressourcen

Die Halbleiterindustrie ist eine weitere Branche, in der der Staat Autarkie fordert. Die Initiative CM 2025 setzte das ehrgeizige Ziel, bis 2020 mindestens 40% und bis 2025 mindestens 70% der in China nachgefragten Chips selbst herzustellen. Doch im Jahr 2020 produzierten einheimische Halbleiterunternehmen nur 5,9% des Gesamtmarktes; der Wert der Importe lag bei 350 Mrd. $.

Um die Folgen einer weiterhin groben Fehlallokation von Ressourcen zu vermeiden, sollte Peking besser politische Massnahmen ergreifen, die die Integration Chinas in die bestehende globale Halbleiter-Wertschöpfungskette fördern.

Die europäischen, in China tätigen Unternehmen haben kein Interesse an Politik. Aber sie müssen in einem Umfeld agieren, das zunehmend politisiert ist. Fordernd auftretende chinesische Diplomaten, die als «Wolfskrieger» bezeichnet werden, haben Chinas diplomatische Bemühungen untergraben und den jahrelangen Aufbau von «Soft Power» zunichtegemacht.

Dadurch hat sich der Spielraum für die politische Führung in der EU und in China verkleinert. Die Sanktionen beider Seiten haben das umfassende Investitionsabkommen (Comprehensive Agreement on Investment, CAI) zwischen der EU und China, dessen Aushandlung sieben Jahre dauerte, zum Scheitern gebracht.

Beide Seiten wären gut beraten, einen Weg zu finden, um die Verpflichtungen aus dem CAI-Abkommen zu erfüllen, wenn es nicht ratifiziert wird, und die Zusammenarbeit in anderen Bereichen von gemeinsamem Interesse fortzusetzen. Die EU-Handelskammer empfiehlt beiden Seiten, bei Themen wie der Dekarbonisierung, dem Klimawandel, der Festlegung internationaler Standards, der nachhaltigen Entwicklung, der WTO-Reform und dem Kampf gegen Covid-19 zusammenzuarbeiten.

Sie empfiehlt China ausserdem, sich stärker in die Weltwirtschaft zu integrieren und von der «Autarkie» abzurücken sowie einen angemesseneren Ansatz für die «nationale Sicherheit» und die «kritische Informationsinfrastruktur» zu wählen, wobei die Definitionen so eng wie möglich sein sollten.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China, Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als 30 Jahren in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China, Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als 30 Jahren in Peking.