Meinung

Ein Blasenbeschleuniger namens SPAC

Die reichlich vorhandene Liquidität fördert Blankoscheck-Investitionen, insbesondere im Technologiesektor. Spezielle Vehikel nehmen vor allem in den USA blitzschnell Gelder auf und werden ungeprüft kotiert.

Myret Zaki
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Eine Folge der reichlich vorhandenen Liquidität ist der Boom der Special Purpose Acquisition Companies oder kurz SPAC. Dabei handelt es sich um eine bekannte Form der beschleunigten Börsennotierung in den USA, die vor allem für schnelle Exits von Tech-Investoren genutzt wird. Auch viele Schweizer Investoren sind mit SPAC vertraut, da diese Vehikel etliche Start-ups gekauft und an die Börse gebracht haben.

Adam Said, Inhaber der Genfer Investmentfirma Ace & Company und ein hochkarätiger Investor in Schweizer Unternehmen wie SIG, Swissquote oder Sophia Genetics, ist letztes Jahr mit einem Vielfachen der Rendite aus drei amerikanischen Start-ups ausgestiegen, die er in seinem Portfolio hielt (ChargePoint, Eos Energy und Momentus Space), als drei SPAC einsprangen, um sie zu übernehmen.

SPAC sind an Wallstreet zu einer gängigen Methode geworden, um Startups an die Börse zu bringen, ohne dass viele Fragen gestellt werden. Das ist ihr Hauptmerkmal. Zuerst wird ein leeres Vehikel gelistet. Es muss keine Informationen offenlegen, da sein einziger Zweck zunächst darin besteht, Geld für eine spätere Übernahme zu beschaffen.

Die Investoren sollen das Vehikel in diesem Stadium finanzieren, ohne zu wissen, was es als nächstes kaufen wird. Nach der Kotierung tätigt das Vehikel dann eine Akquisition seiner Wahl, in der Regel eines Startups, das durch diesen Prozess an die Börse gelangt, ohne die rechtlichen Routinen zu durchlaufen oder Finanzberichte offenzulegen. Investoren und Fondsmanager bekommen keine Chance, die Unternehmenszahlen einzusehen oder mit dem Management zu sprechen.

Leicht beschafftes Geld

Diese unkomplizierten Börsengänge waren sehr erfolgreich: SPAC-IPO haben im Jahr 2020 ca. 140 Mrd. $ eingesammelt, den Löwenanteil davon in den USA. Das ist laut der Nachrichtenagentur Bloomberg der höchste Jahreswert seit Beginn der Aufzeichnungen und übertrifft die Werte aus dem Jahr 2000. Und dieses Volumen ist zehnmal grösser als im Jahr 2019, was ein Beleg dafür ist, dass die erhöhte Liquidität des Fed ein Schlüsselfaktor für den SPAC-Boom ist.

Einige Investmentfirmen äussern sich besorgt über die Qualität der SPAC-Angebote. Aber da das SPAC oft von einer bekannten Hedge-Fund-Figur wie etwa Bill Ackman (Pershing Square Capital) oder einer Private-Equity- oder Venture-Capital-Firma gegründet wird, machen die Investoren gerne mit und unterschreiben einen Blankoscheck.

Bill Ackman sammelte im letzten Jahr ganze 4 Mrd. $ ein und baute damit das grösste SPAC aller Zeiten auf. 2017 nutzte der Risikokapitalgeber Chamath Palihapitiya ein SPAC, um sich mit 49% an Richard Bransons Virgin Galactic zu beteiligen. Aber in diesen unruhigen Zeiten schaffen es nicht nur Top-Investoren, Gelder zu beschaffen, sondern im Grunde jeder, so die Meinung einiger Experten.

«Besorgniserregend ist die Leichtigkeit, mit der Leute, auch solche ohne öffentliche Erfolgsbilanz oder nachgewiesene Fähigkeit, erfolgreich zu investieren, mit SPAC Geld aufnehmen können», sagt Daniel Pinto, CEO von Stanhope Capital, einem unabhängigen Vermögensverwalter mit Sitz in London. Er rät Investoren, «die Erfolgsbilanz des Sponsorenteams zu studieren und die Attraktivität des anvisierten Sektors zu bewerten, bevor sie mit einem Blankoscheck Geld in eine Firma stecken».

Ein Zeichen für ausufernde Spekulation

Wie kam es dazu, dass sich diese blinde Art des Investierens so weit verbreiten konnte? «Es ist ein Zeichen von zügelloser Spekulation», sagte der Milliardär und Investor Sam Zell Anfang Februar gegenüber CNBC. Einige SPAC erinnern ihn an die Spekulation in Internetfirmen während der Technologieblase Ende der Neunzigerjahre. Wenn es einen solchen Drang für Startup-Investoren gibt, auszusteigen, und für andere Investoren, sich in Tech-Unternehmen einzukaufen, wobei jede Menge billige Finanzmittel zur Verfügung stehen, scheint es langweilig, alle Hürden eines klassischen Initial Public Offering zu durchlaufen.

Eine ordentliche Buchhaltung zu erstellen, die bestimmte finanzielle Schwellenwerte und bestimmte Corporate-Governance-Anforderungen einhält, die Zahlen prüfen zu lassen, eine Due-Diligence-Prüfung zu durchlaufen, sieht nach Zeitverschwendung aus. Diese umständlichen Regeln werden befolgt, wenn nicht genug Geld vorhanden ist und die Investoren wählerisch sind. Aber in einem Umfeld, in dem kostenlose Kredite auf SPAC treffen, ist die Börsennotierung innerhalb kurzer Zeit erledigt, ohne dass ein Prospekt, eine Investmentbank oder eine Roadshow erforderlich sind. All diese umständlichen Schritte wurden mit dem Aufkommen von SPAC zur Seite gewischt, trotz der Risiken, die mit diesem undurchsichtigen und schlecht regulierten Prozess verbunden sind.

Die Befürworter von SPAC loben sie dafür, dass sie innovative Unternehmen mit Liquidität versorgen und als flexible Kanäle für Geld dienen, das aus dem Private-Equity-Bereich abfliesst und in Börsengänge fliesst. In der Tat: Solange das Fed den Markt unterstützt und die Zinsen so niedrig bleiben, gibt es einen Markt für SPAC-Gründer.

Mangel an Transparenz

Aber es bleibt eine riskante Investition, und es gibt ebenso viele Kritiker der mangelnden Regulierung dieser Transaktionen wie Fans. Einige Marktteilnehmer behaupten sogar, dass SPAC mit ethischen Investitionen unvereinbar sind. In Ermangelung einer Möglichkeit, die ökologischen oder sozialen Auswirkungen des Unternehmens zu bewerten, seien sie kein geeignetes Vehikel für Anleger, die sich um die klimatischen oder sozialen Auswirkungen ihrer Investitionen sorgen.

Die mangelnde Transparenz ist nicht nach dem Geschmack einiger ESG-Fonds, darunter diejenigen von Amundi oder Sanford Bernstein, die ihre Kritik in einem aktuellen Bloomberg-Artikel zum Ausdruck brachten. Gute Unternehmensführung gehört zu ihren wichtigsten Anlagekriterien. Und das ist keine Kleinigkeit, denn ESG ist mittlerweile eine Anlageklasse, an der kein Weg mehr vorbeiführt.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.