Die Meinung

Ein kapitalistischer Ansatz zur Bändigung von Tech-Monopolen

Die heutigen Wettbewerbsgesetze können gegen die Dominanz von IT-Kolossen wie Google, Facebook und Amazon wenig ausrichten. Es braucht deshalb eine neue Lösung, um den Missbrauch von Marktmacht zu verhindern.

Luigi Zingales

Das Bekämpfen von Monopolen gehört zu den ökonomischen Grundpfeilern unserer Demokratie. Das erkannte bereits der amerikanische Staatsmann John Sherman, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich für das erste Kartellgesetz in den Vereinigten Staaten einsetzte.

Luigi Zingales

Luigi Zingales ist Professor für Unternehmertum und Finanzen an der Booth School of Business der University of Chicago. Dort leitet er das Stigler Center, das sich mit dem Problem von Vetternwirtschaft und Korruption befasst. Lösungsansätze zur Förderung von fairem Wettbewerb präsentiert er in seinem 2012 veröffentlichten Buch «A Capitalism for the People». Zingales ist Initiator des Pro-Market-Blog, der aufzeigt, wie wirtschaftliche Spezialinteressen den politischen Prozess untergraben. Seine Ansicht zu verschiedensten Wirtschaftsthemen äussert er ausserdem im Podcast Capitalisn’t, den er mit Kate Waldock vom Georgetown Law Center publiziert. Der gebürtige Italiener hat an der Università Bocconi studiert. Seinen Doktortitel hat er 1992 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erworben.
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«Wenn wir unsere politische Macht nicht an einen König abtreten wollen», appellierte der Senator aus Ohio 1890 an den Kongress, «dann sollten wir auch die Produktion, den Transport und den Verkauf lebenswichtiger Güter nicht einem Herrscher überlassen.»

Umso bedenklicher ist, wie wenig Einfluss Aktionäre heute auf die Geschäftspraktiken von Unternehmen haben. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Umgang mit automatischen Waffen.

Diesen März kam es in der neuseeländischen Stadt Christchurch zu einem verheerenden Anschlag auf zwei Moscheen durch einen Rechtsextremisten. Das Attentat, bei dem über fünfzig Menschen ums Leben kamen, veranlasste das lokale Sportgeschäft Hunting & Fishing, den Verkauf von Sturmgewehren freiwillig einzustellen. Das, weil die Ladenbesitzer bereit waren, für einen höheren gesellschaftlichen Zweck künftig auf einen Teil ihres Gewinns zu verzichten.

In den USA schlug ein Aktionär des Retail-Riesen Walmart ebenfalls einen Verkaufsstopp von automatischen Waffen vor, nachdem es in der Grundschule der Ortschaft Sandy Hook im Dezember 2012 zu einem schweren Amoklauf gekommen war.

Die Konzernleitung von Walmart sah dafür jedoch keinen Anlass. Sie stellte sich quer und setzte ihre Position schliesslich vor Gericht durch. Inzwischen hat zwar auch der grösste Detailhändler Amerikas den Verkauf von automatischen Schusswaffen gestoppt. Ausschlaggebend war aber nicht der Druck der Aktionäre. Vielmehr fürchtete sich Walmart davor, Kunden zu verlieren.

Gewinnmaximierung als Verhaltenskodex

Es gibt durchaus Argumente, warum sich der Einfluss von Aktionären auf die Geschäftspraktiken eines Unternehmens in Grenzen halten sollte.

Das aus ökonomischer Sicht stärkste Argument hat Milton Friedman vor fünfzig Jahren formuliert: Der Wirtschaftsnobelpreisträger der Universität Chicago vertrat die Ansicht, dass es unserer Gesellschaft letztlich mehr Vorteile bringe, wenn sich Unternehmen wie Walmart strikt auf die Maximierung des Gewinns konzentrierten.

Friedmans These richtet sich nicht gegen das Interesse von Arbeitnehmern und Verbrauchern. Verlangen die Mitarbeitenden eines Unternehmens zum Beispiel mehr ethnische Diversität und sind bereit, dafür einen Teil ihres Arbeitspensums abzutreten, so kann ein gewinnmaximierendes Unternehmen solche Änderungen durchaus umsetzen.

Ebenso wird ein Lebensmittelladen Fair-Trade-Kaffee ins Sortiment aufnehmen, wenn Konsumenten dafür einen höheren Preis zu bezahlen bereit sind.

Einen anderen Standpunkt vertrat Friedman, wenn es um soziale Einwände von Aktionären geht. Seiner Meinung nach sollen Unternehmen solche Forderungen ignorieren, zumal Aktionäre in dieser Hinsicht mehr erreichen könnten, indem sie einen Teil ihrer Rendite für wohltätige Zwecke spenden, und nicht indem sie ein Unternehmen dazu drängen, seine Geschäftsrichtlinien zu ändern.

Dieses Denken hat sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Vermögensverwaltung weitgehend durchgesetzt: Portfoliomanager sollen ihre Performance ohne Rücksicht auf soziale oder politische Präferenzen ihrer Investoren maximieren, lautet hier das Argument.

Eine Stiftung, die sich gegen Waffengewalt einsetzt, sollte demnach nicht versuchen, Walmart vom Verkauf von Schusswaffen abzubringen. Vielmehr sollte sie den Gewinn aus ihren Walmart-Aktien dafür nutzen, um Waffengewalt zu bekämpfen.

Friedmans Argumentation basiert auf einem zentralen Grundsatz: Nämlich, dass Aktionäre das soziale Fehlverhalten von Unternehmen ohne zusätzliche Kosten korrigieren können, indem sie die Rendite ihres Investments für gemeinnützige Zwecke spenden.

Theorie und Praxis

In der Theorie mag das einleuchtend erscheinen. Die reale Welt sieht jedoch anders aus. So ist es weniger teuer, mit der Umwelt von Anfang an schonend umzugehen, als sie zuerst zu verschmutzen und dann zu säubern.

Das Gleiche trifft auf Schusswaffen zu. Der Gewinn aus ihrem Verkauf ist geringer als die Kosten, um alle öffentlichen Orte mit Sicherheitskräften zu schützen.

Unter diesem Aspekt sind Unternehmen effizienter, wenn sie die sozialen Anliegen ihrer Aktionäre wie Umweltschutz oder Verhinderung von Amokläufen berücksichtigen.

Mit anderen Worten: Der Verwaltungsrat eines Konzerns sollte das gesamte Wohlergehen seiner Aktionäre maximieren, und nicht nur ihre finanzielle Rendite.

Aktionäre können ihren sozialen Präferenzen heute jedoch praktisch nur zum Ausdruck bringen, indem sie die Titel eines Unternehmens verkaufen, wenn sie mit seinem Verhalten nicht einverstanden sind.

Das klingt ökonomisch plausibel, kann jedoch exakt das Gegenteil bewirken. Verkaufen zum Beispiel alle ökologisch denkenden Investoren ihre Aktien aus dem Energiesektor, dann werden Ölkonzerne die Umwelt noch mehr verschmutzen, weil sich letztlich keiner ihrer Aktionäre mehr um die Natur kümmert.

Das Problem mit Monopolen

Die bisherigen Ausführungen haben sich auf eine Welt bezogen, in der es Alternativen gibt: Wer als Anwalt nicht für die Tabakbranche arbeiten will, kann sich für Umweltrechte einsetzen. Wer Fast Food von McDonald’s nicht mag, geht in ein Imbiss-Restaurant mit einer frischeren Zubereitung. Das kann zwar mehr kosten. Verglichen mit anderen Ausgaben ist der Unterschied jedoch gering.

Das ist das Grundkonzept von Wettbewerb in einem freien Markt. Es gibt aber auch Unternehmen – zwar nur wenige, aber mit enormer Bedeutung –, die keinem Wettbewerb ausgesetzt sind: Monopole.

Die Definition einer monopolistischen Marktstellung ist einfach. Beispielsweise nutzen wir alle bei der Suche im Internet Google. Der Internetriese hat diese Dominanz durch sein eigenes Verdienst im freien Wettbewerb erlangt, da er die mit Abstand beste Suchmaschine anbietet. Dennoch verfügt Google in diesem Bereich de facto über ein Monopol.

Gegen moderne Monopole wie Google können die heutigen Kartellgesetze wenig ausrichten. Historisch gibt es zwei Ansätze, um mit ihnen umzugehen: Verstaatlichung oder Regulierung. Die Idee, dass Google so ineffizient geführt werden soll wie der staatliche US-Postbetrieb, ist jedoch wenig attraktiv.

Grenzen sind auch der Regulierung gesetzt. George Stigler, ein weiterer Wirtschaftsnobelpreisträger aus Chicago, hat diesbezüglich demonstriert, dass regulatorische Auflagen oft von denjenigen Unternehmen gestaltet werden, die damit eigentlich diszipliniert werden sollten: Statt dass ihre Marktmacht eingeschränkt wird, nimmt sie dadurch sogar noch zu.

Ein neuer Ansatz

Wie also lassen sich moderne Monopole am besten bändigen? Mein Forschungskollege Oliver Hart und ich schlagen eine dritte Variante vor: Das Mandat des Verwaltungsrats bei Unternehmen mit einer monopolistischen Marktstellung zu ändern.

Das Aufsichtsgremium von Google würde somit dazu verpflichtet, das soziale Gesamtwohl zu maximieren; also den Nutzen der Gesellschaft als Ganzes und nicht nur den der Aktionäre.

Was aber heisst das konkret? Hierzu ein Beispiel: Googles Algorithmus zur Internetsuche rangiert die Meldungen zu einem politischen Kandidaten nach ihrer Relevanz. Dabei zeigt sich, dass ein Kandidat tendenziell weniger Stimmen erhält, wenn bei der Abfrage seines Namens im Netz unvorteilhafte Nachrichten zuerst angezeigt werden.

Ein Verwaltungsrat, der ausschliesslich den Gewinn maximiert, würde den Algorithmus so adjustieren, dass bei Kandidaten, die IT-Konzerne wie Google höher besteuern oder aufspalten wollen, primär negative Meldungen erscheinen.

Deshalb ist es wünschenswert, dass Verwaltungsräte von Unternehmen mit monopolistischer Marktstellung das Gemeinwohl maximieren und nicht bloss den Gewinn.

Es lässt sich freilich argumentieren, dass Google Suchanfragen aus Reputationsgründen niemals manipulieren würde. Wenn das als Motivation genügt, damit sich ein Monopol im Interesse unserer Gesellschaft verhält, ist unser Vorschlag obsolet.

Sind Befürchtungen um einen schlechten Ruf hingegen weniger relevant, braucht es eine zusätzliche Absicherung.

Macht bedeutet Verantwortung

Einen von Aktionären gewählten Verwaltungsrat dazu zu bewegen, die soziale Wohlfahrt zu priorisieren, ist nicht leicht. Am einfachsten ist deshalb eine Lösung, die Verwaltungsräte von monopolistischen Konzernen nicht nur gegenüber ihren Aktionären, sondern auch gegenüber der Gesellschaft in die Pflicht nimmt.

Ein Einwand dagegen wäre, dass ein solcher Ansatz ein Unternehmen von privatem in gesellschaftliches Eigentum überführen würde. Aus diesem Grund plädieren wir dafür, dass soziale Überlegungen nur dann in die Geschäftsentscheide eines Unternehmens einbezogen werden müssen, wenn es sich um ein Monopol handelt.

Im Prinzip zielt unser Ansatz in die gleiche Richtung wie die Devise, die sich Google einst selbst auferlegt hatte: «Don’t be evil – sei nicht böse». Wir geben ihr nur etwas mehr Biss.

Unser Vorschlag basiert auf dem Grundsatz, dass grosse Macht mit grosser Verantwortung einhergeht. Wenn das Google und anderen Monopolen zu beschwerlich ist, dann können sie sich dieser Bürde einfach entledigen, indem sie sich freiwillig aufspalten.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus einer Rede anlässlich der diesjährigen Studienabschlussfeier der University of Chicago. Die englische Originalfassung ist abrufbar unter: promarket.org