Meinung

Ein Vademecum für die Börse

Erfolgreiches Anlegen verlangt nach Regeln. Eine lautet, Korrekturen nicht auszuweichen. Vermeiden sollten Investoren auch Klumpenrisiken und relativ schwache Aktien.

Alfons Cortés
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Zur Geburt schenkte der Grossvater seiner Enkelin vor zwanzig Jahren ein Aktienportfolio von 10‘000 $.

Grossvater hatte gehört, dass Aktien ausgezeichnete langfristige Anlagen seien. Er hatte im Sinne, seiner Enkelin etwas Startkapital an die Hand zu geben, wenn sie einmal als volljährige junge Frau ihre eigenen Entscheide treffen werde.

Dazu hatte ihn André Kostolany mit seinem kurz zuvor erschienenen Buch «Das ist die Börse» animiert. Man solle Aktien kaufen und sie einfach wegsperren, hatte Kostolany geschrieben. Aber welche?

Grossvater war hin- und hergerissen zwischen einem erfolgreichen Fondsverwalter namens Peter Lynch und einem über seine populärwissenschaftliche Literatur berühmt gewordenen Professor Burton Malkiel, der mit seinem Buch «A Random Walk Down Wall Street» das passive Investieren propagierte hatte. Peter Lynch hatte hingegen geraten, durch Einkaufsstrassen und Geschäfte zu flanieren, sich die Produkte zu merken, die gekauft werden und in die Aktien der dahinterstehenden Hersteller zu investieren.

Die Vorgehensweise von Peter Lynch gefiel Grossvater, aber auf der anderen Seite wollte er nicht riskieren, dass in zwanzig Jahren die 10‘000 $ wie Butter an der Sonne weggeschmolzen sein würden. So entschied er, 90% in einen ETF auf den S&P 500 anzulegen. Die verbleibenden 10% investierte er in Umsetzung der von Peter Lynch propagierten Methode in Apple-Aktien.

Das Portfolio von 10‘000 $ am 1. Oktober 2000 ist bis zum Geburtstag der Enkelin am 11. September 2020 auf 264'446.40 $ angewachsen. Die Gewichte haben sich massiv verändert. Der Anteil des S&P 500 hat sich von 90 auf 7,9% reduziert, jener von Apple ist von 10 auf 92,1% gestiegen.

Die Moral dieser Geschichte ist so einfach wie zeitgemäss: Gutes Anlegen besteht aus Strategie, Taktik und Regeln.

Strategie ist dafür da, an ihr festzuhalten

Die Strategie legt die Allokation fest. Und sie wählt den Zeitpunkt, wann eine bestimmte Allokation festgelegt werden soll.

Die Allokation geht von Brennpunkt zu Brennpunkt. Was Brennpunkte sind, habe ich wiederholt in meinen Kolumnen beschrieben, darunter in «Der Mensch denkt, die Börse lenkt», so dass ich heute nicht noch einmal darauf eingehen muss.

Das Mantra bleibt aber: Zwischen den Brennpunkten unterlässt man klugerweise jeden Versuch, vorherzusagen, auf welchem Niveau der nächste Brennpunkt erreicht sein wird. Man wartet ab, bis er offensichtlich ist.

Brennpunkte vorherzusagen ist die grösste Sünde, die man als Anleger begehen kann. Die zweitgrösste besteht darin, Konsolidierungen oder Korrekturen durch Verkäufe oder Reduktion der Allokation ausweichen zu wollen. Man wird fast immer den optimalen Wiedereinstieg verpassen. Die Folge davon ist, dass ein Teil eines positiven Grundtrends unwiederbringlich verloren geht. Man kann das, was verloren ist, nie wieder aufholen. Die neueste Lektion erteilte die Börse dieses Jahr im März und in den darauffolgenden Monaten nachdrücklich.

Die Taktik soll zwei Ansprüche bedienen

Zur Taktik der Enkelin nur so viel: sie war im Ergebnis besser als meine. Ich hätte nie zugelassen, dass eine einzelne Aktie 90% des Portfolios ausmacht. Man weiss zu wenig, um eine solche Konzentration zuzulassen. Um Klumpenrisiken zu verhindern, habe ich Regeln. Die können gelegentlich Performance kosten, aber auch desaströse Verluste vermeiden.

Zur Taktik gehören Regeln, wie weit jede einzelne Aktie, aber auch jeder ETF auf eine Industrie, einen Sektor oder eine Region durch Kursgewinne die ursprüngliche Allokation überschiessen darf. Diese kann sich entweder nach der Zusammenstellung eines Indexes richten oder arbiträr sein. Wenn sie arbiträr ist, sollte sie aber während der ganzen Strategiedauer durchgehalten werden. Wird die zulässige Quote übertroffen, wird sie durch ein Rebalancing auf den maximal zulässigen Anteil an einem Portfolio reduziert. Der erste Anspruch an die Taktik besteht somit in der Vermeidung von Klumpenrisiken.

Zu den taktischen Massnahmen gehört auch, relativ schwache Aktien gar nicht zu kaufen, und wenn Titel im Portfolio relative Schwäche aufweisen, zu verkaufen.

Relative Stärke ist Vetomacht

Relative Stärke ist nicht das einzige Kriterium für den Aktienkauf, aber die Vetomacht. Es ist doch klar, dass ein diversifizierter Index jeder Aktie vorzuziehen ist, die gegenüber diesem Index Schwäche aufweist. Es gibt jedoch stets zu viele Aktien, die relative Stärke zu einem Referenzindex aufweisen, um sie alle zu kaufen. Es würde auch keinen Sinn machen, alle zu kaufen, weil viele Aktien ähnlich aufgestellter Unternehmen ähnliche relative Stärke aufweisen. Relative Stärke schränkt aber die Auswahl auf jene Aktien ein, für die es sich lohnt, Zeit und Geld für fundamentale Analyse aufzuwenden.

Hat man sich dann für eine bestimmte Aktie entschieden, entfernt man die relativ starken nicht, wenn sie teuer geworden sind, sondern erst dann, wenn ihre relative Stärke zum Referenzindex während einer im Voraus zu bestimmenden Periode – wie zum Beispiel drei oder sechs Monate – in relative Schwäche mündet. Der Erlös muss sofort in ein anderes Instrument angelegt werden. Deshalb hält man stets eine Auswahl von Aktien und ETF bereit, die man gerne kaufen würde.

Meistens werden es Titel sein, die über längere Zeit relativ schwach waren und erst in den letzten drei bis sechs Monaten relative Stärke zum Referenzindex und zur Aktie, die man austauschen will, aufgebaut haben. Damit wird der zweite Anspruch erfüllt: Man soll nicht nach Jahren im Rückblick, wenn an einem Brennpunkt die Allokation in Aktien reduziert wird, feststellen, dass man am Markttrend vorbei investiert hat. Das ist das Los jener, die strikte an Value-Kriterien festgehalten haben, während seit nunmehr mehr als zehn Jahren der Markt auf Wachstum getrimmt ist und nicht auf Bewertungen.

Nie ohne Grund verkaufen

Der Austausch von Aktien ist der schwierigste Teil. Es gibt Studien, zum Beispiel von Terrance Odean von der University of California in Berkeley, die zeigen, dass sehr oft die verkaufte Aktie sich danach besser entwickelt hätte als die gekaufte. Das liegt vor allem daran, dass man zu früh Titel verkauft, die ein hohes Momentum und eine hohe relative Stärke aufweisen. Der Versuchung, in starken Aktien Gewinne mitzunehmen, ohne dass entsprechende Signale vorliegen, sollte man unbedingt widerstehen. Man sollte erst verkaufen, wenn die relative Stärke während der vorgegebenen Periode abgenommen hat.

Ein anderer Grund, warum verkauft wird, ist oft die Bewertung. Wer der Meinung ist, dass teure Aktien verkauft werden sollen, einfach weil sie teuer geworden sind, sollte sich die Mühe machen, Bewertungen und Kursentwicklungen der stärksten Aktien der letzten Monate und Jahre einmal unter die Lupe zu nehmen. Bewertungen sind Hintergrundinformationen. Sie müssen in das Verständnis des Gesamtgeschehens integriert werden, dürfen aber nie alleine als Grund für einen Kauf oder einen Verkauf dienen.

Portfoliobewirtschaftung ja, aber mit Mass

Das klingt alles sehr einfach. Die tatsächliche Umsetzung ist etwas komplizierter, weil sie Erfahrung benötigt. Das Thema ist aber von höchster zeitlicher Aktualität, weil der Rückschlag des Nasdaq von knapp 10% von der Kursspitze Anfang Monat und von rund 8% des MSCI Information Technology eine Einordnung des Geschehens verlangt.

Aus meiner Sicht handelt es sich um eine Konsolidierung, die in eine Korrektur münden kann, aber nicht um ein Signal, dass die spekulative Blase in Information Technology und im Nasdaq, die in meiner Lesart im Juni begonnen hat, bereits zu Ende ist. Das bedeutet: der Brennpunkt, der das Ende der Hausse und die Ablösung durch eine Baisse signalisiert, ist nicht gegeben. Andere Sektoren und Industrien sind, mit Ausnahme von einigen in Communication Services, weit von spekulativen Blasen entfernt.

Mit dem gewählten Beispiel des S&P 500 und Apple habe ich auch zeigen wollen, dass «kaufen und halten» keine Option sein kann. Eine gewisse Bewirtschaftung braucht ein Portfolio. Doch wegen der Komplexität des Systems, die darin besteht, dass eine riesige Anzahl von Personen und mittlerweile auch Computern am Markt handeln, ist die Ungewissheit darüber, was kommen mag, stets hoch.

Die Börse ist keine Direttissima, sondern eher mit einer kurvenreichen Strasse im Gebirge zu vergleichen, wo hinter jeder Kurve eine Überraschung lauern kann. Deswegen braucht es Regeln, die man aufstellt und genau so akribisch beachtet wie die Gesetze, die der Staat erlässt. Das schützt vor halsbrecherischer Fahrweise wie auch davor, umzukehren, bevor das Ziel erreicht ist.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.
Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.