Meinung

Es ist Zeit, die Finanztheorie
komplett zu überdenken

Der Mythos, dass die Finanzmärkte im Wesentlichen gut funktionieren und effizient sind, ist nicht totzukriegen. Wir müssen die Art und Weise, wie Finanztheorie gelehrt wird, radikal ändern.

Myret Zaki
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Es war ein französischer Mathematiker, Louis Bachelier, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Pionierarbeit in der Finanzmathematik geleistet hat. Heute ist es ein anderer französischer Professor für Quantitative Finance an der Universität Zürich, Marc Chesney, der die moderne Finanztheorie zutiefst in Frage stellt.

Sein Hauptanliegen ist die Finance-Ausbildung, in der zukünftige Banker, Händler, Manager und Investoren ihr Rüstzeug erlernen. «Die akademische Welt hat die Lehren aus der Finanzkrise von 2007-2008 nicht ausreichend gelernt und blieb angesichts der wiederholten Finanzskandale sehr zurückhaltend. Dennoch liegt es in der Verantwortung der Wissenschaft, diese Fragen mit Objektivität zu analysieren, wenn die akademische Freiheit einen Sinn haben soll».

Träge Finanzwissenschaften

Er ist erstaunt über die Trägheit der Mainstream-Finanzwissenschaften: In den meisten Fällen wird in den Kursprogrammen die Finanzkrise von 2008 überhaupt nicht oder nur lapidar erwähnt. In den meisten Master-Programmen werden Ethik und Nachhaltigkeit nicht behandelt. Wie steht es mit den beispiellosen Versuchen westlicher Zentralbanken, die Zinsmärkte und die Preise von Vermögenswerten zu kontrollieren? Sie fehlen weitgehend in den Lehrbüchern.

«Wir müssen die klassischen Wirtschafts- und Finanzkonzepte in Frage stellen», sagt Marc Chesney, «und uns fragen, inwieweit sie realistisch sind». Beispielsweise wird den Studenten immer noch die allgemeine Gleichgewichtstheorie gelehrt, aber «praktisch gibt es kein allgemeines Gleichgewicht. Eine Theorie des Ungleichgewichts wäre relevant».

Förderer der Mikrosteuer

Der Experte und Autor mehrerer Bücher ist einer der Hauptförderer der Mikrosteuer-Volksinitiative, die gerade dabei ist, die 100'000 Unterschriften zu sammeln, die für eine nationale Abstimmung erforderlich sind. Sie zielt auf eine vollständige Neuordnung des schweizerischen Steuersystems ab.

Dabei sollen die Mehrwertsteuer, die direkte Bundessteuer und die Stempelsteuer durch eine einfache Steuer mit einem sehr geringen Satz, etwa 0,1%, auf elektronische Transaktionen ersetzt werden. Diese würde im Einzelhandel, im kommerziellen Zahlungsverkehr, bei Banküberweisungen oder im Hochfrequenzhandel anfallen.

Als Akademiker plädiert Marc Chesney zusammen mit anderen prominenten Professoren – wie Beat Burgenmeier, ehemaliger Dekan der Wirtschaftsfakultät der Universität Genf – für eine Änderung der Art und Weise, wie Finanzwissenschaften gelehrt werden. Die Chicagoer Denkschule regiert nach wie vor unangefochten in den Aulen und in den akademischen Journals, sagt der in Zürich ansässige Professor.

Unrealistische Annahmen

Doch Theorien wie die Modern Portfolio Theory von Harry Markowitz, die dem Professor in Chicago 1990 den so genannten Nobelpreis* für Wirtschaftswissenschaften einbrachte, erwiesen sich gerade in Zeiten von Marktturbulenzen als untauglich. Die klassische Theorie zur Bewertung von Vermögenswerten (Asset pricing theory) geht von vollkommen rationalen und informierten Anlegern aus, aber auch dies ist nur akademische Folklore.

Die Black-Scholes-Formel für die Bewertung von Optionen geht von der Annahme aus, dass es keine Arbitragemöglichkeiten gibt, «obschon Arbitrage im wirklichen Leben ein wichtiger Gewinnfaktor auf den Finanzmärkten ist», wie Marc Chesney hinzufügt.

Auch der französisch-amerikanische Mathematiker Benoit Mandelbrot (1924-2010) stellte die Chicagoer Wirtschaftsschule (Markowitz, Black, Scholes und Merton) in Frage. Wie er in seinen Forschungen der 60er- bis 90er-Jahre feststellte, geht es bei Aktienkursen um Diskontinuität, «wilden Zufall» und Risikokonzentration im Laufe der Zeit.

Mandelbrots Hauptkritik an der neoklassischen Theorie war, dass diese unwahrscheinliche Ereignisse stark unterschätzt und extreme Schwankungen nicht berücksichtigt. Mit anderen Worten: Sie schätzt die Wahrscheinlichkeiten falsch ein.

Pflichtkurse über Finanzkrisen

Schlimmer noch ist es, fügt Marc Chesney hinzu, dass es oft unmöglich ist, solche Wahrscheinlichkeiten genau zu berechnen. «Wie hoch war im November 2019 die Wahrscheinlichkeit einer Coronavirus-Pandemie Anfang 2020 und der daraus resultierenden Finanzkrise?». Darüber hinaus, so Marc Chesney weiter, seien Pflichtkurse über ‹die Geschichte der Finanzkrisen› notwendig.

«Seltsamerweise sind diese Kurse heute bloss fakultativ, obwohl sie unerlässlich sind». Aber nur eine Minderheit in der akademischen Welt scheint sich für diese kritischen Themen zu interessieren, stellt er fest. Heute möchte Marc Chesney, dass die Fakultäten reinen Tisch machen und mit dem Unterricht beginnen.

Finance muss fächerübergreifend werden

Die Finanzwissenschaften sollten nicht als eine einzige Disziplin erlernt werden, fügt er hinzu und erinnert daran, dass die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften insbesondere in der Schweiz in zwei verschiedene Bereiche aufgeteilt wurden. Eine unglückliche Wahl, die seiner Meinung nach die notwendige Debatte zwischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern zunichte machte. «Diese Debatten werden als unbequem für die unumstösslichen Dogmen der akademischen Finanzwissenschaften angesehen».

Diese Spaltung erklärt, warum akademische Finance-Paper und die Lehre so oft von den relevanten wirtschaftlichen und sozialen Fragen unserer Zeit abgekoppelt sind. Finanzprofessoren hatten früher mit Wirtschaftshistorikern zu tun, doch diese arbeiten nun häufig in sozialwissenschaftliche Fakultäten.

«Um Finanzwissenschaften zu verstehen, brauchen wir ein fächerübergreifendes Lehrangebot. Um die Gefahren einer Pandemie und ihre möglichen Folgen abzuschätzen, muss man Physik, Biologie und Politikwissenschaft mit Wirtschaft und Finanzen in Verbindung bringen», so Marc Chesney.

Keine harte Wissenschaft

Er erkannte die Wechselbeziehung zwischen Finanzströmen und globaler Erwärmung, Verlust der Biodiversität, Entwaldung sowie Umweltverschmutzung und realisierte, dass Wachstum und Umwelt nicht getrennt voneinander untersucht werden können. Deshalb gründete er an der Universität Zürich ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für nachhaltige Finanzwissenschaft (Competence Center for Sustainable Finance).

Die Wirtschaftswissenschaft hält sich selbst für eine harte Wissenschaft, obwohl es keine grundlegenden Gesetzmässigkeiten in Wirtschaft und Finanzen gibt. Anders als in der Physik sind Finanzdaten von Menschen, menschlichen Emotionen, Kontext, Epoche, Ort, Gewohnheiten und Kultur abhängig, genau wie in der Soziologie und der Geschichte. Deshalb gehorcht die Finanzwissenschaft nicht unveränderlichen Normen. Sie gehört zur Familie der Geschichtswissenschaften.

Wandel nötig

Deshalb ist es an der Zeit, dass Finanzwissenschaften als das gelehrt werden, was sie sind: eine menschliche Tätigkeit, die ganz unterschiedlichen Zwecken dienen kann, basierend auf den bewussten Entscheidungen, Politiken und Konzepten der Gesellschaft, die durch Bildung vermittelt werden.

Es ist überfällig, dass die Universitäten ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nachkommen und ein vollständiges und gründliches Überdenken der zu lehrenden Theorien organisieren, um sicherzustellen, dass eine neue, verantwortungsbewusste Finanzgeneration die Führung übernimmt.

*) Was wir gemeinhin als «Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften» bezeichnen, ist nicht einer der Preise, die Alfred Nobel 1895 ins Leben gerufen hat. Deshalb ist es auch kein Nobelpreis. Er wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank geschaffen und wird von der Nobel-Stiftung verwaltet, auf die zusammen mit den Nobelpreisen Bezug genommen wird.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
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