Meinung

ESG ist keine Modeerscheinung

Die Pandemie wird die Verbreitung von ESG-Standards (Environmental, Social, Governance) beschleunigen. Eine international verbindliche und einheitliche Bewertung der ESG-Befolgung gehört derzeit zu den dringendsten Aufgaben.

Daniel Woker
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Schon vor Covid-19 haben sich zahlreiche Unternehmen und ihre Dirigenten zunehmend gefragt, was sie als Wirtschaftsakteure tun können, um neben ihrem Unternehmen und dessen Eigner (Shareholder) auch die Gesellschaft (Stakeholder) stärker vom Unternehmenserfolg profitieren zu lassen. Die Pandemie hat nun diesen Prozess stark beschleunigt, da sie gezeigt hat, wie fragil das internationale System tatsächlich ist und wie rasch ein Absturz zu Isolation und Armut führen kann. Zudem ist die wiederum notwendige Staatshilfe an Einzelne und an eine Mehrheit von Unternehmen diesmal mit der Einsicht verbunden, dass der Staat seine Unterstützung an Bedingungen knüpfen muss und wird.

Dies kann er direkt tun, so etwa wenn Finanzhilfe mit der Aussetzung von Dividendenzahlung und Aktienrückkäufen verbunden wird. Ungleich wichtiger ist aber der allgemeine gesetzliche Rahmen, der heute offensichtlich von einer Mehrheit gefordert wird. Der «Green New Deal» der EU wird mittelfristig die Klimapolitik der europäischen Länder, eingeschlossen der Schweiz, nachhaltig verändern.

BHP hat auf Regulierung reagiert

Neben den vom Staat verordneten Push-Faktoren bestehen bereits zahlreiche Pull-Faktoren für Unternehmen. Ein zentrales Beispiel für dieses Zusammenwirken im Rahmen der Klimapolitik ist Kohle. Diese ist für ein Drittel des weltweiten CO2-Ausstosses verantwortlich. BHP Billiton, eines der weltweit grössten Minenunternehmen, wird seine Kohleförderung zur Energieerzeugung aufgeben. Dies zum einen, weil zunehmend schärfere staatliche Vorschriften Energie via Kohle verteuern, und zum anderen, weil immer mehr Grossanleger ihre «dreckigen» Rohstoffanlagen veräussern und damit die Finanzierung für Energieunternehmen teurer wird.

Der norwegische Staatsfonds, der weltweit grösste Einzelanleger im internationalen Finanzmarkt, hat kürzlich seine Anteile an Glencore verkauft. Dies ist ein Alarmzeichen für alle Anleger. Wenn einmal die gewaltigen Finanzwerte, welche in noch nicht realisierten Rohstoffreserven stecken, zu «stranded assets», also wertlos, werden, so werden die Aktien der betroffenen Firmen in die Tiefe rauschen.

Neben dem E für Umwelt sind aber auch das S für soziales Verhalten und das G für verantwortungsvolle Unternehmensführung von grösser werdender Bedeutung für alle Unternehmen. Die Pandemie hat hier als Lupe gewirkt. Sozial ist, im Notfall Angestellten und Zulieferern Hilfe zukommen zu lassen. Verantwortungsvoll zu geschäften bedeutet, Gewinne nicht länger im Steuerparadies anfallen zu lassen resp. dort zu parkieren.

ESG-Unternehmen sind für die Zeit nach der Pandemie besser gerüstet

Auch hier sind Push- und Pull-Faktoren im Spiel. Die Bemühungen eines Grossteils aller Regierungen, im Rahmen der OECD Gewinne am Ort ihrer Entstehung zu besteuern, sind bereits seit ein paar Jahren im Gange und werden sich angesichts der gigantischen Staatsverschuldung im Rahmen der Pandemiebekämpfung verstärken. Gleichzeitig ist ein wachsendes Heer von Stewards sowohl innerhalb der Unternehmen als auch bei den Grossanlegern tätig, welche die Einhaltung der ESG-Standards überwachen – im eigenen Interesse, haben doch kürzliche Untersuchungen gezeigt, dass ESG-Unternehmen besser bewertet werden als andere.

Dies zweifelsohne, weil das gegenwärtige Momentum in diese Richtung geht, gleichzeitig aber auch, weil ESG-Unternehmen ihre Hausaufgaben für die Zeit nach der Pandemie (Lieferketten, Unternehmensführung) schneller erledigen und damit für die Zukunft besser positioniert sind.

Eine international verbindliche und einheitliche Bewertung der ESG-Befolgung der Unternehmen gehört zu den dringendsten Aufgaben der Zukunft. Sie wird sich nur im Zusammenspiel zwischen Staat und Privatindustrie machen lassen. Dazu gehört ebenso ein entsprechendes Auditing. Das wäre doch ein neues Tätigkeitsfeld für die vier grossen internationalen Buchprüfer, welche sich allesamt in jüngerer Zeit nicht mit Ruhm bedeckt haben.

Die zwei Einwände gegen ESG sind falsch

Im Zusammenhang mit dem Momentum Richtung ESG müssen auch die zwei oft gehörten Einwände erwähnt werden, dass ESG lediglich eine Modeerscheinung sei, ein «fad» eben, der vorübergehen werde wie vieles andere auch im langjährigen Börsenverlauf. Zu diesen Kritikern gehören einmal die «Friedman diehards». Deren plattes Diktum «the business of business is business» hat so wohl nie gestimmt und tut es heute noch weniger angesichts der bereits erfolgten Globalisierung des Wirtschaftslebens bei gleichzeitigem Verharren der Politik in vielerlei Beziehung auf nationaler Ebene.

Ernster zu nehmen sind jene, welche von einem unauflösbaren Widerspruch zwischen den Interessen von Share- und Stakeholdern in der betriebswirtschaftlichen Praxis ausgehen. Aber auch dies ist falsch, wie der Nachgang der Finanzkrise von 2007/8 gezeigt hat. Wachsende Ungleichheit – und damit weniger Kunden – bei nationalistischer Abschottung von Märkten – und damit kein internationaler Wettbewerb – schadet auch den Unternehmensführern, die sich anheischig machen, allein den Aktionären – und sich selbst in der Form von Salären und Boni – verantwortlich zu sein.

Die richtungsweisende Erklärung des «American Business Roundtable» vom August 2019, wonach Unternehmen künftig neben den Aktionären die Interessen ihrer Angestellten und Zulieferer sowie die Erhaltung der Umwelt gleichwertig gewichten sollten, muss fortlaufend von der Praxis bestätigt werden. Die Zeichen sind an der Wand, dass genau dies durch die Pandemie beschleunigt und im Bewusstsein einer grossen Mehrheit verankert worden ist.

Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.