Meinung

ESG und der Wahnsinn der Massen

Modetrends sind ansteckend. Besonders in Mode sind aktuell ESG-Investitionen. Doch auch dieser Trend wird wieder verblassen. Die Kunst ist es, zu den ersten zu gehören, die darauf setzen.

Alexander M. Ineichen
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ESG-Investitionen (Environmental, Social and Corporate Governance) sind derzeit in Mode – im Gegensatz zu allem, was mit fossilen Energien zu tun hat. Modetrends sind ansteckend, und mit dem Konsens zu gehen ist menschlich. Ein Beispiel dafür, das nichts mit der Finanzindustrie zu tun hat, ist das lemmingartige Verhalten, sich als Fussballspieler die Unterarme zu tätowieren. Der untätowierte portugiesische Starstürmer Cristiano Ronaldo, der einst als eine Mischung aus Roger Federer und Kim Kardashian beschrieben wurde, wird damit bald alleine dastehen.

Gustave Le Bon hat es 1895 gut ausgedrückt. Sich anstecken lassen ist ein Phänomen, das für jedes soziale Verhalten gilt, wofür die Finanzmärkte nur ein Beispiel sind.

Man, like animals, has a natural tendency to imitation... The opinions and beliefs of crowds are specially propagated by contagion, but never by reasoning.1
—Gustave Le Bon (1841-1931), französischer Universalgelehrter

Eine Parallele zwischen Mode und Investitionsmoden besteht darin, dass der Verkäufer einen Anreiz hat, sie zu fördern. Wenn Sie Kapuzenpullover verkaufen, wollen Sie, dass alle Jugendlichen Kapuzenpullover tragen. Und dann, wenn alle Jugendlichen Kapuzenpullover tragen, gehen Sie das mittlere Alterssegment an und gaukeln ihm vor, es sei jugendlich und sehe gut aus, wenn es einen Kapuzenpullover trage. Mit ESG ist es dasselbe: Man verkauft den Glauben, dass man eine bessere Performance erzielt und gleichzeitig Gutes tut.

Kapuzenpullover, tätowierte Unterarme, die jüngste finanzielle Modeerscheinung: Sie sind alle miteinander verwandt. Nietzsche, wohl eine Autorität in Sachen Wahnsinn, sagte zum Herdentrieb Folgendes:

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
– Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900), deutscher Philosoph

Die Anlagelegende Bernard Baruch, der nicht den amerikanischen Nobelpreisträger Shiller, sondern den deutschen Schriftsteller Schiller zitiert, einen phonetischen Namensvetter, ist der Meinung, dass kollektive Schwachsinnigkeit auf die Wall Street übertragbar sei:

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig. Sind sie in corpore, gleich wird dir ein Dummkopf daraus.2
– Friedrich Schiller (1759-1805), deutscher Schriftsteller

Ob es sich dabei um Mode, Gimmicks, Tätowierungen, Pokémon, Kryptowährungen oder Anlageprodukte handelt, spielt keine grosse Rolle. Gruppendenken und Herdentrieb regieren überall. Ein Aspekt des professionellen Anlagemanagements ist, dass der Portfoliomanager einen Anreiz hat, dem Konsens zu folgen – um konventionell zu sein.

Die Manager eines Fonds sind oft seriöse Mitarbeiter eines Unternehmens und keine exzentrischen, unternehmerisch denkenden Studienabbrecher. Sie sind mehr einem Karriere- als einem unternehmerischen Risiko ausgesetzt. Keynes hat diesen Punkt, den er «das Spiel der professionellen Investitionen» nennt, gut herausgearbeitet:

Worldly wisdom teaches us that it is better for reputation to fail conventionally than to succeed unconventionally.3
— John Maynard Keynes (1883-1946), britischer Wirtschaftswissenschafter

Contrarian sein ist chic

Der Anreiz, Konvention zu suchen, ist hoch. Im institutionellen Geldmanagement wurden Aktien lange Zeit als zu spekulativ angesehen, und institutionelle Anleger investierten hauptsächlich in Anleihen und bargeldähnliche Instrumente. Dies änderte sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Viele europäische institutionelle Anleger kauften ihre ersten Aktien Ende der Neunzigerjahre – kurz bevor sie sich Anfang des neuen Jahrtausends zum ersten Mal halbiert haben.

Die Skepsis gegenüber dem Konsensdenken ist allerdings Teil der DNA vieler Investoren. Sie ist wahrscheinlich eine conditio sine qua non des erfolgreichen Investierens. Mario Gabelli, ein amerikanischer Value-Investor und häufiger Teilnehmer des «Barron's Roundtable», drückte es wie folgt aus:

Conventional wisdom results in conventional returns.4
– Mario Gabelli (geb. 1942), amerikanischer Investor

Diese Weisheit besass auch Coco Chanel – selbst nicht am runden Tisch von «Barron's», aber die Nr. 5 des Ruhmes:

In order to be irreplaceable one must always be different.5
– Gabrielle "Coco" Chanel (1883-1971), französische Modedesignerin und Geschäftsfrau

Das Komische ist, dass fast alle Investoren all dies wissen: Durchschnittliche Gedanken führen zu durchschnittlichen Ideen, was zu einer durchschnittlichen Performance führt. Da dies jeder weiss, reicht es eben nicht, um aus der Reihe zu tanzen. Manchmal hat man das Gefühl, dass es Konsens ist, Contrarian zu sein (was per Definition nicht möglich ist). Man sollte, um Barton Biggs' Witz zu benutzen, ein «Contra-Contrarian» sein.

Being a contrarian is very chic. The only trouble is that now everyone is a contrarian... Therefore, instead of being contrarians, perhaps we should be contra-contrarians.6
– Barton Biggs (1932-2012), amerikanischer Stratege, Investor und Wallstreet-Legende

Man muss aber noch das Timing treffen, wie es einer der Contrarians ausdrückte:

The trick of being contrarian is to be early, not just different.7
– Dean LeBaron (geb. 1933), Abenteuer-Kapitalist

Die jüngste Outperformance von ESG ist hauptsächlich auf die Untergewichtung alter, rohstoffbezogener Aktivitäten wie fossile Energien und Bergbau zurückzuführen. Wenn es in diesen Sektoren wie in den Jahren nach 2000 zu einer Rückkehr zum Mittelwert kommt, wird ESG verblassen, ebenso wie die meisten anderen Modeerscheinungen im Anlagemanagement auch. Nach der jüngsten Performance von Gold- und Silberminen zu urteilen, hat die Trendumkehr bereits begonnen.


Alexander Ineichen

Alexander Ineichen ist Gründer der Ineichen Research and Management AG, die sich seit 2009 auf Research im Zusammenhang mit Risikomanagement und Nowcasting spezialisiert. Er begann seine Karriere 1988 im Verkauf von derivativen und strukturierten Produkten in der Investmentbank des Schweizerischen Bankvereins und arbeitete bis 2009 im Research der UBS in Zürich und London. Ineichen ist der Autor der beiden Publikationen «In Search of Alpha» (2000) und «The Search for Alpha Continues» (2001). Diese beiden Werke waren die meist gedruckten Researchpublikationen in der dokumentierten Geschichte der UBS. Er hat auch zwei Bücher publiziert, «Absolute Returns» und «Asymmetric Returns»; sein Manifest für ein aktives Risikomanagement. Alexander Ineichen hält die Fachausweise CFA, CAIA und FRM und sitzt im Aufsichtsrat der CAIA Association.
Alexander Ineichen ist Gründer der Ineichen Research and Management AG, die sich seit 2009 auf Research im Zusammenhang mit Risikomanagement und Nowcasting spezialisiert. Er begann seine Karriere 1988 im Verkauf von derivativen und strukturierten Produkten in der Investmentbank des Schweizerischen Bankvereins und arbeitete bis 2009 im Research der UBS in Zürich und London. Ineichen ist der Autor der beiden Publikationen «In Search of Alpha» (2000) und «The Search for Alpha Continues» (2001). Diese beiden Werke waren die meist gedruckten Researchpublikationen in der dokumentierten Geschichte der UBS. Er hat auch zwei Bücher publiziert, «Absolute Returns» und «Asymmetric Returns»; sein Manifest für ein aktives Risikomanagement. Alexander Ineichen hält die Fachausweise CFA, CAIA und FRM und sitzt im Aufsichtsrat der CAIA Association.

1 Le Bon, Gustave (1895, 1982) «The Crowd – A Study of the Popular Mind», Second edition, Atlanta: Cherokee Publishing Company. Zuerst erschienen 1895 auf Französisch («Psychologie des Foules»).

2 Wie von Bernard Baruch zitiert im Vorwort zur 1932-Ausgabe von «Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds» (1841), von Charles Mackay.

3 Keynes, John Maynard (1936) «The General Theory of Employment, Interest and Money», Harcourt, Brace & World, New York, Kapitel 12.

4 Wie zitiert in «500 of the most witty, acerbic and erudite things ever said about money», 2002, Petersfield: Herriman House Ltd.

5 Wie zitiert in «Coco Chanel: Her Life, Her Secrets» (1971), von Marcel Haedrich.

6 Biggs, Barton (2006) «Hedgehogging», Hoboken: John Wiley & Sons, p. 143.

7 Mintz, Steven L. (1994) «Five Eminent Contrarians – Careers, Perspectives and Investment Tactics», Burlington: Fraser Publishing Company, p. 3.