Meinung

Europäische Unternehmen in China: Zwischen Abkopplung und Onshoring

Das Geschäftsumfeld für europäische Unternehmen in China wird zunehmend schwierig. Politischer Druck und der Konflikt mit den USA belasten. Viele Unternehmen wählen die Flucht nach vorn.

Jörg Wuttke
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Nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie verbrachten europäische Unternehmen in China die ersten Monate des Jahres 2020 damit, ihre Investitionsstrategien ernsthaft zu überprüfen. Das Thema Diversifizierung der Lieferketten war in aller Munde, und viele Experten waren der Meinung, dass eine zu grosse Abhängigkeit von China ausländische Unternehmen dazu zwingen würde, sich abzukoppeln und zumindest einige Investitionen und Produktionsstandorte in andere Länder zu verlagern.

Nur ein Jahr später wird die Abkopplung immer noch in Erwägung gezogen, wenn auch nicht auf die Art und Weise, die die meisten Beobachter erwartet hatten. Anstatt den chinesischen Markt zu verlassen, suchen europäische Unternehmen nach Wegen, ihre China-Aktivitäten von ihren globalen Aktivitäten zu trennen.

Unternehmen wählen Weg der Lokalisierung

Gemäss einer kürzlich durchgeführten Umfrage der EU-Handelskammer in China verlagern fünfmal so viele europäische Unternehmen ihre Aktivitäten nach China wie sie aus dem Land abziehen. Durch Onshoring und Lokalisierung kappen europäische Unternehmen die grenzüberschreitenden Verbindungen, die sie geopolitischen Spannungen aussetzen, und verschaffen sich eine günstigere Ausgangsposition, um Chinas Autarkie-Kampagne zu überstehen.

Allerdings müssen sie ihre Erfolgschancen gegen die Risiken abwägen, die mit der Trennung ihrer globalen Aktivitäten in bestimmten Bereichen verbunden sind.

Nicht alle Unternehmen werden die Möglichkeit haben, diese Strategie zu verfolgen: Ein Grossteil der chinesischen Wirtschaft ist offen, und europäische Maschinenbauer, führende Unternehmen im «Clean Energy»-Sektor, Chemieproduzenten und Hersteller medizinischer Geräte zum Beispiel sind in der Regel willkommen, um ihre Investitionen auszuweiten.

Ausländische Konkurrenz ist jedoch in Bereichen, die von staatlichen nationalen Champions dominiert werden, zunehmend unerwünscht. Die politischen Entscheidungsträger in Peking haben das klare Ziel, ein unabhängiges IT-Ökosystem aufzubauen, das sich selbst tragen kann, und das bedeutet eine begrenzte Rolle für ausländische Anbieter in diesen Bereichen.

Vage behördliche Anforderungen

Neben geopolitischen Überlegungen ist Chinas Regulierungssystem ein weiterer Grund für europäische Unternehmen, sich lokal aufzustellen. Zum Beispiel macht Chinas Data-Governance-System den Datentransfer über die Grenze prekär, und bei Verbindungen zu globalen digitalen Systemen besteht die Gefahr der Nichteinhaltung.

Zudem sehen sich europäische Unternehmen mit vagen behördlichen Anforderungen an ihre Netzwerkausrüstung und an ihre digitalen Dienste konfrontiert, etwa durch Sicherheitsüberprüfungen von «kritischen IT-Infrastrukturen» und informelle Vorschläge, dass die Unternehmen «autonome und kontrollierbare Technologien» einsetzen sollen.

Diese Anforderungen wirken sich auf ein Drittel aller europäischen Firmen in China negativ aus, wobei Endanwender, auch ausländische, zunehmend auf Nummer sicher gehen und lokal entwickelte Technologien wählen. Die Anforderungen zwingen ausländische Unternehmen auch dazu, ihre Lieferketten, Technologie-Plattformen sowie Forschung und Entwicklung zu lokalisieren, um eine Chance zu haben, auf einem Markt zu bestehen, der im Ausland entwickelte Geräte und Dienstleistungen zunehmend als «unzuverlässig» betrachtet.

Lokalisierung von Systemen ist für Banken teuer

Diese Herausforderungen beschränken sich nicht nur auf die Anbieter von IT- und Kommunikationsdiensten, sondern auch auf die Nutzer. Einige europäische Banken merken zum Beispiel an, dass die zu erwartenden Kosten einer solchen Lokalisierung der Systeme schlichtweg zu hoch sind. Da sich China erst vor kurzem für ausländische Anbieter von Finanzdienstleistungen geöffnet hat, gibt es ausserhalb einiger weniger Nischen einfach nicht viel Marktanteil zu ergattern.

Grössere europäische Banken mögen die Kosten einer vollständigen Lokalisierung der Systeme in China auf lange Sicht für lohnenswert halten, aber kleinere Banken können die zweistelligen Millionenbeträge, die dafür erforderlich sind, nicht rechtfertigen, wenn ihre Möglichkeiten im Markt so gering sind. Sie werden stattdessen einfach abwandern.

Gleichzeitig werden europäische Unternehmen in China davon weggelenkt, amerikanische Technologie – sowohl physisch als auch digital – zu nutzen. Der Konflikt zwischen den USA und China wird sich wahrscheinlich verschärfen, und die Abhängigkeit von Hard- und Software amerikanischer Anbieter ist beträchtlich.

Lediglich 20% der europäischen Unternehmen in China berichten, dass sie in diesen Risiken nicht exponiert sind. Ein Drittel importiert Geräte oder Komponenten aus den USA, für die es keine brauchbaren Alternativen gibt. Der Rest kann eine andere Quelle finden, wenn auch zu höheren Kosten, geringerer Qualität oder mit Problemen bei der Interoperabilität.

Infolgedessen sind europäische Unternehmen bestrebt, ihre ausländischen Lieferanten nach China zu ziehen oder ein lokales Produkt zu finden, auf das sie bei Bedarf umsteigen können.

Navigation durch ein politisiertes Geschäftsumfeld

Während europäische Investoren in China ihre Onshoring-Pläne vorantreiben, sehen sie sich jedoch gleichzeitig mit einem zunehmend politisierten Geschäftsumfeld konfrontiert. Der grösste Teil des Drucks geht dabei von der chinesischen Regierung und den staatlichen Medien aus.

Die tatsächlichen Kosten, die mit einem derart politisierten Geschäftsumfeld verbunden sind, wurden einigen europäischen Bekleidungsherstellern im März deutlich bewusst, als sie ins Visier genommen wurden, weil sie beschlossen hatten, keine Baumwolle mehr aus Xinjiang zu beziehen.

Auch aus Europa und den USA wächst der Druck auf die Unternehmen, in jüngster Zeit besonders aus Bedenken hinsichtlich der Menschenrechte und Zwangsarbeit in China. Wenn Unternehmen weiter in diesen Markt vordringen, müssen sie einen Weg finden, sich in einem immer dichter werdenden politischen Minenfeld zurechtzufinden und gleichzeitig ihre europäischen Prinzipien zu wahren.

Ironischerweise bedeutet das Hin und Her konkurrierender politischer Kräfte, dass europäische Unternehmen ihre eigenen Strategien zur Eigenständigkeit entwickeln müssen, da sie gezwungen sind, Operationen so weit wie möglich zu lokalisieren und widerstandsfähige Lieferketten aufzubauen.

Da die Spannungen in den kommenden Jahren jedoch weiter zunehmen werden, werden die erforderlichen Investitionen für eine Expansion in China nur noch schwieriger werden, so dass es für viele europäische Unternehmen heisst: jetzt oder nie.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.