Die Meinung

Die EU und der Euro führen Europa immer weiter ins Abseits

Die EU ist zu einem zentralistischen Projekt geworden, die Gemeinschaftswährung reisst die Mitgliedsländer auseinander. Mit der zu erwartenden Konjunkturabkühlung – provoziert durch den Abschwung in China – werden verdrängte Probleme wieder auftauchen.

Felix W. Zulauf

Mit der Einführung des Euros wurde Europas Bürgern Prosperität und ewiger Friede versprochen. Inzwischen entpuppt sich die Gemeinschaftswährung als Fehlkonstruktion zum Schaden Europas. Das Zahlungssystem Target-2 wird zur Finanzierung von Schieflagen in den Zahlungsbilanzen einzelner Mitgliedsländer missbraucht. Dabei wird primär die deutsche Bundesbank gezwungen, die Defizite anderer Notenbanken zu decken.

Felix W. Zulauf

Felix W. Zulauf ist Gründer und Inhaber der Zulauf Asset Management in Baar. Seine Laufbahn führte ihn bei der UBS in Zürich durch verschiedene Positionen, unter anderem als globaler Anlagestratege und Leiter des institutionellen Portfolio Managements. 1990 gründete er Zulauf Asset Management, um seine Anlagephilosophie frei von konventionellen institutionellen Restriktionen umsetzen zu können. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat Zulauf die Mehrheit seiner Firma verkauft und seine Minderheit als eigenständiges Unternehmen abgetrennt, das ihm primär als sein eigenes Family Office dient und Beratungen für Kunden weltweit anbietet.
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Wer glaubt, die Zentralbanken Italiens, Spaniens oder Portugals würden ihre Schulden jemals bezahlen, der träumt. In der Bilanz der Bundesbank stehen rund 900 Mrd. € derart dubioser Guthaben. Die Bundesbank hat sich jahrelang gegen diese Entwicklung gesperrt, wurde aber von der Kanzlerin nie gestützt, denn der Euro wäre ohne diesen Missbrauch längst Geschichte.

Europas Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren immerhin von starken Exporten profitiert. Doch jetzt dreht der Wind: Der Boom in China ist für lange Zeit vorbei. Damit kühlt auch Europas Konjunktur ab, denn China trieb direkt und indirekt etwa die Hälfte unseres Wachstums.

Grosse Ungleichgewichte

Mit der Konjunkturschwäche kochen die von Europas Bankensektor seit Jahren unterdrückten Probleme wieder hoch. Gemäss Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind etwa 15% der in Europa kotierten Unternehmen «Zombies», das heisst, sie verdienen ihre Kapitalkosten nicht. Es ist zu befürchten, dass mit zunehmenden Konjunkturproblemen schon bald einzelne Banken von ihren Heimatstaaten gerettet werden müssen.

Neben Italien, Portugal und Frankreich ist inzwischen auch Deutschland diesbezüglich gefährdet. Die EU ist grossartig im Verschleppen, aber nicht im Lösen von Problemen.

Da die einzelnen Volkswirtschaften Europas ihre Ungleichgewichte nicht mehr über die Währung ins Lot bringen können, muss dies über die Realwirtschaft passieren. Deshalb stecken die Südeuropäer trotz billionenschwerer Hilfe seit Jahren in der Stagnation. Die Folgen sind hohe Arbeitslosigkeit und Auswanderung.

Für Deutschland dagegen ist der Euro unterbewertet, doch auch das verursacht Probleme. Deutschlands Exportquote hat sich seit Einführung der Gemeinschaftswährung auf 48% des Bruttoinlandprodukts fast verdoppelt. Diese hohen Exportüberschüsse stossen nicht zuletzt in den USA auf harsche Kritik. Längerfristig werden Deutschland und die EU gegenüber den USA Zugeständnisse im Handel machen oder sogar Produktionsstätten nach Amerika auslagern müssen.

Der Euro ist deshalb kein Segen für die grösste Volkswirtschaft Europas, auch wenn dies die Vertreter von Politik und Wirtschaft oft und gerne wiederholen. Er macht Deutschland und die EU viel verwundbarer als zu Zeiten vor der Einführung der Gemeinschaftswährung. Damals führten zunehmende Exportüberschüsse zu einer stärkeren D-Mark, was selbstregulierend wirkte. Und mit der stärkeren Mark verfügten die Deutschen entsprechend über mehr Kaufkraft als heute.

Das Credo der EU von freiem Verkehr für Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital klingt in der Theorie gut. In einem Binnenmarkt mit strukturell erheblichen Unterschieden in den Einkommen, im Lebensstandard oder den Sozialleistungen löst dies jedoch Migration aus. Das drückt in den Zuwanderungsländern die Löhne, verdrängt ältere Einheimische aus ihren Arbeitsplätzen und übernutzt Ressourcen wie Verkehr, Schulen und Wohnungsmarkt.

Revolte gegen den Zentralismus

Folgen daraus sind Volksentscheide wie der Brexit oder Initiativen gegen Masseneinwanderung und Zersiedelung. Dies sind alles Symptome einer fehlgeleiteten Politik. Wenn Zugewanderte sofort ins Wohlfahrtssystem integriert werden, ohne vorher Beiträge zu leisten, ist dies unfair. Sollten sie in einer Konjunkturabkühlung den Job verlieren, so bleiben sie dort, wo sie die besseren Leistungen erhalten.

Grossbritannien hat sich mit dem zunehmenden Zentralismus der EU und der wachsenden Abkehr von Freiheit schwergetan. Die ungezügelte Personenfreizügigkeit – auch ein grosses Problem für die Schweiz – brachte das Fass zum Überlaufen. Mit dem Austritt der Briten verliert die EU ihre zweitgrösste Volkswirtschaft, die so gross ist wie die kleinsten neunzehn zusammen. Und Nordeuropa verliert die Sperrminorität, womit Südeuropa die künftige Marschrichtung der EU bestimmen wird.

Die EU krankt an den Ungleichgewichten, die die Gleichmacherei von unterschiedlichen Volkswirtschaften verursacht. Die Europäische Zentralbank versucht die Fehlkonstruktion mit Geldschöpfung zu retten, womit marode Regierungen gestützt, aber die Sparer bestraft werden. Wenn die Signalwirkung der Zinsen praktisch ausser Kraft gesetzt wird, sind Fehlallokationen von Kapital die Folge. Wer nicht glaubt, dass die EZB mit dieser Politik ausserdem das Bankensystem ruiniert, der muss nur einen Blick auf die erbärmliche Kursentwicklung von Bankaktien werfen.

Es ist zwar verständlich, dass international tätige Unternehmen einen grösstmöglichen Wirtschaftsraum wünschen und deshalb für den Binnenmarkt plädieren. Aber diesen mit einer Fehlkonstruktion zum Schaden der Bürger zu erzwingen, ist keine Lösung. Die Wirtschaft gedieh eindeutig besser, als es noch keinen Euro gab und Europa eine Gruppierung souveräner Nationalstaaten war. Der heutige Zentralismus macht Europa schwächer statt stärker.

Auch geostrategisch verhält sich Europa naiv. Aus der Erfahrung der eigenen Geschichte ist eine Zurückhaltung in der militärischen Rüstung zwar verständlich, aber ein Land, das sich nicht verteidigen will, wird schliesslich durch andere regiert werden. Europa – auch die Schweiz – hat sich militärisch bequem in die Abhängigkeit der USA begeben. Dabei hat es nicht nur seine eigene Verteidigungsbereitschaft vernachlässigt, sondern auch seine Pflichten gegenüber der NATO und den USA nicht erfüllt.

Wenn Kampfjets nicht mehr fliegen, U-Boote nicht mehr tauchen und Gewehre überhitzen statt schiessen, dann zeigt dies den jämmerlichen Zustand unserer Armeen. Ausser Grossbritannien und Frankreich besitzt kein Staat Europas eine Armee, die ihr Land schützen kann.

Deshalb wird die wirtschaftliche Grossmacht Europa geopolitisch nicht ernst genommen. Der Konflikt zwischen China und den USA wird aber auch uns betreffen. Wenn China zur Beilegung des Handelsdisputs mehr von den USA kaufen muss, dann kauft es andernorts weniger. Unsere zwar schlagkräftige Wirtschaft kann von ihren eigenen Regierungen nicht mehr geschützt werden. Mit ihren hausgemachten Problemen verschwenden die europäischen Staaten Energie und Kapital – beides könnten sie nutzbringender als Scharnier zwischen Asien und Amerika einsetzen.

Die Schweiz muss Alleingang in Kauf nehmen

Die Staaten Europas müssen sich überlegen, ob sie mehr Planwirtschaft und Totalitarismus oder mehr Markt und Freiheit wollen. Die gegenwärtige Marschrichtung verheisst nichts Gutes. Solange die EU die Weichen nicht anders stellt, darf sich die Schweiz nicht in die weitere politische Abhängigkeit begeben. Glücklicherweise nimmt die wirtschaftliche Abhängigkeit von der EU dank steigenden Handels mit Asien und Amerika laufend ab, was uns mit der Zeit weniger erpressbar machen wird.

Die Plädoyers der hiesigen Vertreter von Grosskonzernen, sich mit einem Rahmenvertrag der EU auszuliefern, sind aus ihrer egoistischen Sicht zwar verständlich, aber falsch. Denn damit würde die Knechtschaft unter Brüssel beginnen. Die langfristigen Folgen wären verheerend für die Schweiz, denn unser Wohlstand würde über kurz oder lang auf das Niveau der EU sinken.

Die Schweiz muss einen gewissen Druck seitens der EU aushalten können. Wir brauchen wieder politische Entscheidungsträger vom Schlage eines Fritz Leutwiler, der als Präsident der Nationalbank in den Siebzigerjahren die kurzfristigen Schmerzen des geldpolitischen Alleingangs in Kauf nahm und damit der Schweiz den langfristigen Wohlstand sicherte. Wenn wir diese Kraft zum langfristigen Wohl unserer Nation nicht mehr aufbringen, dann wird es zu einem schmerzhaften Erwachen führen.

Anleger: Auf Abkühlung vorbereiten

Für Investoren bleiben europäische Kapitalanlagen vorderhand im weltweiten Vergleich wenig interessant. Der Euro dürfte gegenüber dem Dollar abermals unter Druck geraten, weil Europa von der globalen Konjunkturabkühlung am härtesten getroffen und die EZB ihre verfehlte Geldpolitik noch intensivieren wird. Anleihen weisen wegen der Manipulation der Notenbanken eine derart niedrige Nominalrendite auf – bei einigermassen vernünftigen Schuldnern verharrt sie selbst für lange Laufzeiten unter null –, dass sie kaum gekauft werden können.

Die europäischen Aktienindizes sind wegen der oben beschriebenen Probleme seit Jahren die schlechtesten Performer im weltweiten Kontext. Wenn sich die Weltwirtschaft in den kommenden Monaten weiter abkühlt, was zu erwarten ist, dann werden Senkungen der Gewinnschätzungen unumgänglich sein. Das dürfte die gegenwärtige Erholung an den Börsen beenden. Deshalb sollten Anleger eine weiterhin defensive Strategie wählen und defensive gegenüber zyklischen Aktien übergewichten.

Auch ist ein grösserer Cash-Bestand wertvoll: Er kann bei tieferen Kursen später wieder für Käufe eingesetzt werden.