Die Meinung

«Financial Literacy» im Brennpunkt

Wissens- und Ausbildungslücken in Finanzthemen verhindern Geldberatung auf Augenhöhe.

Erwin W. Heri

Finanzkompetenz oder «Financial Literacy», wie sie in der angelsächsischen Literatur genannt wird, sprich: Grundausbildung breitester Bevölkerungsschichten in Wirtschafts-, Geld- und Finanzfragen, wird seit vielen Jahren thematisiert – nicht nur in Wissenschaft und Politik, sondern auch bei Regulatoren, Konsumentenschützern und selbstverständlich bei den Anlegern selbst.

Erwin W. Heri

Erwin W. Heri ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und am Swiss Finance Institute in Zürich. Neben seinen universitären Mandaten war er früher als Chief Investment Officer beim früheren Schweizerischen Bankverein (UBS), als Generaldirektor und Group CFO bei der Winterthur Versicherungsgruppe und als Chief Investment Officer bei Credit Suisse Financial Services tätig. Während rund 10 Jahren leitete er danach die Privatbankengruppe Valartis Group. Er ist Autor einer Reihe von Büchern aus dem Finanz- und Anlagebereich. Heri ist Gründer von Fintool, einer videobasierten Internetplattform für Finanzausbildung.
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Zahlreiche Massnahmen und Initiativen im Bereich Konsumenten- und Anlegerschutz weisen ebenfalls in diese Richtung.

Viele der in den letzten Jahren entstandenen Probleme weisen auf Ausbildungslücken hin. Anders als oft vermutet finden sich diese aber nicht nur im Bereich niedriger Einkommensschichten mit vermeintlich tieferer Schulbildung. Finanzträumereien und Illusionen darüber, wie globale Finanzmärkte oder gar irgendwelche «Exotics» funktionieren sollten und könnten, sind über alle Einkommens-, Vermögens- und Ausbildungsschichten etwa gleich verteilt.

Auch in der Finanzindustrie selbst finden sich solche Lücken im Wissen und der Ausbildung. Das ist nicht ganz überraschend. Denn an nicht wenigen Orten wurde bei der Ausbildung der Bankkader während Jahren weniger auf eine solide Basisausbildung in Anlage- und Finanzfragen Wert gelegt als vielmehr auf Verkaufskompetenz. Das hat zu einem nicht zu vernachlässigenden Manko an Grundwissen auch in der Finanzindustrie selbst geführt. Ein Wissen notabene, das eigentlich eine Bedingung für eine vernünftige, kundenzentrierte Anlageberatung darstellt.

«Doktor Google»

Mehr und mehr wird diese Tatsache auch von der Rat suchenden Kundschaft gesehen. Langsam entwickelt sich eine Verhaltensweise, die an «Doktor Google» erinnert. Bevor man heutzutage zum Arzt oder zum Apotheker geht, wird Doktor Google konsultiert. Nach dem Arztbesuch befragt man das Internet nochmals zu den verschriebenen Medikamenten – und erst dann werden sie gegebenenfalls eingenommen.

Der Besuch bei Doktor Google soll helfen, sich in etwa auf gleicher Augenhöhe mit dem «unabhängigen Intermediär» – in diesem Fall dem Arzt oder dem Apotheker – unterhalten zu können. Ärzte und Apotheker bilden schliesslich einen relevanten Teil des Vertriebsapparats der Pharmaindustrie.

Und wie steht es im Geld- und Anlagegeschäft? Da geht man – im übertragenen Sinne und plakativ gesprochen – mit Kopfschmerzen immer noch direkt zum Pharmakonzern Bayer und wundert sich dann, dass man ausschliesslich Aspirin als Remedur erhält.

Natürlich wird in Bankenwerbung und -marketing von «offenen Plattformen» und Ähnlichem gesprochen. Wir brauchen aber nicht darüber zu diskutieren – der Rückgriff auf das Beispiel aus der Pharmawelt sei weiterhin erlaubt –, dass Bayer beim Verkauf von Aspirin eine höhere Marge erzielt, als wenn der Patient das Schmerzmittel eines Konkurrenten verschrieben erhalten würde. So sind die Anreizstrukturen.

In der Schweizer Finanzwelt etablieren sich neutrale Intermediäre – Finanzapotheker und -ärzte – nur sehr langsam. Die Banken haben sich in ihrer Privatkundschaft während Generationen einen Vertrauensbonus aufgebaut, von dem sie immer noch zehren. Er schwindet aber rasant.

Unabhängige Beratung

Das europäische Ausland ist diesbezüglich in eine andere Richtung gegangen. So spielen beispielsweise in Deutschland die unabhängigen Honorarberater bereits eine ganz wichtige Rolle; einerseits als Vertriebskanal für Finanzprodukte, vor allem aber als neutrale Ansprechpartner der Privatkundschaft.

Die Schweiz wird über kurz oder lang in eine ähnliche Richtung tendieren: unabhängige und neutrale Geldberater, die ausschliesslich im Interesse der Kunden agieren.

Und Doktor Google? Es ist das Gleiche wie in der Welt der Gesundheit. Wer ein selbstbestimmtes Finanzleben führen und mit seinem Geldberater – dereinst wohl vermehrt einem unabhängigen Intermediär – auf Augenhöhe diskutieren will, sollte in Finanzfragen geschult sein und die entsprechende Sprache verstehen.