Die Meinung

Die westlichen Regierungen bestehen den Coronavirus-Test nicht

Die westlichen Demokratien bekämpfen das Coronavirus nur zögerlich. Dabei legt selbst die einfachste Kosten-Nutzen-Analyse nahe, dass die US-Regierung bereit sein sollte, bis zu 65 Bio. $ auszugeben, um zusätzliche Todesfälle zu vermeiden.

Luigi Zingales

Die Originalfassung dieses Artikels wurde auf dem Pro-Market Blog des Stigler Center an der University of Chicago Booth School of Business publiziert.

English version

Die Coronavirus-(Covid-19)-Pandemie stellt nicht nur die Finanzmärkte auf die Probe, sondern auch das Funktionieren der westlichen Demokratien. Doch sie bestehen den Test nicht. Zum heutigen Zeitpunkt muss man kein Spezialist für Infektionskrankheiten sein, um zu wissen, was zu tun ist: die Menschen so weit und so lange wie möglich zu Hause zu halten, bis das Virus zurückgeht.

Luigi Zingales

Luigi Zingales ist Professor für Unternehmertum und Finanzen an der Booth School of Business der University of Chicago. Dort leitet er das Stigler Center, das sich mit dem Problem von Vetternwirtschaft und Korruption befasst. Lösungsansätze zur Förderung von fairem Wettbewerb präsentiert er in seinem 2012 veröffentlichten Buch «A Capitalism for the People». Zingales ist Initiator des Pro-Market-Blog, der aufzeigt, wie wirtschaftliche Spezialinteressen den politischen Prozess untergraben. Seine Ansicht zu verschiedensten Wirtschaftsthemen äussert er ausserdem im Podcast Capitalisn’t, den er mit Kate Waldock vom Georgetown Law Center publiziert. Der gebürtige Italiener hat an der Università Bocconi studiert. Seinen Doktortitel hat er 1992 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erworben.
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Wenn wir dies nicht tun, riskieren wir, den Prozentsatz der Menschen, die sterben, erheblich zu erhöhen (von den 0,9%, die ausserhalb Wuhans zu verzeichnen waren, auf die 4,5% in Wuhan, wo die Krankenhäuser überlastet waren). Diese Statistiken können nicht einfach als ein spezifisches chinesisches Problem abgetan werden. In der Lombardei (einer der reichsten und fortschrittlichsten Regionen der Welt) führt die Überlastung der Krankenhäuser dazu, dass die Sterblichkeitsrate auf 8,1% steigt, während sie im übrigen Italien «nur» 3,7% beträgt.

Warum dauert es so lange, bis die westlichen Demokratien ihre Bevölkerung unter Quarantäne stellen? In den Vereinigten Staaten geben wir gerne Präsident Trump die Schuld; und in der Tat trägt seine Regierung eine grosse Verantwortung für das Herunterspielen der Auswirkungen der Krankheit und für die Verzögerung von Tests. Doch das Problem ist nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt.

Zögernde europäische Länder

Italien hat den enormen Druck aus der Wirtschaft überwunden und endlich die richtigen Schritte unternommen. Aber Frankreich, Deutschland, Spanien und das Vereinigte Königreich scheinen zu zögerlich zu reagieren. Wie dieses Bild (mit freundlicher Genehmigung von @SMerler) zeigt, hinkt die Entwicklung des Virus in diesen Ländern der Entwicklung in Italien nur um einige Tage hinterher.

Quelle: @SMerler

Quelle: @SMerler

Warum ergreifen diese Länder also nicht alle notwendigen Massnahmen? Warum wird das Problem immer noch von so vielen Experten abgetan, wie z.B. von Christian Jessen, einem britischen Arzt und Medienstar, der kürzlich in einem Radiointerview erklärte, dass «dies wirklich wie eine schlimme Erkältung ist, seien wir ehrlich» und dass «die Italiener jede Ausrede benutzen, um alles abzuschalten und die Arbeit für eine Weile niederzulegen und eine lange Siesta zu halten».

Dieses Hinauszögern wird als rationale und verantwortungsvolle Antwort verkauft, aber in Wirklichkeit ist es bloss eine irrationale Verweigerung. Trotz der Unsicherheiten, die mit der Neuheit des Virus verbunden sind, hat China recht schnell gehandelt.

Am 22. Januar sperrte China mit nur 2500 Fällen in Hubei die Provinz ab, und zwar auf eine viel strengere Weise als jede andere Nation bisher. Die italienische Regierung brauchte mehr als 10'000 Fälle, um zu handeln. Frankreich, Spanien und Deutschland nähern sich der Marke von 2500 Fällen, scheinen aber das Problem immer noch nicht wahrhaben zu wollen.

Ignorierte Informationen aus China

Das Zaudern der westlichen Nationen fällt angesichts des Informationsflusses auf, der uns inzwischen aus China erreicht hat. Am 24. Januar berichtete die angesehene medizinische Fachzeitschrift «The Lancet» über die Statistiken der chinesischen Epidemie. «Der Schweregrad der Krankheit ist besorgniserregend», heisst es in dem Artikel, «fast ein Drittel der Patienten entwickelte ein akutes Atemnotsyndrom, das eine intensive Betreuung erfordert; sechs (von 41) Patienten starben, fünf hatten akute Herzverletzungen und vier mussten beatmet werden».

Am 27. Januar führte Taiwan strenge Einreisebeschränkungen aus China ein und konnte die Ausbreitung der Krankheit eindämmen, trotz des intensiven Menschenstroms zwischen ihm und dem chinesischen Festland. Dasselbe gilt für Hongkong und Singapur. Die westlichen Nationen schränkten einzig die direkte Einreise aus China ein und erlaubten jedem, über indirekte Flüge aus China zurückzukehren (sowohl mein Bruder als auch mein Schwager flogen Ende Januar von China nach Italien zurück, ohne sich Kontrollen zu unterziehen).

Warum haben wir nicht auf die erfolgreichen Reaktionen anderer Länder geachtet? Ich würde gerne glauben, dass dies nur aus der berechtigten Befürchtung heraus geschieht, dass die Einführung von Massnahmen, die die Freiheit des Einzelnen einschränken, einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde. Aber diese Besorgnis, die ich in meinem Podcast Capitalisn't zum Ausdruck bringe, ist nicht weit verbreitet. Der Grund ist ein anderer.

Nicht nur zwei Alternativen

Bei der Entscheidung über mögliche Gegenmassnahmen hören wir oft nur zwei gegensätzliche Perspektiven. Da ist zum einen die Perspektive der öffentlichen Gesundheit, die versucht, den Verlust von Menschenleben zu minimieren, wobei die wirtschaftlichen Kosten, die die Gegenmassnahmen verursachen könnten, ignoriert werden. Auf der anderen Seite gibt es die Perspektive der Unternehmen, die versucht, die Auswirkungen der Gegenmassnahmen auf die Wirtschaft zu minimieren, wobei die menschlichen Kosten ignoriert werden.

Es gibt jedoch eine dritte Perspektive, die versucht, zwischen beiden zu vermitteln: eine Kosten-Nutzen-Analyse. Die meisten Politiker mögen keine Kosten-Nutzen-Analysen, die den möglichen Verlust von Menschenleben mit sich bringen: Wie können wir nur Oma mit einem Preisschild versehen?

Und doch tun wir das ständig, nicht nur mit dem Leben der Oma, sondern auch mit unserem eigenen Leben. Wenn wir zustimmen, für einen höheren Lohn in einem gefährlicheren Beruf zu arbeiten, tauschen wir implizit Geld gegen ein höheres Risiko zu sterben.

Bewertung eines Menschenlebens

Durch die Beobachtung vieler solcher Tauschgeschäfte konnten Ökonomen den so genannten «Wert eines statistischen Lebens» in den Vereinigten Staaten auf 14,5 Mio. $ in laufenden Dollar schätzen. Dieser Wert ist ein Mass für die Zahlungsbereitschaft der Menschen für die Risikominderung und die Grenzkosten für die Erhöhung der Sicherheit.

Wie viel sind die Amerikaner also bereit, für die Verringerung des Risikos zu zahlen, dass das Coronavirus die gleiche Wirkung wie die Spanische Grippe haben könnte? Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, dass 60 bis 70% der Bevölkerung infiziert sein werden (zwischen 199 und 232 Millionen in den Vereinigten Staaten). Die «New York Times» (unter Berufung auf eine Studie des Center for Disease Control, CDC) schätzt, dass sich zwischen 160 und 214 Millionen Menschen infizieren werden.

Nehmen wir die Zahl von 200 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 80% der Infektionen leicht oder asymptomatisch verlaufen, 15% sind schwere Infektionen, die Sauerstoff benötigen, und 5% sind kritische Infektionen, die beatmet werden müssen. In «normalen» Situationen stirbt nur jeder fünfte Patienten in kritischem Zustand, daher beträgt die Sterblichkeitsrate (Todesfälle im Vergleich zur Gesamtinfektion) in China ausserhalb von Hubei 0,9%.

Überfüllte Krankenhäuser als Risiko

Wenn die Krankenhäuser überfüllt sind und der Zugang zu den Intensivstationen rationiert wird, sterben 9 von 10 Patienten in kritischem Zustand (daher die Sterblichkeitsrate von 4,5% in Hubei). Die Vermeidung von Krankenhausüberlastungen hat somit das Potenzial, 7,2 Millionen Leben zu retten (ermittelt als Differenz zwischen den 9 Millionen Todesfällen im überlasteten Szenario und den 1,8 Millionen im «normalen» Szenario).

Die meisten der zusätzlichen Todesfälle werden ältere Menschen sein, und die US-Umweltschutzbehörde reduziert bei Menschen über 65 Jahren den Wert ihres statistischen Lebens um 37%. Dennoch sprechen wir von etwa 9 Mio. $ pro verlorenem Leben, was, multipliziert mit den 7,2 Millionen zusätzlichen Todesfällen, 65 Bio. $ ergibt (1 Billion sind 1000 Milliarden). Somit legt selbst die einfachste Kosten-Nutzen-Analyse nahe, dass die US-Regierung bereit sein sollte, bis zu 65 Bio. $ auszugeben, um zusätzliche Todesfälle zu vermeiden.

Da 65 Bio.$ das Dreifache der jährlichen US-Wirtschaftsleistung ausmachen, sollten die Vereinigten Staaten willens sein, die Produktion für bis zu drei Jahre einzustellen, um die zusätzlichen Todesfälle zu vermeiden. Beachten Sie, dass ich nicht einmal davon spreche, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen, sondern nur davon, sie so weit zu verlangsamen, dass kritische Patienten angemessen behandelt werden können.

Riesiger Schaden

Selbst wenn sich Kanzlerin Angela Merkel und das CDC bei der Gesamtzahl der Infektionen um den Faktor Drei irren und die zusätzliche Sterblichkeitsrate im Szenario überfüllter Spitäler nur halb so hoch ist wie in Hubei, liegen wir immer noch bei 8,2 Bio. $, was 38% des US-BIP entspricht. Somit deuten selbst sehr konservative Schätzungen darauf hin, dass die Vereinigten Staaten die Wirtschaft für bis zu 4,6 Monate abschalten sollten, um die zusätzlichen Todesfälle zu eliminieren.

Warum hat dennoch kein westliches Land (mit Ausnahme von Italien und Dänemark) einer Abschottung der grossen Krisenherde zugestimmt, die viel weniger als die Abschaltung der gesamten Wirtschaft ausmacht? Die traurige Antwort ist, dass die westlichen Regierungen vollständig von Geschäftsinteressen gefangen sind. «Unsere erste Sorge beim Coronavirus ist der Schutz der US-Wirtschaft», erklärte US-Finanzminister Steven Mnuchin erst vor wenigen Tagen. Er war mit dieser Meinung nicht allein.

Am 4. März bestand der CEO des amerikanischen Hotel- und Gaststättenverbandes Chip Rogers darauf: «Reisen ist sicher, Hotels sind sauber. Es gibt derzeit keinen Ort in den Vereinigten Staaten, an dem das Reisen nicht sicher ist». In Italien kämpfen die Industriellen immer noch gegen die allgemeine Abriegelung, um ihre Fabriken am Laufen zu halten, während die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Angst vor einer möglichen Ansteckung in den Streik traten.

Starke Interessen von Corporate America

Die Interessengruppen haben es leichter, ihre Agenda durchzusetzen, weil der Durchschnittsbürger verwirrt ist. Es gab auch eine Menge Desinformationen, die nicht nur von parteiischen Medien, nicht nur von Präsident Trump, sondern auch von seriösen Quellen kamen. Bitte lesen Sie diese Infografik, die am 26. Februar 2020 im renommierten «Journal of the American Medical Association» erschien, als die Verbreitung des Virus in Italien in die Höhe schoss. Darin heisst es, dass «die COVID-19-Epidemie in einem Gebiet Chinas am schwersten ist und außerhalb dieser Region nur begrenzte klinische Auswirkungen zu haben scheint», und es vergleicht COVID-19 mit der saisonalen Grippe.

Die Sicht der Wirtschaft ist so dominant geworden, dass sie in den Medien oft als «rationale» Perspektive dargestellt wird. Es ist jedoch nichts Rationales daran, den Wert der verlorenen Leben zu ignorieren: Es ist schlichtweg falsch, nicht nur aus moralischer Sicht, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht.

Dass ein Wirtschaftswissenschaftler wie ich an dieses Grundprinzip erinnern muss, ist ein Hinweis darauf, dass die westlichen Demokratien nicht funktionieren. Sobald die Pandemie vorbei ist, sollte die Reparatur der Demokratien unsere erste Aufgabe sein.