Die Meinung

Gold steht eine lange Hausse bevor

Das Edelmetall zeigt Lebenszeichen, die eine markante Aufwärtsbewegung erwarten lassen. Für die Börsen ist das nicht unbedingt ein schlechtes Omen.

Alfons Cortés

Trends dauern meist viel länger als erwartet. Das gilt auch für den Seitwärtstrend des Goldpreises, der im Januar 2016 nach einem 51 Monate währenden Preisrückgang von 45% in Dollar begann. Das erwähne ich aus einem guten Grund: Es gibt Leute, die Gold als geeignete Anlage für alle Finanz- und Wirtschaftszyklen erachten und jede Kursschwäche kleinreden. Vor allem sehen sie in Gold den ultimativen Schutz vor dem Kollaps des Finanzsystems.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt.
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Ich unterschreibe beide Argumente ausdrücklich nicht. Weder kann man wissen, ob der Gau eintritt, noch ob Gold als Privatbesitz in einer solchen Katastrophe noch erlaubt werden würde oder nicht. Im Übrigen habe ich im Laufe meiner bald fünfzigjährigen Erfahrung an den Finanzmärkten, in denen ich einige kleinere und ein paar grosse Krisen erlebt habe, einiges Vertrauen in die Widerstandskraft des Finanzsystems aufgebaut.

In den Erfahrungsschatz eingegangen sind etliche kleinere Krisen, aber auch der Ölpreis-Schock 1973 mit dem verheerenden Bärenmarkt in Aktien, die Krise, die im August 1982 als Folge der faktischen Staatsbankrotte südamerikanischer Schuldnerstaaten insbesondere die amerikanischen Gläubigerbanken in eine bedrohliche Schieflage brachte, und selbstverständlich die Finanzkrise 2007/2008.

Das Finanzsystem biegt sich, bricht aber nicht

Prägende Wirkung hatte das Bonmot des seinerzeitigen CEO der Citi Bank, Walter Wriston, der kurz vor seinem Rücktritt 1984 sagte: «The system bends, but it doesn’t break». Dass das System selten, aber dann doch ernsthaft Hilfe braucht, um nicht zusammenzubrechen, hat es zuletzt im Jahr 2008 bewiesen. Dass ihm geholfen werden kann und aus Gründen des Erhalts eines funktionierenden Zahlungssystems tatkräftig nachgeholfen wird, haben wir zuletzt ebenfalls 2008 gesehen.

Zu den bedingungslosen Goldanhängern gehöre ich also nicht. Dafür sorgt schon mein Ansatz, den ich in der Kolumne vom 28. Mai vorgestellt habe, und den ich heute im Zusammenhang mit dem Goldpreis in praktischer Anwendung kurz skizziere.

Die relative Schwäche des Goldpreises zu den meisten Aktienindizes, die mit wenigen Ausnahmen im August 2011 einsetzte, war für mich ein Grund, das gelbe Metall zu meiden. Das galt auch für Goldminen-Aktien. Die Trends der relativen Preise und ihre Veränderungsrate sind das Schlüsselkriterium für den Einstieg in eine vertiefte Analyse. Besonders attraktiv sind über längere Zeit relativ schwach gewesene Objekte, die neuerdings relative Stärke aufbauen.

Relative Stärke dreht ins Positive

Was «neuerdings» heisst, variiert nicht nur von Objekt zu Objekt, sondern auch vom Verlauf insbesondere der letzten Phase der relativen Schwäche. Diese Variation optimal zu spielen, ergibt sich aus dem Erfahrungsschatz. Gold und Goldminen-Aktien erfüllen dieses erste Kriterium dadurch, dass die Veränderungsrate der relativen Preise seit Anfang Mai 2019 positiv geworden ist.

Das zweite Kriterium in meinem mit dem Kürzel RSMV gezeichneten Modell ist nach der relativen Stärke die Stimmung im Markt. Diese hat sich in einer Art und Weise verändert, dass kurzfristig zwar Rückschläge drohen, jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit die Grundlage gesetzt wurde, um dem Goldpreis zu einem länger anhaltenden Aufwärtstrend zu verhelfen.

Das dritte Element, Momentum (M im Modell), hat im Juni dieses Jahres eingesetzt. Der Kursauftrieb von 9% in diesem Monat und die zu positiv gewordene Stimmung sprechen für einen kurzfristigen Rückschlag. Die Veränderung der Momentum-Daten von September 2018 bis Mai 2019 und der nun im Juni gesehene Kursschub bestätigen jedoch die aus R (relative Stärke) und S (Sentiment) ausgelöste Annahme, dass der Seitwärtstrend beendet und ein Aufwärtstrend längerer Dauer und grösseren Ausmasses ansteht.

Auch das Volumen bestätigt die Goldhausse

Die letzte Komponente im Modell, das Volumen (V), welches in den Goldminen-Aktien dem neuesten Kursschub vorangegangen und während des Kursschubs angehalten hat, stützt diese Annahme ebenso.

Gold – und mit dem Goldpreis einhergehend Goldminen-Aktien – haben während mittlerweile beinahe acht Jahren ein Schattendasein gefristet. Daran ändern die Rallys, die während sieben Monaten im Jahre 2016 und von Januar 2017 bis Januar 2018 stattgefunden haben, um wie ein angestochenes Soufflé gleich wieder zusammenzufallen, nichts.

Die Erholung von September 2018 bis Februar 2019 und der darauf folgende viermonatige Rückschlag weisen die Eigenschaften auf, die typisch sind für das Ende eines Seitwärtstrends und dessen Ablösung durch einen Aufwärtstrend.

Ein starker Goldpreis muss kein böses Omen sein

Von März 2003 bis Oktober 2007 stiegen sowohl der Goldpreis als auch der MSCI Welt und mit ihm die allermeisten Aktienindizes, wobei Gold 137% zulegte und der MSCI Welt unter Ausschluss von Dividenden 124,7%. Von März 2009 bis Juli 2011 stiegen Gold und MSCI Welt bis zur spekulativen Blase des Goldes in den Monaten Juli und August 2011 gleichmässig, doch danach zog der MSCI Welt zusammen mit anderen Aktienindizes dem Goldpreis deutlich davon.

Dass der Goldpreis in irgendeiner Weise ein Omen für die Aktienmärkte darstellt, würde ich aufgrund dieser Daten bestreiten. Das gilt auch die weiter zurückgehende Historie bis zur Freigabe des Goldpreises nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971.

Was meine bisherige Position zu den Aktienmärkten betrifft, bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Voraussetzungen für einen Bärenmarkt vorerst noch fehlen. Ich gehe davon aus, dass wir auch weiterhin äusserst selektiv agierende Marktakteure sehen werden mit Indizes, die mehr oder weniger an Ort treten, weil die einzelnen Konstituenten starken Auf- und Abwärtstrends unterworfen sind. Die Aussagekraft der kapitalgewichteten Indizes wird dadurch stark eingeschränkt.