Meinung

Hält der Markt der Digitalisierung stand?

Im Kapitalismus ist der Markt der zentrale Mechanismus zur Regelung von Angebot und Nachfrage und der Test für den Erfolg von Unternehmen und ihren Produkten. Doch könnte die Digitalisierung die Stellung des Marktes infrage stellen?

Nicolas Zahn
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Technologischer Fortschritt und eine liberale Wirtschaftsordnung mit freier Marktwirtschaft gehen für viele Hand in Hand. Die freie Marktwirtschaft bietet den Rahmen und die Anreize, um Innovationen zu entwickeln und gewinnbringend einzusetzen. Unternehmen müssen sich dem Wettbewerb im Markt stellen, welcher Präferenzen aggregiert und somit Angebot und Nachfrage zusammenbringt.

Die konzeptionelle Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber anderen Formen der Wirtschaftsführung, zum Beispiel der Planwirtschaft, ergibt sich für viele genau aus dieser zentralen Steuerungsfunktion des Marktes. Und diese Ansicht hat auch Jahrzehnte des rasanten technologischen Fortschritts beinahe unbeschadet überstanden. «Beinahe» deshalb, weil mit der Digitalisierung nun drei Aspekte auftauchen, welche die Bedeutung und Funktionsweise des Marktes zumindest teilweise infrage stellen.

Planwirtschaft im Hoodie von Big Data

Die wohl fundamentalste Herausforderung für die Bedeutung des Marktes in der Wirtschaftsordnung stellt die Renaissance der Planwirtschaft dar, diesmal jedoch nicht als Gespenst des Kommunismus, sondern im Hoodie von Big Data.

Erfolgreich wirtschaften bedeutet, grosse Mengen an Informationen zu sammeln und zu verarbeiten: wer möchte wie viel von welchem Gut zu welchem Preis zu welchem Zeitpunkt kaufen? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts argumentierte die Österreichische Schule der Nationalökonomie überzeugend: so viel Information zur geplanten Steuerung des Wirtschaftssystems kann gar nicht erhoben und sinnvoll verarbeitet werden, weshalb nur der Markt als Steuerungsmechanismus funktionieren kann.

Doch mit dem technischen Fortschritt stellte sich besonders in planwirtschaftlichen Staaten die Frage, ob diese Annahme nicht überholt ist. So experimentierte zum Beispiel Chile in den Siebzigerjahren mit einer computerisierten Planwirtschaft, scheiterte jedoch kläglich. Dennoch keimt das grundlegende Argument gerade im Silicon Valley erneut auf: Wenn ein Wirtschaftssystem davon abhängt, grosse Mengen an Informationen zuverlässig zu verarbeiten und wir Dank der Digitalisierung genau diese Möglichkeit zu haben scheinen, warum sollten wir uns dann auf den Markt mit seinen eigenen Ineffizienzen verlassen?

Offene Präferenz für Monopole

Ein zweiter Aspekt, der Fragen zum Markt aufwirft, ist die Tendenz digitaler Konzerne weg von Wettbewerb hin zu Monopolen, was sich besonders bei Plattformen wie Google oder Facebook zeigt. Vordenker der Tech-Szene wie zum Beispiel Peter Thiel machen keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber der Idee eines steten Wettbewerbs und stehen offen zu ihrer Präferenz für Monopole.

Und selbst wenn in der jüngeren Vergangenheit eher von Oligopolen denn Monopolen die Rede ist, so stellen sich kartell- und wettbewerbsrechtliche Fragen, auf die noch keine klaren Antworten gefunden wurden. Wie wirkt es sich auf Dauer auf eine Marktwirtschaft aus, wenn neue Ideen durch die Platzhirsche kopiert oder aufgekauft werden können? Wie soll eine freie Marktwirtschaft mit der Machtkonzentration bei wenigen Konzernen umgehen?

Investoren wollen Marktdominanz

Schliesslich wirft, drittens, die Digitalisierung auch die Frage auf, ob der Markt weiterhin über den Erfolg eines Unternehmens entscheidet. Dies weniger aufgrund des technologischen Fortschritts, sondern aufgrund der Art und Weise wie insbesondere Tech-Startups finanziert werden. Grundsätzlich müssen sich Unternehmen und deren Produkte am Markt beweisen – das heisst, irgendwann muss man Gewinne schreiben. Wie lange dieses Zeitfenster ist, hängt massgeblich von der Geduld und Ausdauer der Investoren ab, die gerade bei Tech-Firmen oft extern sind, etwa in Form von Venture-Capital-Firmen.

Diese Art von Investoren scheint jedoch Versprechen auf zukünftige Gewinne und marktdominierende Stellungen höher zu gewichten als Gewinne in der Gegenwart. Diverse Start-ups mit enormen Bewertungen kommen Jahrzehnte ohne Gewinne aus. Jahrelang horrende Verluste zu schreiben, scheint plötzlich kein Problem mehr zu sein, weil ohnehin an eine – oft technologisch getriebene – Vision geglaubt wird. Nicht der Cashflow und die Überlebensfähigkeit stehen im Vordergrund, sondern die Aussicht auf Marktdominanz.

Während sich Unternehmerinnen und Unternehmer, die nicht das «Glück» solcher geduldiger Investoren haben, die Augen reiben, steht dahinter aber auch eine grundlegende Machtverschiebung von Konsumenten hin zu Investoren.

Früher konnte der Markt in Form von Konsumentennachfrage das Angebot beeinflussen. Sind wir nun so weit, dass dieser Selektionsmechanismus ausgehebelt ist und Produktideen solange am Leben gehalten werden können, bis die Nachfrage irgendwann erschaffen werden kann, um die Vision der Investoren zu erfüllen?

Das wäre wohl etwas zu düster gedacht. Dennoch werden grundlegende marktwirtschaftliche Überzeugungen durch die Digitalisierung hinterfragt. Es genügt wohl nicht mehr, sich wie während des grössten Teils des 20. Jahrhunderts auf die «gottgegebene Überlegenheit des Marktes» zu verlassen. Vielmehr muss der Markt beweisen, dass er den neuen Herausforderungen gewachsen ist.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.