Meinung

Handelskriege sind keine Klassenkämpfe

Im vielgepriesenen Buch «Trade Wars Are Class Wars» machen die Ökonomen Michael Pettis und Matthew Klein die Wirtschaftspolitik Deutschlands und Chinas für Amerikas soziale Probleme verantwortlich. Eine kritische Analyse zeigt, dass diese Schuldzuweisung zu kurz greift.

Marc Chandler
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Amerika ist der grösste Schuldner der Welt. Mitte 2020 besassen ausländische Investoren gut 13 Bio. Dollar mehr an US-Vermögenswerten (Aktien, Anleihen und Immobilien) als amerikanische Anleger an ausländischen Vermögenswerten. Dieser Unterschied ist das Ergebnis des chronischen US-Leistungsbilanzdefizits, einer groben Richtgrösse zur Handelsaktivität. Bei vielen Befürwortern von Reformen sorgt diese Diskrepanz für Bedenken.

Dennoch sei Vorsicht vor voreiligen Rückschlüssen angebracht, argumentieren Michael Pettis und Matthew Klein in ihrem Buch «Trade Wars Are Class Wars». Sie erklären uns, dass das Grundproblem nicht darin bestehe, dass die USA über ihre Verhältnisse leben, sondern dass andere Länder, besonders Deutschland und China, die Inlandsnachfrage unterdrücken und primär US-Finanzanlagen statt amerikanische Güter kaufen würden. Daraus resultiere eine Überbewertung des Dollars, der das Handelsungleichgewicht weiter verschlimmere und das Finanzsystem anfällig für Krisen mache.

Das Buch von Pettis und Klein ist ein Beitrag zur umfassenden Literatur, die Amerikas Probleme externalisiert und andere für seine Herausforderungen verantwortlich macht; eine Argumentation, die sich bis zur Gründung der Vereinigten Staaten zurückverfolgen lässt.

Manche Historiker haben sogar behauptet, dass die Sklaverei in den Südstaaten der USA wegen der britischen Nachfrage nach Baumwolle kommerziell erfolgreich und nachhaltig gewesen sei. In diesem Sinn wird der Amerikanische Bürgerkrieg als dritter Krieg um die Unabhängigkeit von Grossbritannien interpretiert. Will vor diesem Hintergrund noch jemand behaupten, der Brexit sei eine langwierige Angelegenheit?

Ob auf dem Schachbrett der Weltpolitik oder in unserem Privatleben: Andere zu beschuldigen, erzeugt Hitze, aber wenig Licht. Wir mögen damit unser Ego besänftigen, die Folgen sind aber oft problematisch. Auf persönlicher Ebene reagieren wir auf Beschuldigungen oft mit Widerstand und nehmen eine Abwehrhaltung ein. Psychologen raten von diesem Verhalten ab. Sie ermutigen uns, Eigenverantwortung zu übernehmen und unsere Probleme selbst anzupacken, anstatt anderen vorzuschreiben, was sie zu tun haben.

In der internationalen Politik nähren Schuldzuweisungen Kriege, kalte und heisse. Die USA gehören zu den reichsten und mächtigsten Ländern der Welt. Die Kluft zwischen Amerika und dem Rest der Welt hat sich zwar verringert. In absoluten Zahlen war das Bruttoinlandprodukt der US-Wirtschaft aber noch nie so gross wie vor dem Ausbruch der Pandemie. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bewegten sich auf dem niedrigsten Niveau seit einer Generation. Die USA in der Rolle des Opfers darzustellen, fällt deshalb schwer.

Das Erbe von Bretton Woods

Klein und Pettis versuchen, die Situation zu verdrehen und widersprechen dabei der Präzedenz der vergangenen Jahrhunderte. Sie besagt, dass sich der Schuldner einem Anpassungsprozess unterordnen muss, nicht der Kreditgeber. Dieser Grundsatz war ein zentraler Punkt in der Vereinbarung von Bretton Woods am Ende des Zweiten Weltkriegs. John Maynard Keynes setzte sich damals für die Interessen der Schuldner ein. Er unterlag aber Harry Dexter White, der als US-Chefunterhändler die Gläubiger – allen voran Amerika – vertrat.

In der heutigen Zeit, in der die Vereinigten Staaten ein Nettoschuldner sind – und zwar in immer grösserem Ausmass –, ändert das Land seine Haltung. Klein und Pettis liefern das Narrativ dafür. Sie kritisieren, dass die Kreditoren Amerikas im Unrecht seien. Das, weil sie ihre Inlandsnachfrage angeblich unterdrücken, Überschüsse exportieren und den Erlös daraus in US-Staatsanleihen rezyklieren. Dadurch resultieren gemäss den Autoren ein überbewerteter Dollar und niedrige Zinssätze, die ständig neue Blasen an den Finanzmärkten anheizen.

Ihr Buch endet mit einem Plädoyer für den Bancor, einer supranationalen Währung, die Keynes nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einführen wollte. Mark Carney, der vormalige Gouverneur der Bank of Canada und der Bank of England, liess die Idee des Bancor im August 2019 an der Jackson-Hole-Konferenz in Wyoming neu aufleben. Er modernisierte das Konzept, indem er eine digitale Reservewährung vorschlug. Diese sollte von den grössten Nationen gedeckt werden und den Dollar verdrängen, den Carney während des hochdotierten Symposiums im Herzland Amerikas als «destabilisierende» Kraft bezeichnete.

Politisch ist das ausgesprochen naiv. Das Abkommen von Bretton Woods basierte nicht auf einem «Kumbaya»-Moment. Vielmehr war es die Asymmetrie der Machtverhältnisse, die es Amerika als Hegemon erlaubte, auf eine Änderung der internationalen Spielregeln und auf den Aufbau neuer Institutionen zu pochen, die mit den Interessen der USA als Hauptgläubiger übereinstimmten.

Es ist wie in der Fabel von Äsop, in der die Mäuse von einer Katze geplagt werden: Die Mäuse halten eine Versammlung ab, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Nach einer langen Debatte hat eine Maus eine brillante Idee: Man könnte der Katze eine Glocke um den Hals binden. So würden die Mäuse gewarnt, sobald sich die Katze nähere. Die Versammlung nimmt den Vorschlag mit grossem Beifall auf - bis es darum geht, einen Freiwilligen zu finden, der die Glocke der Katze um den Hals hängen soll.

Arbeit und Kapital

Vielen Amerikanern ist beim Gedanken an soziale Klassen bis heute unwohl. Zu ihrer Beruhigung spricht der Titel des Buches von Pettis und Klein aber nicht primär ein US-spezifisches Phänomen an, sondern bezieht sich auf Deutschland und China. In der Tat befassen sich die Autoren erst ab dem sechsten Kapitel («The American Exception: The Exorbitant Burden and the Persistent Deficit») mit den Vereinigten Staaten, nachdem man ihr Werk bereits zu drei Vierteln gelesen hat.

Selbst dann wird die amerikanische Gesellschaft aber kaum analysiert. Das Kapitel ist primär der Entwicklung der Kapitalmärkte gewidmet. Man erfährt mehr über die Kreditexzesse der 1820er-Jahre sowie über die Finanzkrise von 1873. Behandelt wird ebenso, wie China mit den Folgen seiner rasanten Modernisierung ringt, durch die das BIP pro Kopf innerhalb einer Generation um mehr als das Achtfache gestiegen ist. Klassengegensätze in den USA hingegen werden weniger thematisiert.

Obschon das Buch von Pettis und Klein auf begeisterte Rezeption stösst, kann ich meine Kritik im Fehlen von zwei Wörtern simpel zusammenfassen: Erstens fehlt ein Verweis auf den Gini-Koeffizienten, ein Mass für Einkommensungleichheit. Zweitens gibt es keine einzige Erwähnung zu Ronald Reagan, dem 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten, unter dem der Wechsel vom Überschuss zum Defizit in der US-Leistungsbilanz einsetzte.

Das Wort «Klassenkämpfe» im Titel kommt damit einer Form von Clickbait gleich, um Leser anzulocken. Die Autoren interessieren sich nicht wirklich für eine sorgfältige Untersuchung der Gesellschaft in Deutschland, China oder Amerika. Auch befassen sie sich nicht mit der Ungleichheit von Einkommen, Vermögen und Macht. Sie nehmen sich praktisch keine Zeit dafür, den institutionellen Einfluss von Arbeit oder Kapital zu analysieren. Eine Einschätzung zur Organisierung von Gewerkschaften, Streiks oder Massendemonstrationen gibt es nicht.

Wer das Buch von Pettis und Klein liest, lernt zum Beispiel nicht, dass mittelgrosse und grosse deutsche Unternehmen Vertreter der Arbeitnehmerschaft in den Aufsichtsrat aufnehmen müssen. Das, obschon sie bei strategischen Entscheiden zu Investitionen und zur Anstellung hochrangiger Manager massgeblich mitbestimmen können. Ebenso wählen deutsche Arbeitnehmer Vertreter in den «Betriebsrat», der sich mit täglichen Entscheiden zum operativen Geschäft befasst, wie die Entlohnung von Überstunden oder grössere Entlassungen.

In den USA sind solche Einrichtungen gänzlich unbekannt. Eine seriöse Analyse der Klassenverhältnisse in Deutschland würde diese Fakten einbeziehen.

Der Kampf zwischen Reich und Arm

Der Gini-Koeffizient bewegt sich zwischen 0 und 1; je näher sein Wert bei 1 liegt, desto grösser die Einkommensungleichheit. Gemäss einer Studie von McKinsey ist der Gini-Koeffizient in Deutschland zwar höher als in den USA. Der Unterschied ist aber nicht signifikant. Wegen progressiver Steuern ist das Einkommen nach Einbezug der Steuern in Deutschland zudem weniger ungleich verteilt als in den USA:

Es fällt schwer, über Klassenkämpfe zu diskutieren, ohne Klassen zu definieren. Natürlich, es gibt auch viele andere Möglichkeiten als den Gini-Koeffizienten, um soziale Klasse zu thematisieren. Die Autoren diskutieren sie in ihrem Buch jedoch nicht.

Letztlich banalisieren sie das Konzept gesellschaftlicher Klassen, indem sie es einfach mit einem makroökonomischen Konstrukt ersetzen, das die Leistungsbilanz mit der Differenz von Investitionen und Sparguthaben gleichstellt: Ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss hat einen Überschuss an Ersparnissen, weil der Konsum unterdrückt wird, sagen uns Pettis und Klein - und darin besteht gemäss ihrer Argumentation der Klassenkampf, der im Handelskrieg zum Ausdruck kommt.

Bekannt ist, dass amerikanische Konzerne typischerweise eine höhere Rendite auf ihrem Kapital erwirtschaften als europäische und japanische Unternehmen. Dieser Unterschied könnte ein Grund dafür sein, weshalb der Aktienmarkt in den USA seit einer Generation konstant besser abschneidet. Das würde man aber nicht erwarten, wenn der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands ein Ausdruck für die Repression der Arbeitnehmer und für die Macht der Arbeitgeber wäre, überschüssige Gewinne abzuziehen.

Ich will hier nicht ausufern. Aber die Leistungsbilanz sagt nichts über die Intensität des Klassenkampfs in einem Land aus. Manchmal gibt sie nicht einmal viel Informationen über den Handel. Japan beispielsweise weist häufig ein Handelsdefizit aus. Dennoch hat das Land einen Leistungsbilanzüberschuss, der durch das Einkommen aus Investitionen (die Rendite vergangener Investitionen) erzielt wird. Klassenkämpfe mit Handelskriegen zu vermischen, lenkt von den tatsächlichen sozialen Problemen ab, die heute offensichtlich durch die Pandemie verschärft werden.

Die Tatsache, dass die USA regelmässig ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen, sagt nichts über den Kampf zwischen Arm und Reich in absoluten Zahlen oder im Vergleich zu Europa aus. Ein besserer Indikator für die Rassen- und Klassenunterschiede in Amerika sind die Demonstrationen vom vergangenen Sommer.

Es spielt keine Rolle, dass die Mobiltelefone, die während der Kundgebungen zur Mobilisierung und zur Kommunikation genutzt wurden, aus Komponenten aus über vierzig Ländern bestehen. Auch nicht, dass US-Unternehmen ihre Gewinne in einem Niedrigsteuerland wie Irland verbuchen, oder dass das Privatvermögen von Führungskräften in einem US-Gliedstaat wie South Dakota verwaltet wird, um die Steuern am «effizientesten» zu optimieren.

Manche Ökonomen argumentieren, dass das Leistungsbilanzdefizit aus dem Streben der Vereinigten Staaten resultiere, schneller zu wachsen als andere Länder mit hohem Einkommen. Das reflektiere die Präferenz von Amerikas Elite, die Wirtschaft heisslaufen zu lassen; mit dem Ziel, dass der gesamte «Kuchen» schneller expandiert, was wiederum soziale Spannungen um seine Verteilung unterdrücke.

Die Revolution von Reagan und Thatcher

Pettis und Klein sagen in ihrem Buch wenig Aufschlussreiches über Klassen aus und verwechseln Folgen buchhalterischer Effekte mit sozialen Gegensätzen. Sie messen historischen Entwicklungen grossen Wert zu, versäumen es aber, die Ursprünge der heutigen globalen Wirtschaftsordnung zu berücksichtigen.

Das bringt mich zum Kern meiner inhaltlichen Kritik an ihrem Buch: Wie kann man eine Interpretation der aktuellen Entwicklungen, der globalen Ungleichgewichte und der Spannungen im internationalen Handel vorlegen, ohne Reagan auch nur einmal zu erwähnen?

Margaret Thatcher und Ronald Reagan sind meiner Ansicht nach von zentraler Bedeutung, wenn es um das Verständnis von Klassengegensätzen und internationalen Handelsbeziehungen in den letzten vierzig Jahren geht. Die politischen und ideologischen Ansätze, die Reagan und Thatcher verfolgten, entstanden aus der Notwendigkeit, die Probleme zu lösen, die durch die Wirtschaftskrise der späten Siebzigerjahre entstanden waren. Sie spurten einen politischen Kurs vor, der in der Finanzkrise von 2008/09 mündete.

Dieser Kurs basierte auf einer wirtschaftspolitischen Offensive, die soziale Fesseln sprengte und das Kapital liberalisierte. Der Gesellschaftsvertrag, der darauf beruht hatte, dass die Löhne mit der Inflation Schritt hielten, wurde aufgelöst.

Die Niederlage der Kohlearbeiter in Grossbritannien und der Fluglotsen in den USA in der Auseinandersetzung mit dem Staat versetzte den Gewerkschaften einen drastischen Schlag - den einzigen Institutionen, die sich für die Erhöhung der Löhne und für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Millionen von Arbeitern direkt und indirekt einsetzten.

Überschüssige Ersparnisse, die nach Ansicht von Pettis und Klein das Ergebnis einer Unterdrückung der Nachfrage in Deutschland und China sind, haben tiefere Ursachen. Mein 2017 veröffentlichtes Buch, «Political Economy of Tomorrow», steht in der Tradition, welche die Aufteilung von Macht und die Abschöpfung von Überschüssen als zentrale Herausforderung des Kapitalismus sieht.

Die freie Marktwirtschaft hat immer wieder eine erstaunliche Stärke bewiesen, Reformen durchzuführen und einander entgegen gerichtete Kräfte zu integrieren. Viele negative Aspekte wie die Sklaverei im Süden der USA, eingeschränkte politische Rechte für Frauen, die nahezu totale Missachtung der Umwelt (negative externe Effekte) und Kinderarbeit konnten letztlich überwunden werden, obschon es zunächst hiess, dass Kapitalismus ohne sie nicht funktionieren könne.

Die grösste Herausforderung des Kapitalismus besteht nicht in seinen Schwächen, denn diese können durch Reformen kompensiert werden. Indem der Kapitalismus die kreativen und produktiven Kräfte unserer menschlichen Spezies nutzt, schafft er jedoch Wohlstand in einem Ausmass, das in früheren Epochen unvorstellbar war: Seine Stärke ist damit zugleich seine grösste Schwäche.

Der Fluch von König Midas

In gewisser Hinsicht ist «Political Economy of Tomorrow» eine Nacherzählung der Geschichte von König Midas. In der griechischen Mythologie bestraften die Götter die Menschen manchmal dadurch, indem sie ihnen einen Wunsch erfüllten. Midas war der Inbegriff eines Geizhalses. Er wünschte sich, dass sich alles, was er anfasste, in Gold verwandelte. Zuerst ging das gut, doch dann umarmte Midas seine Tochter und versuchte, etwas Wein zu trinken. Er verschluckte sich an seinem Reichtum, und so ergeht es auch uns.

Charles Arthur Conant (2.7.1861 – 5.7.1915)

Charles Arthur Conant (2.7.1861 – 5.7.1915)

Die Geschichte, die ich in meinem Buch erzähle, beginnt im Amerika des späten 19. Jahrhunderts. Mein Protagonist ist Charles Arthur Conant, ein Journalist, Banker und Geldvermittler für mehrere Präsidenten. Durch eine seltsame Laune des Schicksals arbeitete er bei der Privatbank Brown Brothers, gut hundert Jahre bevor ich für das gleiche Finanzhaus tätig war. Conant ist sozusagen der «Missing Link» zwischen Karl Marx und Keynes, zwischen «fremden Ideologien» und Amerikanismus.

Conant verstand, dass die wiederholten Wirtschaftskrisen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der Kreation einer ganzheitlichen Volkswirtschaft im Nachgang des US-Bürgerkriegs resultierten. Amerika produzierte ein Übermass an Waren, was partiell eine Folge davon war, dass sich das Gleichgewicht zwischen fixen und variablen Kosten zugunsten der ersteren verlagerte.

Bestehen hohe Fixkosten, dann diktiert die Logik des Marktes, dass die Produktion auch bei Verlusten aufrechterhalten wird. Die Überproduktion resultierte folglich aus einem Überschuss an Kapital, was Conant als «Verstopfung» und als «ruinösen Wettbewerb» bezeichnete.

Zur Lösung dieses Problem schlug er eine zweigleisige Strategie vor: Die erste Stossrichtung zielte darauf ab, die Staatsausgaben zu erhöhen und diese wiederum mit Krediten zu finanzieren. Es zählten dazu umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur, in die Verbesserung des Bildungswesens, in angemessene sanitäre Einrichtungen, in Strassen und öffentliche Gebäude. Conant befürwortete auch die Schaffung eines sozialen Sicherheitsnetzes durch eine Sozialversicherung.

In Anbetracht der Tatsache, dass diese Massnahmen möglicherweise nicht ausreichen würden, um den «Kapitalstau» zu lösen, plädierte Conant als zweite Stossrichtung für ein grosses internationales Infrastrukturprojekt. Es war eine Art Vorläufer von Chinas massiver Belt-and-Road-Initiative, aber mit amerikanischen Charakterzügen.

Das erforderte harte Auseinandersetzungen, aber Conant löste die damalige Blockade; man könnte sogar sagen, für das gesamte folgende Jahrhundert. Mit den «Open Door Notes» von 1899/1900, verfasst von Aussenminister John Hay (Lincolns vormaligem Sekretär), begann Amerika, Conants breit ausgerichtete internationale Strategie in die Praxis umzusetzen. Das Ziel war es, Chinas territoriale Rechte gegenüber den Ansprüchen Japans und Europas zu verteidigen, die das Land wie zuvor Afrika in einzelne Einflusssphären aufteilen wollten.

Um Conants innenpolitische Strategie umzusetzen, musste es zuerst zur Grossen Depression kommen. Seine Ideen wurden im New Deal von Franklin D. Roosevelt zementiert. Auch brauchte es den Zweiten Weltkrieg und Bretton Woods, um die «Open Door Notes» institutionell erfolgreich zu verankern und auf ein globales Niveau zu heben.

Der Keim der Welthandelsorganisation

Das «amerikanische Jahrhundert» basierte im Prinzip darauf, dass sich neue Spielregeln für den globalen Wettbewerb zwischen den grössten Ländern entwickeln konnten. Davon profitierten auch weniger fortgeschrittene und ärmere Länder.

Aus heutiger Sicht war das Abkommen von Bretton Woods nicht besonders liberal. Zinssätze wurden nach oben limitiert, Wechselkurse fixiert und die Mobilität des Kapitals eingeschränkt; ein System, das sich letztlich als zu starr für die Weltwirtschaft erwies, nachdem Europa und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut worden waren.

Der Druck auf die Devisenmärkte wurde schliesslich so stark, dass die Koppelung des Dollars an den Goldpreis aufgehoben werden musste. Viele Länder mit hohem Einkommen erlebten eine Stagflation, definiert durch starken Aufwärtsdruck auf die Preise und schwaches Wachstum - ein Sachverhalt, den Ökonomen für unmöglich gehalten hatten.

Reagan und Thatcher verdrehten Conants Strategie mit ihrem liberalen Lösungsansatz ins Gegenteil. Um das Problem des überschüssigen Kapitals zu entschärfen, sollten die USA (und andere anglo-amerikanische Volkswirtschaften) die überschüssigen Ersparnisse aus dem Rest der Welt absorbieren und sie wie ein globaler Treuhänder verwalten. Die Vereinigten Staaten würden die ausländischen Spargelder dann rezyklieren, indem diese in Aktien, Anleihen oder Fabriken desselben Landes reinvestiert werden, das seine überschüssigen Ersparnisse in die USA transferiert hatte.

Dieser neue Lösungsansatz würde demnach eine Deregulierung der Kapitalströme in einem Ausmass bedeuten, wie es bisher nicht für möglich gehalten wurde. Im Bereich des Handels wurden die Unzulänglichkeiten des «General Agreement on Trade and Tariffs» aber bald deutlich, als Reagan «freiwillige Exportbeschränkungen» und «geordnete Marktvereinbarungen» erliess.

Der US-Präsident wollte damit die zunehmende Tendenz zum Protektionismus eindämmen, mit dem auf Amerikas wachsendes Handelsdefizit reagiert wurde. Der Keim für die Nachfolge-Institution des GATT-Abkommens, die Welthandelsorganisation WTO, war gepflanzt.

Im Zug der Kapitaloffensive wurden innenpolitische Zugeständnisse an die Arbeitnehmer rückgängig gemacht. Dazu gehörte in erster Linie, dass die Löhne von Inflation und Produktivitätswachstum entkoppelt wurden.

Die Vermögens- und Einkommensdisparität begann dadurch erneut zu wachsen; nicht nur in den Vereinigten Staaten, auch wenn die Entwicklung in den USA zu den extremeren Beispielen gehört. Die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen hat in den letzten vier Jahrzehnten in allen Ländern mit hohem wirtschaftlichem Wohlstand zugenommen.

Stabilität erzeugt Instabilität

Die internen und externen Elemente von Reagans Wirtschaftspolitik haben die moderne, stark vom Finanzsektor geprägte Ausrichtung des Kapitalismus beschleunigt.

Um die überschüssigen Ersparnisse der Welt zu absorbieren, brauchte es einen Ort, an dem sie angelegt werden konnten. Gleichzeitig wurde die Altersvorsorge von den Unternehmen an die Arbeitnehmer verlagert, was eine «Aktienkultur» erforderte.

Dies war Teil eines Prozesses hin zu Verbriefungen und Aktienbeteiligungen. Er schuf den finanziellen Überbau, um in- und ausländische Ersparnisse zu absorbieren. Auch diente er dazu, dass Ersparnisse nicht in überflüssige Anlagen und in unnötiges Equipment investiert wurden, was ihre Profitabilität gemindert hätte. Überschüssige Ersparnisse wurden somit von realen Anlagen zu Vermögen auf dem Papier umgeschichtet.

Zudem erhoffte man sich, dass dieser Finanzialisierungs-Prozess dazu beitragen würde, den Konjunkturzyklus zu dämpfen. Der Abschwung in den frühen Achtzigerjahren war für viele Länder der schwerste seit der Grossen Depression.

Wenn der Preis des Geldes (Zinssätze und Wechselkurse) flexibler wäre, würde das Schocks absorbieren und die Belastungen für die Realwirtschaft und die Beschäftigung abmildern, so lautete die Theorie. Die Finanzkrise hat jedoch gezeigt, dass der Druck der Kapitalmärkte Rückkopplungseffekte erzeugen und grosse Volkswirtschaften erschüttern kann: Der Kollaps des Bankensystems verlangsamte den Handel und grenzüberschreitende Kapitalströme, was indirekt auch die Schwellenländer schwächte.

Die zunehmenden Vermögens- und Einkommensungleichheit, die aus dem Prozess der Finanzialisierung resultierte, trug wesentlich dazu bei, den politischen Diskurs sowie politische Massnahmen zu fördern, die ihm entgegenwirkten.

Es scheint so, dass das Rezept, das Reagan und Thatcher gegen das Problem des überschüssigen Kapitals wählten, an Karl Polanyis «Great Transformation» scheiterte: Das Werk des ungarisch-amerikanischen Ökonomen beschreibt einen Gegentrend nach einer grossen Liberalisierungswelle sowie Hyman Minskys Hypothese finanzieller Instabilität, gemäss der eine längere Periode finanzieller Stabilität durch Spekulation und Schuldenwachstum zu Instabilität führen kann.

Ich bin daher anderer Meinung als Pettis und Klein. Sie stellen Amerika als Opfer der unterdrückten Nachfrage in China und Deutschland dar. Für mich hingegen sind die USA die treibende Kraft der Ereignisse. Die «Open Door Notes» nach Charles Conant machten Amerika zu einer Nation, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Reform der globalen Wirtschaftspolitik anführte. Das, nachdem sich amerikanische Staats- und Eisenbahnanleihen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so krisenanfällig erwiesen hatten wie heute viele Schwellenländer.

Innerhalb eines halben Jahrhunderts nach Conants Initiative und seiner Mithilfe, die Philippinen und Nicaragua an den Silberstandard zu binden, gab Amerika der Welt den Takt vor. «The American Challenge», der 1967 von Jean-Jacques Servan-Schreiber veröffentlichte Bestseller, prangert die Kolonisierung Europas durch amerikanische Unternehmen an, indem sie in der Alten Welt Produktionsstätten und Vertriebsketten kauften und aufbauten.

Die herrschende Klasse Amerikas schaffte es, die Welt neu zu gestalten; nicht nur ein-, sondern zweimal: Zuerst mit dem Abkommen von Bretton Woods und nach dessen Ende in der Reagan-Thatcher-Ära, in welcher der Dollar die globale Vorherrschaft behielt.

Amerikas wirtschaftspolitische Strategie brach mit der Tradition exportorientierter Ansätze. Aus historischen Gründen - einschliesslich eines überbewerteten Dollars und protektionistischer Hindernisse - bedienen US-Unternehmen Märkte im Ausland primär dadurch, indem sie vor Ort fertigen und verkaufen.

Die Einnahmen ausländischer Tochtergesellschaften, die sich mehrheitlich im Besitz multinationaler US-Unternehmen befinden, übertreffen seit mehr als einem halben Jahrhundert die US-Exporte. Ein sehr geringer Teil der Importe in die USA stammt von ausländischen Niederlassungen und Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen.

Das Ende der alten Ordnung

Die Leistungsbilanz und das Nettoauslandsvermögen sind nur eine Betrachtungsweise, die wirtschaftliche Performance eines Landes zu messen. Es gibt auch andere wie diese: Das Nettovermögen amerikanischer Haushalte stieg im 3. Quartal 2020 um 8% gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht einem neuen Rekordhoch von 123,5 Bio. $, und das trotz der Pandemie und steigender Verschuldung.

Die Leistungsbilanz sagt weder über den Klassenkampf etwas aus, noch über den Reichtum eines Landes. Aus dem Vermögen der US-Haushalte lassen sich auch keine Rückschlüsse über seine Verteilung ziehen. Diese wird von den politischen Kräften in Washington bestimmt, nicht in Peking.

Aus meiner Sicht hat die alte Ordnung der Weltwirtschaft geendet, bevor sich eine neue etablieren konnte. Die Vereinigten Staaten geniessen heute nicht mehr denselben überragenden Status, über den sie zur Zeit von Bretton Woods verfügten. Auch üben sie nicht mehr die gleiche Dominanz aus, die ihnen vor dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums zukam. Dennoch obliegt es Amerika als grösste Volkswirtschaft der Welt, global weiterhin den ökonomischen Takt vorzugeben, die neue Ordnung zu gestalten.

Da es der Welt aber an einer visionären Führung durch Amerika fehlt, wird wirtschaftlicher Nationalismus das Vakuum füllen, ähnlich wie das nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Klein und Pettis legen die Gründe für modernen Isolationismus bzw. Unilateralismus dar: Das makroökonomische Ungleichgewicht liegt nun ausserhalb der Kontrolle der USA, und die von Amerika geförderten internationalen Institutionen schützen seine Interessen nicht.

Die Finanzkrise in den USA war gemäss Klein und Pettis nicht das Ergebnis von Deregulierung, der Aktienkultur oder der Intransparenz von Verbriefungen. Sie war das Resultat davon, dass Deutschland und China das System auf Kosten ihrer Arbeiter ausnutzen.

Laut «Trade Wars Are Class Wars» haben nicht falsch gesetzte Prioritäten dazu geführt, dass die USA 90% ihres Bedarfs an Antibiotika aus China importieren, was zum generellen US-Handelsdefizit im Bereich Medikamente, medizinische Geräte sowie seltene Erden beiträgt. Vielmehr ist das Ungleichgewicht eine Folge von Chinas aufstrebender Exportindustrie bei gleichzeitiger Unterdrückung der Binnennachfrage.

Indem die beiden Autoren Amerikas Probleme anderen Ländern zuschieben, bieten sie den Vereinigten Staaten eine selbstgefällige Begründung, von den gegenwärtigen Herausforderungen und der Notwendigkeit einer langfristige Strategie abzulenken. Mit dem Finger auf einen externen Feind zu zeigen, ist ein bewährtes Mittel, um inländische Klassenkonflikte zu unterdrücken und eine Art von Konformität zu fördern, die Innovation behindert.

Wenn die USA wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen sie die Kompetenz ihrer Arbeiterschaft stärken, die Infrastruktur verbessern und das Stromnetz auf den neuesten Stand bringen. Amerika muss starke, transparente und offene Kapitalmärkte bewahren.

Es gibt zwar weltweit einen Überschuss an Ersparnissen, auf den das Land zurückgreifen kann. Der grösste Mangel besteht jedoch bezüglich des sozialen Vertrauens, das durch die extreme Ungleichheit bei Einkommen, Vermögen und Chancen in Kombination mit ungenügenden Opportunitäten zum sozialen Aufstieg untergraben wird. Wie die Pandemie deutlich demonstriert, ist Armut eine tödliche Begleitkrankheit.

Obschon das Buch von Pettis und Klein den Titel «Trade Wars Are Class Wars» trägt, sind sie nicht an Klassenkämpfen interessiert. Ihre Analyse der Handelskriege ist ein gehässiger Angriff auf Länder mit Überschüssen. Das politische Programm, das von dieser Betrachtung ausgeht, nährt den zunehmenden wirtschaftlichen Nationalismus unserer Zeit und schwächt den Dialog für multilaterale Institutionen; selbst bei Teilen der Elite, die früher eine globale Mentalität hatte.

Michael Pettis schlägt ausserdem vor, Kapitalimporte in die USA zu besteuern. Kaum eine andere wirtschaftspolitische Massnahme würde grösseren Schaden anrichten. Sie würde einen gravierenden Abschwung verursachen, der zu höherer Arbeitslosigkeit, zu Druck auf die Wirtschaft und zu steigenden Zinsen führt. Die Rolle des Dollars würde dabei geschwächt werden.

Manche Beobachter argumentieren, dass ausländische Investoren sich bereits heute mit der Bürde einer potenziellen Steuer beim Kapitalabzug konfrontiert sehen, falls sich der Dollar abwerten sollte. Orchestriert oder nicht: Die Schulden der USA (gemessen in ausländischen Währungen) würden sich dadurch verringern.

Im Gegensatz dazu interpretiere ich in «Political Economy of Tomorrow» Amerika nicht als Opfer oder als benachteiligte Nation, weil Deutschland und China grosse Leistungsbilanzüberschüsse ausweisen.

Die Verteilung der Produktivitätsgewinne in den USA hat aus meiner Sicht mehr mit dem inländischen Kräfteverhältnis von Kapital und Arbeit und der Fähigkeit zu Reformen zu tun, als mit den sozialen Verhältnissen in Deutschland und China. Wie eine Amerikanerin oder ein Amerikaner das Leben gestaltet, hängt nicht von einem Parteifunktionär in einer Fabrikhalle ausserhalb von Schanghai ab.

Wie Pettis und Klein zitiere ich gegen Ende meines Buches Keynes: «So wird der Mensch zum ersten Mal seit seiner Erschaffung mit seinem realen, seinem permanenten Problem konfrontiert: wie er seine Freiheit gegen ökonomische Zwänge nutzen kann, wie er seine Freizeit, die er durch Wissenschaft und Zinseszins errungen hat, am besten nutzt, um klug, angenehm und gut zu leben.»

Marc Chandler

Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.
Marc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Broker Bannockburn Global Forex. Er befasst sich seit über dreissig Jahren mit den Devisenmärkten und zählt zu den profiliertesten Experten, wenn es um die makroökonomische Grosswetterlage geht. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Er verfasst den populären Marc to Market Blog.