Meinung

Im Jahr 2020 ist jeder ein Trader

Zwei Jahrzehnte nach der Dotcom-Blase sind die Day Trader zurück. Institute wie IG Bank oder Swissborg verzeichnen rekordhohe Handelsvolumen. Dennoch hinken Vergleiche mit der Technologieblase zur Jahrtausendwende.

Myret Zaki
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Nun, da die weltweiten Aktienmärkte seit ihren Tiefst vom März um mehr als 60% gestiegen sind, lässt sich − insbesondere in den USA, aber auch in Europa − ein Phänomen beobachten: das grosse Comeback der Retail-Day-Trader. Das weckt Erinnerungen an die alten Tage der Dotcom-Blase. Wir alle haben noch den Technologieboom der Neunzigerjahre im Gedächtnis, als jeder, vom Taxifahrer bis zur Coiffeuse, über die jüngsten Aktientrends diskutierte.

Zwei Jahrzehnte später bietet das Jahr 2020 eine naheliegende − aber nicht identische − Version: Unterstützt durch die Massnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und den Trend zur Arbeit von zu Hause aus greifen gelangweilte Möchtegern-Händler vermehrt zu ihren Smartphones und Tastaturen. Der sprunghafte Anstieg der FANGMAN-Aktien (Facebook, Amazon, Netflix, Google, Microsoft, Apple und Nvidia) gab ihnen die Möglichkeit, mit Aktien des täglichen Lebens zu handeln. Noch nie zuvor war die Börse für den Laien so zugänglich. Täglich erscheinen neue Trading-Applikationen, die den Handel fast ohne Provisionen ermöglichen.

Das Transaktionsvolumen ist stark gestiegen

«Die Transaktionsvolumen sind seit März viel höher», bestätigt Valérie Noël, Leiterin der Handelsabteilung der neu gegründeten Flowbank in Genf. «Die Zahl der für den Online-Handel registrierten Personen hat sich in Europa vervierfacht», fügt sie hinzu. Flowbank startete am 25. November. Der Gründer, Charles-Henri Sabet, ist ein Veteran des Online-Handels, der vor dreissig Jahren die Synthesis Bank gegründet hatte, bevor sie an die Saxo Bank verkauft wurde.

Er hat die Kostenwettbewerbsfähigkeit auf dem Radar. Die Plattform bietet sehr enge Spreads bei Hebelprodukten und Kommissionen von bloss zehn Basispunkten für Privatkunden, während einige Banken bis zu 150 Basispunkte verlangen. Aber der zentrale Vorteil der neuen Banken ist ihre Technologie. Die Flowbank-App aggregiert alle Arten von Basiswerten: Aktien, Anleihen, Währungen, Rohstoffe, Indizes oder Private Equity.

Da die Volatilität Rekorde erreicht hat, ist Leverage eindeutig gefragt. Spekulative Instrumente sind beliebt. Derivate wie Contracts for Difference (CFD) werden in der Schweiz von Flowbank und der IG Bank angeboten und ermöglichen es den Anlegern, je nach Anlageklasse bis zum Zweihundertfachen ihres Vermögens einzusetzen (maximal das Zwanzigfache bei Aktien, sagt die IG Bank).

Fouad Bajjali, CEO der in Zürich ansässigen IG Bank, sah von Juni bis August 2020 einen Anstieg der aktiven Kundenbasis um 50% gegenüber dem gleichen Zeitraum 2019. «Im März 2020 hatten wir weltweit 1 Million Transaktionen pro Tag, gegenüber 300'000 im März 2019».

Kryptowährungen im Rampenlicht

Auch die Kryptowährungen haben Rekorde geschlagen, wobei Bitcoin sein Höchst von 2017 in diesem Jahr übertroffen hat. Rund 68'000 neue Konten wurden dieses Jahr bei Swissborg in Lausanne eröffnet, die Hälfte davon in den letzten drei Monaten, so Cyrus Fazel, CEO von Swissborg. Auch hier ist die Technologie ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Das Unternehmen hat eine Krypto-Handels-App eingeführt, die über mehrere Krypto-Börsen in Nanosekunden die besten Preise stellt.

«Das Volumen erreicht derzeit dreissig Millionen Dollar pro Woche. Das hängt mit dem Anstieg von Bitcoin zusammen und damit, dass die Menschen zu Hause ‹eingesperrt› wurden. Ob bei Aktien oder bei Kryptos, Handelsplattformen profitieren davon, dass die Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen». Cyrus Fazel, ein aktiver Youtube-Kommentator, bemerkt, dass «sogar ein Youtube-Live-Ereignis um acht Uhr morgens in Europa, das normalerweise nur sehr wenige Aufrufe erhalten würde, derzeit Hunderte Male gesehen wird».

Er stellt fest, dass beim Krypto-Handel die Hebelwirkung das Hundert- und bis zu Tausendfache erreichen kann. «Wir bieten diese Art von Hebelwirkung bei Swissborg nicht an, wir machen nur physischen und Kassahandel. Der Krypto-Markt ist bereits volatil genug. Wir wollen Vermögensverwaltung betreiben», sagt Fazel.

Auf der Decentralized-Finance-Welle reitend wird Swissborg im Dezember ein Programm starten, das es Anlegern ermöglicht, die beste Rendite auf Dollar-Einlagen zu erzielen, die unter den vielen Krypto-Börsen zu finden sind. Die Anleger erhalten zusätzliche Renditen (durch Tokens), wenn sie aktiv an diesen Börsen handeln. Diese Strategien können eine Rendite von mehr als 10% erzielen, die aber stark schwanken können.

Spielen oder investieren?

Experten, die sich mit der Handelsmanie des Jahres 2020 befassen, vergleichen sie eher mit Glücks- oder Videospielen als mit Investieren. Studien haben gezeigt, dass in einem Umfeld, in dem der Hochfrequenzhandel (HFT) so weit fortgeschritten ist, Kleinanleger zwangsläufig verlieren werden. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass eine HFT-Plattform in Millisekunden auf der Grundlage einer drohenden Konkursinformation handeln kann. Wenn der durchschnittliche Anleger von der Nachricht hört, hat der HFT den Handel bereits abgeschlossen.

«Es macht süchtig, wie ein Besuch im Kasino», sagt Nicholas Hochstadter, Investor und Gründer von Performance Watcher, einer Plattform, die Vermögensverwaltungsportfolios von Privatkunden vergleicht. «Die Leute sehen Dutzende von Anzeigen auf YouTube, in denen ihnen mitgeteilt wird, dass jemand aufgrund eines ‹geheimen Handelssystems› 10'000 Euro pro Tag verdient, und das ist der Nachteil von Apps, die Neulingen einen zu leichten Zugang ermöglichen».

Etablierte Marktteilnehmer mit erfahrenen Kunden sehen das anders: «Ich bin ganz klar anderer Meinung als die Experten, die Day-Trading mit Video- oder Glücksspielen vergleichen. Die IG Bank konzentriert einen Grossteil ihrer Bemühungen darauf, den Händlern edukative Inhalte zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Strategien und Handelsmuster entwickeln können», sagt Fouad Bajjali.

Auf dem US-Markt, wo die kleinsten Investoren diejenigen sind, die mit dem grössten Hebel handeln, fehlt es meist an Orientierungshilfen. «Mehr als alles andere», so Nicholas Hochstadter, «muss man sich fragen: Wie viel habe ich angesichts der Rendite, die ich verdient habe, aufs Spiel gesetzt? Absolute Gewinne bedeuten nichts», warnt er. «Es ist Ihr Risikobudget oder Ihr Risiko-Ertrags-Verhältnis, das zählt».

Weniger Volatilität im Jahr 2021

Da grosse Ereignisse wie US-Wahlen oder eine Pandemie ausbleiben werden, sollte sich die Volatilität 2021 normalisieren. Valérie Noël glaubt nicht, dass wir die gleiche Euphorie wie in den letzten acht Monaten erleben werden. «Allerdings könnten die Investoren weiter in die aufholenden Sektoren umschichten, die unter dem Lockdown gelitten haben, und das würde dem Markt neuen Schwung verleihen».

Die Handelschefin der Flowbank erwartet indes, dass die Zentralbanken bei einer Rückkehr des Wachstums die Liquiditätsausweitung unterbrechen könnten, was sich negativ auf die Märkte auswirken und die Risikobereitschaft verringern würde.

Die neuen Trading-Apps haben definitiv dazu beigetragen, den Handel auszuweiten und viele Menschen zu erreichen, und jeder kann sein eigener Händler sein, was ziemlich positiv ist, schliesst Valérie Noël, aber sie fügt eine Warnung an: «Selbstdisziplin ist absolut entscheidend. Sonst werden die Volumen zusammenbrechen, wenn niemand mehr da ist, der Geld an den Märkten verlieren kann».

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.