Meinung

Indien gegen China: Grenzkonflikt oder Grosskonflikt?

Lokal begrenzte Konflikte zwischen Indien und China kommen immer wieder vor. Und doch rufen die jüngsten Ereignisse in Erinnerung, dass China im globalen Wettlauf um strategische Dominanz seine frühere Zurückhaltung abgelegt hat.

Philippe Welti
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Lokal begrenzte Konflikte an der langen Landgrenze im Himalaya-Hochgebirge zwischen Indien und China kommen seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 und Chinas 1949 immer wieder vor. Sie haben ihren Ursprung in der Tatsache, dass nach Abzug der britischen Kolonialmacht die Grenze zwischen den zwei asiatischen Giganten strittig war und bis heute geblieben ist.

Die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen den zwei grossen Entwicklungsländern verschlechterten sich rasch nach Erlangung der Unabhängigkeit, als Chinas Staatsführer Mao die Hoffnungen von Indiens Republikgründer Nehru enttäuschte und sich weigerte, gemeinsam eine politische Führung der mit der Dekolonisierung wachsenden Dritten Welt aufzubauen.

Der Konflikt um die bestrittene Grenze steigerte sich 1962 in einen offenen Grenzkrieg, der mit einer militärischen Niederlage Indiens endete und damit in Indien ein bleibendes Trauma hinterliess. Daraus wurde ein dauerhaftes Feindbild, als China eine Partnerschaft mit Pakistan aufbaute, um ein strategisches Gegengewicht zur indisch-sowjetischen Allianz zu bilden. Mit Pakistan, das seit der gewaltsamen und traumatischen Trennung von Indien 1947 den Inbegriff des Feindbildes für Indien darstellt.

Chinas Wirtschaftsreformen änderten das Gleichgewicht

Seit dem offenen Krieg von 1962 besteht ein politisches Einvernehmen zwischen New Delhi und Beijing, dass der Streit um Indiens Nordgrenze zu China in keinen neuen Krieg ausarten soll. Der genaue Grenzverlauf bleibt auf der grössten Länge bestritten, aber beide Nachbarn halten sich an die Vereinbarung. Bis zu Beginn der Achtzigerjahre hatte der Konfliktverzicht für beide Seiten seinen politisch-militärischen Sinn: China und Indien waren sich wirtschaftlich und militärisch etwa ebenbürtig. Ein Krieg zwischen zwei gleich Starken hätte nur Kräfte verschwendet, ohne einen sicheren Gewinner hervorzubringen.

Das änderte sich mit Chinas Wirtschaftsreformen, die in den Achtzigerjahren ein markantes Wachstum auslösten und auch erhöhte Militärausgaben möglich machten. Ab den Neunzigerjahren setzte auch in Indien mit zuerst zögerlich eingeführten Reformen ein vorher unbekanntes Wirtschaftswachstum ein, das ebenfalls eine Erhöhung der Militärausgaben ermöglichte.

Beide Staaten sind seither stark gewachsen, China aber viel stärker. Heute ist das Reich der Mitte, nach ungefährer Parität mit Indien vor vier Jahrzehnten, militärisch viermal stärker und wirtschaftlich fünfmal stärker als Indien. Chinas Entwicklung hat, zusammen mit einer Rückkehr zu einer ideologisch straffen Führung unter Xi Jinping, einen markanten Anspruch auf Teilhabe an globaler Dominanz angemeldet und befindet sich unstrittig in einem Wettlauf mit der unverändert dominanten Hegemonialmacht der Welt, den USA. Der Weg zu strategischer Weltgeltung führt für China über den Ausbau seiner Hegemonialposition in seiner Nachbarschaft und dann über den asiatischen Kontinent.

China will seinen Einfluss über Asien hinaus ausweiten

Chinas Dominanz ist schon weit gediehen; historisch ungerechtfertigte Souveränitätsansprüche Chinas über die Südchinesische See haben sich massiv ausgeweitet, Ansprüche auf die Ostchinesische See und Taiwan werden immer kompromissloser geäussert, und mit der Initiative einer weitreichenden «neuen Seidenstrasse», dem «Belt-and-Road»-Projekt (BRI), zielt Chinas Führung auf einen geografisch viel weiter reichenden Einfluss in Asien, Europa und Afrika. Teil der maritimen BRI-Linien führen hauptsächlich durch den Indischen Ozean. Zum Schutz ihrer Schifffahrtslinien haben die Chinesen rund um diesen Ozean erfolgreich Häfen und Basen unter ihre Kontrolle gebracht, die von Indien zu Recht als Teile einer strategischen Umzingelung empfunden werden.

Im Bewusstsein, dass der «Indische Ozean» seinen geografischen Namen nur solange verdient, als Indien selber in der Lage ist, seine Souveränitätsrechte in diesem Raum geltend zu machen, hat die Modi-Regierung der Modernisierung und Aufrüstung der indischen Flotte hohe Priorität eingeräumt. Nun hat die Covid-19-Pandemie die ganze Welt in Bann geschlagen und dem globalen Wirtschaftswachstum nachhaltigen Schaden zugefügt. China, als Ursprungsland des Pandemie-Virus, hat zwar im globalen Vergleich geringere Opferzahlen aufzuweisen, kämpft aber mit wirtschaftlichen Schäden, die sich aus den massiven Eindämmungsmassnahmen ergeben haben und die aus dem globalen Einbruch des Handels noch lange weiter wachsen werden. Der wirtschaftliche Schaden wird auch in China die Staatsfinanzen beträchtlich in Mitleidenschaft ziehen, die Chinas Mittel im globalen Wettlauf um Weltgeltung beeinträchtigen werden.

Der «Indische Ozean» wird von China dominiert

In Indien hat der von der Pandemie verursachte wirtschaftliche Schaden bereits auf die Staatsfinanzen durchgeschlagen. Um die Mittel auf die dringendsten Aufgaben wie Gesundheit und Sozialprogramme zu konzentrieren, hat die indische Regierung Verteidigungsausgaben kürzen müssen und ist nun nicht in der Lage, schon lange geplante Projekte der Modernisierung und Aufrüstung der Streitkräfte zu verwirklichen. Am schmerzlichsten treffen die Kürzungen den strategischen und operativen Ausbau der Seestreitkräfte. Damit beraubt sich Indien der Fähigkeit, der wachsenden Präsenz der Chinesen auf den Weltmeeren, insbesondere im Indischen Ozean, mit vergleichbaren Mitteln zu begegnen.

Darin liegt denn auch die Bedeutung des lokal begrenzten Grenzkonflikts im Himalaya. Es ist nicht die rein militärische Bedrohung an der Gebirgsgrenze, denn die Mittel und Fähigkeiten des indischen Heeres sind denjenigen der Chinesen in jenem Raum mindestens ebenbürtig. Bedeutungsvoll ist der scheinbar begrenzte und von beiden Regierungen kontrollierte Zusammenstoss deshalb, weil er anschliesst an ähnliche Zusammenstösse der jüngeren Zeit, z.B. auf dem Doklam-Plateau von Bhutan vor drei Jahren.

China versuchte damals, auf Bhutans Territorium mit dem Bau einer Strasse in unwirtlicher Berggegend die chinesische Grenze zu verschieben. Indien als Bhutans Schutzmacht vermochte dies militärisch zu verhindern; die Kontrahenten einigten sich auf eine Deeskalation. Aber der damalige Zwischenfall und die damit vergleichbare Konfrontation der letzten Wochen rufen der aufmerksamen Weltöffentlichkeit in Erinnerung, dass im globalen Wettlauf um strategische Dominanz mit China ein Konkurrent auf den Plan getreten ist, der für die Geltendmachung neuer Ansprüche seine frühere Zurückhaltung abgelegt hat und bereit ist, auch mit militärischen Mitteln zu testen, wie die internationale Ordnung solchen Herausforderungen begegnet.

Philippe Welti

Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.