Meinung

IT-Milliardäre treiben den Paradigmenwechsel im Technologiebereich voran

Das Gesamtvermögen aller Milliardäre ist grösser als das BIP Japans. Sie treiben einen säkularen Bewertungsboom bei disruptiven Technologie- und Gesundheitsinnovationen an.

Myret Zaki
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Kürzlich war ich fasziniert, zwei milliardenschwere Investoren zu sehen, die nachdrücklich Tesla-Aktien zum Kauf empfahlen – nur eine Woche auseinander und in derselben CNBC-Sendung.

Chamath Palihapitiya, CEO von Social Capital, hielt am 6. Oktober eine optimistische Rede über Tesla. Ron Baron, Gründer von Baron Capital, überbot seinen Kollegen am 14. Oktober sogar noch. Der Aktienkurs von Tesla legte in diesem Zeitraum um 12% zu (nachdem er seit Januar um 328% gestiegen war).

Das könnte ein Signal dafür sein, wie «marktbewegend» diese Investitionsmogule geworden sind. Die Empfehlungen der Milliardäre, die auch von «Business Insider» weitergegeben wurden, klangen wie das ultimative Kaufargument. Nichts Neues hier: Milliardäre waren schon immer gut im Austeilen von Ratschlägen. Doch auch die grössten Debakel sind einigen von ihnen zuzuschreiben, wie Masayoshi Sons missglückte Investition in WeWork zeigt.

Dennoch waren Milliardäre noch nie so stark wie heute: Sie sind nicht nur die Hauptinvestoren, sondern auch die wichtigsten Gestalter und «Disruptoren» der Wirtschaft. Sie stehen an der Spitze einer Vermögenspyramide, in der acht von ihnen so viel Vermögen besitzen wie 3,6 Milliarden Arme zusammen. Während dieser Covid-Krise sind die Milliardäre die einzigen, die reicher geworden sind.

Tech ist das grosse Unterscheidungsmerkmal

Aber nicht alle. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist die Technologie. Die Technologie hat die Grenze zwischen Erfolg und Stagnation gezogen. Das Gesamtvermögen der Tech-Milliardäre ist seit 2018 um 43,5% gestiegen. In ähnlicher Weise wuchs das Vermögen der Gesundheitsmilliardäre um 50,3%, wozu die Entdeckung von Medikamenten sowie Innovationen in der Diagnostik und Medizintechnik beitrugen.

Diejenigen, die in Branchen tätig sind, denen es gelungen ist, mit Hilfe von Technologie ihre Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen zu verändern, sind diejenigen, deren Vermögen in die Höhe geschnellt ist, während das Vermögen derer in traditionelleren Branchen sogar gesunken ist, wie ein kürzlich veröffentlichter Bericht von UBS/PwC aufzeigt.

«Milliardäre, die auf der falschen Seite wirtschaftlicher, technologischer, gesellschaftlicher und ökologischer Trends stehen, büssen an Wohlstand ein», heisst es im UBS/PwC-Bericht.

Das ist ein radikal neues Muster. Während des letzten Jahrzehnts wurden alle Milliardäre wohlhabender, unabhängig vom Sektor, in dem sie tätig sind; bis die Technologie zum Spielverderber wurde. Diese Milliardäre, die Geld im Überfluss haben, reiten nun auf dem Paradigmenwechsel des kommenden Jahrzehnts und investieren in die digitale Transformation, den demografischen Wandel und den Klimawandel.

Ein weiteres interessantes Merkmal ist, dass die Welt der Milliardäre zu einem überfüllten Raum geworden ist wie nie zuvor in der modernen Geschichte. Daher wird sie von Privatbanken und Family Offices intensiv umworben. Selbst einfache Vermögensverwalter profilieren sich als «Multi Family Offices», um diese Klientel anzuziehen.

Aber sie sind kein leichter Fang, denn sie sind kluge und anspruchsvolle Investoren. Diese Gruppe schnell wachsender Milliardäre ist keine passive, sondern eine unternehmerische Klasse, mit der man bei der Gründung von Unternehmen, in der Forschung und Entwicklung, in Sachen «Thought Leadership» und der Philanthropie im Wettbewerb steht.

Es gibt mehr Milliardäre denn je

Dank grösserer technischer Verschiebungen, günstiger Schuldzinsen und ständiger Unterstützung durch die Zentralbanken hat sich die Zahl der Reichen mit einem Vermögen im zehn- bis zwölfstelligen Bereich in zwei Jahrzehnten verfünffacht. Das ist eine historische Beschleunigung, wie aus der folgenden Grafik ersichtlich ist. Am 31. Juli 2020 gab es weltweit 2189 Milliardäre, gegenüber 2058 im März: dank der Börsenerholung von März bis Juli kamen in nur vier Monaten 131 neue Milliardäre hinzu.

Innerhalb des Milliardärs-Ökosystems sind erhebliche Diskrepanzen auszumachen: Die 50-100-Milliarden-Dollar-Klasse ist in Bezug auf Macht, Einfluss und Investitionskapazitäten Lichtjahre vom 1-10-Milliarden-Dollar-Club entfernt. Innerhalb der sehr erlesenen 50-100 Milliarden-Dollar-Gruppe selbst nimmt der Wettbewerb zu, da der Zugang jedes Einzelnen zu den Machtkorridoren umso effektiver ist, je weniger Anwärter es gibt. Ebenso ist zu viel Kapital auf der Jagd nach zu wenigen hochwertigen Projekten, was eine Herausforderung ist.

Aber der 50-100-Milliarden-Dollar-Club macht den Unterschied, auch in der Politik. Die Technologieriesen, die neuen «Big Five», sind mittlerweile eine wichtige Lobbykraft in den USA und der EU. «Die Giganten der Big Tech wie Google, Amazon, Microsoft, Facebook und Apple gehören zu den grössten Unternehmen, die in Brüssel Lobbyarbeit betreiben», erklärt ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Corporate Observatory Europe.

Insgesamt 21 Mio. € wurden 2018/19 für die Lobbyarbeit bei der EU ausgegeben. «Die Technologiegiganten befinden sich bei politischen Entscheidungsträgern immer wieder in der Klemme und scheinen darauf mit einer Erhöhung ihrer Lobbyausgaben reagiert zu haben», heisst es im Bericht. In den USA gaben die GAFAM (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) im Jahr 2017 rund 50 Mio. $ aus.

Dies ist bedeutsam, da die Fähigkeit dieser Konzerne, die Gesetzgebung zu beeinflussen, entscheidend für ihr zukünftiges Gedeihen ist. In zehn Jahren ist es Amazon, Facebook, Microsoft, Netflix, Apple und Google laut Fair Tax Mark gelungen, den Gegenwert von 100 Milliarden Dollar an Steuern zu vermeiden.

Dieser Überfluss an neuen Milliardären, vor allem im Technologiebereich, verdeutlicht auch die Macht der Geldpolitik, Vermögen umzuverteilen: Da Milliardäre bei weitem am meisten in den Märkten investiert sind, profitieren sie überproportional von der Politik der quantitativen Lockerung. Laut Goldman Sachs besitzt das reichste 1% der Amerikaner heute mehr als die Hälfte des gesamten Aktienvermögens aller US-Haushalte.

Als zusätzlichen Bonus haben die meisten Investmentfonds ihre jüngsten Käufe auf Nasdaq-Aktien konzentriert und damit Tesla, Nvidia, Paypal, Amazon oder Netflix zu neuen Rekordhöhen getrieben, was wiederum den Technologie-Milliardären zugutekommt.

Alle Sektoren eingeschlossen, belief sich das Gesamtvermögen der Milliardäre am 31. Juli auf 10'200 Mrd. $, was diese Gruppe zur drittgrössten Wirtschaftsmacht der Welt macht, wenn man ihr Vermögen zusammenrechnet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Analyse auf eine weitere konzentrierte, technologiegetriebene Industrie-Transformation hindeutet. Diese sind in Bereichen zu erwarten, in denen Innovatoren und Disruptoren neue Technologien einsetzen, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Unternehmen und Projekte im Technologiesektor und in gewissen Bereichen des Gesundheitswesens und der Industrie wachsen seit 2018 am schnellsten – und der Trend hat sich in diesem Jahr beschleunigt.

Neue Technologien werden neue Milliardäre hervorbringen. Der UBS-Bericht prognostiziert: «Von der künstlichen Intelligenz bis zum 3D-Druck, von der Nano- bis zur Biotechnologie gibt es eine Fülle aufstrebender Technologien, die Wissenschaftler und Serienunternehmer gerade erst anzuwenden begonnen haben, um radikal neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und etablierte Unternehmen zu überholen».

Zeit für ein neues Schlagwort: Folgt den Milliardären?

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.