Meinung

It’s not the Economy Alone, Stupid!

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine scheint der schöne liberale Traum vom friedensstiftenden Handel wieder einmal ausgeträumt. Ganz so schlimm ist es nicht. Aber es ist Zeit zum Aufwachen.

Karen Horn
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Dass Handel verbindet und Frieden stiftet, ist eine jener Überzeugungen, die vielen Liberalen nachgerade heilig sind. Mehr noch, sie ist ein in der westlichen Ideengeschichte lange und tief verwurzeltes Paradigma.

Dieses findet sich schon in der Antike, unter anderem bei den Griechen Aristoteles und Plutarch sowie bei dem Römer Seneca. Bezeichnenderweise hat das griechische Verb kattallatein eine hübsche Doppelbedeutung, es meint sowohl «tauschen» als auch «aus einem Feind einen Freund machen».

In der Neuzeit wiederum schwärmt der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533-1592) vom «doux commerce», der die Sitten verfeinere; und Charles de Montesquieu (1689-1755) postuliert in seinem Werk «De l’esprit des lois»: «L’effet naturel du commerce est de porter à la paix».

Montesquieu argumentiert, dass der wirtschaftliche, geistige und persönliche Austausch dazu beiträgt, Vorurteile zwischen den Völkern abzubauen; und er stellt fest, dass so die vergleichsweise harmlosen kommerziellen Interessen über die Versuchung zur politischen Gewalt triumphieren können. Darauf setzen Liberale bis heute.

Dieses optimistische Paradigma hat auch die Aussenwirtschaftspolitik der meisten westlichen Staaten über lange Zeit geleitet; viele Bemühungen der in Genf ansässigen Welthandelsorganisation (WTO) sind davon getragen. Freilich muss die Hoffnung auf einen dem Frieden förderlichen «Wandel durch Handel» auch immer einmal wieder zur Rechtfertigung ansonsten eher opportunistischer, geopolitisch kurzsichtiger Wirtschaftsabkommen herhalten.

Kriege gibt es weiterhin

Ob ehrlich gemeint oder vorgeschoben – die Überzeugung, dass Handel, weil er Kooperation zum gegenseitigen Vorteil bedeutet, Frieden stiftet, wird in der Realität regelmässig erschüttert. Nationen handeln schon lange, aber Kriege gibt es weiterhin. Forschern ist es bisher darum auch nicht wirklich gelungen, den kausalen Zusammenhang zwischen Handel und Frieden empirisch so robust nachzuweisen, wie das liberale Denker gern hätten.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine scheint der alte Menschheitstraum vom Frieden nun wieder einmal aufs Neue ausgeträumt, als Chimäre zerstoben. Ganz so schlimm ist es nicht, aber es ist Zeit zum Aufwachen.

Abrupt aus dem liberalen Traum hochgeschreckt und in seiner Überzeugung erschüttert kann nur sein, wer das Paradigma von friedensstiftenden «doux commerce» als eine universelle, unhintergehbare Gesetzmässigkeit missverstanden und romantisch überhöht hat. Handel ist weder eine hinreichende Bedingung für den Frieden, noch ist er frei von möglicherweise unerwünschten Nebenwirkungen.

Zudem verläuft eine mögliche Kausalität hier auch in umgekehrter Richtung: Frieden ist nicht nur ein erhofftes Nebenprodukt des Handels, sondern auch dessen notwendige Voraussetzung. Dass es mit einem Aggressor keine ausgedehnten Wirtschaftsbeziehungen geben kann, führt nicht zuletzt die drastisch abnehmende wirtschaftliche Verflechtung zwischen Russland und der Ukraine seit der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion 2014 vor Augen.

Russland, der grösste Staat des europäischen Kontinents, war für die Ukraine, immerhin den zweitgrössten, seit langem der wichtigste Handelspartner gewesen; umgekehrt traf das freilich nicht zu. Vor der Krim-Annexion ging ein Viertel der ukrainischen Exporte nach Russland; danach war es nur noch ein Zehntel. Der Anteil der russischen Exporte in die Ukraine betrug nach der Krim-Annexion nurmehr zwei Prozent: Der Übergriff Russlands auf ukrainisches Territorium hat nicht zuletzt auch den Handel zwischen den beiden Nachbarn zerstört. Was auch sonst?

Die Zahlen verdeutlichen bei näherem Hinsehen, dass es eine Rolle spielt, ob die Handelspartner einigermassen ebenbürtig sind; ob sie in einem Konflikt also wirtschaftlich vergleichbar viel riskieren. Das ist offensichtlich nicht der Fall: Sofern ökonomische Gesichtspunkte bei den Entscheidungen des russischen Despoten Wladimir Putin überhaupt eine Rolle spielen, kann Russland den Verzicht auf die Ukraine als Handelspartner ökonomisch verschmerzen, zumal wenn sich der Kreml im Zug der aktuellen Invasion dauerhaften Zugriff auf jene Güter sichern sollte, an denen er bisher am meisten interessiert war: Chemieprodukte, Erze und Metallurgieerzeugnisse.

Keine Automatismen

Hätte eine engere wirtschaftliche Verflechtung Russlands mit der Ukraine den katastrophalen Angriff unterbinden können? Der schottische Philosoph Adam Smith (1723-1790), Begründer der Ökonomie als eigenständiger Disziplin, lehrt hier Skepsis – im Gegensatz zu allem, was man vielleicht von ihm erwarten würde.

So nachdrücklich Smith den Aussenhandel befürwortete, um die Arbeitsteilung zu vertiefen und die Produktivität zu steigern, auf dass allgemeiner Wohlstand entstehen möge, so sehr waren dem hellsichtigen Analytiker menschlicher Neigungen, politischer Anreizwirkungen und unbeabsichtigter Nebenwirkungen die Risiken bewusst.

«Commerce, which ought naturally to be, among nations, as among individuals, a bond of union and friendship, has become the most fertile source of discord and animosity», klagt er im «Wealth of Nations». Als Antriebskraft dahinter sieht er starke Wirtschaftsinteressen, verkörpert von Unternehmern, denen es beispielsweise darum gehen mag, sich einen lukrativen Absatzmarkt zu sichern – zur Not eben mit staatlicher Gewalt.

Auch warnte er, dass ein Land, das wirtschaftliche Verflechtung in der Vergangenheit hat reich werden lassen, sich einen Krieg leichter leisten kann. Es vermag zu dessen Finanzierung seine Handelsströme umzulenken und Schulden aufzunehmen. Von einem Automatismus, nach dem Handel zu Frieden führt, kann also keine Rede sein.

Immanuel Kant (1724-1808) – den Putin ideell regelmässig für das russische Imperium zu vereinnahmen sucht, während er in dessen Heimatstadt Königsberg gegen den Westen gerichtete Atomwaffen vorhält – weitete etwas später deshalb den Blick vom bilateralen Verhältnis zwischen zwei Staaten auf die Völkergemeinschaft als Ganzes und die multilateralen ökonomischen Verflechtungen. Diese Perspektive ist für die aktuelle Situation nicht nur schon wegen der modernen Intensität der Globalisierung einschlägig, sondern auch deshalb, weil Russlands Ukraine-Krieg wohl letztlich als Stellvertreterkrieg gegen die Länder des Westens verstanden werden muss.

Im Entwurf «Zum ewigen Frieden» bemerkt Kant nebenhin, dass «Völker, die der Begriff des Weltbürgerrechts gegen Gewalttätigkeit und Krieg nicht würde gesichert haben, durch den wechselseitigen Eigennutz [vereinigt werden]. Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen, der Staatsmacht untergeordneten, Mächten (Mitteln) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten […] gedrungen, den edlen Frieden zu befördern, und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen abzuwehren […].»

Sanktionen müssen Verlust verursachen

Wo Vermittlungen offensichtlich nicht helfen, wie im aktuellen Fall des russischen Überfalls auf die Ukraine, bleiben vorläufig nur wirtschaftliche Sanktionen. Sofern Sanktionen nach der erwünschten Verhaltensänderung aufgehoben werden sollen, sind sie nie bloss Strafe, nie schiere Vergeltung. Sie setzen vor allem einen Anreiz.

Sanktionen sind nur deshalb möglich, weil es eine ökonomische Verflechtung gibt; der Verzicht auf die Kooperation zum gegenseitigen Vorteil ist für beide Seiten mit einem Verlust verbunden. Hiermit wiederum geht eine Bedingung einher: Sanktionen sind nur dann eine gute Idee, wenn der Verlust für die Partei, die unter Druck gesetzt werden soll, im aktuellen Fall also Russland, tatsächlich gross und politisch in irgendeiner Weise relevant ist. Gleichzeitig müssen sie für die andere Partei, die Sanktionen verhängt, also für den Westen, tragbar bleiben.

Aktuell herrscht hier eine ungünstige Asymmetrie: Auf der einen Seite wird Russland durch den Handel mit dem Westen schon lange nicht mehr reich; nicht zuletzt aufgrund der Sanktionen als Antwort auf die Krim-Annexion 2014. Die russische Aussenhandelsquote, Mass der wirtschaftlichen Offenheit und Verflechtung, beläuft sich nur noch auf rund 46 Prozent des Bruttoinlandprodukts, wobei ein wesentlicher Anteil auf die Rohstoffausfuhr entfällt (Stand 2016). Die Einnahmen daraus sind für Russland zwar weiterhin wichtig, wie auch das Entgegenkommen Putins in der Frage der Bezahlung verdeutlicht, aber es stehen auch andere Abnehmer bereit – nicht zuletzt China.

Auf der anderen Seite aber sind viele westliche Staaten unmittelbar oder mittelbar von russischem Öl und Gas abhängig, das sie nicht so leicht und nicht so rasch ersetzen können. Deshalb sorgen sich die verschiedenen Regierungen, allen voran die deutsche, um die Versorgungssicherheit. Sie fürchten genau jenes ökonomische «Eigentor», über das Putin bereits frohlockt. Die Asymmetrie erzeugt eine Neigung zum Appeasement.

Kant war nicht naiv; er schloss seiner Prognose, dass die Natur «durch den Mechanism (sic) in den menschlichen Neigungen selbst den ewigen Frieden» garantiere, noch einen vorsichtigen Disclaimer an: Die Wirksamkeit und Sicherheit dieses Mechanismus sei «nicht hinreichend, die Zukunft desselben (theoretisch) zu weissagen.» Er ahnte wohl, dass der von ihm bewunderte Smith zu Recht etwas Wasser in den Wein vom «doux commerce» goss.

Nicht-ökonomischen Rationalität

Was indes in sämtlichen klassischen Ansätzen fehlt, auf denen die liberale Vorstellung vom friedensstiftenden Handel aufbaut, ist das ideologische, aus ökonomischer Sicht irrationale Moment. Alle Denker gehen ohne Zögern davon aus, dass keine wie auch immer geartete Regierung ein Interesse daran haben kann, ihr Land wirtschaftlich zu schwächen. Das ist zwar auf ersten Blick plausibel, doch alle Erfahrung lehrt, dass verbrecherische Regimes für die Verwirklichung einer imperialistischen, oft auch völkischen Vision einen immens hohen wirtschaftlichen Preis zu zahlen bereit sind. Sie sind nicht etwa irrational, sondern sie folgen einer nicht-ökonomischen Rationalität.

Ein alternder Despot wie der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Putin, der mit der ideologisch atemberaubend verbrämten Eroberung eines Nachbarlandes als nationaler Held in die geklitterten Geschichtsbücher einzugehen gedenkt, hat keine Zeit, sich mit etwas derart Prosaischem wie dem Pro-Kopf-Einkommen seiner Bürgerinnen und Bürger aufzuhalten. Um Bill Clintons berühmten Satz ein wenig abzuwandeln: «It’s not the economy alone, stupid».

Dieser oftmals nicht berücksichtigte Aspekt ist vermutlich der wesentliche Grund dafür, dass die inzwischen umfangreich vorliegende empirische Forschung über den Zusammenhang von Handel und Frieden immer noch widersprüchliche Ergebnisse zutage fördert. Auf die Frage, ob der Handel tatsächlich den Frieden zu fördern vermag, gibt es nur die klassische und letztlich einzig aufrichtige Wissenschaftler-Antwort: Es kommt darauf an.

Die Romantisierung des Handels als Stifter von Freundschaft und Frieden, wie sie im Kreis der liberalen Denker im vergangenen Jahrhundert unter anderem die Österreicher Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek mit ihrer Wortschöpfung der «Katallaxie» (für eine offene Austauschwirtschaft) betrieben haben, war immer schon ein Fehler. Es ist weiser, auf gegenseitige Einhegung durch die Kooperation zum gegenseitigen Vorteil zu zielen.

Eine solche Einhegung funktioniert – wie übrigens die atomare Abschreckung – nur im Gleichgewicht gut. Der Zusammenhang zwischen Handel und Frieden erweist sich deshalb auch nur dann als halbwegs robust, wenn auf allen Seiten ökonomische und politische Rationalität Hand in Hand gehen. Die ins Visier genommenen Länder müssen in etwa gleich relevantem Mass auf den gemeinsamen Handel angewiesen und zudem demokratisch verfasst sein, sodass sich die Wünsche der Bevölkerung im Notfall auch gegen die jeweils gerade Regierenden Bahn brechen können. Mit Blick auf Russland kann von einer solchen Konstellation gegenwärtig keine Rede sein.

Kein Heilsversprechen, aber liberale Richtschnur

Dieser ernüchternde Befund bedeutet keinesfalls, dass sämtliche Bestrebungen, die internationale Arbeitsteilung generell und dereinst auch mit Russland wieder zu vertiefen, müssig oder sogar fehlgeleitet sind. Er bedeutet auch nicht, dass alle Hoffnungen, auf dem Umweg über die Wirtschaftsbeziehungen den Frieden auf ein verlässlicheres Fundament zu stellen, völlig illusorisch sind. Aber dazu müssen erst einmal wieder die Voraussetzungen herrschen.

Kant ergänzte seinen zitierten Disclaimer immerhin noch mit einem moralischen Aufruf: Auch wenn sich nicht mit Sicherheit voraussagen lasse, dass der Handelsgeist die Völker in einem «edlen Frieden» zusammenschweissen werde, so mache dieser es doch «zur Pflicht, zu diesem (nicht bloß schimärischen) Zwecke hinzuarbeiten».

Der frühere stellvertretende WTO-Generaldirektor Alan Wolff hat diese Einsichten 2021 in einer Rede für die heutige Zeit realistisch auf den Punkt gebracht: «Trade does not guarantee peace, but it is an essential foundation for the economic stability that makes peace more possible. Peaceful relations in turn make the expansion of trade achievable.» Statt eines nicht zu haltenden Heilsversprechens ist dies weiterhin eine kluge liberale Richtschnur.

Wirtschaftliche Entflechtung auf breiter Front wäre alles andere als ein vielversprechender Ansatz, um den Frieden in der Welt zu sichern. Dringend erforderlich ist aber eine für Robustheit im Krisenfall sorgende handelspolitische Diversifizierung. Auch insofern ist es höchste Zeit zum Aufwachen: Kein Land sollte sich jemals von einem anderen in existentieller Weise abhängig machen. Sonst droht der Traum vom Frieden durch Handel als Albtraum zu enden.

Leseempfehlungen zum Thema:

Katherine Barbieri (2002): The Liberal Illusion: Does Trade Promote Peace? Ann Arbor, University of Michigan Press.

Dale C. Copeland (2015): Economic Interdependence and War, Princeton, Princeton University Press.

Albert O. Hirschman (1977): The Passions and the Interests. Political Arguments for Capitalism before its Triumph, Princeton, Princeton University Press.

Jong-Wha Lee und Ju Hyun Pyun (2016): Does Trade Integration Contribute to Peace? Review of Developmental Economics 20(1), S. 327-44.

Karen Horn

Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de
Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de