Meinung

Keep on Rolling: Wie die Wirtschaft in Schwung gehalten werden kann

Zehntausende von Kleinbetrieben sind durch die Coronakrise in ihrer Existenz bedroht. Bezüger von festen Einkommen können ihren Teil beitragen, Liquiditätsengpässe zu überbrücken und eine «sekundäre Depression» zu vermeiden.

Gerhard Wegner
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Zur Zeit bahnt sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus eine gewaltige Wirtschaftskrise an. Manche Ökonomen befürchten einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 20% – das würde in der Dimension an die Grosse Depression in den frühen Dreissigerjahren heranreichen.

Die Einschränkung sozialer Kontakte hat unmittelbare Konsequenzen; Veranstaltungen sind abgesagt, Geschäfte müssen auf absehbare Zeit schliessen. Der Wirtschaftseinbruch führt zu Nachfrageausfällen, vor allem aber zu Liquiditätsengpässen, die viele Unternehmen in ihrer Existenz gefährden, auch wenn sie im Grunde wettbewerbsfähig sind.

Das verlangt nach nationalen Stützungsprogrammen, die vor allem auf Liquiditätshilfen für Tausende Kleinbetriebe zielen – damit die Geschäfte nach Abklingen der Krise fortgeführt werden können.

Jetzt bezahlen, Leistung später beziehen

Viele Haushalte sind in der Krise zunächst finanziell gar nicht betroffen. Wer ein festes Einkommen bezieht, sei es als Angestellter, sei es als Rentnerin, als Beamter oder Bezieher staatlicher Transferleistungen, kann weiter sicher planen. Aber dieses Einkommen hängt letztlich entscheidend davon ab, dass ein allzu scharfer Wirtschaftseinbruch ausbleibt oder schnell überwunden werden kann.

Deswegen sollte auch diese Gruppe der «sicheren Einkommensbezüger» im eigenen Interesse nach individuellen Lösungen zur Abmilderung der Krise suchen. Diese Lösungen können grossdimensionierte wirtschaftspolitische Massnahmen des Staates zwar nicht ersetzen, aber entscheidend flankieren.

Es bieten sich einige Möglichkeiten an, wie derartige Aktionen dezentral organisiert werden können:

Gemeinden, Städte oder Lokalverbände könnten zum Beispiel eine Online-Plattform für lokal angebotene Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Dort können sich alle Anbieter von lokalen Dienstleistungen eintragen, die in den kommenden Wochen wegen abgesagter Veranstaltungen oder vorübergehender Geschäftsschliessungen keinen oder nur geringen Umsatz einbringen können und darum in ihrer Existenz gefährdet sind. Das wären beispielsweise Konzertveranstalter, Restaurants, Cafés, kulturelle Institutionen, Kinobetreiber oder Ladenbesitzer.

Die Bürgerinnen und Bürger wiederum können sich fragen, welche dieser Leistungsangebote sie ohne die Coronakrise voraussichtlich nachgefragt hätten oder nach Abklingen der Coronakrise nachfragen würden. Die Online-Plattform enthält dann drei Möglichkeiten eines Leistungskaufs:

  1. Zahlung ohne Gegenleistung
  2. Zahlung gegen Gutschein
  3. Zahlung gegen einen unterwertigen Gutschein

Die erste Option wäre eine Schenkung für den Dienstleister, dazu mag mancher bereit sein. Die zweite Option wäre eine vorgezogene Zahlung bei späterer Leistung. Wer sein Lieblingsrestaurant jetzt wegen der forcierten Schliessung nicht besuchen kann, bezahlt ihm im Voraus die absehbare Rechnung und erhält dafür einen Gutschein, der nach Wiedereröffnung des Restaurants eingelöst werden kann. Damit erhält die Betreiberin des Restaurants zumindest kurzfristig Liquidität, die sie für die Miete und das Gehalt der Angestellten verwenden kann.

Für den Stammkunden kann sich diese Liquiditätshilfe lohnen, weil er damit seinen Beitrag leistet, dass sein Lieblingsrestaurant nicht schliessen muss – und wer weiss, wer an die Stelle kommen würde?

Die spätere Einlösung des Gutscheins mindert zwar die künftigen Einnahmen des Restaurants, aber mit Abklingen der Coronakrise kann die Geschäftsbelebung diesen späteren Einnahmeausfall hinnehmbar erscheinen lassen. Zudem könnten manche Stammkunden ihren Gutschein erst sehr viel später einlösen wollen, wenn sich die Geschäftslage normalisiert hat, was die Liquiditätslage weiter entspannt.

Schliesslich könnten als dritte Option die Gutscheine auch unterwertig ausgestellt werden: Wer zum Beispiel eine inzwischen abgesagte Konzertveranstaltung mit nicht festangestellten Musikern für 50 Fr. pro Eintrittskarte gebucht hat, akzeptiert als Rückerstattung einen Gutschein in Höhe von 25 Fr. Wenn die Veranstaltung dann nachgeholt wird, bezahlt er die Hälfte nach und teilt sich den Verlust mit dem Veranstalter.

Vielen freiberuflichen Künstlern würde das unmittelbar helfen, sie könnten ihre laufenden Kosten weiterhin decken. Und vielleicht überlegt sich ja manche Konzertbesucherin, ob sie ihren Gutschein später wirklich noch in Anspruch nehmen möchte, wenn sie damit einen Beitrag zum Überleben der Kulturinstitution leisten kann.

Diese Gutscheinregelung liesse sich natürlich auf andere Geschäfte ausweiten. Wer den Kauf neuer Frühjahrskonfektion fest vorgesehen hat und auch weiss, in welchen Geschäften er üblicherweise kauft, zieht die Zahlung vor. Auswahl und Empfang der Ware kann später nachgeholt werden. Auch Kinos könnten auf diese Weise Einnahmen ohne Vorstellung generieren und leichter einer Insolvenz entgehen. Die treue Kinobesucherin eines in seiner Existenz bedrohten Off-Kinos zahlt gleich und sieht später.

Vermeidung einer «sekundären Depression»

Hintergrund dieser Idee ist es, den Wirtschaftskreislauf zunächst einmal in Gang zu halten – und dass die Bezieher fester Einkommen dazu einen Beitrag leisten können.

Diese sind in ihrem Nachfrageverhalten durch Geschäftsschliessungen eingeschränkt, sie sammeln Geld auf ihren Konten, das sie üblicherweise ausgegeben hätten. Aber dieser Nachfrageausfall kann eben einen gefährlichen Wirtschaftsabschwung auslösen, eine sich selbst verstärkende «sekundäre Depression», wie es der in Genf lebende Nationalökonom Wilhelm Röpke einmal genannt hat.

Bevor man also an wirtschaftspolitische Grosslösungen wie Kredithilfen oder direkte Staatshilfen denkt – nochmals: solche Hilfen sind unbedingt erforderlich –, kann auch der freiwillige Lösungsbeitrag lokaler Akteure und Gruppen aktiviert werden. Sie könnten lernen, geschmeidiger und schneller zu reagieren, bevor der Grosstanker staatlicher Programme mit seinem unvermeidlichen Bürokratieaufwand zur Stelle ist.

Hier wäre nur eine geeignete, digitale Infrastruktur seitens Verbände und Kommunen bereitzustellen, um die betroffenen wirtschaftlichen Interessen zu bündeln und dem lokalen Publikum bekannt zu machen. Es liegt im Interesse Vieler, die wirtschaftliche Existenz vertrauter Anbieter zu sichern. Ein verhängnisvoller kumulativer Wirtschaftsabschwung liesse sich somit auch nachfrageseitig und dezentral abfangen.

Einen Versuch wäre es wert; die Risiken sind für die Konsumenten überschaubar. Ohne derartige lokale Selbstorganisation wird der Staat mit der Überwindung der Krise überfordert sein.

Gerhard Wegner

Gerhard Wegner ist seit 2000 Inhaber des Lehrstuhls für Institutionenökonomie und Wirtschaftspolitik an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Er ist zudem Vorsitzender des Wilhelm-Röpke-Instituts Erfurt und Kollegprofessor des Promotionskollegs Soziale Marktwirtschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seine Forschungsinteressen sind u.a. Ordnungstheorie und –politik, Theorie der Wirtschaftspolitik, politischer und ökonomischer Liberalismus sowie neue Institutionenökonomik.