Meinung

Keine falsche Hoffnung auf eine rasche Erholung der Wirtschaft

China zeigt, wie beschwerlich der Weg zurück zur Normalität nach dem «Covid-19-Lockdown» ist. Dem Westen steht das Schlimmste noch bevor.

Jörg Wuttke
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Peking hat letzte Woche die wichtigsten Wirtschaftsdaten für die ersten beiden Monate des Jahres 2020 veröffentlicht. Der beispiellose Rückgang des dortigen Wirtschaftswachstums gibt dem Rest der Welt einen Anhaltspunkt dafür, wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten der drakonischen Massnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie sein werden.

Die Publikationen der vergangenen Woche zeigen noch zwei weitere Dinge: Erstens wird klar, dass Peking kein Interesse daran hat, den wirtschaftlichen Schaden des Covid-19-Ausbruchs zu vertuschen. Damit kann angenommen werden, dass das offizielle BIP-Wachstum im ersten Quartal zwischen –5 und –10% liegen wird. Zweitens hat Peking kein Interesse daran, mit einem massiven Stimulusprogramm zur Rettung der Konjunktur im Rest der Welt beizutragen. Im Gegenteil, die People's Bank of China (PBoC) wird bald die einzige Zentralbank einer grossen Volkswirtschaft sein, die noch eine normale Geldpolitik verfolgt.

Der Wachstumsrückgang in China war auf breiter Front, wobei alle wichtigen Indikatoren im Januar und Februar 2020 um mehr als 10% einbrachen. Die Industrieproduktion sank gegenüber dem Vorjahr um 13,5%, die Anlageinvestitionen um 24,5% und die Detailhandelsumsätze um 20,5%. Das sind die grössten Rückgänge, die in der Volksrepublik jemals statistisch erfasst wurden.

Fast alle Industriezweige verzeichneten einen Produktionsrückgang, mit Ausnahme von Stahl, Buntmetall, Glas, integrierte Schaltkreise, Erdöl und Erdgas. Diese Sektoren sahen eine Steigerung der Produktion, weil sie nicht so sehr auf Arbeitskräfte angewiesen und die Kosten für die Stilllegung von Maschinen sehr hoch sind, so dass es effizienter war, sie am Laufen zu halten.

Der Immobilien- und der Automobilsektor, zwei der grössten Wirtschaftszweige, wurden besonders hart getroffen. Sowohl die Immobilienverkäufe als auch das Volumen der neuen Baubeginne gingen in den ersten beiden Monaten um über 40% zurück. Die Autoverkäufe und -produktionsmengen betrugen im Februar nur 310'000 bzw. 285'000 Einheiten – das sind die niedrigsten Monatszahlen seit 2004. Seit Jahresbeginn sind die Autoverkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 42% und die Produktion um 48% eingebrochen. Auch die Verkäufe von Mobiltelefonen haben sich fast halbiert.

Die geld- und fiskalpolitischen Entscheidungsträger in China haben sich im Vergleich zu ihren Kollegen in anderen Ländern zurückgehalten. Während die US-Notenbank den Leitzins in einem Schritt auf null senkte und neue Anleihenkäufe von 700 Mrd. $ beschloss, hat die PBoC bloss eine vergleichsweise bescheidene Senkung des Mindestreservesatzes für ausgewählte Banken beschlossen und erhöhte ihre Überschussreserven um etwa 550 Mrd. RMB. Das Kreditwachstum in China verlangsamte sich im Februar leicht auf 10,3% im Jahresvergleich.

Die Erholung Chinas wird viel länger dauern

Der Weg zurück zur wirtschaftlichen Normalität in China ist noch weit. Wie erwähnt wird das offiziell ausgewiesene BIP-Wachstum im ersten Quartal wahrscheinlich zwischen –5% und –10% liegen. Der Immobilienmarkt hat sich kaum erholt; die Immobilientransaktionen in den 30 grössten Städten Chinas lagen in den ersten beiden Märzwochen noch immer 45% unter dem Vorjahresniveau. Die Kinos und viele Restaurants sind immer noch geschlossen.

Sowohl das Passagieraufkommen im Überlandverkehr als auch das U-Bahn-Verkehrsvolumen in den 30 Grossstädten hat sich erst auf etwas mehr als 30% des üblichen Niveaus erholt. Viele Wanderarbeiter stecken noch immer zu Hause fest. Letzte Woche verkündete die Zentralregierung, dass 60% der Wanderarbeiter an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt seien – was bedeutet, dass 40% immer noch festsitzen. Geschäftsreisen im Land finden kaum statt, der Tourismus liegt immer noch darnieder.

Ausserdem bleiben die meisten Schulen geschlossen, die Studenten nehmen virtuellen Unterricht. Nur in einigen wenigen Provinzen wurden vergangene Woche die Hochschulen wieder eröffnet.

Der chinesische Arbeitsmarkt hat einen heftigen Schlag erlitten, was sich in Form von Zweitrundeneffekten auf die Einkommen und den Konsum der Haushalte auswirken wird. Die Arbeitslosenquote ist im Februar auf 6,2% gestiegen, verglichen mir 5,2% im Dezember. Unter der Annahme, dass die Gesamtbeschäftigung in den Städten Ende 2019 etwa bei 440 Mio. lag, bedeutet das, dass im Zuge der Covid-19-Krise etwa 4,4 Mio. Menschen in China ihre Stelle verloren haben.

Die chinesische Politik zielte vor allem darauf ab, dem Unternehmenssektor zu helfen, in der Hoffnung, dass die Unternehmen ihre Arbeitnehmer behalten. Aber selbst wenn die Arbeiter ihre Stellen behalten, werden sie mit Sicherheit mit einer starken Lohnkürzung rechnen müssen. Das ist für die Volkswirtschaft problematisch, da die Verschuldung der chinesischen Haushalte 2019 auf 56 Mrd. RMB (oder 57% des BIP) gestiegen ist und die Banken den einzelnen Schuldnern keine Zinszahlungen erlassen.

Das bedeutet, dass die Haushaltseinkommen nach Abzug der Kosten für den Schuldendienst im ersten Quartal wahrscheinlich schrumpfen werden – und der von vielen Marktbeobachtern erwartete «Kompensationskonsum» im zweiten Quartal enttäuschend schwach ausfallen könnte.

Dem Rest der Welt steht das Schlimmste noch bevor

Chinas Erholung wird also wahrscheinlich schwächer ausfallen als erwartet. Doch die gute Nachricht für die Volksrepublik ist immerhin, dass das Schlimmste für die Wirtschaft vorbei ist.

Das kann für den Rest der Welt nicht gesagt werden. Dort steht das Schlimmste noch bevor. Die westlichen Volkswirtschaften sind viel stärker vom Dienstleistungssektor abhängig, und die Haushalte sind stärker verschuldet. Das bedeutet, dass sie auch dann unter grossen Schwierigkeiten leiden werden, wenn sie nicht so strenge Abschottungsmassnahmen wie China einführen.

Die europäischen Länder haben begonnen, Hunderttausende von Dienstleistungsbetrieben stillzulegen, um in der Bevölkerung ein «social distancing» durchzusetzen. Das bedeutet enorme wirtschaftliche Kosten. Die verarbeitende Industrie wird in Europa – nach aktuellem Wissensstand mit Ausnahme Italiens – möglicherweise weniger leiden, weil sie von den Regierungen nicht geschlossen wurde und sie nicht wie in China auf Wanderarbeiter angewiesen ist. Aber der Dienstleistungssektor wird einen gewaltigen Einbruch erleiden.

Restaurants, das Transportwesen, der Tourismus und der Kultursektor werden die gleichen Erfahrungen machen wie ihre chinesischen Pendants in den vergangenen zwei Monaten. Einen guten Vergleichswert für das Dienstleistungsgewerbe liefern die Kinos, denn in jedem Land, das eine Sperre verhängt, müssen sie schliessen. In China sind seit dem 26. Januar alle Kinos geschlossen. Italien und Südkorea folgten Ende Februar, andere Länder wie die Vereinigten Staaten und Frankreich liegen nur wenige Wochen hinter der Entwicklung zurück. In einem Land nach dem anderen konnte beobachtet werden, wie die Einnahmen an den Kinokassen auf fast Null sanken.

Das steht sinnbildlich für weite Teile des Dienstleistungsgewerbes. Und es wird wahrscheinlich viel länger dauern, bis sich diese Wirtschaftssektoren wieder erholen, wie die Erfahrungen aus China zeigen: Selbst wenn die Zahl der neuen Erkrankungsfälle im einstelligen Bereich liegt, bleibt die Regierung zurückhaltend mit einer Lockerung ihrer Sperrpolitik, weil sie kein Wiederaufflammen der Pandemie riskieren will.

So, wie die Dinge aktuell liegen, wird die Covid-19-Pandemie alle grossen Volkswirtschaften in eine Rezession treiben.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Chefrepräsentant eines grossen deutschen Dax-Konzerns in China. Er ist zudem Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.