Meinung

Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit mit der Analyse der US-Präsidentschaftswahl

Aktien und Anleihen blühten sowohl unter Obama als auch unter Trump auf. Doch unter Trump ist der Vormarsch der Börsen immer enger geworden. Das ist kein gesundes Zeichen.

Louis-Vincent Gave
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Die Meinungen über die bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen sind geteilt. Darüber, welcher Ausgang wahrscheinlich ist und welcher wünschenswert ist. In einer Sache sind wir uns jedoch alle einig: Es gibt tiefgreifende Unterschiede in Stil und Inhalt zwischen Donald Trump und Joe Biden – ebenso wie zwischen Barack Obama und Donald Trump. Das Merkwürdige ist, dass die Finanzmärkte mit dieser unstrittigen Einschätzung nicht einverstanden zu sein scheinen. Denn wenn wir die Renditen der wichtigsten US-Anlageklassen ansehen, stellen wir folgendes fest:

  • Aktien erzielten, gemessen am S&P 500, in den Obama-Jahren ungefähr die gleiche Rendite wie unter Trump: 12,38% annualisiert unter Obama, 13,87% unter Trump.
  • Langlaufende Anleihen erzielten in den Obama-Jahren positive Renditen (6,85%) und noch bessere Renditen in den Trump-Jahren (9,85%).
  • Der Dollar brachte europäischen Anlegern unter Obama positive Renditen (2,32%) und unter Trump leicht negative Renditen (-0,68%).
  • Der Dollar brachte japanischen Anlegern in den Jahren unter Obama (0,8%) und ebenso in den Trump-Jahren (1,19%) positive Renditen.

Kurz gesagt, Aktien und Anleihen florierten sowohl unter Obama als auch unter Trump, während der Dollar unter Obama geringfügig erstarkte und unter Trump leicht schwächer wurde. Die geringen Performanceunterschiede, die es unter diesen beiden doch sehr unterschiedlichen Präsidenten gab, scheinen kaum die Qualen zu rechtfertigen, denen sich Anleger wegen des ungewissen Ausgangs der Wahlen immer wieder unterzuziehen. Diese Schlussfolgerung unterstreicht auch die Performance der S&P-500-Sektoren:

  • Unter Obama waren die drei besten Sektoren Konsumgüter, Technologie und Pharma. Unter Trump waren die drei besten Sektoren Technologie, gefolgt von Konsum und Pharma.
  • Unter Obama waren die beiden Sektoren mit den schlechtesten Ergebnissen die Finanzbranche, gefolgt von Energie. Unter Trump waren die schlechtesten Performer... genau dieselben.

Die Aufschlüsselung nach Sektoren widerlegt die Erwartungen, die die meisten Investoren zu Beginn der Trump-Regierung hegten:

  • Big Tech wurde als offen feindselig gegenüber der Trump-Kandidatur wahrgenommen. Infolgedessen war nach der Wahl 2016 die Befürchtung aufgekommen, ein rachsüchtiger Präsident Trump würde die Big-Tech-Player in die Hölle der Regulierung verbannen.
  • Mit einem ehemaligen Immobilienentwickler im Weissen Haus erwarteten viele Investoren eine bessere Wertentwicklung des Immobiliensektors. Tatsächlich rutschte der Immobiliensektor von knapp neben dem Podest in den Obama-Jahren unter Trump auf den achten Platz ab.
  • Bei all den Versprechungen von Trump, Amerika wieder grossartig zu machen, Arbeitsplätze in der Industrie «nach Hause zu bringen» und Zölle gegen «unfairen» Wettbewerb hochzuziehen, hätten Investoren erwarten können, dass die Industrie unter Trump gedeihen würde. Doch der Industriesektor belegte – genau wie unter Obama – den sechsten Platz.
  • Zu Beginn der Trump-Jahre war die Hoffnung gross, im Finanzsektor würde eine Deregulierungswelle die Erträge anschwellen lassen. Doch die Finanzwerte belegten den vorletzten Platz – erneut.
  • Die Renditen im Energiesektor waren in den Obama-Jahren schlecht, aber immerhin positiv. In den Trump-Jahren war der Sektor der einzige, der negative Renditen lieferte; ein ungewöhnliches Ergebnis unter einer republikanischen Regierung, insbesondere unter einer, die stolz die regulatorischen Belastungen für Energieerzeuger reduzierte.

Kurzum, all dies wirft die Frage auf, ob die Zeit, die Investoren damit verbringen, über die US-Politik zu debattieren und sich zu sorgen, wirklich gut genutzt ist. Die einfachste Schlussfolgerung, die aus den vorangegangenen Grafiken gezogen werden kann, ist, dass es in den letzten zwölf Jahren einen strukturellen Bullenmarkt in US-Technologie- und Konsumtiteln sowie einen strukturellen Bärenmarkt bei Energie- und Finanzwerten gab.

Für die Apples, Microsofts, Amazons und Domino's Pizzas dieser Welt scheint der Amtsträger im Oval Office nicht sehr wichtig gewesen zu sein. Auch für Exxon, Chevron, Citibank oder Goldman Sachs hat er offensichtlich keine grosse Rolle gespielt.

In gewisser Weise ist das Gefühl, dass die Märkte die Politik «übertrumpfen», tröstlich – vor allem, wenn den Investoren gesagt wird, dass die Wahl im November die wichtigste seit einer Generation sei, wenn nicht sogar die wichtigste aller Zeiten. Wäre ich Amerikaner würde ich sie in sechs Wochen sicher mit Leidenschaft verfolgen. Aber ich bin ein nicht-amerikanischer Investor, und es ist fraglich, ob ich mir wirklich grosses Kopfzerbrechen um diese Wahl machen sollte.

  • Wird sich die Geldpolitik nach dem November ändern? Höchstwahrscheinlich nicht; das Fed hat sich zumindest für die nächsten drei Jahre zu einer sehr lockeren Haltung verpflichtet.
  • Wird sich die Fiskalpolitik nach dem November ändern? Die Nutzniesser der föderalen Freigebigkeit könnten sich durchaus ändern, wenn die Verwaltung die Farbe ändert. Doch ob Republikaner oder Demokraten, die US-Regierung scheint, so weit das Auge reicht, mit grossen Haushaltsdefiziten leben zu wollen.
  • Wird sich die US-Politik gegenüber China nach dem November grundlegend ändern? Hier ist die Antwort schwieriger: Das liegt zum Teil daran, dass Biden, in der Art von JD Salinger, so wenig wie möglich dazu sagt, um den Anschein zu wahren, er sei in jedem Fall derjenige, den die Anti-Trump-Wähler sich wünschen. Während sich die US-Politik gegenüber China auf Schwellenländeraktien und vielleicht den Dollar auswirkt, scheint die Anti-China-Rhetorik in dieser Kampagne bisher wenig bis keine Auswirkungen auf US-Aktien zu haben. Wenn überhaupt, dann zeugt der anhaltende Anstieg des Aktienkurses von Apple von der Fähigkeit der US-Unternehmen, den antichinesischen Trommelwirbel als Hintergrundgeräusch abzuwehren.

Dies bringt mich zu einer Kernüberzeugung Gavekals zurück: Vermögensverwalter werden nicht dafür bezahlt, Prognosen zu erstellen, sondern um sich an Veränderungen anzupassen. Dies gilt in doppelter Hinsicht, wenn es um Politik geht. Bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen, als die Macht von Obama auf Trump überging, passten sich die Märkte an, indem sie im Grossen und Ganzen gleich weitermachten. Sollte Biden die Wahl im November gewinnen, werden wir vielleicht erneut mehr vom Gleichen sehen. Oder vielleicht auch nicht; in letzter Zeit haben sich einige wichtige Trends herauskristallisiert, die Trumps Amtszeit wirklich von den Obama-Jahren unterscheiden.

  • Der Dollar hat sich unter Trump leicht abgeschwächt, während er unter Obama etwas erstarkt war. Bis zu einem gewissen Grad ergibt dies Sinn: Trump ist ein erklärter Merkantilist, und Merkantilisten mögen es typischerweise, eine schwächere Währung zu haben. Und wenn man sich die Entwicklung der US-Geld- und Fiskalpolitik ansieht (unabhängig davon, wer im November die Nase vorn haben wird), scheint der Dollar auf Kurs, sich weiter abzuschwächen. Mit der Zeit dürfte sich das auf die Renditen sowohl der US-Treasuries als auch auf die einzelnen Sektoren des Aktienmarktes auswirken.
  • Während der Grundstoffsektor unter Obama nur knapp den letzten drei Plätzen entkommen ist, hat er in den Trump-Jahren knapp eine Platzierung unter den ersten drei verpasst. Wichtig ist, dass dieser Sprung vom 9. auf den 4. Platz eigentlich erst seit dem Pandemie-Tiefpunkt im März 2020 stattgefunden hat. Kann die Rally bei den Grundstoffen also weitergehen? Wenn Biden gewählt wird, ist es wahrscheinlich, dass der Staat Geld in grüne Technologien fliessen lässt, was zu einem Anstieg der Nachfrage nach Kupfer, Lithium, Kobalt, Silber usw. führen dürfte. Wenn aber Trump wiedergewählt wird, dürfte die anhaltende Schwäche des Dollars den Bullenmarkt im Grundstoffsektor weiter stützen.
  • Zum Schluss: Ein sehr wichtiger Unterschied zwischen den Obama-Jahren und Trump hat mit Performanceunterschieden zu tun. Unter Obama schnitten zwar Technologie und Konsumgüter besser ab. Doch alle Sektoren haben eine positive Kursentwicklung erzielt, und zwar ohne übermässige Divergenz. In den Trump-Jahren sind die Erträge im Technologie- und Konsumgüterbereich sprunghaft gestiegen, während der übrige Markt eine nur sehr mässige Performance zeigte.  Wobei sich die Divergenz zwischen dem Technologie- und dem Energiesektor auf ein extremes Ausmass geöffnet hat. Um das Auseinanderdriften zu verdeutlichen: In den Obama-Jahren übertraf der gleichgewichtete S&P 500-Index den kapitalisierungsgewichteten Index. Unter Trump geschah das Gegenteil.

Mit anderen Worten: Während die Triebkräfte der Aktienhausse sowohl unter Obama als auch unter Trump gleich geblieben sein mögen, ist der Vormarsch unter Trump immer enger geworden. Das ist kein gesundes Zeichen.

Louis-Vincent Gave

Louis-Vincent Gave ist Gründungspartner und CEO von Gavekal Research, die er gemeinsam mit Charles Gave und Anatole Kaletsky 1999 in London ins Leben gerufen hatte. Im Jahr 2002 verliess er das Londoner Büro und kehrte nach Hongkong zurück, wo er zuvor als Finanzanalyst für Paribas gearbeitet hatte. Louis-Vincent hat einen Bachelor-Abschluss von der Duke University, und an der Nanjing University hat er Mandarin studiert. Zudem war er Oberleutnant in einem Gebirgsjägerbataillon der französischen Armee.
Louis-Vincent Gave ist Gründungspartner und CEO von Gavekal Research, die er gemeinsam mit Charles Gave und Anatole Kaletsky 1999 in London ins Leben gerufen hatte. Im Jahr 2002 verliess er das Londoner Büro und kehrte nach Hongkong zurück, wo er zuvor als Finanzanalyst für Paribas gearbeitet hatte. Louis-Vincent hat einen Bachelor-Abschluss von der Duke University, und an der Nanjing University hat er Mandarin studiert. Zudem war er Oberleutnant in einem Gebirgsjägerbataillon der französischen Armee.