Meinung

Konjunktur und Börse

Wirtschaftsindikatoren taugen nicht zur Börsenprognose. Was bleibt, wenn zuverlässige Vorhersagen nicht möglich sind? Einen guten Anhaltspunkt für das langfristige Kurspotenzial liefert das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis.

Peter E. Huber
Drucken
Teilen

Bereits 1977 wurde mir bei meiner Diplom-Arbeit zum Thema «Konjunktur und Börse» klar, dass Konjunkturindikatoren nicht zur Börsenprognose taugen. Der Grund: Die Börse selbst ist der beste Frühindikator für die weitere Konjunkturentwicklung und nicht umgekehrt. Deshalb ist der Börsenverlauf folgerichtig auch in den amerikanischen «leading indicators» enthalten.

Es ist mir völlig schleierhaft, warum bis heute fast alle Banken grosse volkswirtschaftliche Abteilungen unterhalten, um aus der Wirtschaftsentwicklung Börsenprognosen abzuleiten. Selbstverständlich verwenden wir auch konjunkturelle Frühindikatoren wie zum Beispiel die Einkaufsmanager-Indizes (PMI), aber als Kontraindikatoren. Als diese PMI-Daten im Frühjahr massiv unter die Wachstumsschwelle von 50 fielen war klar, dass ein starker Konjunktureinbruch im Gange war.

Quelle: Peter E. Huber

Zusammen mit den extrem angestiegenen Angstindikatoren wie den Volatilitätsindizes (Vix 📈) war für Contrarians ersichtlich, dass hier eine Kaufgelegenheit für Aktien vorliegt. Aber wer hat sich schon getraut, in einem solchen Umfeld Aktien zu kaufen?

Quelle: Peter E. Huber

Setzt man diese Erkenntnis um, sieht es gar nicht mehr nach einer V-förmigen Erholung der Weltwirtschaft aus. Denn obwohl der MSCI-Weltaktienindex einen neuen historischen Höchststand verbuchen kann, liegen konjunktursensible Bereiche auf Eurobasis mehr als 21% unter dem Stand vom Jahresanfang. Im Klartext: Fast alle Schlüsselindustrien ausser Technologie und Gesundheit liegen deutlich unter Wasser: Auto, Maschinenbau, Stahl, Bau, Banken, Versicherungen, Energie, Rohstoffe, Chemie etc.

Dies spricht dafür, dass uns noch Ungemach ins Haus steht und die konjunkturelle Erholung sehr schleppend verlaufen wird. Was für den weiteren Verlauf der Aktienmärkte wiederum nicht schlecht sein muss, bleibt uns doch die üppige Überschussliquidität der Notenbanken und Fiskalprogramme erhalten.

Völlig schleierhaft ist mir allerdings auch, warum eine Apple-Aktie an der Börse inzwischen 2200 Mrd. Dollar wert ist, deutlich mehr als alle Dax-Aktien zusammen. Oder eine Tesla-Aktie 📈 inzwischen 427 Milliarden Dollar auf die Waage bringt, während es VW 📈, Daimler 📈 und BMW 📈 zusammen gerade mal auf 188 Mrd. Dollar schaffen. Aber seit der Tulpenzwiebel-Hausse im alten Holland wissen wir ja, dass an der Börse nicht rationales Handeln die Entwicklung bestimmt, sondern Gier und Angst die eigentlichen Treiber sind. Wobei ich Apple oder Tesla nicht mit einer Tulpenzwiebel vergleichen will.

Was bleibt, wenn zuverlässige Prognosen zur weiteren Börsenentwicklung nicht möglich sind? Ein guter Anhaltspunkt für das langfristige Kurspotenzial ergibt sich aus der Bewertung anhand des Kurs-Gewinn-Verhältnisses nach Shiller. Hier werden die Unternehmensgewinne aus den letzten zehn Jahren geglättet, inflationsbereinigt und auf das aktuelle Kursniveau bezogen. Dadurch erhält man quasi ein konjunkturbereinigtes Bewertungsniveau. Aktuell liegt das gleichgewichtete Shiller-KGV (rote Linie) am unteren Rand der letzten vierzig Jahre, obwohl die Kapitalmarktzinsen in diesem Zeitraum deutlich gesunken sind. Auch aus bewertungstechnischer Sicht haben die Aktienmärkte also noch viel Luft nach oben.

Quelle: Peter E. Huber

Peter E. Huber

Peter E. Huber ist Gründer und Geschäftsführer der Huber Portfolio GmbH in Oberursel. Er ist spezialisiert auf antizyklische Investitionen an den Aktien- und Anleihenmärkten. Zuvor war er Partner und Fondsmanager beim Vermögensverwalter StarCapital, den er 2016 an die Bellevue Group verkaufte. Huber hat in Mannheim Betriebswirtschaft studiert und danach für die Privatbank SMH in Frankfurt gearbeitet, bevor er sich 1981 selbständig machte.
Peter E. Huber ist Gründer und Geschäftsführer der Huber Portfolio GmbH in Oberursel. Er ist spezialisiert auf antizyklische Investitionen an den Aktien- und Anleihenmärkten. Zuvor war er Partner und Fondsmanager beim Vermögensverwalter StarCapital, den er 2016 an die Bellevue Group verkaufte. Huber hat in Mannheim Betriebswirtschaft studiert und danach für die Privatbank SMH in Frankfurt gearbeitet, bevor er sich 1981 selbständig machte.