Meinung

Koordination ist ein Fremdwort für die heutigen Entscheidungsträger

Die Bekämpfung der durch die Covid-19-Epidemie ausgelösten Krise benötigt einen koordinierten, grenzüberschreitenden Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik. Doch anders als während der Finanzkrise von 2008 versagen die Regierungen und Notenbanken heute.

Mark Dittli
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Die Covid-19-Epidemie stellt die Weltwirtschaft vor die grösste Herausforderung seit der Finanzkrise von 2008. Die Bilder aus Italien gehen um die Welt, und allmählich dämmert es den politischen Entscheidungsträgern im Europa nördlich der Alpen – und irgendwann auch in den USA –, dass es bei ihnen wohl bald ähnlich aussieht.

An den Finanzmärkten ist Panik ausgebrochen. Die Aktienkurse stürzen ab, an den Bondmärkten schiessen die Risikoprämien in die Höhe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es irgendwo im Finanzsystem – wahrscheinlich am Junk-Bond-Markt – zu einem Unfall mit Domino-Effekt kommen wird.

Für die reale Wirtschaft, abseits der Finanzmärkte, ist die Epidemie und die zunehmend resoluten Eindämmungsmassnahmen einzelner Regierungen ein exogener Schock: Sowohl das Angebot wie auch die Nachfrage bricht ein, als hätte ein gewaltiges Erdbeben die halbe Welt erschüttert.

Erbärmlich hilflose Kommunikation

Zentralbanken versuchen verzweifelt, die Lage zu beruhigen. Doch ihre Massnahmen – die Notfall-Zinssenkung des Fed Anfang März, die erbärmlich hilflose Kommunikation von EZB-Chefin Christine Lagarde heute Donnerstag – überzeugen nicht. Im Gegenteil: Sie beschleunigen bloss die Abwärtsbewegung an den Märkten.

Gewiss; eine geldpolitische Lockerung allein nützt überhaupt nichts, um den Schock zu lindern. Nötig wäre vielmehr eine koordinierte Mischung aus Fiskal- und Geldpolitik, die möglichst zielgerichtet die Leidtragenden in der realen Wirtschaft unterstützt: Zehntausende Klein- und Kleinstbetriebe, deren Einnahmen kollabieren und die in akute Liquiditätsnot geraten. Ordnungspolitische Mahnfinger sind in dieser Situation nicht angebracht: Fiskalpolitische Hilfe in einer durch einen exogenen Schock ausgelösten Notlage ist selbstverständlich gerechtfertigt, denn das hat nichts mit der «Erhaltung nicht überlebensfähiger Strukturen» zu tun.

Das Schlüsselwort zur Bewältigung der aktuellen Notlage heisst Koordination. Zwischen Notenbanken und Notenbanken, zwischen Notenbanken und Regierungen, sowie zwischen Regierungen und Regierungen. Im Kleinen haben die Bank of England und die britische Regierung am Mittwoch vorgezeigt, wie das gehen kann, als sie ein clever strukturiertes Paket zur Stützung der heimischen Wirtschaft präsentierten.

Der einzige Reflex von Trump: Grenzen schliessen

Doch von grenzüberschreitender Koordination ist gegenwärtig nichts zu sehen. Die Regierungen der EU-Staaten bringen es nicht fertig, rasche fiskalpolitische Stützungsmassnahmen zu koordinieren. Sie lassen Italien im Stich. Dass Rom gegenwärtig mehr Hilfe aus Peking erhält als aus Berlin oder Paris, ist ein Armutszeugnis für Europa.

Eine Folge dieser Führungslosigkeit zeigt sich an den rasch steigenden Risikoaufschlägen italienischer Staatsanleihen. Christine Lagarde goss heute Öl ins Feuer, als sie öffentlich sagte, es sei nicht die Aufgabe der EZB, die Risikoaufschläge auf Anleihen der Euro-Staaten zu verringern; eine unfassbar naive Aussage. Man kann von Lagardes Vorgänger Mario Draghi halten, was man will, aber eines muss man ihm lassen: Er verstand, wie die Finanzmärkte unter grossem Stress funktionieren.

In den USA ist es nicht besser. Die Trump-Administration bringt keine kohärente fiskalpolitische Hilfe zustande, und die Leitung vom Weissen Haus zum Fed ist in den Augen des Präsidenten offenbar ohnehin bloss dazu da, um den Fed-Vorsitzenden Jerome Powell zu beleidigen.

Vollends verschwunden ist schliesslich jede Koordination und Kooperation zwischen den USA und Europa. Trump kündigt einen dreissigtägigen Einreisestopp für Personen aus kontinentaleuropäischen Staaten an, ohne diese Massnahme vorgängig mit den Regierungen der betroffenen Länder abzusprechen.

Die Lehren aus dem Spätherbst 2008 vergessen

Alle diese Ereignisse zeigen den Marktteilnehmern, wie überfordert die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Frankfurt, in Washington, in Berlin, Brüssel und Paris sind. Und das wiederum treibt die Panikspirale an den Märkten weiter an.

Dieser Dilettantismus steht in eklatantem Gegensatz zur Zeit vor elf Jahren, als die Finanzkrise über die Weltwirtschaft fegte und eine Depression auszulösen drohte. Die Zentralbanken spielten damals mustergültig zusammen. Das Fed stellte unter der Leitung von Ben Bernanke weltweit Dollar-Liquidität zur Verfügung, und im November 2008 schafften es die Regierungen von Tokio über Peking bis Washington, einen massiven, koordinierten Fiskalstimulus zu verabschieden und den Absturz zu stoppen.

Das ist – nebst dem menschlichen Leid, das die Epidemie hinterlässt – die wahre Tragödie der Covid-19-Krise: Die Erkenntnis, wie weit sich die Staaten voneinander entfernt haben und wie unfähig sie zu globaler Koordination und Kooperation geworden sind.

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