Meinung

Krypto Assets: Schweizer Banken brauchen einen neuen Mindset

Krypto Assets sind gekommen, um zu bleiben. Erst kürzlich wurde den Banken in den USA grünes Licht gegeben. Wie steht es um Schweizer Banken? Hat das erforderliche Umdenken hierzulande schon stattgefunden?

Pascal Hügli
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Angeführt durch Bitcoin – der erfolgreichsten Vermögensanlage des vergangenen Jahrzehnts – erleben sogenannte Kryptowerte derzeit ihren Aufstieg. Ob als Inflationsschutz, Diversifikationsfaktor, Wette auf ein neues Finanzsystem oder reines Spekulationsvehikel – die Gründe für ein Investment sind vielfältigen Ursprungs.

In den Köpfen vieler Krypto-Enthusiasten hat die Blockchain-Technologie die Welt bereits revolutioniert. In der Realität hat die Revolution zwar begonnen, doch ist es eine Revolution auf Raten. So scheint der Wandel nur schleppend voranzukommen, eine Tatsache, die ungeduldige Investoren immer wieder an der Volatilität der Preise festmachen.

Zur Bemessung des Fortschritts sollte ein aktueller Preis allerdings niemals als abschliessender Faktor betrachtet werden. Hinter den Kulissen, abseits der grossen Honigtöpfe von Banken und Risikokapitalgebern sind es die Tüftler, welche die Innovation vorantreiben. Wer sich die Mühe macht, hinter den Vorhang von Preisen und Kursschwankungn zu schauen, wird merken: die Revolution schreitet unaufhaltsam voran.

Mittendrin statt nur dabei

Immer mehr Finanzinstitute scheinen das zu spüren. Gefühlt im Monatstakt ist in den Medien derzeit davon zu lesen, wie Banken und andere Finanzakteure mit konkreten Angeboten in den Bereich der Kryptowerte vorzustossen gewillt sind. Jüngste Beispiele sind die Hypothekarbank Lenzburg und die Bank Cler, welche der Basler Kantonalbank (BKB) gehört. Bereits anfangs Sommer hat die Privatbank Maerki Baumann verlauten lassen, auf den Kryptozug aufzuspringen. Schon etwas länger aktiv ist Swissquote. Sie ermöglicht das Kaufen, Verkaufen und Verwahren von Kryptoassets. Dieses Geschäft ausbauend, soll die Online-Bank 2021 ihren Kunden neue innovative Angebot aus dem Kryptobereich offerieren können.

In ihren Medienmitteilungen schreiben die Banken meistens von digitalen Assets. Ist von digitalen Vermögenswerten die Rede, müssen damit nicht zwingend Kryptowerte wie Bitcoin oder Ether gemeint sein. Als solche kommen digitale Assets in unterschiedlichen Formen daher. So wird derzeit auch daran gearbeitet, konventionelle Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere auf die Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie (kurz DLT) zu bringen. In diesem Fall wird von tokenisierten Aktien oder Anleihen gesprochen.

In diese Richtung möchte sich Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg, mit der Open-Banking-Plattform Finstar entwickeln, die seit kurzem auch ein Servicemodul für die Verwahrung von digitalen Vermögenswerten beinhaltet. «Bitcoin, Ether und andere Kryptoassets können wir anbieten, sollte ausreichend Interesse von potenziellen Käufern vorhanden sein», meint Wildi. Die Berner Kantonalbank (BEKB) will das Finstar-Servicemodul für die Verwahrung digitaler Assets für die Schaffung einer neuen Plattform nutzen. Der Fokus dieser Plattform liege auf Wertpapieren von KMU, die tokenisiert und sicher aufbewahrt werden sollen. Kleinfirmen werde damit ein neuer Zugang zu Kapital ermöglicht. Mit Partnern wie der BEKB arbeite die Hypothekarbank Lenzburg bewusst an der ganzen Wertschöpfungskette, über Primär- und Sekundärmarkt bis hin zur Verwahrung. Nur ein Gesamtökosystem dürfte Realität werden lassen, wovon einige in Sachen Tokenisierung schon seit Jahren träumen, so die gelernte Informatikerin Wildi.

Das Rennen ist eröffnet

Interessanterweise sind Banken klassischen Kryptowerten wie Bitcoin und Ether gegenüber heute aufgeschlossener als noch vor ein paar Jahren. Wie den einzelnen Medienmitteilungen verschiedener Banken zu entnehmen ist, sollen deren Angebote auch den Handel und das Halten von Kryptoassets beinhalten.

Dass verschiedene Schweizer Banken gerade jetzt diese Marschrichtung einschlagen, scheint denn auch vernünftig. Erst Mitte September hat der Ständerat, wie schon der Nationalrat, die im Zusammenhang mit Kryptowerten, Blockchain und DLT-Anwendungen stehenden Gesetzänderungen einstimmig angenommen. Bereits Mitte 2021 sollen die punktuellen Gesetzesanpassungen in Kraft treten, was auch für Banken mehr regulatorische Klarheit bei der Handhabung von Kryptoassets schafft.

Dafür wurde es auch höchste Zeit. In einem der berühmt-berüchtigten OCC-Letters hat die zuständige Behörde des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten US-Banken im Juli die Erlaubnis erteilt, Verwahrungsdienstleistungen für Kryptowährungen anzubieten. Auf einen Schlag ist es somit jeder US-amerikanischen Bank erlaubt, dem Geschäft mit Kryptoassets nachzugehen. Was auf viele Beobachter wie ein Schuss aus heiterem Himmel wirkte, soll durch die US-Behörden in jahrelanger Arbeit geplant gewesen sein.

Noch dürfte dieser Entscheid aus den Vereinigten Staaten gemeinhin unterschätzt sein. Wegweisend ist er allemal. Das globale Rennen um das Verwahrungs- und Handelsgeschäft mit Kryptowerten ist offiziell lanciert. In ihrem jüngsten Report spekuliert Fidelity Asset Management, eine Tochtergesellschaft von Fidelity Investments, darüber, wie Billionen von Dollar der Bitcoin-Welt zufliessen könnten.

Wieder einmal scheinen sich die USA und ihre Akteure in die Poleposition gebracht zu haben. Um die asiatischen Banken sollte man sich weniger Sorgen machen. In Ländern wie Japan oder Südkorea sind Kryptos längst angekommen. Für die europäischen Banken dürfte die Luft allerdings dünn werden.

Die Schweiz ihrerseits verfügt über die ersten Kryptobanken. Mit der Hypothekarbank Lenzburg sowie der Bank Cler folgen weitere, kleinere etablierte Banken. Die Frage ist: Wann kommen die anderen? Ist man dabei, ein Krypto-Offering auszuarbeiten? Und wie steht es um die Grossbanken? Wie lange stemmen sich diese noch gegen den Trend?

Daniel Blatter von InCore Bank AG weiss: «Banken in der Schweiz haben längst ein Auge auf die neue Welt der Kryptoasset geworfen». Als B2B-Bank führt man bei InCore enge Kundenbeziehungen zu verschiedenen Schweizer Banken. Von operativer Seite wolle man bei den Banken Krypto ins Angebot aufnehmen, ist sich Blatter sicher. Noch gelte es, die letzten Hürden im Verwaltungsrat zu nehmen und das dauere eben ein paar Monate, so InCores Head of Digital Services.

Aufrüsten angesagt!

Ein Umdenken bei Finanzinstituten scheint auch Simon Vogel, Business Development Lead bei IBM mit Fokus auf Digital Assets, auszumachen: «Eine Zeit lang wollten Banken nicht die Ersten mit einem Angebot für digitale Assets sein. Mittlerweile haben sie verstanden, dass sie nicht die Letzten sein können».

Doch wer mit Bankern spricht, stellt vor allem folgende Sorge fest: Der Respekt ist gross, dem Aufwand und den Herausforderungen bei der Implementierung eines Angebots für digitale Assets nicht gewachsen zu sein. Experte Vogel kann in dieser Hinsicht beruhigen: «Banken sollten unbedingt detailliert prüfen, wie existierende Infrastuktur und Arbeitssysteme für ein ‹Digitals Assets Offering› genutzt werden können. Ich glaube, viele wären überrascht, wie sie mit richtiger Planung, ohne grosse Einschnitte und sehr agil ein hochsicheres Angebot implementieren können».

Die neuartigen Herausforderungen im Zusammenhang mit digitalen Assets sind allesamt lösbar, es braucht nur ausreichend Kenntnisse über das Wesen und die Funktionsweise derselben. Zum unabdingbaren Grundverständnis gehört: Digitale Assets – ob Bitcoin, Ether oder Stablecoins – befinden sich stets auf einer Blockchain und niemals in der eigenen Verwahrungslösung.

Es sind die privaten Zugangsschlüssel (Private Keys) für diese Assets, welche auf der Verwahrungslösung sicher gespeichert sind. Möglicher Diebstahl oder Verlust von privaten Zugangsschlüsseln sind mitunter die grössten Risiken, mit denen sich Banken konfrontiert sehen. Gehen die Private Keys verloren oder werden sie geklaut, sind die digitalen Assets weg.

Um sich gegen solche Ereignisse angemessen rüsten zu können, sind interne Kontrollen eine Notwendigkeit. So braucht es doppelte Kontrollen, Aufgabentrennung und Buchführungskontrollen. Das gilt zum einen für die Verwahrung und der physischen Zugriffserstattung auf private Zugangsschlüssel. Genauso so wichtig sind interne Kontrollen aber auch bei der Abwicklung von Transaktionen. Da Überweisungen digitaler Assets unwiderruflich sind, müssen operative Kontrollen beim Abzug und der Übertragung dieser Vermögenswerte besonders streng und solid sein. Das Schaffen und Pflegen von Redundanzen ist in einer Welt der digitalen Assets nicht etwa ineffizient, sondern eine erforderliche Sicherheitsmassnahme.

Antithese zur Blockchain

Auch in Bezug auf ihre traditionellen Finanzpraktiken werden sich Banken in der Verwahrung von digitalen Assets Gedanken machen müssen. Die heutige Finanzwelt operiert sehr stark mit Leverage. Das heisst: Es wird mit Vermögenswerten gearbeitet, die so nur auf dem Papier existieren. Im Fachjargon wird von «Rehypothecation» gesprochen. Für Drittpersonen verwahrte Vermögenswerte werden wiederverpfändet. Mit der Folge, dass unterschiedliche Parteien in ihren Bilanzen einen gültigen Anspruch auf ein und dasselbe Asset aufweisen.

Bei digitalen Assets wie Bitcoin kann das zum Problem werden, besteht dort doch grundsätzlich die Möglichkeit von Forks. Das sind Aufspaltungen des ursprünglichen Programmiercodes, der kopiert und in einer neuen Blockchain lanciert wird. Hat ein Finanzinstitut jedoch ungedeckte Ansprüche auf das entsprechende digitale Asset geschaffen und führt diese in seinen Büchern, können sich diese als wertlos herausstellen, wenn sich bei einer Fork die neue Version der Blockchain als werthaltiger herausstellt. Hat der Finanzintermediär vor der Aufspaltung nicht tatsächlich über die entsprechenden Kryptowerte verfügt, besitzt er nicht automatisch die digitalen Assets aus der Fork.

Bitcoin hat in Sachen digitales Eigentum einen Paradigmenwechsel eingeläutet, der den Banken ein unkonventionelles technologisches Verständnis sowie eine neue technische Herangehensweise abverlangt. Mit einer technologischen Aufrüstung der eigenen Infrastruktur ist es aber noch nicht getan.

Genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, ist das Umdenken, das innerhalb der Banken passieren muss. Digitale Assets erfordern ein komplett neues Mindset. Es gelten Prämissen, Regeln und Abläufe, die sich teils diametral von herkömmlichen Bankprozessen unterscheiden. Innerhalb der Bank muss somit gelten: Offenheit, Flexibilität und Lernbereitschaft sind wichtiger denn je.

Pascal Hügli

Pascal Hügli ist freier Journalist, Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ. Er unterrichten zu den Themen Bitcoin, Kryptoassets und Fintech. Gleichzeitig unterstützt er Schlossberg & Co. auf der Research-Seite. In seinem Wirken ist er bestrebt darin, die reale Welt möglichst vorbehaltslos zu verstehen und zu deuten.
Pascal Hügli ist freier Journalist, Moderator, Debattierer und Dozent an der HWZ. Er unterrichten zu den Themen Bitcoin, Kryptoassets und Fintech. Gleichzeitig unterstützt er Schlossberg & Co. auf der Research-Seite. In seinem Wirken ist er bestrebt darin, die reale Welt möglichst vorbehaltslos zu verstehen und zu deuten.