Meinung

Lang lebe der Kapitalismus

Die Pandemie stellt Demokratie und Rechtsstaat vor bedeutende Herausforderungen. Derweil verspüren autoritäre Systeme Auftrieb. Das ist aber nur ein temporärer Trend, denn dank der Kraft freier Märkte sind wir unaufhaltsam auf dem Weg zu wachsendem globalem Wohlstand.

Charles Biderman
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Es wird zwar kaum thematisiert. Autoritarismus ist aber nach wie vor die weltweit vorherrschende Staatsform, was primär mit Geschichte zu tun hat: Autoritarismus ist das natürliche Regierungssystem, seit Menschen begannen, zusammen als Gesellschaft zu leben: Die Stärksten waren an der Macht und bestimmten solange die Gesetze, bis sie von jemandem gestürzt wurden, der stärker war.

Natürlich, ich verwende hier keine streng wissenschaftliche Definition von Autoritarismus. Für mich umfasst der Begriff generell Faschismus, Kommunismus, Sozialismus und alle anderen totalitären Regierungsformen. Im Prinzip einfach jede Staatsform, bei der dieselben Leute die Regierung, Banken, Grosskonzerne, Medien, Gewerkschaften und selbst das organisierte Verbrechen kontrollieren.

Aus dieser Sichtweise zeichnet sich Autoritarismus durch ein Hauptmerkmal aus: In einer autoritären Gesellschaft existiert kein Rechtsstaat. Das Gesetz basiert auf dem, was der Herrscher diktiert. Finanzmärkte und Wirtschaft dienen dem Nutzen des herrschenden Clans, nicht dem Gemeinwohl.

Das schlägt sich entsprechend auch auf die Aktienbewertungen an der Börse durch: In einem autoritären Staat ist die Marktkapitalisierung im Vergleich zu den aggregierten Gewinnen der Unternehmen niedriger als in einem Land, in dem die Wirtschaft auf einem kapitalistischen System basiert. Offensichtliche Beispiele sind Russland und China. In mancher Hinsicht ist es aber wohl auch kaum ein Zufall, dass Japans Börse zu einem Abschlag gegenüber den Aktienmärkten in westlichen Demokratien bewertet wird.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776 markiert damit ein historisches Schlüsselereignis. Eine Gesellschaft – in diesem Fall die dreizehn ehemaligen britischen Kolonien in Amerika – etablierte eine Regierung, die auf den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit beruhte und bei der das Staatsoberhaupt weder durch eine Blutlinie noch durch militärische Macht an die Spitze gewählt wurde.

Nach meinem historischen Verständnis ist der Kapitalismus der zentrale Grund für die demokratische Revolution in Amerika. Er definiert sich dadurch, dass die Verbraucher im Aggregat das Geschehen in der Wirtschaft über einen freien Markt und faire Wahlen bestimmen.

Deshalb schafft ein kapitalistisches System allgemeinen Wohlstand – und je mehr der Wohlstand der gesamten Bevölkerung im Lauf der Zeit wächst, desto weniger ist eine kleine Gruppe von Individuen in der Lage, die Kontrolle über die Macht zu behalten; speziell, was das Erlassen von Gesetzen zu ihrem Vorteil bestimmt.

Fazit: Wenn der Wohlstand weltweit wächst, werden sich auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Vorteil der Allgemeinheit entwickeln.

Der Keim der freien Marktwirtschaft

Was bedeutet das also heute mit Blick auf die politische Grosswetterlage? Derzeit werden Russland, China, Nordkorea und der Iran am offensichtlichsten von autoritären Regimen kontrolliert.

In mancher Hinsicht könnte man sogar die Behauptung aufstellen, dass Japan, Südkorea, Mexiko bis zu einem gewissen Grad, der grösste Teil Südamerikas, praktisch ganz Afrika, die arabische Welt sowie ein Grossteil Südostasiens Tendenzen zum Autoritarismus aufweisen. Das, weil dort ebenfalls meist nur eine kleine Gruppe von Leuten die Rechtslage nach ihren Gunsten bestimmt.

Man kann noch weiter gehen: Ich würde sagen, dass auch in Westeuropa – in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und anderen Ländern – gemäss meiner Definition bis zurück zum Feudalwesen und zur Grundherrschaft lange Zeit autoritäre Organisationssysteme den Gang der Dinge bestimmten. Zu einem dauerhaften Umbruch kam es erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit dem sich der demokratische Rechtsstaat durchsetzt.

Das ist kein Zufall. Das historische Fundament des Autoritarismus ist der Feudalismus, in dem de facto regiert, wer das Militär kontrolliert. Seinerzeit diktierten vorab regionale und lokale Herrscher die rechtlichen Rahmenbedingungen. Sie legitimierten ihren Anspruch auf die Vorherrschaft hauptsächlich durch militärische Macht und stützen sich auf Blutlinien, um die Kontrolle im Kreis ihrer Familie zu behalten. Wohlstand war den Herrschern vorbehalten. Der Rest der Bevölkerung besass nichts, was letztlich nicht den Launen des führenden Clans unterlag.

Interessant ist in dieser Hinsicht, dass viele der heutigen kapitalistischen Länder ehemalige britische Kolonien waren. Die Vereinigten Staaten proklamierten zuerst ihren eigenen Rechtsstaat, worauf sich Kanada, Australien, Neuseeland und auch England selbst zu kapitalistischen Staaten entwickelten. Hoffentlich ist auch Indien auf dem richtigen Weg.

Meiner Ansicht nach ist das keine zufällige Entwicklung. Der entscheidende Faktor dafür war der enorme Reichtum, den die Gesellschaft Englands aufgrund der technologischen Führungsrolle des Landes im globalen Handel angehäuft hatte.

Der autoritäre Teil Englands versuchte damals, den Welthandel zu kontrollieren, indem er Unternehmen wie die East India Company als wirtschaftliche Monopole etablierte. Mit der Zeit wurde ihr regionaler Einfluss jedoch von der grossen Menge umgangen, wodurch sie die Macht verloren, den allgemeinen Wohlstand durch ihr Handelsmonopol zu kontrollieren.

Demokratie und globaler Wohlstand

Die Hauptursache des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs war denn auch das Bestreben Englands, den Wohlstand zu kontrollieren, den die dreizehn Kolonien in der neuen Welt geschaffen hatten. Die entfesselte Macht des Kapitalismus; freie Märkte, ermöglicht durch rechtsstaatliche Gesetze und einen fairen, demokratischen Wahlprozess begannen somit, nachhaltig globalen Wohlstand zu schaffen.

Globaler Wohlstand ist für mich wiederum dadurch definiert, dass es genug Kalorien gibt, um alle zu ernähren, und wir uns alle zusammen für das Gemeinwohl einsetzen.

Offensichtlich verläuft der Weg zu globalem Wohlstand nicht auf einer geraden Linie. Speziell eine Pandemie kann auf dieser Reise einen grossen Rückschlag verursachen. Unsere Fähigkeit, die Pandemie zu bekämpfen und zu besiegen, wird unsere globale Verständigung untereinander jedoch verbessern.

Momentan mag es vielleicht nicht so aussehen. Ich glaube jedoch unbeirrt daran, dass eine verbesserte globale Verständigung in einer bereits durch das Internet verbundenen Welt zwangsläufig mehr Wohlstand schaffen wird, als wenn die wirtschaftliche Aktivität nur auf diejenigen beschränkt wird, die ein autoritäres Regime unterstützen, das willkürlich Gesetze erlässt.

Aktuell zeigt sich das in Amerika. De facto versuchte Donald Trump den Autoritarismus in den USA neu aufleben zu lassen – und scheiterte kläglich. Trump verbog zwar den Rechtsstaat, wo er nur konnte. Auch hetzte er seine Anhänger nach seiner demokratisch legitimierten Abwahl zu einem Putschversuch auf, um die Gesetze des Rechtsstaats aufzuheben.

In einem autoritären Land hätte dem Verlierer eines Machtkampfes nach einem gescheiterten Coup jedoch dasselbe Schicksal geblüht, das Trumps Anhänger seinem Vize Mike Pence androhten, als sie vor dem Kapitol in Washington einen Galgen errichteten.

Charles Biderman

Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet. Seinen Standpunkt, dass der Autoritarismus einem gesellschaftlichen System mit freien Märkten und Meinungsvielfalt unterlegen ist, legt er auch vertieft in diesem Videobeitrag dar.
Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet. Seinen Standpunkt, dass der Autoritarismus einem gesellschaftlichen System mit freien Märkten und Meinungsvielfalt unterlegen ist, legt er auch vertieft in diesem Videobeitrag dar.