Die Meinung

Lassen Sie uns über das brennendste Thema sprechen: Armut

Wir alle lieben es, über coole Innovationstrends und neue Börsenrekorde zu plaudern. Aber die Armut in den Industrieländern ist auf dem Vormarsch und muss vorrangig behandelt werden, sonst finden das Wachstum und die Börsenparty ein baldiges Ende.

Myret Zaki

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Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
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Armut ist völlig uncool. Es ist nie ein guter Zeitpunkt, darüber zu sprechen. Weder bei der Arbeit noch beim Abendessen sind die Armen je ein Thema, ganz im Gegensatz zu den coolen Techies und Life-Stylern, die jeden Tag Geschäftstrends und Mode inspirieren. Zu den «coolen» Problemen für Trendsetter gehören etwa der Klimawandel, Gleichstellungsfragen oder die Angst vor künstlicher Intelligenz.

Armut ist hingegen langweilig, und wir sehen nicht ein, warum wir uns darum kümmern sollten. «Das ist es, was man braucht, um zu den 1% der Welt zu gehören», können wir zum Beispiel auf der Website von Bloomberg lesen und einen prächtigen BMW Roadster aus dem Jahr 1936 als Sammlerstück bewundern. Inzwischen gibt es nichts mehr, was wir nicht über die Gewohnheiten und den Lebensstil der 1% wissen.

Die Armut nimmt zu

Aber hier ist das Problem: Die Armut sollte unser Thema Nummer eins sein. Sie nimmt in den entwickelten Volkswirtschaften zu, und dazu gehören die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien. Wenn man die Armut ignoriert, kann das Wachstum zum Stillstand kommen – nämlich dann, wenn die Verarmten, die die «reale Wirtschaft» bilden, aufhören, Geld auszugeben, zu konsumieren und zu investieren.

Im vergangenen Jahr hatten wir das langsamste globale Wachstum seit der Krise von 2008 zu verzeichnen, weil die Kaufkraft der Mittel- und Arbeiterklasse abgenommen hat. Wir müssen die Armut zu einem «coolen» Hauptthema machen, das ernsthafte Aufmerksamkeit verdient – denn ihre Beendigung ist die Voraussetzung für dauerhaftes Wachstum.

Die Armut in den OECD-Ländern steigt. Wir sehen eine Zunahme bei den «Working Poor», also den Arbeitnehmern, die gezwungen sind, mehrere Teilzeitjobs zu koordinieren und dennoch keinen anständigen Lebensunterhalt verdienen. Ein Drittel der Europäer, ob arbeitend oder im Ruhestand, ist mit wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert.

Börsenrekorde führen nicht zu Wohlstand

Niedriglöhne sind in Deutschland auf dem Vormarsch und ebnen den Weg für eine Massenarmut. Auf der anderen Seite des Rheins wird in zwanzig Jahren mehr als jeder fünfte Rentner unter der Armutsgrenze leben.

In den USA wurde die Armut zwar eingedämmt, aber sie hatte nach 2008 einen Höhepunkt erreicht, und es gibt immer noch 38 Millionen arme Amerikaner. Die Aussichten sind düster, da die Einkommensungleichheit in den USA weiterhin sehr schnell zunimmt und die Trump-Regierung Massnahmen ergreift, um die staatliche Unterstützung für arme Haushalte zu reduzieren. Dies geschieht, während alle über neue Börsenrekorde diskutieren. Als ob ein Börsenboom jemals die Grundlage für allgemeinen Wohlstand gewesen wäre – ganz zu schweigen davon, wenn er auf Kredit finanziert wird.

Die Realwirtschaft ist ein blinder Fleck für die meisten Mainstream-Ökonomen, von denen einige sogar vorschlagen, die US-Notenbank Fed solle auch Aktien kaufen, um den Aktienmarkt anzukurbeln. Zum Glück gibt es auch Ökonomen, die auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Vermögenspreisinflation treibt Ungleichheit

Der im Februar von der ETH Zürich und der Zürcher Systematic Investment Management (SIMAG) veröffentlichte «Global Bubble Report» hat das Problem erkannt: «Die Gewinne in der Realwirtschaft wachsen überhaupt nicht, während die Finanzmärkte boomen». Für die Autoren «führt die Schuldeninflation lediglich zu einer Inflation der Vermögenswerte, die einen Vermögenstransfer von den Arbeitnehmern zu den Vermögenden und den Vermietern darstellt. Die Mittelschicht ist bereits mit rezessionsähnlichem Druck konfrontiert. Die Mehrheit der Menschen wird weiterhin ärmer, da der Anstieg der Lebenshaltungskosten das Wachstum der Reallöhne übertrifft. Die meisten Menschen leben trotz boomender Aktienmärkte bereits in der Rezession, weil ihre Gesundheitskosten, Bildungsausgaben und Steuern steigen».

In den «Outrageous Predictions 2020» der Saxo Bank schreibt Chefstratege Steen Jakobsen, «dass negative Renditen paradoxerweise dazu führen, dass der Zugang zu Hypotheken für Haushalte mit niedrigem Einkommen, ältere Menschen und Studenten erschwert wird.» So mieten sie zum doppelten Preis dessen, was ein Eigentümer bezahlen müsste, «was eine Steuer für die Armen und ein Treiber der Ungleichheit ist». Eine ganze Generation läuft Gefahr, zu wenig Ersparnisse für ein eigenes Haus bilden zu können, das oft das einzige grosse Vermögen ist, das Haushalte jemals besitzen werden.

Ein Eigenheim wird für viele unerschwinglich

Trotz hoher Mieten und der Schwierigkeit, ein Eigenheim zu erwerben, hat die Schweizer Bevölkerung am 9. Februar 2020 gegen die Initiative für «mehr bezahlbare Wohnungen» gestimmt. Laut einer Studie der ETH Lausanne (EPFL) von 2016 sind die Mieten in der Schweiz in den letzten vierzig Jahren siebenmal so schnell gestiegen wie ihr «fairer Preis», und sie passen sich kaum je nach unten an.

Viele Schweizer Wählerinnen und Wähler in den ländlichen Gebieten waren über die Abstimmung vom 9. Februar nicht besorgt oder wollten keine Armen und Einwanderer in ihren Kanton locken. Vielleicht haben sie ihre eigene Anfälligkeit gegenüber den sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen unterschätzt. Fast 8% der Schweizer gelten als arm (die Daten beziehen sich auf das Jahr 2018), ein hoher Wert im Vergleich zur jüngeren Geschichte unseres Landes.

Trotz des positiven Wirtschaftswachstums der letzten Dekade sind die Schweizer Löhne in den vergangenen drei Jahren wegen der höheren Inflation in Verbindung mit einem Lohnstopp im Schnitt real gesunken. Tatsächlich stagnierten die Gehälter in den letzten zehn Jahren mit einem jährlichen Zuwachs von weniger als 1%.

Lohndruck in der Schweiz

Die niedrige Arbeitslosenquote in der Schweiz führt nicht zu steigenden Löhnen. Da die Schweizer Löhne mit denjenigen in anderen Ländern konkurrieren und Schweizer Unternehmen und multinationale Konzerne immer die Möglichkeit haben, ihren Standort zu verlegen, ist der Abwärtsdruck auf die Löhne in der Schweiz stark; daher die «Eiszeit»-Dekade für die Schweizer Löhne.

Die Krankenkassenprämien haben sich innerhalb von zwanzig Jahren mehr als verdreifacht, was sich indes nicht im Schweizer Konsumentenpreisindex und folglich auch nicht in den Löhnen widerspiegelt. Da immer mehr Prämienverbilligungen benötigt werden, sind die Empfänger von Sozialhilfe in den letzten zehn Jahren gewachsen. Die Spirale führt dazu, dass mehr Menschen keine Steuern zahlen, was wiederum die Steuerzahler der Mittelschicht schwer belastet.

Hinzu kommt, dass die Ersparnisse keinen Zins mehr abwerfen. Und schliesslich zahlt sich Arbeit in einigen Fällen nicht aus: Die Kategorie der unteren Einkommensschichten leidet unter den «Schwelleneffekten», bei denen man trotz mehr Arbeit weniger verdient. Wer mehr arbeitet, muss höhere Steuern zahlen und verliert sein Recht auf diverse staatliche Unterstützungsleistungen, so dass trotz höherer Arbeitszeit möglicherweise weniger Geld zur Verfügung steht.

Schwindende Kaufkraft

Es ist offensichtlich, dass die Kaufkraft in der Schweiz abnimmt. Im Gegenzug ernten die Aktionäre den grössten Teil des Wachstums der Unternehmen: Die Dividendensumme, die von den Unternehmen des Swiss Market Index ausgeschüttet wird, ist zwischen 2009 und 2017 um mehr als 50% gestiegen. Dies ist auf den Wettbewerbsdruck zurückzuführen, unter dem Schweizer Unternehmen stehen, den Aktionären hohe Dividenden zu zahlen, um sie bei Laune zu halten.

So schleichen sich auch in der Schweiz Ungleichheiten ein. Das alles ist kontraproduktiv und birgt den Keim einer zukünftigen Rezession in sich. Ein echtes und nachhaltiges kapitalistisches System sorgt dafür, dass die Arbeiterklasse Geld in die Hände bekommt, damit sie konsumieren kann, und es sorgt dafür, dass sie an Kaufkraft gewinnt – und nicht verliert. Und dies sollte keinesfalls durch eine Erhöhung ihrer Schuldenlast erreicht werden, wie das in den USA der Fall ist.

Höhere Löhne als Chance

Niedrige Löhne müssen nach oben angepasst werden, und die Verteidigung eines stabilen oder steigenden verfügbaren Einkommens muss oberste Priorität haben. Die Unternehmen müssen es als ihre soziale Verantwortung und als wirtschaftliche Chance betrachten, Löhne anzubieten, die die Inflation übersteigen.

In Frankreich hat Präsident Macron alles falsch verstanden: Seine Finanzpolitik hat die Kaufkraft nach oben, in Richtung der Bessergestellten, umverteilt, so ein Bericht des Observatoire français des conjonctures économiques (OFCE), während seine Reformen der Renten- und Arbeitslosenversicherung die Arbeitslosen und Rentner verarmen lassen werden.

Im Gegensatz dazu hat die spanische Regierung im Januar den Mindestlohn erhöht. Auch in Grossbritannien war eine der ersten Entscheidungen des frisch gewählten Premierministers Boris Johnson, den Mindestlohn anzuheben. Einige verstehen es, andere nicht, und das wird sich künftig in den Wachstumszahlen und in der sozialen (Dis-) Harmonie zeigen.

Sorgen Sie einfach dafür, dass Sie bei Ihrer nächsten Dinnerparty über Armut reden. Über das zu sprechen, was wirklich wichtig ist, kann nämlich auch super cool sein.