Die Meinung

Lasst uns diese Krise nicht vergeuden

Nach der durch das Virus verursachten medizinischen Krise wird die Wirtschaftskrise kommen. Staaten werden den Unternehmen mit einer Erhöhung ihrer Ausgaben unter die Arme greifen müssen. Das wäre eine Chance, die Wirtschaft zu einem Umdenken zu verpflichten.

Daniel Woker

Das Coronavirus wird zu einem grundlegenden Wechsel in der Wirtschaftspolitik führen. Die Zentralbanken, welche mit Zinssenkungen und Ausweitung der Geldmenge (quantitative easing) die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise 2007/8 über Wasser gehalten und seither unterfüttert haben, verfügen über wenig eigenen Spielraum mehr.

Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Nach Lehrtätigkeit an der HSG arbeitet er heute als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
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Parallel zur Meisterung der medizinischen Krise hat der Staat bereits begonnen, mit expansiver Fiskalpolitik der durch das Virus verursachten Wirtschaftskrise zu begegnen. Direktzahlungen an betroffene Arbeitnehmer, die ja auch Konsumenten sind, ebenso wie an Unternehmen, welchen wegen virusbedingten Ertragsausfällen der Konkurs droht, sind unumgänglich.

In den Budgets der öffentlichen Hand wird dies tiefe Spuren hinterlassen, Defizite sind vorprogrammiert. Ein erstes Beispiel sind die Ausnahmen, welche Brüssel dem Corona-Krisenland Italien bereits gewährt hat mit Blick auf die EU-Defizitrichtlinien. Angesichts der existenziellen Bedrohung auch der Wirtschaft durch die Seuche wird Nothilfe Vorrang haben vor jeder Art von Budgetdisziplin, seien es EU-Richtlinien oder Verfassungsbestimmungen wie die Schuldenbremse in der Schweiz. Allenfalls könnte solche Nothilfe an Unternehmen an gewisse Bedingungen geknüpft werden.

Ebenso wichtig wie die Krisenbewältigung sind die Lehren daraus. Seit einiger Zeit ist die Erkenntnis gewachsen, dass die Verantwortung von Unternehmen über die shareholders auf alle stakeholders ausgedehnt werden muss. ESG (Environment, Social, Governance) ist eine konkrete Ausprägung davon. Einige der weltweit bekanntesten Wirtschaftskapitäne haben sich ESG zu eigen gemacht. Unter ihrem Chef Jamie Dimon veröffentlicht Branchenleader JPMorgan seit 2018 einen ESG-Jahresrapport. Der weltgrösste Asset Manager BlackRock unter Larry Fink und Philipp Hildebrand als Vizechef hat ESG zum Leitmotiv seiner Investitionspolitik gemacht.

Konkret bedeutet umweltgerechte Unternehmenspolitik nachhaltiges Wachstum, so etwa Produktion mit möglichst wenig fossiler Energiegewinnung. Dass dies mehr als ein frommer Wunsch ist, zeigt die Tatsache, dass die weltgrössten institutionellen Aktionäre zunehmend die traditionellen Energiefirmen aus ihrem Portefeuille streichen. Aus offensichtlichen Gründen spielen Umweltaspekte auch bei der Geldanlage eine immer wichtigere Rolle. So hat etwa der Asset Manager Schroder staatliche Umweltpolitik als zusätzliches Kriterium neben Wirtschaft und Ausbildung in seinen weithin beachteten Global Cities Index aufgenommen. Eine grünere Ausrichtung der Unternehmenspolitik als Bedingung für staatliche Nothilfe wäre eine Möglichkeit, auch den Privatsektor für dringend notwendige Massnahmen zugunsten einer nachhaltigen Umweltpolitik einzuspannen.

Eine auf mehr sozialen Ausgleich angelegte Unternehmenspolitik kann dazu beitragen, die seit der Finanzkrise rasch gewachsenen Ungleichheiten zwischen und vor allem innerhalb nationaler Gesellschaften zu reduzieren. In seinem zweiten, eben erschienen Buch über wirtschaftliche Ungleichheiten, «Kapital und Ideologie», sieht der wegweisende, aber auch kontroverse Ökonom Thomas Piketty insbesondere höhere Steuern als Mittel, mehr Ausgleich zu schaffen. An vermehrte ESG-Befolgung geknüpfte Staatshilfe wäre ein Schritt in diese Richtung, ohne dass Unternehmenssteuern generell erhöht werden müssten – was im Moment einer solchen Krise nicht unbedingt angezeigt erscheint.

Speziell wichtig ist auch der Einbezug des dritten Elementes von ESG. Governance bedeutet heutzutage nicht nur die Beachtung und Befolgung der Gesetze am Ort der Tätigkeit von Unternehmen, sondern generell eine verantwortungsvolle und vorausschauende Unternehmensführung. Dazu gehört die Beachtung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrundes, vor dem sich diese Führung abspielt, oder der Einbezug geopolitischer in Ergänzung zu den betriebswirtschaftlichen Faktoren, wenn eine generelle Rentabilitätsüberprüfung ansteht. So etwa mit Blick auf die Aufteilung des Bezuges von Rohmaterial und Einzelteilen auf verschiedene Länder und Regionen. Ein aktuelles, negatives Beispiel bildet die einseitige Abstützung der Pharmaindustrie auf Rohstoffe aus China, dem Epizentrum der gegenwärtigen Krise.

«Do not let a good crisis go to waste» ist der treffende Ausspruch, von wem er auch immer stammt. Die Idee dahinter ist die Einsicht, dass der Keim für einen besseren Neuanfang bereits in der Krisenbewältigung enthalten sein muss.