Die Meinung

Libra und seine Bedeutung für die Finanzwelt

Das Facebook-Währungsprojekt sieht sich mit wachsender Opposition konfrontiert. Das ist zwar nicht das Ende der Idee. Aber es bedeutet, dass die Entwickler nochmals über die Bücher gehen werden. Davon profitiert die etablierteste aller Kryptowährungen: der Bitcoin.

Alain Kunz

Zu sagen, die geplante Facebook-Währung Libra habe einen schlechten Start erwischt, ist eine Untertreibung. Die lange im Voraus geplante PR-Offensive zeigte nur während Stunden und Tagen ihre Wirkung.

Alain Kunz

Alain Kunz, CEO und Gründer von TokenSuisse, ist ein anerkannter Kenner der nationalen und internationalen Blockchain-Szene. Er ist überzeugt, dass Blockchain unsere Welt verändern wird wie kaum eine andere Technologie zuvor. Er berät Regierungen, Institutionen sowie Investoren und unterrichtete Studenten an der Hochschule Luzern. Alain hat TokenSuisse zusammen mit Claudio Rossi gegr̈ündet. Seit Frühjahr 2019 unterstützt TokenSuisse die Hypothekarbank Lenzburg in der Entwicklung neuer Serviceprodukte für Krypto- und Blockchainunternehmen. Neben TokenSuisse hat Kunz die Gesellschaften PolarLab, Lantha Capital und SP-Lab.ch gegründet. Vorher war er für Source, Leonteq und Société Générale Investment Banking tätig. Er studierte an der Universität St. Gallen und wohnt in Zürich.
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In ersten Medienkommentaren wurde Libra etwas blauäugig als Fait accompli dargestellt. Sehr schnell mehrten sich jedoch die kritischen Stimmen. Das französische Finanzministerium rief sofort «stop!», Medien realisierten, dass der erste Enthusiasmus wohl etwas fehl am Platz war und krebsten zurück, von verschiedenen Institutionen kamen kritische Stellungnahmen – und am Schluss machte auch der derzeitige Bewohner des Weissen Hauses in wie immer klaren Worten deutlich, was er von Libra hält: Nichts.

Es lohnt sich deshalb, rund zwei Monate nach der offiziellen Ankündigung eine kritische und emotionslose Bestandesaufnahme zu machen, zu skizzieren, wohin diese Reise gehen könnte und aufzuzeigen, was dies für andere Kryptowährungen, allen voran den Bitcoin, bedeutet.

Was Libra ist – und was nicht

Zuerst ist es angezeigt, festzustellen, was Libra ist – und was nicht. Libra ist weder dezentralisiert noch resistent gegen Zensur. Und Libra steht auch in keiner Art und Weise in Beziehung zu Satoshis libertären Ideen, die die Basis für die Blockchain-Bewegung bildeten.

Das alles ist Libra nicht. Libra ist nichts anderes als ein gewöhnlicher «stable coin», der durch einen bei – man verzeihe den Ausdruck – dummen Banken deponierten Korb etablierter Währungen hinterlegt ist. Das erlaubt ein paar ebenfalls mehr oder weniger etablierten Gesellschaften – den sogenannten Nodes –, Libra zum Nennwert zu liberieren und zurückzunehmen. Das generierte Einkommen (Zins) wird nur zum Teil an die Benutzer weitergegeben. Die Nodes zweigen ihren Anteil ab und berauben die Nutzer damit eines guten Teils ihrer Rendite; analog den traditionellen Banken.

Das ist unschön – aber noch immer schöner als der Status quo im etwas speziellen Geschäft der Geldübermittlung, das Libra ganz unmittelbar zerstören wird. Diese Geldtransferexperten verlangen Gebühren, die im Verhältnis zur Höhe der überwiesenen Beträge häufig unanständig hoch sind. Eine Schröpfung der Ärmsten der Armen. Diesem Treiben wird Libra ein Ende bereiten. Die Mehrheit der Facebook-Nutzer lebt in Ländern, die alles andere als «overbanked» sind, wie Indonesien zum Beispiel. In Zukunft kann die ganze Transaktion innerhalb der Facebook-Welt – Instagram, Whatsapp, FB Messenger – abgewickelt werden.

Der gleiche Mechanismus wird es Konsumenten ohne Bankkonto auch erlauben, Güter über die Landesgrenzen hinaus zu erwerben.

Schleichender Tod

Libra wird jedoch nicht einzig das Geldtransfergeschäft ruinieren, sondern ist auch der sichere Tod aller anderen «stable coins», die im Blockchain-Space in den vergangenen Jahren ganz viele Leute ganz reich gemacht haben. Wenn diese «stable coins» nun wieder verschwinden, ist das kein Problem – im Gegenteil: Sie sind ja das Produkt eines nicht ganz durchdachten Konzepts. Wer daran glaubt, dass in einem unbekannten Herausgeber eines Money Market Funds auf einer Blockchain irgendein Wert liegt, ist selbst schuld. Wenn nun der finanzielle Darwinismus – das Überleben des Fitteren (der hier auch der Stärkere ist) – dazu führt, dass diese überflüssigen Instrumente verschwinden – umso besser.

Libra ist der Tod dieser Instrumente – und könnte, und hier liegt der Grund für die grösste Opposition gegen die Facebook-Währung, der schleichende Tod von Banken und Zentralbanken bedeuten oder diese – was letztlich auf das Gleiche hinausläuft – zu finanziellen und nicht unbedingt intelligenten Versorgern degradieren. Sie wären ein reguliertes Warenhaus für digitales Fiat-Geld – womit ihr gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Mehrwert allerdings auch bereits erfüllt wäre.

Der Grund dafür ist ein einfacher. Die sichere Aufbewahrung von Geld war und ist das wichtigste Kundenversprechen traditioneller Banken. Dazu kommt die Partnerschaft mit Regierungen und Staaten in der Gewährung von Kredit und damit dem Drucken von Geld. Selbstredend ist, dass Banken schliesslich das Gewaltmonopol des Staats nutzen, um dafür zu sorgen, dass die Kreditvereinbarungen eingehalten werden.

Geld existiert jedoch heute schon mehrheitlich in digitaler Form – was die Frage aufwirft, weshalb man noch Institutionen braucht, die physische statt digitale Sicherheit versprechen.

Dazu kommt, dass der Wert traditioneller Banken mehr und mehr darin liegt, dass sie die finanzielle Geschichte und den finanziellen Status quo der Kunden «besitzen». Heute kennen die Social-Media-Giganten – dank dem freiwilligen Wirken ihrer Kunden notabene – die Kunden besser als diese sich selbst – ausser in finanziellen Belangen. Diese Information wurde bislang wie erwähnt von den Banken gehalten. Es ist nun nur logisch, dass Facebook & Co. dieses letzte Stück im Puzzle ebenfalls besitzen wollen.

Wie einfach dieses Ziel erreicht werden kann, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Es kann aufgrund der Reaktionen der vergangenen acht Wochen vermutet werden, dass die Facebook-Verantwortlichen den Widerstand gegen das Libra-Projekt etwas unterschätzt haben. Nicht das erste Mal haben sie die Meinung der Welt falsch eingeschätzt. Der banale Grund ist wohl, dass sie in ihrer eigenen Welt leben – und sich zwar die beste Beratung erkaufen können, aber ganz offensichtlich nicht immer machen, was man ihnen rät.

Normalisierung von Kryptowährungen

Die eingangs beschriebenen Vorbehalte gegen Libra werden, das kann vermutet werden, nicht zum Tod des Projektes, aber zu gewissen Anpassungen führen. Den Bedenken von supranationalen und nationalen Institutionen muss Facebook auf die eine oder andere Art Rechnung tragen. Libra kann (noch) nicht die Weltwährung werden, und Facebook muss und wird den Eindruck zerstreuen, dass der Dollar in dieser Rolle konkurriert wird. Wir dürfen uns darauf freuen, dass die Rolle des Währungskorbes in den nächsten Wochen noch mehr thematisiert wird. Das wird bestimmt nicht nur Zeit kosten – das Projekt per se jedoch nicht in Frage stellen.

Ebenso sicher ist jedoch auch, dass etablierte Kryptowährungen wie Bitcoin durch Libra nicht gefährdet werden, sondern noch profitieren. Die Diskussion um Libra und die offensichtlichen Mängel des vorliegenden Projekts haben dazu geführt, dass Marktteilnehmer die Vorteile von Bitcoin sehen. Vor allem die Zensurresistenz und die Kraft der Dezentralisierung des Bitcoin sind hier zu nennen. Regulatoren können (und werden) Facebook anrufen, um das Libra-Projekt zu beeinflussen. Doch niemand kann Bitcoin anrufen und irgendetwas verlangen.

Die Werbeoffensive für Libra hat ein Scheinwerferlicht auf den Bitcoin geworfen – und wird letztlich dazu beitragen, dass Kryptowährungen aufgrund der dargelegten Argumente rund um Libra auch als Anlagewährung an Akzeptanz gewinnen werden. Die Normalisierung von Kryptowährungen wird sich noch beschleunigen.