Die Meinung

Märchenstunde mit Jerome Powell

Die Kommunikation des US-Notenbankchefs verbirgt zinspolitische Motive, Preisblasen, Leverage-Risiken, die Schuldenlage und Bilanzfragen. Seine selbstherrlichen Aussagen sind alles andere als informativ.

Myret Zaki

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Es gibt etwas Schlimmeres im Leben, als Journalistin an einer Pressekonferenz von Rolex zu sein, wo – das kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen – nie eine Ihrer Fragen beantwortet wird: nämlich ein Journalist an einer Pressekonferenz des Federal Reserve zu sein.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse lernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie freie Kolumnistin und Beraterin für Influencer-Strategien.
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Hier versammelt sich die Topliga der Finanzpresse – aber niemand stellt auch nur eine einzige relevante Frage. Das Ergebnis ist eine ordentlich inszenierte Show, die Transparenz vortäuscht. Wenn man die Mitschrift der Pressekonferenz der vergangenen Woche nach der letzten Zinssenkung liest, merkt man, wie irreführend die Fed-Verantwortlichen die Situation darlegen und wie unbeholfen die Medien im Umgang damit geworden sind.

Die Öffentlichkeit und einige Beobachter des Fed hätten deutlich kritischere Fragen zu stellen. Stattdessen fragte ein Journalist mit Samthandschuhen: «Ich frage mich, ob Sie die aktuelle Geldpolitik als akkommodierend einstufen würden (...)?». Der Fed-Vorsitzende Jay Powell antwortete darauf: «Ich denke, meine Einschätzung wäre, dass das eine etwas akkommodierende Politik ist.»

Ein Euphemismus, der Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde finden sollte.

Oder das geistreiche Wortspiel eines anderen Journalisten: «Können Sie mir helfen, in angemessener Weise das Wort angemessen zu verstehen?»

Die Zinsen dürfen nicht steigen

Die Kommunikation des Fed selbst ist nicht besser. Die Ankündigung der Zinssenkung – der dritten seit Ende Juli – in der vergangenen Woche war vollgepackt mit Begriffen wie «elftes Jahr der Expansion», «starke Konsumausgaben», «niedrige Inflation», «gesunde Arbeitsmärkte», «steigende Einkommen» und «solides Verbrauchervertrauen».

Keine Erwähnung der Wachstumsverlangsamung im dritten Quartal, der Abschwächung des privaten Konsums und des Rückgangs der privaten Beschäftigung. Keine Erwähnung eines Blasenrisikos am Immobilienmarkt, wo die Häuserpreise auf neuen Höchstständen liegen.

Die Bezeichnung «starker Arbeitsmarkt» lässt zudem die Qualität der Arbeitsplätze unberücksichtigt, die von stabilen, einkommensstarken, sicheren, produzierenden Arbeitsplätzen zu instabilen, einkommensschwächeren Teilzeit- und Dienstleistungsarbeitsplätzen übergehen.

Angenommen, wir akzeptieren die rosige Sicht des Fed: Warum dann drei mal hintereinander die Zinsen senken?

Die Antwort von Powell ist nicht überzeugend: «um die Wirtschaft stark zu halten» und «die Expansion zu sichern». Das bedeutet: Ist die Wirtschaft schwach, werden die Zinsen gesenkt, und ist die Wirtschaft robust, werden die Zinsen auch gesenkt, «solange es Abwärtsrisiken gibt». Warum sind die Zinsen in der Geschichte denn überhaupt jemals gestiegen, da immer Abwärtsrisiken bestehen?

Amerikanische Schuldenbombe

Nun zu dem, was wirklich zählt: Powell erwähnt mit keinem Wort die Staatsverschuldung in den USA, die gerade die 23-Billionen-Dollar-Marke überschritten hat. Vor zwanzig Jahren machten sich die Menschen Sorgen, als die Staatsverschuldung bei 6 Bio. $ lag, und 2014 nannte Donald Trump sie eine «Katastrophe», als sie 20 Bio. $ erreichte.

Jetzt, da die Staatsverschuldung in weniger als drei Jahren um 3000 Mrd. $ zugelegt hat, bleibt Trump stumm. Das Fed auch. Kein Journalist fragte Powell: «Ist das nicht der wahre Grund, warum die Zinsen nie steigen können?» Steigende Zinsen würden die amerikanische Schuldenbombe zur Explosion bringen.

Was die Finanzmärkte betrifft, so sieht das Fed weder eine Bondblase noch übermässige Risiken im System, obwohl Investoren in ihrer verzweifelten Suche nach Rendite in immer riskantere Bereiche des Bondmarktes vorstossen. «Diese lange Expansion ist bemerkenswert, da es keine grossen finanziellen Ungleichgewichte gibt», sagte Powell. Wirklich?

Gemäss einer Studie von Morgan Stanley sollte ein Drittel der gegenwärtig mit einem «Investment Grade»-Rating bewerteten Unternehmensanleihen eigentlich ein Hochrisiko-Rating («Junk») haben. Der «Bond King» Jeffrey Gundlach von DoubleLine warnt, dass sich am Markt für Unternehmensanleihen eine Krise anbahnt. Louis-Vincent Gave von Gavekal Research bezeichnet den Bondmarkt als die «grösste Blase aller Zeiten».

Bloss das Fed sieht keine Gefahren.

Auch macht sich Powell keine Sorgen um die Aktienmärkte, die seit ihrem Tief von 2009 um 400% gestiegen sind. Nobelpreisträger Robert Shiller sieht dagegen «Blasen überall»: an den Aktien-, Bond- und Immobilienmärkten. Alle ausser den Fed-Verantwortlichen würden zugeben, dass die zehnjährige Hausse vieles der Geldpolitik des Fed verdankt, mit einer nahezu perfekten Korrelation zwischen steigenden Vermögenspreisen und der Grösse der Fed-Bilanz.

Inflation an den Vermögensmärkten

Wir müssen auch die Aussage des Fed in Frage stellen, dass die Inflation trotz eines Jahrzehnts hyperlockerer Geldpolitik sehr niedrig bleibt. Im Gegenteil: die Inflation ist allgegenwärtig. Aber nicht in Form von steigenden Preisen, die im Konsumentenpreisindex enthalten sind, sondern in Form aufgeblähter Vermögenspreise an den Aktien- und Immobilienmärkten, wo sich alle Nebenwirkungen der quantitativen Lockerungsprogramme konzentriert haben.

Aber anstatt diesen Punkt anzusprechen, schlug ein hilfreicher Journalist Powell vor, die Definition der «normalen» Inflation zu senken. Einige vernünftige Experten in der Aussenwelt sind glücklicherweise der Meinung, dass die QE-Programme zu überhöhten Vermögenspreisen geführt haben und dass sich dies irgendwie in einer Inflationsmetrik spiegeln sollte.

Das führt uns zum neuen, vierten QE-Programm, das seit dem 11. Oktober in Kraft ist, vom Fed aber nicht als Quantitative Easing bezeichnet wird. Powell spricht von «rein technischen Massnahmen zur Unterstützung der effektiven Umsetzung der Geldpolitik», und kein Pressevertreter hatte ein Wort zu sagen. Powell sagte – wenig überzeugend –, dass Käufe von kurzfristigen Treasury Bills nicht mit den früheren QE-Programmen vergleichbar seien, da Letztere darauf abgezielt hatten, die langfristigen Zinsen zu senken, während Käufe kurzfristiger Bills das längerfristige Zinsniveau nicht betreffen sollten.

Die Fakten erzählen eine andere Geschichte: Erstens, ob das Fed kurzfristige Treasury Bills oder langfristige Treasury Notes kauft, ist das Gleiche, da Bills für immer reinvestiert werden können. Zweitens: Doch, auch die langfristigen Renditen werden beeinflusst. Nachdem die Zehnjahreszinsen in den USA im September auf 1,9% gestiegen waren, als der Repo-Markt unter Stress geriet, sanken sie nach dem Start der ersten Fed-Interventionen fast sofort auf 1,5%.

Die Fed-Bilanz wächst wieder

Kommen wir schliesslich zur Bilanz des Fed, einem weiteren missachteten Thema. Nachdem sie sich nach 2008 auf 4500 Mrd. $ verfünffacht hatte, schrumpfte die Fed-Bilanz unter Powells Vorgängerin Janet Yellen auf 3800 Mrd. $. Das Problem ist, dass die Schrumpfung der Bilanz einer geldpolitischen Straffung gleichkommt, was an den Finanzmärkten zu heftigen Verwerfungen führte. Powell hat das Vorhaben frühzeitig abgebrochen und lässt die Fed-Bilanz wieder expandieren.

Hier also die hässliche Wahrheit: Dem Fed ist es nicht nur unmöglich, die Zinsen anzuheben, ohne angesichts der übermässigen Verschuldung eine Systemkrise zu provozieren. Es kann auch seine Bilanz nicht mehr schrumpfen, ohne die aufgeblähten Aktien-, Bond- und Immobilienmärkte sowie das Schattenbanksystem einstürzen zu lassen, wo ein Berg von kurzfristigen Finanzierungen von Nullzinsen lebt.

Niemand kümmert sich um das Szenario einer Krise, bis sie eintritt. Aber  Anleger sollten informiert und wachsam sein. Eine Wirtschaft mit einer Staatsverschuldung von 23 Bio. $, Preisblasen in allen Anlageklassen und eine Zentralbank, die nicht in der Lage ist, den rasenden Zug ihrer eigenen Politik zu stoppen, fordert Vorsicht und eine Prise kritisches Denken.